Aufgrund ihrer günstigen Lage im Herzen Europas und der unmittelbaren Nähe zu Belgien und den Niederlanden ist der europäische Gedanke in der StädteRegion Aachen
bereits seit langem lebendig und wird Tag für Tag mit Leben erfüllt. (Verheyen: 19.05.09).
Mit dieser Aussage wirbt die Aachener CDU-Politikerin Sabine Verheyen für die Europawahlen am 07.06.2009. Die Metapher „im Herzen Europas“ ist für den deutschen politischen Diskurs nicht neu, sie tritt zum Beispiel 2007 in einem anderen
Kontext auf. Dabei geht es um die Bestimmung der regionalen Politik: „Hessen hat sich immer im Herzen Europas gesehen“ (Stavrolo: in FR 04.01.07) bekundet der hessische Europaminister Volker Hoff in der Frankfurter Rundschau. Im bulgarischen
Diskurs hat die Metapher weder Aachen noch Hessen zur Referenz:
Но много е важно, че освен официалното приветствие можем и тук, в историческия център на историческия град Брюксел, в самото сърце на европейската интеграция, да поздравим България и Румъния.
[Es ist sehr wichtig, dass wir über die offizielle Begrüßung hinaus, auch hier im historischen Zentrum der historischen Stadt Brüssel, im eigentlichen Herzen der europäischen Integration Bulgarien und Rumänien begrüßen dürfen.] (Duma, 15.12.2006)
Mit dieser Aussage kündigt der Vorsitzende der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, den Beitritt Bulgariens und Rumäniens an. Was soll nun der Adressat mit der Metapher „im Herzen Europas“ assoziieren – Aachen, Hessen, Brüssel? Die Beispiele veranschaulichen die unterschiedlichen Konzepte einer
Metapher im europäischen Diskurs. Ihre Bedeutung kann daher erst in einem soziopolitischen Kontext interpretiert werden.
In diesem Zusammenhang beschäftigt sich diese Arbeit mit der Metaphorik in der bulgarischen und der deutschen Presselandschaft, die sich speziell auf die Europäische Union und ihre Erweiterung richtet und somit Bulgarien und Deutschland im politischen Diskurs darstellt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung ins Thema
1.1 Europäischer Diskurs
1.2 Forschungsinteresse, Zielsetzung und Methode
1.3 Aufbau der Arbeit
2 Kognitiver Metaphernansatz
2.1 Metaphorisches Konzept
2.2 Kognitive Wissensstrukturen
2.3 Kulturelle Kohärenz
2.4 Wirklichkeitskonstituierende Funktion der Metapher
2.5 Gründe für eine kognitiv basierte Methode
3 Metaphern im internationalen politischen Diskurs
3.1 Diskursdefinition
3.2 Mehrdeutigkeit der Metapher
3.3 Entwicklung einer Metapherbedeutung
4 Methode zum Erforschen der Metaphern im Korpus
4.1 Kategorisierung von Metaphern
4.2 Erkennen der Metaphern
4.3 Szenario-Kategorie
4.4 „argumentation-by-metaphor“
4.4.1 Metaphorische Schlussfolgerung
4.4.2 Metaphorische Analogien
4.4.3 Szenario und analoge Schlussfolgerung
4.4.4 Szenario-Argument-Analyse
4.5 Interpretation der Metapher
4.5.1 Kognitive und semantische Interpretation
4.6 Offene und geschlossene Szenarien
5 Untersuchungskorpus
5.1 Quelle
5.2 Thema
5.3 Zeitraum
6 Politische Ereignisse
7 Metaphernkategorien
8 Bewegung-, Weg- und Transport-Metaphern
8.1 Grundlegende Konzepte
8.2 Grundlegende Szenarien
8.3 Argumente basierend auf dem Bewegung-Weg-Szenario
8.3.1 Deutsche Presse
8.3.2 Bulgarische Presse
8.3.2.1 Zeitung Duma
8.3.2.2 Zeitung Ataka
8.4 Argumente basierend auf dem Transport-Szenario
8.5 Einstellungen basierend auf dem Bewegung-, Weg- und Transport-Szenario
9 Haus-Metaphorik
9.1 Rückkehr ins europäische Haus
9.2 Haus-Präsuppositionen
9.3 Tür-Präsuppositionen
9.4 Die Rolle Bulgariens im europäischen Haus
9.5 Typische argumentative Tendenzen
10 Beziehungsmetaphorik
10.1 Familie-Metapher
10.1.1 Revidierung der Hypothese
10.2 Nachbar-Metapher
10.3 Club-Metapher
10.3.1 Der Club der Reichen
10.3.2 Diskursive Strategien
11 Ergebnisse und Schlussfolgerungen
11.1 Kognitive Aspekte
11.2 Kulturelle Aspekte
11.3 Diskursive Aspekte
11.4 Kritik der Methode
11.5 Ausblick
12 Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Forschungsgegenstand
Diese Magisterarbeit untersucht die Metaphorik im politischen Diskurs über die europäische Erweiterung, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem Vergleich zwischen der bulgarischen und der deutschen Presselandschaft liegt. Ziel ist es, durch eine kognitive Metaphernanalyse aufzudecken, wie politische Akteure durch metaphorische Konzepte Einstellungen zur EU und zu den Beitrittskandidaten konstruieren und rechtfertigen.
- Analyse metaphorischer Konzepte im Kontext der europäischen Integration.
- Vergleichende Untersuchung des politischen Diskurses in Bulgarien und Deutschland.
- Identifikation und Kategorisierung von Ursprungsdomänen und Szenarien.
- Analyse der argumentativen Funktionen von Metaphern im medialen Diskurs.
- Reflexion über diskursive Strategien und deren Einfluss auf die Meinungsbildung.
Auszug aus dem Buch
1.1 Europäischer Diskurs
Am 15.06.2004 wurden die Verhandlungen über einen Beitritt Bulgariens mit der EU abgeschlossen und Bulgarien unterzeichnete am 25.04.2005 den Beitrittsvertrag (Gruner/Woyke: 2008). Meiner eigenen Beobachtungen der Presselandschaft nach tritt Bulgarien seitdem verstärkt der europäischen „multinational and multilingual discourse community“ (Musolff 2004: 5) bei. Im bulgarischen Diskurs zeigt sich seitdem eine extreme Polarisierung der nationalen Parteien in ein „europafeindliches“ (Süddeutsche Zeitung, 21.12.06) und ein pro-europäisches politisches Lager. Die kontroversen Diskussionen zwischen den nationalen Parteien spitzen sich mit dem EU-Beitritt Bulgariens am 01.01.2007 zu. Der bulgarische Präsident Georgi Parwanov nannte den Beitritt „göttlicher Augenblick“, die Opposition dagegen behauptet, dass Generationen von Bulgaren den hohen Preis für die Mitgliedschaft bezahlen würden. Daher ist die Erforschung der bulgarischen Presse im Rahmen dieser Arbeit von besonderem Interesse, da EU-Befürworter und EU-Gegner in heftigen politischen Debatten aufeinandertreffen.
Die Unterschiede zur Europäischen Union sehen im deutschen Diskurs einheitlicher aus: Insgesamt gesehen, stehen die Parteien in Deutschland (zumindest, die im Bundestag vertretenen) dem Konzept der weiteren europäischen Integration positiv gegenüber. Zahlreiche Untersuchungen zur europäischen Metaphorik (Schäffner: 1990, 1996; Musolff: 2000, 2003, 2004) belegen kaum gegensätzliche Haltungen zur europäischen Erweiterung innerhalb der deutschen Parteilandschaft. Darüber hinaus wirft die deutsche Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2007 in dieser Arbeit die Frage auf, wie sich dieses politische Ereignis auf die nationalen Einstellungen zur europäischen Erweiterung auswirkt.
Die Unterschiede in den nationalen politischen Einstellungen schlagen sich in den Metaphernkonzepten des europäischen Diskurses nieder (Schäffner 1996: 151): Europe is very often not yet seen as a unity, but rather as a conglomerate (diversity) than in commonalities (unity). With regard to political discourse, this would imply that fundamentally there are as many discourses as there are political unities, and that any talk of a 'European discourse' would be a mere abstraction. (Schäffner/Musolff/Townson 1996: 10).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung ins Thema: Die Einleitung legt den Grundstein für die Untersuchung der europäischen Erweiterungsthematik in der bulgarischen und deutschen Presse.
2 Kognitiver Metaphernansatz: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Metaphernforschung, insbesondere den kognitiven Ansatz von Lakoff und Johnson.
3 Metaphern im internationalen politischen Diskurs: Hier wird die Rolle von Metaphern als Werkzeuge in politischen Diskursen sowie deren Mehrdeutigkeit und Entwicklung diskutiert.
4 Methode zum Erforschen der Metaphern im Korpus: Das Kapitel beschreibt das methodische Vorgehen, von der Identifikation über die Kategorisierung bis zur Analyse von Metaphern als Argumentationsmittel.
5 Untersuchungskorpus: Hier werden die Auswahlkriterien für die untersuchten bulgarischen und deutschen Zeitungen sowie der festgelegte Untersuchungszeitraum erläutert.
6 Politische Ereignisse: Dieses Kapitel fasst die zentralen politischen Meilensteine des bulgarischen EU-Beitritts sowie die Rolle der deutschen Ratspräsidentschaft zusammen.
7 Metaphernkategorien: Das Kapitel präsentiert die quantitativen und qualitativen Ergebnisse der Identifikation verschiedener Metaphern-Ursprungsdomänen.
8 Bewegung-, Weg- und Transport-Metaphern: Eine detaillierte Analyse der häufigsten Metapherngruppe, die den EU-Beitritt als Prozess auf einem Weg darstellt.
9 Haus-Metaphorik: Untersuchung der weit verbreiteten Metaphorik des europäischen Hauses und wie diese kulturell unterschiedlich gedeutet wird.
10 Beziehungsmetaphorik: Analyse der Darstellung der EU als Familie, Nachbarschaft oder Club und der damit verknüpften sozialen Identitäten.
11 Ergebnisse und Schlussfolgerungen: Eine zusammenfassende Reflexion der gewonnenen Erkenntnisse hinsichtlich kognitiver, kultureller und diskursiver Aspekte.
Schlüsselwörter
Europäische Erweiterung, Metaphernanalyse, kognitive Linguistik, politischer Diskurs, bulgarische Presse, deutsche Presse, EU-Beitritt, Ursprungsdomänen, Szenarioanalyse, Argumentation, interkulturelle Kommunikation, Haus-Metaphorik, Weg-Metaphorik, Familienmetapher, Club-Metapher.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie der Prozess der europäischen Erweiterung in bulgarischen und deutschen Medien durch den gezielten Einsatz von Metaphern dargestellt und politisch gerahmt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Metaphorik von Bewegung und Weg, das Haus-Szenario sowie Beziehungsmetaphern wie Familie und Club im Kontext der EU-Integration.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, kulturelle Unterschiede in der Wahrnehmung der EU aufzudecken und zu zeigen, wie metaphorische Konzepte genutzt werden, um politische Entscheidungen und ideologische Standpunkte zu legitimieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine kognitive Metaphernanalyse nach Ansätzen von Lakoff, Johnson und Musolff angewandt, ergänzt durch diskursanalytische Aspekte zur Untersuchung des Korpus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die identifizierten Metapherngruppen (Bewegung, Haus, Beziehungen) anhand konkreter Zeitungsbeispiele und diskutiert die argumentativen Funktionen dieser Sprachbilder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Europäische Erweiterung, kognitive Linguistik, Diskursanalyse, politische Metaphorik und interkultureller Vergleich beschreiben.
Wie unterscheidet sich die Metaphorik in der bulgarischen von der deutschen Presse?
Die Arbeit zeigt, dass bulgarische Medien stärker zwischen pro-europäischen und eurokritischen Narrativen polarisieren, während deutsche Medien ein eher konsensuales Bild der EU zeichnen.
Welche Rolle spielt das "Haus-Szenario" im bulgarischen Diskurs?
Das "Haus-Szenario" wird in Bulgarien intensiv genutzt, um den Beitritt als "Rückkehr" in einen bereits bekannten europäischen Raum zu konstruieren und die eigene Position innerhalb dieses Hauses neu zu definieren.
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- Konstantina Kireva (Author), 2009, Europäische Metaphorik im Spiegel der internationalen Presse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147134