Mit den Bundestagswahlen im September 2009 und der damit einhergehenden Koalitionsbildung zwischen der FDP und der CDU/CSU reagierten die Wähler auf die Bedrohung durch die aktuelle Wirtschaftskrise. Dies war eine klare Entscheidung für eine mehr marktliberale Politik, in der der Großteil der Bevölkerung einen Weg aus der Krise zu sehen glaubte, auch wenn dies bei der Betrachtung der Ursachen der Krise zunächst kontrovers erscheint. Dies kommt einer gesellschaftlichen Umbruchsituation gleich, in welcher, wie sich momentan abzuzeichnen scheint, der sozialstaatlich‐institutionelle Rahmen erschüttert und transformiert wird. In einer solchen Situation gewinnt laut Brinkmann et al. soziale Unsicherheit für große Bevölkerungsgruppen eine existenzielle Bedeutung. Da die dominante Position der gegenwärtigen arbeitsmarktpolitischen Diskussion die Überregulierung des deutschen Arbeitsmarktes als eine wesentliche Ursache steigender Arbeitslosigkeit sieht, lautet die Empfehlung, die verschiedenen Formen flexibler Arbeit auszuweiten. Dies gibt somit dem Wahlergebnis bei näherer Betrachtung mehr Sinn und deckt sich auch mit den marktliberalen Thesen der FDP, die immer mehr Autonomie für die deutsche Marktwirtschaft einfordert und somit eine steigende Liberalisierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes anstrebt, allerdings als Gegeneffekt auch eine Prekarisierung mit sich bringt. Um diese komplizierten Mechanismen begreifen zu können, muss allerdings erst möglichst genau abgegrenzt werden, was unter prekärer Beschäftigung überhaupt verstanden werden soll, auch wenn dies auf Grund der Weite des Begriffs nicht ganz einfach scheint. Des Weiteren soll darauf eingegangen werden, was die wesentlichen Gründe und Triebkräfte der Prekarisierung sind. Schlussendlich soll noch besonderes Augenmerk auf die selbständig Erwerbstätigen gerichtet werden, um zu klären, ob und inwiefern auch sie die zunehmende Prekarisierung betrifft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsdefinitionen und theoretische Einordnung von Prekarität
3. Gründe und Triebkräfte der Prekarisierung
4. Bedeutung der Prekarisierung für selbständig Erwerbstätige
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Ziel dieses Essays ist es, den Begriff der prekären Beschäftigung im Kontext marktliberaler Arbeitsmarktpolitik zu definieren, die zentralen Ursachen dieser Entwicklung zu identifizieren und speziell zu untersuchen, inwiefern selbständig Erwerbstätige von Prekarisierung betroffen sind.
- Gesellschaftlicher Wandel und Erosion des Normalarbeitsverhältnisses.
- Wissenschaftliche Definitionen von Prekarität und sozialer Unsicherheit.
- Auswirkungen der Marktliberalisierung und Deregulierung auf die Arbeitsbedingungen.
- Die ambivalenten Lebens- und Arbeitsbedingungen von "neuen Selbständigen" und Scheinselbständigen.
Auszug aus dem Buch
Bedeutung der Prekarisierung für selbständig Erwerbstätige
Im Folgenden soll nun die Bedeutung der Prekarisierung für selbständig Berufstätige näher betrachtet werden. Wie allgemein bekannt ist, sind gerade Selbständige in besonderem Maße unsicheren Zukunftsperspektiven ausgesetzt. Der Wettbewerb ist oft sehr stark und gerade hohe Qualifikation und ein ausgeprägtes soziales und kulturelles Kapital gelten als Erfolgsfaktoren auf dem umkämpften Markt. Dem Begriff Selbständigkeit liegt aber auch immanenterweise keine Festanstellung zu Grunde. Die Flexibilisierung der Märkte ist hier also einerseits Basis, andererseits Herausforderung und oft auch zwangsläufiger Grund der eigenverantwortlichen Arbeit.
Bei der Betrachtung dieser Selbständigen fällt also auf, dass die im Allgemeinen prekären Arbeitsverhältnisse im Einzelnen nicht unbedingt zwangsläufig schlecht sein müssen. Wie bei Janowitz nachzulesen ist, gibt es gerade im Milieu der „Neuen Selbständigen“ beispielsweise in den Medienberufen vielfach gut bezahlte Tätigkeiten, die allerdings unter prekären Umständen geleistet werden. Hier hat also die Flexibilisierung durchaus positiven Einfluss, auch wenn die Berufe immer noch von Unsicherheit geprägt sind, solange keine Etablierung auf dem Markt geschafft wurde. Dagegen ist die Existenz von Freiberuflern, Ich-AG’s, Beratern und abhängigen Selbständigen oft weitaus unsicherer. Leiva schreibt zusätzlich, dass sich gerade Scheinselbständige in einer weitaus prekäreren Lage befinden. Obwohl sie de facto abhängig Beschäftigte sind, werden sie trotzdem als Selbständige betrachtet und haben somit die Pflichten und Aufgaben der abhängig Beschäftigten, ohne jedoch deren Rechte zu besitzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der aktuellen wirtschaftspolitischen Umbruchsituation nach den Bundestagswahlen 2009 und Hinführung zur Problemstellung der Prekarisierung.
2. Begriffsdefinitionen und theoretische Einordnung von Prekarität: Analyse verschiedener soziologischer Definitionen, insbesondere der Zonenmodelle zur Abgrenzung von Prekarität.
3. Gründe und Triebkräfte der Prekarisierung: Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Deregulierung der Märkte, Flexibilisierungsdruck und dem Bedeutungsverlust des Normalarbeitsverhältnisses.
4. Bedeutung der Prekarisierung für selbständig Erwerbstätige: Differenzierte Betrachtung von Selbständigkeit zwischen Autonomieanspruch und realer ökonomischer Unsicherheit.
5. Fazit und Ausblick: Kritische Reflexion der gesellschaftlichen Segregation und der Tendenz zur Schwächung sozialer Sicherungssysteme für alle Erwerbsformen.
Schlüsselwörter
Prekarisierung, Arbeitsmarktpolitik, Flexibilisierung, Normalarbeitsverhältnis, Deregulierung, soziale Unsicherheit, Scheinselbständigkeit, neue Selbständige, Marktliberalismus, Wirtschaftskrise, Prekariat, atypische Beschäftigung, Arbeitsverhältnisse, soziale Segregation, Autonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Essay primär?
Der Text analysiert den Zusammenhang zwischen marktliberaler Politik, der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und der daraus resultierenden Prekarisierung von Beschäftigungsverhältnissen in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Prekarität, die Auswirkungen staatlicher Deregulierungsmaßnahmen und die spezifische Situation von Selbständigen in einem deregulierten Markt.
Welches Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, die vielschichtigen Mechanismen der Prekarisierung zu durchleuchten und zu hinterfragen, ob diese Entwicklung notwendigerweise nur negative Konsequenzen für die Betroffenen hat.
Welche wissenschaftliche Perspektive wird eingenommen?
Der Autor stützt sich auf soziologische Theorien, insbesondere die Ansätze von Brinkmann et al., Janowitz sowie Dörre und Fuchs, um den Begriff der Prekarität theoretisch zu rahmen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den Triebkräften der Prekarisierung (z.B. Hartz-Gesetze) und einer differenzierten Analyse, inwiefern auch Selbständige unter prekären Bedingungen arbeiten.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Prekariat, Flexibilisierung, Normalarbeitsverhältnis, Deregulierung und Scheinselbständigkeit.
Wie unterscheidet der Autor zwischen verschiedenen Formen der Selbständigkeit?
Der Autor unterscheidet zwischen "neuen Selbständigen", die ihre Flexibilität aktiv nutzen, und Scheinselbständigen oder Freiberuflern, die de facto in prekären Verhältnissen ohne sozialen Schutz stehen.
Welche Rolle spielt das "Zonenmodell" nach Dörre und Fuchs?
Das Zonenmodell dient dazu, die gesellschaftliche Segregation zu verdeutlichen, die durch das Nebeneinander von abgesicherten und ungesicherten Arbeitsverhältnissen entsteht.
Was ist das Fazit des Autors zur sozialen Sicherheit?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die soziale Sicherheit durch die Angleichung der Bedingungen nach unten – also durch eine Schwächung von Normalarbeitsverhältnissen – gefährdet wird, statt die Lage prekär Beschäftigter zu verbessern.
Inwiefern beeinflussen politische Entscheidungen wie die Koalition 2009 den Arbeitsmarkt?
Der Autor sieht in der marktliberalen Politik der FDP/CDU-Koalition eine bewusste Förderung der Flexibilisierung, die als Gegeneffekt die Prekarisierung von Arbeit in Kauf nimmt oder gar befördert.
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- Robert Kriegisch (Author), 2010, Flexibilisierung und Prekarität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147139