Medienwissenschaftliche Analyse des Road Movies "El Viaje" im Hinblick auf Michel de Certeaus Theorie in „Kunst des Handelns"


Seminararbeit, 2008

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

GLIEDERUNG

1. Einleitung

2. Einführung und Hintergründe zu El Viaje
2.1 Verlust politischer und wirtschaftlicher Identität
2.2 Verlust visueller Identität

3. Michel de Certeau – „Kunst des Handelns“

4. Darstellung von Alltag, Kultur und Revolution in El Viaje, unter Berücksichtigung der Theorien De Certeaus

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Fernando Solanas drehte 1992 das argentinische Road Movie EI Viaje. Es handelt vom

17-jährigen Martin Nunca, einem argentinischen Jungen, der mit seiner Mutter und dem Stiefvater in Ushuaia auf Feuerland lebt. Von dort bricht er auf, seinen leiblichen Vater zu suchen. Auf seiner Reise durch den südamerikanischen Kontinent entdeckt er verschiedenste Orte und Länder, sammelt Erkenntnisse und Erfahrungen.

In vielen Kritiken und Filmbesprechungen ist davon die Rede, dass Martin nicht nur auf der Suche nach seinem Vater ist, sondern ebenfalls auf der Suche nach seiner und ei- ner lateinamerikanischen Identität. Insbesondere letztere gestaltet sich jedoch als äu- ßerst schwierig. Das liegt daran, dass keine greifbare, einzigartige und eindeutige süd- amerikanische Identität existiert. Stattdessen ergibt sie sich aus einer Mischung von europäischen, indigenen und afrikanischen Elementen, die in jedem Land unterschied- lich stark ausgeprägt sind. Bettina Bremme bemerkt, dass "G...) kaum ein Film G...) bes- ser die Schwierigkeiten aufzeigen Nkann], aus der Vielfalt der Landschaften und ethni- schen Mischungen, der historischen Mythen und banalen Fakten so etwas wie das Bild des Kontinentes herauszukristallisieren."1Uber alledem schwebt zudem noch die oft zi- tierte Gefahr des Eindringens nordamerikanischer Aspekte.

198o erläuterte der Franzose Michel de Certeau in seinem Werk Kunst des HandeIns, inwiefern sich der Mensch mit alltäglichen Handlungsweisen Situationen und Objekte auf seine Bedürfnisse hin anpasst. Diese Arbeit soll nun herausfinden, inwiefern in EI Viaje die gezeigten Bewohner ähnliche Handlungsweisen anwenden, um sich aus ih- rem Status von durch Politiker und ausländische Investoren Beherrschten, einen Vor- teil zu verschaffen und damit Teile ihrer Alltagskultur preisgeben. De Certeau soll dabei nicht nur im Bezug auf Objekte angewendet werden, wie er es in seiner Theorie be- schrieben hat, sondern insbesondere auf alltägliche Handlungsweisen. Eine Analyse des Films mittels dieser Theorie könnte zeigen, was Martin auf seiner Reise tatsächlich entdeckt.

2. Einführung und Hintergründe zu EI Viaje

EI Viaje erzählt vom Verlust und der Suche nach Identitäten. Ob es Martin tatsächlich gelingt, seine beziehungsweise eine lateinamerikanische Identität zu finden, bleibt dem Zuschauer überlassen. Was er jedoch im Zuge und mit Hilfe seiner Reise findet, sind nach de Certeau Handlungsweisen und folglich Kulturen. Dies soll in späteren Ka- piteln erläutert werden. Zunächst wird jedoch ein Blick darauf geworfen, welche Werte und Eigenheiten nach Einschätzung Solanas in Lateinamerika über die Jahre verloren gingen und welchen Bezug er im Film darauf nimmt.

2.1 Verlust politischer und wirtschaftlicher Identität

Der 1936 in Buenos Aires geborene Solanas sieht das Filmemachen als politische Her- ausforderung. Er benutzt seine Werke, um Ungerechtigkeiten herauszustellen und Lö- sungen aufzuzeigen, meist aus einer sozialistischen Sichtweise heraus.2 Auch in EI Viaje sind die politischen Anspielungen nicht zu übersehen. Solanas prangert ganz explizit die neoliberale Politik Carlos Menems Gregierte Argentinien von 1989-1999) an, der un- ter anderem Staatsfirmen und Fernsehanstalten privatisierte, den argentinischen Pe- sos an den US-Dollar knüpfte und das Land an die internationalen Märkte anschließen wollte. Dabei vernachlässigte er die Bedürfnisse der Bevölkerung und vergrößerte während seiner Regierungszeit neben der Arbeitslosigkeit auch die Außenschuld. Der Regisseur kritisiert daher die Aufgabe nationaler Souveränität durch das Eindringen westlicher Investoren an und will die Zerstörungen aufdecken, die durch die neolibera- le Politik, korrupte Politiker und das Ausland hervorgerufen wurden. Im Film wird bei- spielsweise mit Szenen darauf hingewiesen, in denen Lastwagen die Außenschuld bei Indios einzutreiben versuchen oder ganze Landstriche, wie etwa Patagonien, an Ölfir- men verkauft werden.

2.2 Verlust visueller Identität

Nicht nur politisch und wirtschaftlich beklagt Solanas einen Verlust der argentinischen und lateinamerikanischen Kultur und Identität. Auch die Beherrschung des Kinos, ins- besondere durch die Hollywoodstudios, und ein damit einhergehender Verlust der vi- suellen Identität, ist ihm ein Dorn im Auge.

Das amerikanische Hollywoodsystem ist für ihn ein ebensolcher Eindringling wie aus- ländische Unternehmen. Bereits in den späten 6oern verfasste Solanas zusammen mit Octavio Getino, ebenfalls lateinamerikanischer Regisseur, eine Theorie mit dem Titel "Towards a Third Cinema - Notes and Experiences for the Development of a Cinema of Liberation in the Third World"3. Dort spricht er sich für eine Bewegung des "Dritten Ki- nos", dem "Cinema Liberac;ion", aus. Er ist der Ansicht, dass Hollywood, das er als "Ers- tes Kino" bezeichnet, mit seinen Filmen lediglich eine bourgeoise Weltsicht verbreiten will. Er wirft Hollywood vor, dass es sein Publikum als "passives und konsumierendes Objekt" ansieht, als "consumer of ideology"4. Ob diese Behauptungen zutreffen, kann in dieser Arbeit nicht ausgeführt werden, doch werden Parallelen zu de Certeau er- sichtlich. Wie im Laufe der Arbeit noch erläutert wird, ist dieser der Meinung, dass der Konsument keineswegs passiv ist, sondern die ihm angebotenen Bilder und Reize aktiv wahrnimmt und verarbeitet. Es wäre möglich, dass Solanas derselben Ansicht ist und diese Tatsache unter anderem als Kritik an Hollywood, dem er vorwirft dies zu ignorie- ren, in EI Viaje verarbeitet. Nicht von ungefähr fordert er Filme, die in Opposition zum Studiosystem Hollywoods stehen müssen. Das kapitalistische Studiosystem soll die Fil- me nicht assimilieren können, sie sollen seinen Bedürfnissen fremd sein. Die Filme des "Dritten Kinos", die ihm vorschweben, können das System auch direkt und explizit an- greifen und bekämpfen und führen im Idealfall zu politischer Handlung. Solanas und Getino kritisieren weiterhin, dass das Charakteristische nationaler Kinos in der Domi- nanz des nordamerikanischen Films untergegangen ist. Das lateinamerikanische Kino muss seine eigene Identität kultivieren und sicherstellen, nicht von der Filmindustrie Hollywoods vereinnahmt zu werden. Die Schwierigkeit dabei liegt darin, ein eigenes, lateinamerikanisches Bild zu finden, nachdem bereits Generationen von Südamerika- nern mit fremden Bildern überschwemmt wurden.

[...]

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Details

Titel
Medienwissenschaftliche Analyse des Road Movies "El Viaje" im Hinblick auf Michel de Certeaus Theorie in „Kunst des Handelns"
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar
Veranstaltung
Road Movie
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
13
Katalognummer
V147151
ISBN (eBook)
9783640571536
ISBN (Buch)
9783640571680
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
el viaje, die reise, road movie, roadmovie, michel de certeau, de certeau, certeau, kunst des handelns, fernando solanas, südamerika, lateinamerika, identität, visuelle identität, alltag, revolution, widerstand, kultur, filmanalyse, filmwissenschaft, genre, straße, reise, reisen, unterwegs, selbstfindung
Arbeit zitieren
Markus Stegmann (Autor), 2008, Medienwissenschaftliche Analyse des Road Movies "El Viaje" im Hinblick auf Michel de Certeaus Theorie in „Kunst des Handelns", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147151

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