Bewahrer der Republik oder Imperator

Überlegungen zum politischen Kalkül Cäsars


Examensarbeit, 2009
56 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Gliederung / Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Caesar – Familie mit politischen Ansprüchen

3 Der politische Aufstieg

4 Aedil oder Tyrann?

5 Pontifex Maximus

6 Der Fall Catilina – Cicero gegen Caesar

7 59 v. Chr.: Entscheidung für das Volkswohl oder gegen die res piblica

8 Das Proconsulat

9 Caeser in Gallien – Blick auf Rom

10 Die Krise von 50/49 v. Chr. – Caeser gegen den Senat

11 Politische Verwirrungen in Rom – Bürgerkrieg, Afrika-Feldzug und Ideale

12 Die Dictatur und ihre Folgen

13 Die Iden des März – Hintergründe, Tatsachen und Mutmaßungen

14 Ausblick auf Augustus „Erbe“

15 Resümee

16 Bibliographie

1. Einleitung

Betrachtet man das weite Feld von antiken Feldherren und Herrschern, so entsteht schnell der Eindruck, Gaius Julius Caesar überstrahle alle. Sowohl zu Lebzeiten als auch in den vergangenen Jahrhunderten bis heute haben Gelehrte versucht, diese herausragende Persönlichkeit zu durchleuchten. Caesar, dieser geniale Feldherr, der im ersten vorchristlichen Jahrhundert das römische Volk und dessen Staat lenkte und leitete, zieht Wissenschaftler und Laien gleichermaßen in seinen Bann. Dabei stellt sich zu Beginn der Betrachtung die Frage, ob er nun von Anfang an Alleinherrscher sein wollte, oder einfach nur situationsbedingt entschieden hat. Hierzu haben sich in den vergangenen Jahren zwei wissenschaftliche Tendenzen manifestiert: Während vornehmlich ältere Wissenschaftler wie etwa Eduard Meyer, der festen Überzeugung sind, der Plan Caesars sei es gewesen, schlussendlich die res publica durch eine Tyrannis zu ersetzen, scheint seit einigen Jahren die neure Forschung indes eine andere Auffassung zu vertreten: Caesar habe sich mit der von ihm errichteten dictatura perpetua zufrieden gegeben, nicht zuletzt weil er damit die Befugnisse einer „de-facto-Monarchie“[1] innehatte, ohne sich der anrüchigen dominatio verdächtig zu machen.[2] Da diese kurze Exkursion in die Caesar-Forschung nicht ausreicht, die Frage nach der politischen Motivation Cesars zu erklären und dies auch gar nicht soll, versucht die Arbeit anhand von historischen Quellen wie Plutarch, Sueton, Cicero, Appian und Ceasar selbst sowie den Caesarbiographien von Matthias Gelzer, Martin Jehne und Kurt Raaflaub, einen Einblick in die immer noch bestehende Diskussion um Caesars Motivation zu geben. Im Weiteren stützt sich diese Arbeit auf die Veröffentlichungen von Hermann Strasburger, Hinnerk Bruhn, Luciano Canfora sowie Astrid Kraaz. Da es unter Berücksichtigung immer neuer Forschungsergebnisse zur Person Caesar keine klare Grenze für geeignetes Material gibt, versucht diese Arbeit, sich vornehmlich mit den zeitgenössischen Schrift der Antike zu beschäftigen. Da diese vor allem von Plutarch chronologisch angeordnet sind, wird dies auch der Aufbau der folgenden Arbeit sein. Wobei eindeutig nicht die Auflistung aller Feldzüge und Eroberungen Caesars im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die politischen sowie menschlichen Entscheidungen des Imperators. Hierzu wird an angebrachter Stelle natürlich der Blick auf die Personen in Caesars Umfeld gerichtet sowie einige moderne Abhandlungen und deren Thesen zum Untergang der Republik kurz gestreift. Die Beschreibung der Interaktion Caesars mit seinen Zeitgenossen soll verdeutlichen, wie die Orientierung und Motivation Caesars durch Cato, Marcus Porcius, Cicero aber auch seine Legionen, Veteranen und Liebschaften Auswirkungen auf seine jeweiligen politischen Werdegang hatten. Trotz der Fülle an Informationen zu diesem Thema, soll die Arbeit Caesar nicht nachdem beurteilen , aus ihm geworden ist, sondern in dem jeweiligen Zeitabschnitt situativ beurteilen, was die betroffenen Personen dazu veranlasst hat so zu handeln, wie sie es getan haben. Ebenso muss diese Arbeit den Anspruch haben, die historischen Quellen unter Hilfestellung der modernen Geschichtswissenschaft quellenkritisch zu betrachten und zu bewerten. Schnell könnte der Eindruck entstehen, diese Arbeit und ihre Schlussfolgerungen ständen schon von Beginn an fest, jedoch soll beim Lesen die ein oder andere Perspektive neu aufgezeigt und somit vielleicht neu in den Kontext eingeordnet werden.

2. Caesar-Familie mit politischen Ansprüchen

Während am 13. Juli 100 v. Chr. keiner auch nur zu ahnen wagte, wer dort in der Nähe von Rom gerade geboren wurde, so soll an dieser Stelle doch ein kurzer Blick auf Caesars Familie und deren Geschichte geworfen werden. Über die Kindheit und Jugend Caesars gibt es wenig bis gar keine Informationen geschweige denn Quellen. Selbst der Herrscher berichtet in seinen Reden oder Niederschriften nichts aus seiner Kindheit. Erstmals wird die Flucht des 19-jährigen Caesars vor dem nun an die Macht gekommenen Sulla und dessen Verbündeten erwähnt. Caesar entstammt einem alten römischen Patriziats, welches jedoch zu seinen Lebzeiten keinen Einfluss mehr in der Stadt hatte. Die Flucht und die Bannbriefe des Sulla bedürfen jedoch einer Klärung. Caesar selbst hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt nichts zu Schulden kommen lassen, musste jedoch die Last seiner Ahnen[3] tragen. Sulla hatte 82 v. Chr. die Schlacht am Collinischen Tor für sich entschieden und damit den jahrelangen blutigen Bürgerkrieg beendet. Mit eiserner Härte rächte sich der nun mächtigste Mann Roms an den Gegnern und Kollaborateuren des ehemaligen Regimes. Obwohl Caesar nicht aktiv zu den Gegner Sullas gehörte, musste er aufgrund banaler Verwandtschaftsverhältnisse doch um sein Leben bangen. Der große Gaius Marius, der in Rom siebenmal das oberste Staatsamt, das Consulat, bekleidet hatte, war Caesars Onkel[4]. Zwar nur durch Heirat seiner Tante Iulia, aber immerhin schien Sulla an der Person Caesar nicht gänzlich uninteressiert zu sein. Woher stammt also der Mut bzw. Leichtsinn Caesars Sulla selbst die Stirn zu bieten? Behält man einerseits den lang gehegten Plan im Hinterkopf, den Caesar wohl seit frühester Jugend an verfolgt haben soll, und zieht man des Weiteren ins Kalkül, dass es damals Gang und Gebe war, die eigenen politischen und sozialen Ansprüche mit der dignitas und anderer vergangener Familienmitglieder zu begründen, wird die nähere Betrachtung von Caesars Ursprüngen umso interessanter. Eine der ältesten überlieferten Quellenfragmente aus Caesars Reden gibt erste Einblicke über die Selbstdarstellung der Julier-Familie. In dieser späteren Leichenrede auf seine Tante Julia, die er den Quellen zufolge während seiner Quaestur abhielt, rief Caesar den Anwesenden wie folgt ins Gedächtnis, dass die gens iulia ein alt angesehenes Patriziergeschlecht sei: „Meiner Vaterschwester Iulia mütterliche Abstammung geht von Königen aus, die väterliche ist mit den unsterblichen Göttern verbunden. Denn von Ancus Martius stammen die Maecii Reges ab, welches der Name der Mutter war, von Venus die Iulii, deren Geschlecht unsere Familie angehört. Es trägt also die Abstammung in sich die Ehrwürdigkeit der Könige, welche am meisten vermögen bei den Menschen, und die Heiligkeit der Götter, in deren Gewalt die Könige selbst stehen.“[5] Mütterlicherseits gingen Caesar demzufolge sagenhafte altrömische Könige voraus; väterlicherseits war gar die Göttin Venus im Spiel. Somit wäre es sein gutes Recht gewesen als Nachfahre Aeneas, dem Dictator Sulla gegenüber zu treten. Solche imposanten Ahnenreihen öffentlich zu entwerfen, ob sie nun von jedermann nachvollziehbar waren oder nicht, trug zweifelsfrei zur Selbstdarstellung eines aufstrebenden Römers bei. Dennoch konnten sie im Falle Caesars schwerlich über die unmittelbare, politische Realität seiner Familie hinwegtäuschen.[6] Der junge Caesar verband seinerseits durch geschickte Heiratspolitik seiner Familie das Geschlecht der Julier, der Marier und eben der Cornelier in seiner Person. Unter der Prämisse wäre es umso verständlicher, dass Sulla ihn zur Auflösung seiner Ehe mit Cornelia zwingen wollte. Bezugnehmend auf diesen Sachverhalt, scheint Luciano Canfora aber über das eigentliche Ziel hinauszuschießen, wenn er behauptet Sulla wollte „ihn endgültig ausschalten und töten lassen“.[7] Andererseits können wir den Aussagen Suetons sowie Plutarchs entnehmen, dass Caesar aufgrund seiner vehementen Weigerung, die Ehe zu lösen, seines Amtes als flamen dialis enthoben, und somit seiner Mitgift durch Cornelia u. ä. beraubt wurde[8], aber nicht eindeutig, dass Sulla ihm nach dem Leben trachtete. In seiner Cato-Vita berichtet Plutarch nämlich davon, „wie man Köpfe einiger […] angesehener Männer (aus Sullas Haus) hinaustrug“.[9] Dennoch wäre es ein Leichtes für Sulla gewesen, Caesars habhaft zu werden, hätte er ihn unbedingt beseitigen wollen. Auch dass der junge Julier sich auf der Flucht aus den Fängen der Häscher des Dictators freikaufen musste, steht nicht im Widerspruch dazu, hatten sich die Proskriptionen doch schnell verselbstständigt und bereits Getötete wurden auf die öffentlichen Listen getragen, um den Mord an ihnen nachträglich zu legitimieren[10]. Trotzdem scheint es reine Spekulation von Matthias Gelzer und Hermann Strasburger, Sulla wollte Caesar für sich gewinnen[11]. Der Ausspruch „in Caesar stecke mehr als ein Marius“,[12] der uns sowohl von Plutarch als auch Sueton vermittelt wird[13], steht vermeintlich im Widerspruch zur letztendlichen Begnadigung des Juliers, soll aber eindeutig das Dilemma, in dem sich Sulla gesehen haben muss, offenbaren. Er erkannte durchaus das riesige Potenzial des jungen Patriziers, hatte jedoch schon viele andere ambitionierte Römer scheitern sehen. Der cursus honorum war im damaligen Rom eine kostenintensive Angelegenheit, an der schon viele Existenzen zugrunde gegangen waren. Nach der Scheidung wäre Caesar nur die Verwandtschaft zu Marius als Trumpf geblieben, den er jedoch erst nach Sulla hätte ausspielen können. Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass Caesar durch eigene Abstammung und geschickte Heiratspolitik die Aufmerksamkeit einiger politischer Kreise auf sich zog, wohl aber auch, dass er trotzdem zu unbedeutend war, als dass man ihn seinerzeit als ernsthafte Bedrohung hätte wahrnehmen müssen. Dass er sich aber dennoch auf dem politischen Parkett durchsetzen wollte, zeigt sein Mut, zu Beginn der 80er Jahre Sulla zu trotzen und wird im Folgenden genauer beschrieben.

3. Der politische Aufstieg

Dass Caesar zum damaligen Zeitpunkt keineswegs sein Heil abseits der Wege, die ihm durch Vätersitte in der res publica vorgegeben wurden, suchte, beweist nicht minder sein cursus honorum suo anno. Nachdem er sich unter anderem während seines Militärdienstes unter Marcus Minucius Thermus erste Ehren[14] erworben hatte, kehrte er 79 v. Chr. auf die Nachricht von Sullas Tod unversehens nach Rom zurück[15]. Denn während die Provinzen nur Ruhm und Ehre für ihn bereithielten, bot sich dort indes die Möglichkeit, Politik zu betreiben[16]. Dennoch gab er den Schmeicheleien des amtierenden Consuls Marcus Aemilius Lepidus, sich an dessen Umtrieben zu beteiligen, nicht nach[17]. Weiteren Ausführungen Suetons kann man diesbezüglich eigentlich keinen Glauben schenken. Die Behauptungen, Caesar wäre „simul spe novae dissensionis[18] “ nach Rom zurückgekehrt also aufgrund von mangelndem Vertrauen in Lepidus und dem immer schon in Caesar ruhenden Trieb nach tyrannischer Monarchie, ist wohl eher der Feder Suetons als der historischen Wahrheit zu zuschreiben[19]. Stattdessen erwarb Caesar durch seine Tätigkeit als Ankläger erstes Aufsehen und die Gunst der Stadtbevölkerung[20]. Dass er die Prozesse gegen Gnaeus Cornelius Dolabella und später Gaius Antonius verlor[21], tat dem Aufstieg des Juliers keinen Abbruch. Dass Caesar es ausgerechnet mit zwei Sullanern aufgenommen hatte, verdeutlicht seine fortwährende Abneigung gegen den verstorbenen Interrex. Hätte tatsächlich aufgrund seiner Tätigkeit als Ankläger der Sullaner Gefahr für Leib und Leben Caesars bestanden, wäre wohl kaum sein Vetter Gaius Aurelius Cotta seinerseits als Verteidiger des Dolabella aufgetreten[22]. So stand wohl eher die Schulung seiner Rhetorik im Vordergrund seiner Entscheidung, sich 75 v. Chr. Apollonius Molon anzuvertrauen[23]. Auf dem Weg dorthin geriet Caesar in die Gefangenschaft der Seeräuber, aus der er erst durch die Zahlung von 50 Talenten, einer Summe, die das Kopfgeld der sullanischen Meuchelmörder um ein hundertfaches überstieg[24], freikam. Im Hinblick auf die Fragestellung des politischen Kalküls Caesars, sollte man anhand der Seeräuber-Episode etwas genauer hinsehen: Denn Caesar war nach seiner Freilassung sehr schnell damit beschäftigt, den Seeräubern nachzueilen, ihrer habhaft zu werden und sie schließlich der gerechten Strafe für ihr frevelhaftes Vorgehen zuzuführen. In Missachtung seiner Befugnisse hielt er aber, ungeachtet der Zuständigkeit des Propraetors der Provinz Asia, Marcus Iuncus, Gericht und ließ die Piraten schließlich töten[25]. Dass Caesar einerseits die Gelder für seine Freilassung dadurch zurück gewinnen konnte, als auch der Umstand, dass er damit kaum Aufsehen erregte, mag an mehreren Ursachen gelegen haben. Der Begründung von Matthias Gelzer ist insoweit beizupflichten, welcher Caesar diesen Spielraum einer prinzipiellen Schwäche der damaligen Provinzialverwaltung zuschreibt, der auch sein Vorgehen gegen Mithridates nach eigenem Ermessen zu verdanken wäre[26]. Anderseits muss hier betont werden, dass Caesar mit seinem eigenmächtigen Handeln, im Interesse der res publica gehandelt hat. Denn die Seeräuber stellten damals durchaus eine ernsthafte Bedrohung für die Handelsschiffe dar, weshalb 67 v. Chr. schließlich Gnaeus Pompeius Magnus durch die lex Gabinia der Oberbefehl im Krieg gegen sie übertragen wurde. Während seines Aufenthalts 73 v. Chr. im Osten des römischen Reiches, wurde Caesar in Abwesenheit in das Kollegium der pontifices kooptiert[27]. Dieses Recht fiel ihm zu, da sein Vetter Gaius Aurelius Cotta verstorben war und anstelle dessen ein Verwandter die Nachfolge anzutreten hatte. Im Gegensatz zum Amt des flamen dialis, welches durch vielseitige Verbote gekennzeichnet ist, wie sie etwa Matthias Gelzer anführt[28], galt das Amt des Pontifex jedoch als beachtenswerte Stufe auf der politischen Karriereleiter eines Römers[29].

4. Aedil oder Tyrann?

Wie bereits erwähnt, entsprach es Caesars Eifer, den cursus honorum suo anno zu absolvieren. Somit bewarb er sich 73 v. Chr. gemeinsam mit Gaius Popilius um eine der 24 jährlich neu zu besetzenden Stellen als Militärtribun[30]. Obgleich diesbezüglich über seine eigentliche Tätigkeit wenig bekannt ist, so vermitteln die Überlieferungen dennoch den Eindruck, Caesar habe sich wiederum der Beseitigung etwaiger Hinterlassenschaften der Regentschaft Sullas gewidmet[31]. Die tatsächliche Wahl zum Militärtribun im Jahr 72 v. Chr. kann durchaus als Bestätigung dafür aufgefasst werden wie geschickt Caesar es verstand, die römische Stadtbevölkerung für sich zu gewinnen, die von nun an seinen weiteren Werdegang nicht unwesentlich mitbestimmen sollte. Jedoch um politische Karriere in Rom zu machen, galt es für Caesar mehr als nur die plebs urbana, also das gemeine Volk, für sich zu gewinnen. Im Hinblick auf diesen Umstand, sind die Einladungen, Tafeln und weiteren Umschweife Caesars seinerzeit zu deuten, von denen Plutarch und Sueton berichten[32]. Hierzu muss noch erwähnt werden, dass Caesar bevor er auch nur das erste Amt bekleidete, schon mit 1300 Talenten verschuldet war. Dem jungen Römer muss damals schon klar gewesen sein, dass die einzige Möglichkeit die Schulden für die Gewinnung eines Klientels auszugleichen, nur in einer Statthalterschaft einer Provinz liegen konnte. Jedoch war Caesar zu diesem Zeitpunkt noch weit davon entfernt. Im Alter von 31 Jahren, also im Jahr 69 v. Chr., musste er sich zunächst mit der untersten Stufe des cursus honorum, der Quaestur, zufrieden geben. Hierbei war er dem Praetor von Hispania Ulterior, Gaius Antistius Vetus, zugeteilt und hatte unter anderem dessen Gerichtsbarkeit wahrzunehmen[33]. Während dieser Amtstätigkeit verstarb, wie eingangs schon kurz erwähnt, seine Tante Julia. Caesar nutzte die Gelegenheit, wieder in den Fokus des römischen Interesses zu rücken. Eine Leichenrede auf die verstorbene Tante zu halten und dabei auf seine eigene glanzvolle Ahnenreihe hinzuweisen, war in Rom gewiss nichts Ungewöhnliches[34], wohl aber die Kühnheit und Unverfrorenheit in diesem Zusammenhang, die Wachsmasken des Marius in aller Öffentlichkeit zu tragen, nicht zuletzt weil diese seit Sullas Regentschaft verboten waren. Damit bekannte sich Caesar unweigerlich zu seiner popularen Gesinnung, weshalb er sich zwar nach wie vor bei der plebs urbana größter Beliebtheit erfreute, von Seiten der Optimaten jedoch eher Skepsis erntete[35]. Als im selben Jahr auch noch Caesars Frau Cornelia starb, wiederholte sich dieses Schauspiel in ähnlicher Weise. An dieser Stelle fehlen jedoch die Quellen und Überlieferungen, sodass man nur Vermutungen anstellen kann. Sicher scheint jedoch zu sein, dass Caesar es nicht wagte, die Masken seines Schwiegervaters Cinna durch Rom zu tragen, da dies wohl zu viel des Guten gewesen wäre. Somit trat Caesar die bereits erwähnte Stelle als Quaestor an. Da sich die Hinweise und Quellen diesbezüglich sehr bedeckt halten, kann man von einer Amtsführung in gewohnter Weise ausgehen. Hinsichtlich Caesars Rückkehr jedoch finden sich einige interessante Widersprüche. Im Gegensatz zu Plutarch, der wesentlich später von Ähnlichem berichtet, schildert Sueton einige Anekdoten die hier Beachtung finden sollten. Seinen Ausführungen zufolge, hätte Caesar im Angesicht einer Statue Alexander des Großen, ekel empfunden ob seiner eigenen Unfähigkeit, die Welt in so jungen Jahren zu beherrschen. Darüber hinaus soll ihn ein Traum, in dem er seine eigene Mutter stellvertretend für den gesamten Erdkreis schändet, zu dem Entschluss gebracht haben, seine sofortige Entlassung als Quaestor zu fordern, um schnellstmöglich nach Rom zurückkehren zu können und der Dinge zu harren, die da noch kommen mögen[36]. Hier stellt sich nun eine entscheidende Frage: Wie und warum konnte Caesar zu diesem Zeitpunkt an die Weltherrschaft denken? Am ehesten liefert uns Hermann Strasburger eine eventuelle Erklärung: „Möchte jener (Plutarch) Caesars Größe und Erfolg möglichst früh beginnen lassen, so dieser (Quelle Sueton) seine Verwegenheit und Herrschsucht“.[37] Somit ist diese Anekdote eher unwahrscheinlich, hätte dies doch für Caesars politischen Werdegang einen Nachteil bedeutet, sich aus einer Quaestur befreien zu lassen. Ebenso wäre es fernab jeder Realität, sich zu Beginn einer politischen Karriere auf das Optimum zu fixieren. Auch Plutarch hätte diesbezüglich bestimmt eine Bemerkung oder Erwähnung für wichtig erachtet, wenn Caesar solche Ideen oder Handlungen vollzogen hätte. Unglaubwürdig erscheint somit auch eine weitere Anekdote über Caesars Rückkehr, bei der er versucht haben soll, mit den Transpadanern, deren Bürgerrecht umstritten war, anzubändeln, um schließlich gegen Rom zu ziehen[38]. Laut Strasburger entspringen diese Ausführungen Suetons erneut einer Fälschung, die höchstwahrscheinlich auf die im Grunde feindselige Stimmung des antiken Geschichtsschreibers dem künftigen Imperator gegenüber, resultiert[39]. Ungeachtet der einzelnen Anekdoten und Mythen, heiratete Caesar im Jahr 67 v. Chr. in zweiter Ehe Pompeia, Tochter des Quintus Pompeius[40]. Dies ist sehr bemerkenswert, ist Pompeia doch die Enkelin des früheren Dictator Sulla. Im Hinblick darauf, stellt sich die Frage nach Caesars Feindbildern als sehr berechtigt dar. Haben ihn erneut die immensen Schulden zu diesem Schritt gezwungen, handelte er aus Liebe zu einer Frau, was somit teilweise einer ideellen Vorstellung gleichkäme? Hat dementsprechend ihre reichhaltige Mitgift diesen Wechsel begünstigt? Wohl kaum, denn die Tatsache, dass die Ehe zu Pompeia nur angesichts des späteren Bona-Dea-Skandals bei den antiken Autoren ausführlichere Beachtung findet[41], unterstreicht die Annahme, dass sich an Caesars mitunter popularer, in jedem Fall aber Sulla gegenüber ablehnender Gesinnung nichts wesentlich geändert hatte. Gleichwohl dürfte der finanzielle Aspekt, der Caesar durch die Eheschließung zuteil wurde, angesichts seiner horrenden Schulden nicht zu vernachlässigen sein. Denn eine politische Karriere in Rom, an deren Anfang Caesar stand, war sehr kostenintensiv – Grund genug, sich von Beginn an mit den Patriziern gut zu stellen. Die bereits erwähnte Quaestur ist durchaus nicht zu vernachlässigen, lenkt man den Blick auf die beiden grundlegenden Faktoren, deren ein Politiker in jener Zeit bedurfte, um sich in Rom dauerhaft zu etablieren: einerseits die Mitgliedschaft im Senat und anderseits eine ausgeprägte Klientel, die die Wahlen für ihren Günstling entschieden. Dieses Geflecht aus Begünstigung und Patronat war seinerzeit sicherlich eine römische Grundfeste und Caesar hatte dies eindrucksvoll verinnerlicht. So wollte er mit seiner Unterstützung der beiden Gesetztesinitiativen lex Gabinia 67 v. Chr. und lex Manilia im folgenden Jahr, die Aufmerksamkeit des Gnaeus Pompeius Magnus wecken. Dass Caesar dies gelang, zeigt nicht zuletzt seine Wahl zum Curator der Via Appia[42], einem stadtrömischen Amt, aufgrund dessen er sich wieder beim Volk in Erinnerung rufen konnte, um so wiederum weitere Stimmen für künftige Wahlkämpfe zu gewinnen. Dass Caesar es stets verstand, sich im rechten Moment ins Bild zu setzen, zeigt die erfolgreiche Kandidatur um die curulische Aedilität im Jahr 65 v. Chr. ­ dem ersten Amt in Caesars politscher Karriere, dem durch vielerlei Vorwürfe in den antiken Quellen, obgleich diese nicht immer gerechtfertigt sind, ein gewisser Makel anhaften bleibt. So behauptet etwa Sueton, Caesars Amtsantritt wäre durch den Vorwurf an der ersten Catilinarischen Verschwörung beteiligt gewesen zu sein, überschattet[43]. Plutarch hingegen weiß von etwaigen Anschuldigungen damals, nichts zu berichten. Dass man Sueton diesbezüglich nur wenig bzw. keinen Glauben schenken kann, beweisen seine vermeintlichen Zeugen und deren Belege. Er führt durchweg Quellen an, die ihrerseits von einem Caesar feindlichen Grundtenor durchzogen sind[44]. Fernerhin hat Caesar wohl kaum vor bzw. während seiner Aedilität daran gedacht, gemeinsam mit Catilina und den Seinen die Republik zu Fall zu bringen. Ähnlich verhält es sich mit der Beschuldigung Suetons, Caesar hätte sich mit Piso[45] verschworen sowie während er noch Aedil war, die Statthalterschaft in Ägypten im Sinn gehabt und wäre nur am Widerstand der Optimaten gescheitert[46]. Die Vorwürfe hinsichtlich seiner maßlosen Amtsführung als Aedil wiegen indes etwas schwerer. Obwohl es natürlich zu den Aufgaben eines curulischen Aedils gehörte, neben der Aufsicht über Straßen, Tempel usw. Festspiele zu veranstalten, hinterließ Caesar gerade in Bezug auf Letztere überall bleibenden Eindruck[47]. Nicht nur dass Caesar sich seinen Amtskollegen Marcus Calpurnius Bibulus fortan zum erbitterten Gegner erkor, indem er, der teils gemeinsamen Finanzierung zum Trotz, allein die Lorbeeren für die außergewöhnlichen circensis beim populus Romanus einstrich[48]. Ferner schürte er das Misstrauen des Senats durch die ungewohnte Anzahl bewaffneter Gladiatoren innerhalb der Stadtmauern, die Caesar selbst Untertan war[49]. Eindrucksvoll war sicher auch die Wiederaufrichtung der Siegeszeichen des Marius, nachdem diese eigentlich unter Sulla niedergerissen worden waren, was somit bei den antiken Autoren Erwähnung findet[50]. Durch diese Kühnheit gewann Caesar einerseits Sympathien bei den verbliebenen Marianern[51], andererseits begab er sich auf gefährliches Terrain, denn Quintus Lutatius Catulus unternahm den Versuch, Caesar für dessen Tat vor dem Senat zu belangen[52]. Jedoch allein mit einem nicht beachtenswerten Caesar wäre der gescheiterte Versuch des Catulus, den Aedilen für das Aufrichten der Mariusstatuen zu bestrafen, nicht zu erklären gewesen[53]. Tatsache ist, dass der Senat längst nicht mehr in der starken Hand der Sullaner war, wie es zum Ende der 80er Jahre noch war. Dass ausgerechnet Cicero den vermeintlichen Plan Caesars, sich der Alleinherrschaft bemächtigen zu wollen, schon während dessen Aedilität erkannt haben will, wird nicht nur angesichts seines mangelnden Interesses in den Folgejahren für den aufstrebenden Iluier unglaubwürdig. Ebenso schildert Strasburger nachvollziehbar, dass es kein Novum in der Palette der Vorwürfe eines eifrigen Popularen darstellt, sich so zu äußern[54]. Gewiss hat Caesar während seiner Aedilität mehrere Male die Gelegenheit benutzt, sich für die Öffentlichkeit ins rechte Licht zu rücken. Ihn aber einen Tyrannen zu nennen, entbehrt jeglicher Grundlage. Mit fruges und circensis ging er nicht zuletzt bei der plebs urbana, von deren Wohlwollen seine Karriere eindeutig abhing, auf Stimmenfang und riskierte doch gleichzeitig viel, indem er die Statuen seines Onkels neu aufstellen ließ. Den Vorwurf, hinter all seinen Bemühungen stecke das Ziel, die Alleinherrschaft zu erlangen, entsprang wohl eher den damaligen Befürchtungen, einem derart willensstarken und agilen Patrizier irgendwann nicht mehr beikommen zu können, würde dieser nach seiner Aedilität sich durch eine Praetur finanziell erholen können, als den damaligen Zeitumständen. Sowohl Plutarch als auch Sueton vermischen an dieser Stelle, wohl in der Rückbetrachtung der kaiserlichen Zeit Caesars und dessen Werdegang, die historischen Gegebenheiten und die daraus resultierenden Ergebnisse.

[...]


[1] zitiert nach: Kraft, Konrad. Der goldene Kranz Caesars und der Kampf um die Entlarvung des „Tyrannen“,

Darmstadt 1969 S. 48

[2] vgl. hierzu: Kraaz, Astrid. Vergöttlichungstendenzen am Ende der römischen Republik am Beispiel Caesars und Oktavians, Berlin 1993 S.7

[3] vgl. Karl Christ, Die Römischen Kaiser, München 2005 S.14

[4] vgl. Martin Jehne, Caesar, München 1997 S.8

[5] vgl. Sueton, Caesar 6,1

[6] vgl. Sallust, Ep. II 13,2

[7] zitiert nach: Canfora, Luciano, Caesar, Der demokratische Diktator, Eine Biographie, übers. von R. Seuß, München 2004, S.19

[8] vgl. Suet. Caes. 1,2; Plut. Caes. 1

[9] zitiert nach: Plut. Cato min. 3

[10] vgl. Martin Jehne Caesar S.15; Strasburger Eintritt S. 80f.

[11] Gelzer, Matthias. Caesar. Der Politiker und Staatsmann, Wiesbaden 1983, S.18; Strasburger Eintritt, S80

[12] vgl. Suet. Caes. 1,3

[13] s. ebd. ; Plut. Caes. 1

[14] vgl. Suet. Caes. 2; Gelzer Matthias Caesar. S.20A.25

[15] vgl. Suet. Caes. 3

[16] vgl. Gelzer Caesar S1; Jehne Caesar S.18

[17] vgl. Suet. Caes. 3; Jehne Caesar S. 20

[18] vgl. Suet. Caes. 3

[19] vgl. Strasburger Eintritt S. 90

[20] vgl. Plut. Caes. 4

[21] s. ebd. Suet. Caes. 4,1

[22] vgl. Gelzer Caesar S.20 A.30

[23] vgl. Suet. Caes. 4,1f; Plut. Caes 1f.

[24] vgl. Suet. Caes. 4,2; Plut. Caes.2

[25] S.ebd. Suet. Caes. 74,1

[26] vgl. Gelzer Caesar S.22; Jehne Caesar S.19f.

[27] vgl. Strasburger Eintritt S. 84

[28] vgl. Gelzer Caesar S.19

[29] vgl. Jehne Caesar S.20

[30] vgl. Plut. Cars.5;Gelzer Caesar S.25

[31] s. ebd. Gelzer Caesar

[32] vgl. Plut. Caes.4; Suet 46ff.;Gelzer Caesar S.26f

[33] vgl. Suet. Caes. 7,1;Plut. Caes. 5

[34] vgl. Suet Caes. 6,1;Plut. Caes.5

[35] vgl. Plut. Caes.5

[36] vgl. Suet. Caes. 7,1f

[37] zitiert nach: Straßburger Eintritt S.96

[38] vgl. Suet. Caes. 8

[39] vgl. Strasburger Eintritt S.75f

[40] vgl. Suet. Caes. 6,2; Plut. Caes. 5

[41] vgl. Suet. Caes. 6,2;Plut. Caes. 10

[42] vgl. Strasburger Eintritt S33, 63f

[43] vgl. Suet. Caes. 9,1

[44] vgl. Strasburger Eintritt S. 107f.

[45] vgl. Suet. Caes 9,3

[46] vgl. Suet Caes. 9,11; 13; Jehne Caesar S.26

[47] vgl. Jehne Caesar S.25f.

[48] vgl. Suet. Caes. 10,1f; Plut. Caes5; Jehne Caesar S.26

[49] s. ebd. Suet. Caes. 10,2; Plut. Caes. 5

[50] s. ebd. Suet. Caes.11; Plut. Caes. 6

[51] vgl. Plut. Caes. 6

[52] s. ebd. Plut. Caes. 6

[53] ähnlich: Strasburger Eintritt S. 61f.

[54] vgl. Straßburger Eintritt S. 4; 47ff.;60;128f

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Details

Titel
Bewahrer der Republik oder Imperator
Untertitel
Überlegungen zum politischen Kalkül Cäsars
Hochschule
Technische Universität Dortmund  (Historisches Institut)
Note
2
Autor
Jahr
2009
Seiten
56
Katalognummer
V147177
ISBN (eBook)
9783640581160
ISBN (Buch)
9783640582006
Dateigröße
830 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Staatsexamen
Schlagworte
Bewahrer, Republik, Imperator, Kalkül, Cäsars
Arbeit zitieren
Sven Wortmann (Autor), 2009, Bewahrer der Republik oder Imperator, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147177

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