Kaiserin und oberste Hofeunuch

Gegenspieler im Kampf um Gunst und Einflussnahme am spätantiken römischen Kaiserhof und ihre Darstellung in Ammianus Marcellinus´ Res gestae


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 2+


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Grundzüge der Kaiserhofes in der römischen Spätantike (4. Jh.)
2.1 Personen am Hofe
2.1.1 Die Bediensteten des inneren Hofes
2.1.2 Die Bediensteten des äußeres Hofes und die Reichsverwaltung
2.2 Das consistorium

3. Die Kaiserin – Darstellung und Realität
3.1 Eusebia
3.2 Constantina
3.3 Helena

4. Der praepositus sacri cubiculi

5 Zusammenfassung
5.1 Literatur
5.2 Anhang

1. Vorwort

In der spätantiken römischen Kaiserzeit waren die soziale Stellung, der Einfluss und die Macht einer Person eng mit der Nähe zum Kaiser und dessen Gunst verbunden. Dies ergab sich aus dem Aufbau und Sozialstruktur der römischen Gesellschaft und des kaiserlichen Hofes als machtpolitischem Kulminationspunkt. Neben den höfischen und politischen Amts- und Würdenträgern gab es zwei Persönlichkeiten, die eine besondere Rolle am Hofe und damit auch in der römischen Reichsgeschichte spielten: der oberste Hofeunuch, bzw. Kammerherr und die Kaiserin. Während ersterer aufgrund seiner Natur gesellschaftlich nicht unbedingt anerkannt war und somit in Konkurrenz zur senatorischen Aristokratie stand, waren der Kaiserin als Frau in der römischen Gesellschaft eine offizielle politische Funktion oder gar ein Amt verwehrt. Beide hatten jedoch besonderen Zugang zum Kaiser und damit auch einen gewissen Einfluss auf diesen. Für den Kaiser wiederum, dem höchsten Amtsinhaber im römischen Reich, waren diese beiden von besonderer Bedeutung und wichtige Vertrauenspersonen.

In der vorliegenden Arbeit sollen Eunuch und Kaiserin als inoffizielle Machtfaktoren und Einflussnehmer am spätantiken römischen Kaiserhof gegenübergestellt werden. Es geht bei dieser Betrachtung also weniger um das System der administrativen Strukturen am Hof, auch wenn diese nicht ganz außer Acht gelassen werden können, als um die Vorgänge hinter dem offiziellen politischen Geschehen. Dazu werden zunächst kurz die Grundzüge des Kaiserhofes in der römischen Spätantike und ihre Funktionsträger dargestellt. Dabei wird sich im Wesentlichen auf den Aufsatz von Karl Leo Noethlichs gestützt.[1] Zudem wird noch mal gesondert auf das consistorium eingegangen. Um das Funktionsgefüge und die Positionen der Funktionsträger des kaiserlichen Hofes innerhalb dieses Gefüges zu verdeutlichen, wurde versucht diese anhand eines Schemas darzustellen, welches sich im Anhang befindet.

Anschließend wird auf den obersten Hofeunuchen, die Kaiserin und deren Positionen innerhalb des Hofes näher eingegangen. Um zu verstehen, wie diese besonderen Akteure der höfischen Gesellschaft zeitgenössisch betrachtet und beurteilt wurden, soll deren Darstellung in Ammianus Marcellinus´ „Res gestae“[2] herausgearbeitet und kritisch beleuchtet werden. Auch wenn Ammian keinen direkten Zutritt zum Hof und Informationen nur aus zweiter Hand hatte, muss er sich mit den Verhältnissen am Hof ausgekannt oder zumindest von ihnen gehört haben. Somit vermittelt er einen guten Eindruck der zeitgenössischen Sicht.

Für die Betrachtungen der kaiserlichen Frauen und dem von ihnen gezeichnet Bild wurde hauptsächlich auf die Dissertation von Anja Wieber-Scariot[3] zurückgegriffen. Abschließend soll gegenüberstellend verglichen werden, wie diese beiden Motivfiguren im Werk Ammians eingesetzt wurden.

2. Grundzüge der Kaiserhofes in der römischen Spätantike (4.Jh.)

In der römischen Spätantike war der kaiserliche Hof der politisch-gesellschaftliche Mittelpunkt und Zentrum der Reichsverwaltung. Als Bezeichnungen finden sich in den Quellen unter anderen domus Augusta, aula, palatium, castra und sacer comitatus.[4] Da sich die Kaiser bis etwa zum 4. Jh. n. Chr. durch ausgeprägte Mobilität auszeichneten, ist mit dem Begriff „Hof“ bis zu dieser Zeit nicht eine bestimmte Residenz gemeint, sondern vielmehr der höfische Personenverband, also die Gesellschaft der mehr oder weniger permanent in der näheren oder weiteren Umgebung des Kaisers anwesenden Personen und der damit verbundene Handlungskomplex. Er war Ort des religiösen Kaiserzeremoniells, der kaiserlichen Repräsentation und der politischen Öffentlichkeit, sowie Sitz der zentralen Reichsverwaltung.[5]

Der Begriff des Kaiserhofes erstreckte sich im baulichen Sinne nicht nur auf ein einzelnes Gebäude. Es handelte sich vielmehr um einen Gebäudekomplex, in dessen Zentrum der Palast stand. Die baulichen Gegebenheiten leiteten sich weitgehend aus Struktur und Funktionen des Kaiserhofes ab. So handelt es sich um eine Verbindung von Dienstsitz und Privatgemächern, in engstem Zusammenhang mit einem Kultbau und Raum für öffentliche Versammlungen, Vergnügungsveranstaltungen und Bildungseinrichtungen, sowie der räumlichen Möglichkeit für Senats-und Gerichtssitzungen. Innerhalb des Palastes war das cubiculum ein wichtiger Bereich. Dies bezeichnet im weitesten Sinne das kaiserliche Schlafgemach. Hier trafen, bildlich gesprochen, auch die beiden „Hauptfiguren“ dieser Arbeit aufeinander, bzw. auf den Kaiser. Da Kaiser und Kaiserin nicht immer unbedingt eine Lebensgemeinschaft bildeten, sondern teilweise mehr ein politisch-gesellschaftlich Zweckbündnis auf Basis des gemeinsamen Hofzeremoniells, gab es für beide separate Palastbereiche oder sogar Paläste. Dementsprechend kann man auch von einer teilweisen doppelten Hof- und Haushaltsführung und der damit verbundenen doppelten Dienerschaft ausgehen.[6]

Durch die Entwicklung des „erweiterten Hauses des `heiligen Kaisers´[...] [zum] zentralen Herrschafts– und Sozialgebilde, durch das die Augusti et Caesares die verschiedenen Regionen des Reiches regierten[7] und die damit verbundene Kulmination aller politischer Macht in einer Person wurde der Kaiserhof seit Diokletian zum Zentrum informaler und formaler Macht, wodurch sich besondere Umgangsformen mit dem Kaiser (admissio) ergaben. Trotzdem hatte der Senat auch weiterhin eine herausragende Stellung. Der Kaiser rechnete sich selbst zu den Senatoren und der wurde in die Kaiserwahl und -krönung einbezogen. Senatssitzungen fanden zum Teil im oder am kaiserlichen Palast statt und das consistorium wurde teilweise um den Senat erweitert. Die Senatoren wirkten außerdem an Rechtsprechung und Gesetzgebung mit. Politische Ambitionen wurde jedoch zunehmend über die Hofämter ausgelebt.[8]

Während der Tetrarchie und der konstantinischen Herrschaft kam es zu einer entscheidende institutionellen Ausdifferenzierung des kaiserlichen Hofes (sacer comitatus) als Institution. Ammian spricht von unter anderem von comitatus, unter Verzicht auf das Attribut sacer. Mit comites waren zunächst Personen im Gefolge eines Potentaten gemeint. Um 330 verfeinerte Konstantin die höfische Ehre durch Einführung einer hierarchischen Ordnung, welche nach drei Gruppen (ordines) unterschied, die nach räumlicher und personeller Nähe zum Kaiser gegliedert waren. Er orientierte sich dabei an den senatorischen Kategorien; mit dem Rang senatoriae dignitates wurden Hofbeamte prämiert.[9] Die comitiva diente auch dazu“[...] , um das kaiserliche Gefolge als höfische Funktionselite zu formieren und an die Person des Herrschers zu binden.[10]

In der römischen Spätantike gipfelten die staatlichen Verwaltungsressorts in den Hofämtern und somit die Reichsverwaltung im Hofe des römischen Herrschers. Dadurch hat, nach Winterling, das „reale Leben am Hof, die typische, Verwaltungsstrukturen und zeremonielle Ordnung konterkarierende Bedeutung von Gunst, Macht, Schmeichelei, Rivalität und Intrigen[11], sowie die dort eingebundenen Funktionsträger eine zentrale Bedeutung bei der Bewertung der römischen Reichsgeschichte.

Mit der Einschränkung der Reisetätigkeit wurde die Prätorianerpräfektur und die Ernennung von Caesaren zu wichtigen Vertretern kaiserlicher Macht im Reich. Die Präfekten, welche an des Kaisers statt in festen Verwaltungsbezirken regierten und Recht sprachen, hatten sicher aufgrund ihres Aufgabenbereiches und ihrer Kompetenzen erhebliche Macht, waren als Sicherung gegen Verselbstständigung jedoch jederzeit absetzbar und verfügten auch über keinerlei militärische Verbände.[12]

2.1 Personen am Hofe

Nach Noethlichs lassen sich die Personen folgendermaßen kategorisieren: 1. Angehörige, Verwandte und Freunde der kaiserlichen Familie, 2. Personen „von Amts wegen“, die mit der Person des Kaisers und seiner Familie, dem inneren und äußeren Betrieb des Palastes und dessen Schutz zu tun hatten, 3. die Beamten der Reichsverwaltung und 4. gelegentlich: Prätorianerpräfekten und Generäle. Diese werden nach ihren Funktionen kategorisiert: Die Bediensteten, welche sich um die privaten Belange der kaiserlichen Familie kümmern, die Personen, die für Funktion, Erhalt und militärischer Schutz des Hofes zuständig waren und die Beamten der Zentral- und Reichsverwaltung. Die im Palast tätigen Funktionsträger werden palatini oder sacer comitatus genannt . Über die genaue Anzahl der sich am Hof aufhaltenden Personen lassen sich nur Vermutungen anstellen. Die Schätzungen gehen von 1500 bis 6500.[13]

Ein wesentliches Merkmal der Kaiserhöfe der römischen Spätantike ist, dass, abgesehen von den Familienmitgliedern, die engere Umgebung der Kaisers aus Personen niedriger Stellung in der aristokratischen Hierarchie, zeitweise weitgehend aus kaiserlichen Sklaven und Freigelassenen rekrutierten. Diese standen in direkter Konkurrenz u. a. zu dem senatorischen Adel im Kampf um die Gunst des Herrschers.

Aus den Strukturen des Hofes resultieren nach Noethlich drei mögliche Formen, an der kaiserlichen Macht in Form der militia teilzuhaben: 1. über das cubiculum, 2. über die zentralen Verwaltungsressorts und 3. über die Reichsverwaltung, in zivil im praefectus praetorio und militärisch im magister militum gipfelten.[14]

[...]


[1] Noethlichs, Karl Leo: Strukturen und Funktionen des spätantiken Kaiserhofe s; in: Winterling, Alois (Hg.): Comitatus. Beiträge zur Erforschung des spätantiken Kaiserhofes; Berlin 1998, [13-49].

[2] Ammianus Marcellinus: Römische Geschichte. Latein und Deutsch u. m. einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth, Bd. I/II, 6. unveränd. Auflage 1988 und Ammianus Marcellinus: Römische Geschichte. Latein und Deutsch u. m. einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth, Bd. III, 1970.

[3] Wieber-Scariot, Anja: Zwischen Polemik und Panegyrik. Frauen des Kaiserhauses und Herrscherinnen des Ostens in den Res gestae des Ammianus Marcellinus. (Diss.), (Bochumer Altertumswissenschaftliches Collo-quium, Bd. 41; hg. von Binder, Gerhard et al.); Trier 1999.

[4] Noethlichs 1998, S. 15 f.

[5] Vgl. Winterling, Alois (Hg.): Comitatus. Beiträge zur Erforschung des spätantiken Kaiserhofes; Berlin 1998, S. 9.

[6] Vgl. Noethlichs 1998, S. 22 f.

[7] Schlinkert, Dirk: Kaiser, Senatsadel und höfische Funktionselite (comites consistoriani) von der „Tretrarchie“ Diokletians bis zum Ende der konstantinischen Dynastie; in: Winterling, Alois (Hg.): Comitatus. Beiträge zur Erforschung des spätantiken Kaiserhofes; Berlin 1998, [133-159], S. 138.

[8] Vgl. Noethlichs 1998, S. 19 f.

[9] Vgl. Ebd., S. 19 f und S. 34.; Schlinkert 1998, S.145 ff. Dies führte zeigt sich u. a. in einer bemerkenswerten lokalen und „sozialen Mobilität der `Führungskräfte´“, die im 4. Jahrhundert besonders ausgeprägt war. Ebd., S. 143.

[10] Ebd., S.158. Er merkt an, „Die Führungselite des kaiserlichen Hofes ist erst für die Herrschaft Constantius II mit Sicherheit zu rekonstruieren. Daß die komplexe Struktur der höfischen Kerngruppe aber das Produkt einer Entwicklung ist, die in der konstantinischen Zeit ihren Anfang nahm [...], haben die vielen Spezialuntersuchungen der Institutionengeschichte hinreichend gezeigt.“, Ebd., S.144.

[11] Winterling 1998, S. 7.

[12] Ebd., S. 20 f.

[13] Noethlichs 1998, S. 27 ff.

[14] Vgl. ebd., S. 29.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Kaiserin und oberste Hofeunuch
Untertitel
Gegenspieler im Kampf um Gunst und Einflussnahme am spätantiken römischen Kaiserhof und ihre Darstellung in Ammianus Marcellinus´ Res gestae
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
HS Das Römische Reich aus der Perspektive des Ammianus Marcellinus
Note
2+
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V147202
ISBN (eBook)
9783640601523
ISBN (Buch)
9783640601516
Dateigröße
907 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ammianus Marcellinus, Hof, Eunuch, Kaiserin, Römische Kaiserzeit, Primärquelle
Arbeit zitieren
Ulrike Wanderer (Autor:in), 2009, Kaiserin und oberste Hofeunuch , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147202

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