Die mittlerweile unüberschaubare Flut von Veröffentlichungen von Nachkommen der NS-Täter zeigt ein größer werdendes Interesse an den Auswirkungen der NS-Vergangenheit für die nachfolgenden Generationen. In der vorliegenden Arbeit soll dargestellt werden, wie mit der Beteiligung von NS-Täter an nationalsozialistischen Verbrechen und Verfolgung in deren Familien umgegangen wurde und wie sich dieser Umgang auf deren Kinder ausgewirkt hat. Dazu soll zunächst kurz der allgemeinen Umgang mit der Geschichte des Dritten Reiches in der deutschen Nachkriegsgesellschaft dargestellt werden und anhand von einigen Fallbeispiel, welche Rolle in den Familie der Täter die Vergangenheit spielte, bzw. wie die Nachkommen von der Tätigkeit des jeweiligen involvierten Elternteils erfahren haben. Daraus ergibt sich die Frage, wie diesem Wissen von den Kindern bewertet wurde und welche Konsequenzen dies für deren eigenes Leben hatte.
Es wurde sich bewusst auf die zweite Generation beschränkt, da es beim Verarbeitungsstand und Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus und der Beteiligung von Familienangehörigen am Holocaust deutliche Unterschiede zwischen der zweiten und dritten Generation gibt, wie sich aus der verwendeten Literatur ergibt. Darauf näher einzugehen ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich.
Zur Veranschaulichung und Annäherung an dieses Thema wird vor allem auf die Interviews des israelischen Soziologen Dan Bar-On mit Kindern von NS-Tätern zurückgegriffen. Bar-On selbst merkt an, dass die von ihm ausgewählten Interviewpartner sicher nicht repräsentativ für die gesamte Generation der NS-Nachkommen sein können, da es keine konkreten Daten über die Population der Täter gibt.1 Weiterhin geben Interviews immer nur einen subjektiven Einblick in das Leben der Gesprächspartner. Sie ermöglichen aber einen guten Überblick über die Vielzahl von Betroffenen, vom „kleinen Rädchen“ bis zum „hohen Tier“, aus dem sich einige Schwerpunkte bei der Verarbeitung des Themas herausarbeiten lassen.
Die in der Literatur teilweise verwendeten Decknamen wurden in dieser Arbeit übernommen. Sofern dies möglich ist, werden Rückschlüsse aus den gemachten biografischen Angaben über die wahre Identität der Elternteile gezogen und angemerkt.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit
3. Die Nazi-Täter und ihre Kinder
4. Der Umgang mit der NS-Vergangenheit in den Familie und die Auswirkungen auf die zweite Generation
4.1. Die NS-Vergangenheit und der Umgang mit dieser anhand der Fallbeispiele
4.2. Auswirkungen auf das Eltern-Kind-Verhältnis und die Konsequenzen für die eigene Biografie
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Nachkommen von NS-Tätern mit der Beteiligung ihrer Eltern an nationalsozialistischen Verbrechen in der Familie umgegangen sind und welche Auswirkungen dieses Wissen sowie das oftmals damit verbundene kollektive Schweigen auf die Biografie und Identitätsbildung der zweiten Generation hatten.
- Gesellschaftlicher Umgang mit der NS-Vergangenheit in der deutschen Nachkriegsgesellschaft
- Die psychologische Belastung durch das Schweigen der Elterngeneration
- Individuelle Verarbeitungsstrategien der Kinder von NS-Tätern
- Der Einfluss der elterlichen Vergangenheit auf das Eltern-Kind-Verhältnis
- Die Frage nach individueller und struktureller Schuld der Nachgeborenen
Auszug aus dem Buch
4.2 Auswirkungen auf das Eltern-Kind-Verhältnis und Konsequenzen für die eigene Biografie
Der Verbindung mit seinen Eltern kann man jedoch nicht entgehen. Unabhängig davon, wie gut oder belastet das Verhältnis zwischen Eltern und Kind ist, fragt sich im Zuge des Identitätsbildungsprozessen jedes Kind früher oder später, welche Gemeinsamkeiten es mit den Eltern gibt und welche charakterlichen Eigenschaften von Mutter oder Vater vererbt wurden. Viele Kinder von NS-Täter meiden die Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Eltern und damit der Auseinandersetzung mit der Person, um dieser Verbindung zu entgehen. Da man seiner Herkunft nicht entfliehen und die Verbindung unterbewusst nicht verdrängt werden kann, versuchen sie dennoch irgendwann eine Erklärung dafür zu finden, wie aus dem Vater der Täter werden konnte und warum sie sich auf die Seite des Widerstandes gestellt haben. Daraus ergibt sich für sie dann auch die Frage „Was trage ich von dem Unbekannten und Bösen meiner Eltern in mir?“
Die Vergangenheit scheint Einfluss auf die Berufs- oder Partnerwahl zu haben oder die Entscheidung eigene Kinder zu bekommen. Dies wird von den Nachkommen selbst recht unterschiedlich bewertet. Einige sind sogar in der Lage direkte Zusammenhänge selbst herzustellen. Nur wenige sind der Meinung, dass die Vergangenheit der Eltern keinerlei Konsequenzen für das eigene Leben hatte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Der Autor erläutert die Relevanz des Themas und beschreibt den Fokus der Arbeit auf die zweite Generation sowie die methodische Herangehensweise durch Interviews mit Kindern von NS-Tätern.
2. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit: Dieses Kapitel analysiert das kollektive Schweigen der deutschen Nachkriegsgesellschaft und die damit verbundenen Verdrängungsmechanismen in den Täterfamilien.
3. Die Nazi-Täter und ihre Kinder: Es wird die besondere Rolle des Vaters im Nationalsozialismus sowie die oft distanzierte oder durch Kriegsfolgen geprägte Beziehung zwischen NS-Tätern und ihren Kindern beleuchtet.
4. Der Umgang mit der NS-Vergangenheit in den Familie und die Auswirkungen auf die zweite Generation: Das Kapitel untersucht das Phänomen der doppelten Mauer zwischen den Generationen und die daraus resultierenden emotionalen Belastungen.
4.1. Die NS-Vergangenheit und der Umgang mit dieser anhand der Fallbeispiele: Anhand konkreter Biografien wird aufgezeigt, wie unterschiedlich die Nachkommen das Wissen über die Verbrechen ihrer Eltern erst spät oder bruchstückhaft erfuhren.
4.2. Auswirkungen auf das Eltern-Kind-Verhältnis und Konsequenzen für die eigene Biografie: Hier stehen die langfristigen Folgen für die Identitätsbildung, die Übernahme von Verantwortung und die Versuche der emotionalen Ablösung im Mittelpunkt.
5. Zusammenfassung: Die wesentlichen Erkenntnisse werden gebündelt, wobei die zentrale Bedeutung des Aufbrechens des kollektiven Schweigens für eine gelungene Aufarbeitung hervorgehoben wird.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, NS-Täter, zweite Generation, Vergangenheitsbewältigung, Holocaust, Schweigen, Schuldfrage, Eltern-Kind-Verhältnis, Identitätsbildung, Traumata, Nachkriegszeit, Aufarbeitung, Biografieforschung, NS-Verbrechen, Verdrängung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die psychologischen und biografischen Auswirkungen auf Kinder von NS-Tätern, die mit der NS-Vergangenheit ihrer Eltern konfrontiert wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Umgang mit der Schuld, das kollektive Schweigen in der deutschen Gesellschaft, die Dynamik in Täterfamilien und die Identitätsbildung der Nachgeborenen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie NS-Nachkommen mit dem Wissen über die Taten ihrer Eltern leben, welche Konsequenzen dies für ihr Selbstbild hat und wie sie eine emotionale Ablösung von ihren Eltern erreichen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert primär auf einer qualitativen Auswertung von Interviews, insbesondere der Interviews des Soziologen Dan Bar-On mit Kindern von NS-Tätern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die elterliche Abwesenheit, die Entdeckung der elterlichen NS-Vergangenheit durch die Kinder und die Auswirkungen auf deren spätere Berufs- und Lebensentwürfe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind NS-Täter, zweite Generation, Aufarbeitung, Schweigen, Schuld, Identität und Verdrängung.
Wie unterscheidet sich die zweite von der dritten Generation im Umgang mit dem Thema?
Die Arbeit deutet an, dass die zweite Generation deutlich stärker unter den direkten, unausgesprochenen Belastungen der Tätereltern leidet, während die dritte Generation einen distanzierteren Blick entwickeln kann.
Welche Rolle spielt die „doppelte Mauer“ bei der familiären Kommunikation?
Die „doppelte Mauer“ beschreibt ein Phänomen, bei dem Eltern ihre eigene Vergangenheit verschweigen und Kinder aus einem intuitiven Gespür für die elterlichen Hemmungen heraus ebenfalls keine Fragen stellen, was den Dialog verhindert.
Wie reagieren die Kinder auf die Nachricht der NS-Vergangenheit ihrer Väter?
Die Reaktionen reichen von Verdrängung und Idealisierung des Vaters bis hin zu tiefen Identitätskrisen, Schamgefühlen und dem aktiven politischen Engagement gegen die „braune Soße“.
Ist laut der Arbeit eine vollständige Aufarbeitung möglich?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass eine persönliche und gesellschaftliche Aufarbeitung erst möglich wird, wenn das kollektive Schweigen gebrochen und eine bewusste Auseinandersetzung mit den Fakten geführt wird.
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- Ulrike Wanderer (Author), 2007, Schweigen und Schuld, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147203