Diese Arbeit befasst sich, nach einer kurzen Einleitung zum Begriff der Allegorese im Allgemeinem und zu ihrer geschichtlichen Entwicklung bis zur Scholastik im besonderen, mit dem Allegoresebegriff bei Petrarca. Textgrundlage bietet dabei Petrarcas "Secretum Meum" und seine Vergilallegorese in den "Res Seniles IV,5".
Im Besonderen wird Petrarcas Position zum Allegoriebegriff Thomas von Aquins diskutiert.Für ihn kann die Allegorese im eigentlichen Sinne nur auf die göttlich inspirierte Bibel angewandt werden, denn hier offenbart sie den geheimen Willen Gottes. In profanen und paganen Texten ist ein solcher verborgener Sinn per se nicht enthalten, es kann höchstens ein solcher bewusst vom Autor hineingelegt worden sein (voluntas-auctoris-Prinzip). Die Auflösung dieses Sinns zählt für ihn aber nicht zur Allegorese, sondern ist Teil des richtigen Verständnisses des sensus litteralis.
Inhaltsverzeichnis
1. Allegorese
1.1 Ursprung
1.2 Entwicklung bis zur Scholastik
2. Standpunkte zum Allegorese-Diskurs
2.1 Allegorese im Secretum meum
2.2 Die Vergilallegorese in Sen. IV, 5
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Umgang Francesco Petrarcas mit dem hermeneutischen Verfahren der Allegorese. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, welchen Standpunkt Petrarca zur allegorischen Interpretation antiker Texte – insbesondere Vergils – einnimmt und wie sich seine Position im Spannungsfeld zwischen scholastischer Exegese und humanistischer Interpretation verorten lässt.
- Historische Entwicklung der Allegorese von der Antike bis zur Scholastik
- Analyse der Allegorese-Praxis im Dialog "Secretum meum"
- Untersuchung der Vergil-Interpretation in Petrarcas Brief "Sen. IV, 5"
- Vergleich zwischen dem "voluntas-auctoris-Prinzip" und dem Wahrheitsanspruch bei der Textauslegung
Auszug aus dem Buch
Allegorese im Secretum meum
Das Secretum meum, Petrarcas zu Lebzeiten unveröffentlichter Dialog zwischen seinem Alter Ego ‚Franciscus‘ und dem Kirchenlehrer ‚Augustinus‘, ist gespickt mit Zitaten antiker Autoren. Alleine Vergil wird 33-mal zitiert, davon 27-mal die Aeneis. Aber nur zweimal, Secretum 2,47 und 2,69f., wird ein solches Zitat gedeutet, wird explizit gesagt, wie ‚Franciscus‘ diese Stelle auslegt. Ich beginne mit der zweiten Stelle, da diese weitaus eindeutiger ist.
In Secretum 2,69f. legt ‚Franciscus‘ Aeneis 1,52-57, die Beschreibung des Aeolus, des Beherrschers der Winde, und dessen Feste, aus. Er deutet die Winde als „Zorn und […] heftige Seelenregungen“, die den Körper zerstören wollen, und Aeolus, deren Beherrscher, als die „Vernunft“. Daraus, dass die Winde „Erde und Meer“ zerstören können, schließt er, dass auch der Zorn mit solcher Kraft den Körper zerstöre, wenn die Vernunft ihn nicht zu beherrschen weiß. ‚Augustinus‘ fragt sich daraufhin ironisch, „ob nun Vergil selbst dies im Sinn hatte, während er schrieb, oder ob er, von jeder derartigen Überlegung weit entfernt, mit diesen Versen einen Meeressturm und nichts anderes beschreiben wollte […]“, billigt aber das Ergebnis dieser Überlegung. ‚Augustinus‘ nimmt also hier die kritische Position des Thomas von Aquin ein. Für ihn dient der Wille des Autors (voluntas auctoris) als Grundlage der Auslegung.
Zusammenfassung der Kapitel
Allegorese: Einführung in das hermeneutische Verfahren, dessen Ursprung in der antiken Mythenapologie liegt und das sich bis zur scholastischen Bibelexegese als komplexes System entwickelte.
Standpunkte zum Allegorese-Diskurs: Analyse von Petrarcas allegorischer Praxis im "Secretum meum" und in "Sen. IV, 5", wobei insbesondere die Spannung zwischen dem scholastischen Autor-Prinzip und der Suche nach allgemeiner Wahrheit thematisiert wird.
Fazit: Zusammenfassende Erkenntnis, dass Petrarca in seiner Allegorese den Maßstab der Wahrheit priorisiert und somit in manchen Aspekten der scholastischen Tradition nähersteht, als die Forschung dies oft annimmt.
Schlüsselwörter
Petrarca, Allegorese, Allegorie, Secretum meum, Vergil, Aeneis, Hermeneutik, Scholastik, Thomas von Aquin, Voluntas auctoris, Literaturgeschichte, Mittelalter, Humanismus, Exegese, Textinterpretation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Verständnis und die Anwendung der Allegorese bei Francesco Petrarca, insbesondere im Kontext seiner Auseinandersetzung mit antiken Autoren wie Vergil.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Geschichte der allegorischen Textinterpretation, das Verhältnis von Autorwille und Wahrheit bei der Exegese sowie der Vergleich scholastischer und humanistischer Interpretationsansätze.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Petrarcas eigene Position in der Allegorese-Debatte seiner Zeit zu bestimmen und aufzuzeigen, ob und wie er sich von der zeitgenössischen scholastischen Kritik abgrenzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär textimmanente Interpretationen (insbesondere des "Secretum meum" und "Sen. IV, 5") mit historisch-hermeneutischen Kontexten verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Grundlagen der Allegorese bis zur Scholastik sowie die Untersuchung von zwei konkreten Belegen aus Petrarcas Werk.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Allegorese, Secretum meum, Voluntas auctoris, Hermeneutik und den literarischen Humanismus definiert.
Welche Rolle spielt Thomas von Aquin für die Argumentation?
Thomas von Aquin dient als Referenzpunkt für die scholastische Position, die eine strikte Trennung zwischen biblischer Exegese und der Deutung profaner Texte fordert, eine Position, die im "Secretum meum" reflektiert wird.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Allegorese im "Secretum meum" von der in "Sen. IV, 5"?
Während im "Secretum meum" die scholastische Kritik am "voluntas-auctoris-Prinzip" noch stark im Vordergrund steht, emanzipiert sich Petrarca im späteren Brief "Sen. IV, 5" davon und lässt die Wahrheit als einzigen Maßstab für seine Auslegung gelten.
Warum ist das "Secretum meum" für diese Untersuchung besonders wichtig?
Es bietet einen intimen Einblick in Petrarcas Denken und zeigt durch den Dialog zwischen seinem Alter Ego und Augustinus die interne Zerrissenheit und die Auseinandersetzung mit der Tradition der Textauslegung.
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- Marco Heiles (Author), 2009, Petrarca und die Allegorese, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147216