LEBEN IN DER SCHACHTEL? Kurzfilme in der Bildungsarbeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

19 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Der Kurzfilm im Spiegel der Filmgeschichte in Deutschland – Eine Übersicht
2.1 Was ist ein Kurzfilm?
2.2 Der Kurzfilm im Spiegel der Filmgeschichte

3. Struktur-Funktionale Filmanalyse nach L. Mikos – ein Extrakt
3.1 Filmverstehen
3.2.1 when the day breaks – Inhalt
3.2.2 Formen des Zuschauer-Wissen und Textrekonstruktion

4. Perspektiven für den Kurzfilmeinsatz in der Erwachsenenbildung

5. Literatur

1. Einführung

„Wir schauen uns heute einen Film an“ – diese Ankündigung meiner Klassenlehrerin ließ mein Herz als Grundschüler in den 80er Jahren höher schlagen. Film-gucken stand damals in der Grundschule selten auf den Stundenplan, es war demnach ein Ereignis und wurde von uns Schülerinnen und Schülern dementsprechend zelebriert. Es ging in den Keller, in den dunklen Raum, in dem der alte Filmprojektor stand (Etui und Sachkundemappe haben wir natürlich mitgebracht). Unsere Klassenlehrerin nahm dann eine große Filmspule aus der blechernen Schachtel, schnippselte jedesmal ein milimeterkleines Stück vom Filmband ab, damit sich das Band auch gut durch die Projektoroptik ziehen lies. Wenn der Film (ich erinnere mich sehr gut an Karius und Baktus mit der großen Zahnbürste) dann eingelegt war, wurde von einer Mitschülerin das Licht ausgeschaltet und der Film konnte starten. Dann zählten wir den Countdown des Vorspannbandes mit, bis nach dem aufflackernden Zahlen das Logo „FWU“, des Institus für Film in Wissenschaft und Unterricht erschien, Karius und Baktus konnten ihr Unwesen treiben...

Ein vielleicht etwas pathetischer Beginn einer Seminararbeit zum Themenfeld „Kurzfilm in der Bildungsarbeit“, aber ich glaube, dass hier deutlich werden kann, dass „Film gucken“ immer mit etwas Spannung verbunden ist und in vielen Fällen zelebriert wird. Sei es der Tatort am Sonntag abend, der Kinofilm im Cineplex oder der Kurzfilm in der Bildungsarbeit: Wenn der Saal oder das Wohnzimmer verdunkelt wird warten alle Menschen, jung und alt, dass es losgeht, dass der Film startet.

Film gucken scheint also einen bestimmten Reiz auszuüben, Filme können den Zuschauer fesseln, ihn emotional ansprechen. Auch Filme, die der (Weiter-)bildung dienen scheinen mir von diesen Reizen nichts verloren zu haben. Wenigstens ist eine relative Motivation der Teilnehmenden zum Anschauen gewährleistet. Schließlich ist die technische Vorrichtung in der Regel die selbe (Projektor, Leinwand, abgedunkelter Raum), nur die Inhalte der Spule, der VHS-Videocasette oder der DVD sind unterschiedlich. So gibt es also Lehrfilme („10hoch“ in der Chemie oder eben „Karius und Baktus“ N 1968) oder Kurzspielfilme („Balance“ D 1990, „When the day breaks“ Can 2000), die wiederum in die Bereiche Trickfilm oder Realfilm („Quero ser. Gestohlene Träume“ D 2000) aufteilbar sind.

Der „Lehrfilm“ soll in dieser Seminararbeit allerdings nicht im Vordergrund stehen. Es geht um die Gattung „Kurzfilm“. Um sich diesem Medium anzunähern soll zunächst in einem ersten Teil der Begriff „Kurzfilm“ definiert werden um daraufhin anhand des Kurzfilms einige Aspekte zur Filmgeschichte in Deutschland aufzuzeigen. Dieser historische Rückblick bildet den Hintergrund für den zweiten Teil dieser Arbeit. In diesem zweiten Teil werden Extrakte der Ausführungen des Filmwissenschaftlers Lothar Mikos dargestellt. Mikos hat sich in den 1990ern sehr stark mit Fragen der Filmanalyse und des Filmverstehens beschäftigt und dazu mehrere Beiträge veröffentlicht. In diesem zweiten Teil soll aus ausgewählten Beiträgen ein roter Faden eruiert werden. Die Arbeit wird im dritten Teil mit der Formulierung von Perspektiven für den Kurzfilmeinsatz in der Erwachsenenbildung abgeschlossen. Hier wird der im zweiten Teil gewonnene Faden mit dem Begriff „Medienkompetenz“ im Hinblick auf den Kurzfilmeinsatz und der didaktischen Vorbereitung/ Begründung des Einsatzes verwoben.

2. Der Kurzfilm im Spiegel der Filmgeschichte in Deutschland – Eine Übersicht

2.1 Was ist ein Kurzfilm?

Über die Frage, was einen Kurzfilm zu einem solchen macht, streiten sich die Experten. Ist ein Kurzfilm ein Film, der nicht abendfüllend ist? Ein Film, der maximal unter 60 Minuten lang (bzw. kurz) ist? Lars Hendrik Gass, Leiter der internationalen Kurzfilmtage Oberhausen[1] hat in einem Interview in der Zeitschrift „filmdienst“ folgende Definiton: „Ein Kurzfilm ist vor allem kurz (...). Kurzfilm ist jedes projizierbare Bewegungsbild unter circa 45 Minuten“[2] Gass betont allerdings, dass das Genre Kurzfilm sich nicht in eine starre Definition unter zeitliche Gesichtspunkten packen lasse, sondern dass dieser Begriff als „Programm“ zu verstehen sei, welches ein „ungeheures Spektrum der Formate und Genres (umfasst), die gewissermasen den Humus bilden für künftige ästhetishe Entwicklungen“[3].

2.2 Der Kurzfilm im Spiegel der Filmgeschichte

Blickt man auf den Beginn der Film- und damit der Kinogeschichte zurück, dann war zunächst jeder Film ein Kurzfilm.[4] Allein aus technischen Gründen waren die Filme in den Kinobuden auf den städtischen Jahrmärkten des beginnenden 20. Jahrhunderts kurz, weil einfach die Bandkapazität der Rollen begrenzt war. Erst gegen 1910-20 war die Technik ausgereift, Filme über 60 Minuten zu produzieren und zu zeigen. Schon die frühen Spielfilme zeichneten sich dadurch aus, dass es einen komplexeren Handlungsstrang gab und das die ersten Kinostars geboren wurden. Dem Kurzfilm war von da an ein Schattendasein als „Beiwerk“ beschert, von dem er sich bis in die heutige Zeit nicht mehr lösen konnte.

In den 1920ern wurden die ersten großen Lichtspielhäuser eingerichtet, um das Publikum mit Filmen wie Fritz Langs Metropolis (D 1926) oder F.W. Murnaus Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens (D 1922) zu unterhalten. Diese (und andere) Filme sind längst Klassiker geworden.[5]

In der Zeit der NS-Diktatur diente das Medium Film vor allem propagandistischen Zwecken. Zum einen in Form der Selbsdarstellung (vor allem die Arbeiten von Leni Riefenstahl, u.a. ein Film zum Reichsparteitag der NSDAP Triumph des Willens, D 1935), zum anderen in Form leichter Unterhaltungsfilme. Hierzu zählen besonders die Musikfilme mit Zarah Leander wie Die große Liebe (D 1942), oder frühe Filme mit Heinz Rühmann (Quax der Bruchpilot, D 1941). In Die große Liebe erlangten die Lieder Davon geht die Welt nicht unter oder Ich weis es wird einmal ein Wunder geschehen große Popularität. Die Vorortkinos spielten in dieser Zeit eine besondere Rolle, waren sie doch neben den Lichtspielhäusern in den Großstädten die ideale Plattform, propagandistische Filme dem Großteil der Bevölkerung zugänglich zu machen.[6]

Die Nachkriegszeit war geprägt von einem großen Raummangel, da zahlreiche Städte ausgebombt waren. Das Kino teilte sich die notwendig hergerichteten Räume mit Theater und Varietéensembles. In den Jahren des Wiederaufbaus wurden zahlreiche Kinos gebaut oder eingerichtet, jede Neueröffnung war ein großes Ereignis. 1949 wird die Freiwillige Selbskontrolle der Filmwirtschaft eingerichtet, die bis heute als FSK bekannt ist und ihren Aufgaben nachgeht. Die Einrichtung dieses Gremiums war ganz im Sinne der „Bewahrpädagogik“, deren Vertreter damals das Ziel hatten, vor allem Kinder und Jugendliche vor üblen Auswirkungen medialer Inhalte zu bewahren.[7]

In den 1950ern wogen die Wellen der ersten Filmskandale besonders hoch, beispielsweise der erste nackte Busen Hildegard Knefs in Die Sünderin (D 1951). Zum Entsetzen der Verfechter der Bewahrpädagogik entwickelte sich eine „integre Filmkultur“, also frühe Formen von Fankult, Starrummel und Merchandising (Romy Schneider in der Sissi -Trilogie 1955-57). Das Kino war Ort gesellschaftlicher Ereignisse und gängiger Treffpunkt für die Menschen, sowohl in den Großstädten als auch in den Vororten und Kleinstädten.[8]

Ab den 1960ern setze ein großes Kinosterben ein, welches bis in die späten 1980er anhielt. Ein Grund (neben vielen weiteren ) hierfür ist, dass sich das Fernsehen als „Heimkino“ durchsetzen konnte.

Der Kurzfilm war in diesen Zeiten nach wie vor „Beiwerk“, obwohl seit 1962 ein Aufschwung in der Erstellung von Kurzfilmen gab, denn Kurzfilme waren recht einfach und kostengünstig zu produzieren. Viele Regisseure experimentieren mit Kurzfilmen, probierten einfach neue Formen des Filmemachens aus.[9] Der Kurzfilm wurde oftmals im Vorprogramm gezeigt, als „Vorfilm“ sozusagen, wenn die Verleiher und Kinobetreiber das zuließen. Im Laufe der Zeit wurde vor dem Hauptfilm zunehmend Werbung gezeigt – zugegeben handelt es sich hier auch um kurze Filme, der Kurzfilm an sich wurde aber an das Ende des Hauptfilms verbannt, wo ihn schließlich kein Kinobesucher mehr zur Kenntnis genommen hat. Die heutige Zeit der Multiplex-Kinos (also die 1990er bis heute) zeigt vor allem an: Kurzfilme fallen in der Regel dem Zeit- und Geldmanagement zum Opfer, obwohl es zahlreiche Kurzfilme gibt (vor allem als Abschlussarbeiten von Studierenden hiesiger Filmhochschulen). Damit die Großkinos sich finanziell rentieren sind die Filmabfolgen dicht aufeinander abgestimmt . Blockbuster wie Der Herr Ringe (USA 2001) müssen drei-viermal pro Tag pro Saal laufen, da zum einen die Verleihbestimmungen dies per Vertrag verbindlich einfordern, zum anderen aber sich der Film rentieren muss. Daher bleibt ungenügend Raum für den „Vorfilm“.[10]

Dabei ist der Kurzfilm nicht unbedingt auf das Kino als Aufführungsort angewiesen. Kulturfernsehsender wie 3sat oder arte haben regelmäßig Kurzfilme im Programm; regionale Fernsehstationen berichten von Kurzfilmfestivals und bieten dazu „Kurzfilmnächte“ an. Zudem gibt es mehrere Spartenkanäle, in denen Kurzfilme gezeigt werden: Viva und MTV. Nur heißen die Kurzfilme dort Videoclips. Von den Fachleuten zunächst noch mißmutig beäugt, haben aber auch Videoclips als Kurzfilme ihren Standort und Stellenwert beispielsweise bei den Oberhausener Kurzfilmtagen gefunden und scheinen somit als Kurzfilmformat ihre Berechtigung erlangt.[11]

Grob gesehen können in der Kinoentwicklung in Deutschland also zwei Blütezeiten ausgemacht werden: die Zeit der „goldenen“ 1920er Jahre, in denen viele Filme produziert wurden und die großen Filmstudios (Ufa...) entstanden sowie der Zeitraum von 1950 bis ca. 1970. Der Kurzfilm war von dieser Entwicklung sehr abhängig, büßte aber ab den 70ern und vor allem in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts an Bedeutung ein, da er dem großen Publikum als „Vorfilm“ nicht mehr zugänglich war. In der jüngsten Vergangenheit verhinderten wirtschaftliche Interessen der Filmbetriebe die Publikation kurzer Filme.

Wie schon kurz angerissen wurde, wird der Kurzfilm vornehmlich auf entsprechenden Festivals am Leben gehalten. Vorreiter sind hier die Oberhausener Kurzfilmtage, die über die deutschen Grenzen hinaus ihren Stellenwert besitzen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Städte, in denen regelmäßig Kurzfilmfestivals stattfinden (Hamburg, Regensburg).

[...]


[1] Die Kurzfilmtage 2003 sind gerade eben zu Ende gegangen (1-6. Mai 2003).

[2] Karnik, O., Entwicklungen werden verschlafen. Gespräch mit Las Henrik Gass in: filmdienst. Kino-Fernsehen-Video, herausgegeben vom Katholischen Institut für Medieninformation in Zusammenarbeit mit der Katholischen Filmkommission für Deutschland Heft 9/2001 (54.Jg.), Themenheft „Kurzfilm“, S. 23 (die Zeitschrift wird im folgenden zitiert als „ filmdienst 9/2001“)

[3] Vgl. Ders..

[4] Vgl. hierzu und im folgenden: Dittgen, A., Es gibt ihn wirklich. Stationen der deutschen Kurzfilmgeschichte in: filmdienst 09/2002, S. 9-11, hier: S. 9.

[5] Die Filme aus dem us-amerikanischen Raum werden hier nicht berücksichtigt.

[6] Vgl. hierzu und im folgenden: Baacke, D., Schäfer, H., Vollbrecht, R., Treffpunkt Kino. Daten und Materialien zum Verhältnis von Jugend und Kino, Weinheim u.a. 1994, S. 53 (zitiert: Baacke, Treffpunkt).

[7] Das ist jetzt sehr kurz gefasst und soll auch im Rahmen dieser Arbeit nicht näher umschrieben werden.

[8] Sehr schön deutlich wird dies in dem Film „cinema paradiso“ (I 1989), einem Film über die Geschichte eines sizilianischen Dorfkinos.

[9] Vgl. Dittgen, a.a.O.

[10] Vgl. Löser, C., Viele Filme , wenig Leinwand. Von den Schwierigkeiten, Kurzfilme ins Kino zu bringen, in: Filmdienst 9/2001. In diesem Kontext ist eine Besonderheit der münsterander Kinolandschaft von Bedeutung: Die Monoplstellung in Münster ermöglicht es, dass Programmkinos wie das Schlosstheater von den großen Kinos mitgetragen werden und dort ein ansprechendes Programmkino exisitert, in dem auch der Kurzfilm seinen Stellenwert hat.

[11] Vgl. dazu das Programm der Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen 2003 unter www.kurzfilmtage.de (Zugriff am 5. Mai 2003).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
LEBEN IN DER SCHACHTEL? Kurzfilme in der Bildungsarbeit
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Inst. III Sozialpädagogik, Weiterbildung und empirische Pädagogik)
Veranstaltung
Seminar: Neue Medien in der Erwachsenenbildung
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V14722
ISBN (eBook)
9783638200417
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Seminararbeit befasst sich mit wesentlichen Inhalten der Struktur-funktionalen Film- und Fernsehanalyse nach L. Mikos, entwickelt anhand des Kurzfilms "When The Day Breaks" (Can 2000)
Schlagworte
LEBEN, SCHACHTEL, Kurzfilme, Bildungsarbeit, Seminar, Neue, Medien, Erwachsenenbildung
Arbeit zitieren
Marius Stelzer (Autor), 2003, LEBEN IN DER SCHACHTEL? Kurzfilme in der Bildungsarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14722

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