Theorie oder Toolkit – Quo vadis, Erzählsituation?

Eine Analyse der Typologie der Erzählsituationen von Franz K. Stanzel und der Vergleich mit neueren Ansätzen


Hausarbeit, 2006

21 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 methodische Vorgehensweise

3 Zur Person Franz K. Stanzel

4 Die Typologie der Erzählsituationen
4.1 Auktorialer Erzähler
4.2 Ich-Erzähler
4.3 Personaler Erzähler

5 Der Typenkreis

6 Kritik an Stanzels Typologie
6.1 Jürgen H. Petersen
6.2 Gérard Genette

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Wenn jemand sich seit einem halben Jahrhundert mit der gleichen Idee beschäftigt, wird man sie als Lebenswerk dieses Menschen bezeichnen. Wenn die Idee sich seit dieser Zeit der öffentlichen Aufmerksamkeit in ihrem Wissenschaftsbereich sicher ist, kann man nicht umhin, sie als etwas Großes zu begreifen. Das große Lebenswerk vom Literaturwissenschaftler und Erzählforscher Franz K. Stanzel heißt Erzählsituationen.

Wer ist das, der uns anspricht, uns etwas erzählt, sobald wir ein Buch aufgeschlagen und einen Blick auf das Innere geworfen haben? Franz K. Stanzel kann nicht nur die Antwort auf diese Frage geben. Doch er ist natürlich nicht (mehr) der Einzige, der sich mit diesem Sachverhalt beschäftigt. Kritiker mit eigener Ansätzen und anderen Antworten proben den Aufstand. Es werden sogar schwere Geschütze aufgefahren, wie sich an Stanzels Reaktion in einem mit „Kritischer Vampirismus: Jürgen Petersen versus F.K. Stanzel" betitelten Kapitel ablesen lässt: „Von ganz anderer Art sind die mißgelaunten, arroganten und unredlichen Vorwürfe, mit denen Jürgen Petersen seit einem Vierteljahrhundert meine Arbeiten kommentiert" (Stanzel 2002, 82). Stanzel wirft dem Kritiker sogar vor, nur von dessen Arbeiten zu profitieren, indem er sie später in entstellter Form für sein eigenes Werk verwerte.

Doch der Reihe nach: Ziel dieser Arbeit soll die Klärung der schlichten Frage sein, ob Stanzel auch nach fünfzig Jahren noch aktuell und logisch stringent sein kann oder zurecht kritisiert wird. Wer schneidet besser ab im Vergleich, der Altmeister oder die Herausforderer? Kann sich Stanzels Kreis der Erzähltypen behaupten oder wird er sich beispielsweise dem Quadrat und Diktat eines Jürgen H. Petersen unterwerfen müssen?

2 methodische Vorgehensweise

Diese Arbeit ist wie nach einem überschaubare Muster aufgebaut. Nach einem kurzen Überblick über die Vita von Franz K. Stanzel möchte ich ausführlich auf die Typologie der Erzählsituationen eingehen. Im folgenden sollen sich bei der detaillierten Vorstellung von zwei anderen Positionen im Vergleich zeigen, was Stanzels Typologie und vor allem sein Modell zu leisten vermag. Die Arbeit soll schließlich in einer Zusammenfassung abgeschlossen werden.

Fast verzichtet wird in dieser Arbeit auf Literaturbeispiele aufgrund der zu geringen Erfahrung meinerseits und mangelndem Platz. Jedoch lassen sich sowohl bei Stanzel als auch bei seinen Kritiker in den entsprechenden Werken zahlreiche Beispiele aus vielen Romanen finden.

3 Zur Person Franz K. Stanzel

Dr. Dr. h.c. Franz Karl Stanzel erblickte am 04. August 1923 in Molln, Oberösterreich, das Licht der Welt. Er studierte Anglistik, Germanistik und Vergleichende Sprachwissenschaften in Graz und an der Harvard Universität. Nach der Promotion 1950 war er als Assistent am Institut für Englische Philologie und als Lehrbeauftragter für Englisch und Amerikakunde am Dolmetschinstitut der Universität Graz angestellt. 1955 habilitierte sich Stanzel in Englische Philologie, um 1957 Diätendozent an der Universität Göttingen zu werden und zwei Jahre später Ordinarius für Englische Philologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Seit 1962 lehrte er wieder an seiner Heimat-Universität Graz bis zur Emeritierung 1993.

Seine bekanntesten wissenschaftlichen Arbeiten sind geprägt von seiner Erfindung der Erzählsituationen. Dieses Modell, das er zum ersten Mal bereits 1955 in „Die typischen Erzählsituationen im Roman" vorstellte, verwendete er leicht verändert auch in den anderen Werken. Häufig benutzte Begriffe wie auktorialer oder personaler Erzähler, die heute jeder Gymnasiast erklären kann und die aus der Erzähldiskussion nicht wegzudenken sind, sind auf ihn zurückzuführen. Sie gehören heute zum allgemeinen Sprachgebrauch.

Durch seinen Typenkreis der Erzählsituationen bekannt geworden, darf man Franz K. Stanzel auf eine Stufe mit Käte Hamburger und Eberhard Lämmert stellen. Das neueste Werk, die vierte wichtige Beschäftigung mit den Erzählsituationen, erschien 2002 unter dem Titel „Unterwegs – Erzähltheorie für Leser". In diesem Buch blickt der gealterte Stanzel zurück auf sein Wirken, u.a. indem er Bezug auf seine zahlreichen Kritiker nimmt und herausstellt, was ihm das Wichtigste ist und war: Die Erzähltheorie zu einem einfachen Handwerk im Sinne des Lesers zu machen.

4 Die Typologie der Erzählsituationen

Franz K. Stanzel wollte eine Typologie erstellen, mit der die innere Perspektivierung und die verschiedenen Modi der Erzählweise erfasst werden können. Der in diesem Zusammenhang auftauchende Begriff Erzählsituation wurde von Stanzel erfunden und geprägt.

Ich möchte Stanzels Annäherungsweise an diesen Begriff erläuternd vorstellen. Gegenstand ist „Typische Formen des Romans” in der Auflage von 1972. Hier führt Stanzel seine „Typen der Erzählsituation" (Stanzel 1972, 11) erstmals ein. Es handelt sich sozusagen um die „mittlere" Ausgabe. Stanzel veröffentlichte seine Typologie schon 1955 in „Die typischen Erzählsituationen im Roman" und veränderte sie mehrmals, grundlegend eben 1972 und 1989 in „Theorie des Erzählens". Ich beziehe mich in erster Linie auf bereits erwähntes Werk.

Gleich zu Beginn des entsprechenden Kapitels verweist er auf ein Zitat von Quintillian[1], der in „Institutio Oratoria" zwei Erzählweisen differenziert. Stanzel nennt sie „einen knapp zusammenfassenden, auf das Ergebnis oder die Folgen eines Geschehens zielenden Bericht und eine die Einzelheit des Geschehnisablaufes ausführlich schildernde Darstellung” (ebd.). Der Erzählerbericht besteht aus einer knappen, distanzierten Vermittlung von Informationen über eine in der Vergangenheit abgeschlossene Handlung. Die szenische Darstellung, von Stanzel als "mimetisch" beschrieben, bezieht den Leser mehr mit ein, während sie den Gegenstand detaillierter "abbildet". Es wird darauf hingewiesen, dass diese Formen – berichtende Erzählung und szenische Darstellung – für die „Konstituierung der typischen Erzählsituationen” wichtig seien . „Der Gehalt einer Erzählung ist in einem wesentlichen Teil eine Funktion der Erzählweise und der Erzählform" (ebd.).

Das heiße jedoch nicht, dass sie als (alleinige) Grundlage für eine Festlegung von Typen gelten. Schließlich könnten Darstellung und Bericht miteinander verbunden in einem Text vorkommen. Zudem werde die Verwendung der Erzählformen durch ihre Vermittlung festgelegt. So stößt Stanzel auf der Suche nach einem brauchbaren Ansatzpunkt für die Typisierung auf den Erzähler selbst[2].

Das Durchspielen von Texten mit verschiedenen Erzählern (in denen sich die „Mittelbarkeit des epischen Vorganges" konkretisiert) zeige, dass dem Narrator eine wichtige Funktion zukommt: „Eine Typologie des Romans, die in ihrem Ansatz die gesamte Erzählsituation in einem Roman, d.h. beiden Gegebenheiten, das Auftreten eines Erzählers in einer bestimmten Rolle und das Vorherrschen einer der beiden Grundformen des Erzählens, erfaßt, zielt auf jene entscheidende Stelle im Gefüge des Romans, wo sich am ehesten das Ineinanderwirken und die gegenseitige Abhängigkeit von Darstellungsform und Gehalt nachweisen läßt" (ebd. 15f). Ohne Umschweife kommt er zu seinen drei typischen Erzählsituationen.

4.1 Auktorialer Erzähler

An erster Stelle die auktoriale Erzählsituation, die er mit der Anwesenheit eines kommentierenden Erzählers kennzeichnet, der dem Autor identisch zu sein scheint. Stanzel erkennt dennoch eine „eigentümliche Verfremdung der Persönlichkeit des Autors in der Gestalt des [auktorialen] Erzählers" (Stanzel 1972, 16).

Die Wahl des auktorialen Romans geht, laut Stanzel, meistens mit der Form des Erzählerberichts einher (vergl. ebd. 16). Weil sehr oft diese Art der Vermittlung ausgewählt worden sei, unterschätzte oder beachtete man vielfach deren spezifischen Möglichkeiten nicht. Dabei stehe, wird festgehalten, das Auktoriale einer Leser-Interpretation wohlgesonnen gegenüber: „Wichtige Anhaltspunkte, dafür, wie sich der Leser zu ihm einzustellen hat, liefert bereits die vom Erzähler angenommene Rolle [...]. Daraus sind bereits Schlüsse auf die Lage seines Standpunktes, seine Perspektive und die Weite seines Beobachtungshorizontes zu ziehen" (ebd. 18).

Auch das „Zu-Wort-Melden" des Erzählers mit der eigenen Meinung, Anmerkungen, etc. verrate dem Leser mehr über die (fiktive) Person des Erzählers. „Da der Leser in allem, was die Geschichte betrifft, auf den Erzähler angewiesen ist, wird für ihn in einem auktorialen Roman diese Seite der Persönlichkeit des Erzählers immer von größtem Interesse sein" (ebd. 19) und die „Einmengungen üben [...] einen vom Leser nicht bewusst wahrgenommenen Einfluss auf ihn aus" (ebd. 20).

Gleichzeitig stehe das grundsätzliche Vorhandensein eines Erzählers für die Verläßlichkeit und Authentizität der Geschichte, weil er sozusagen für diese bürgt. Die Antwort auf die Frage – Warum spricht Stanzel von einem Erzähler und nicht beispielsweise von einer reinen Erzählfunktion ? – kann möglicherweise auf diesem Weg geliefert werden. Denn dem Grundbedürfnis des Lesers nach den genannten Eigenschaften kann mit der Vorstellung von einer figurähnlichen Erzählinstanz besser nachgekommen werden. Allerdings trifft das eher auf die Ich-Erzählsituation, in der die Erzählinstanz als Figur identifiziert werden kann.[3] Das fällt in den meisten Fällen mit einer auktorialen Erzählsituation ungleich schwerer, da der Narrator über Innensicht der Figuren und einen alles umfassenden Überblick über das Geschehen verfügt. Die personale Erzählsituation schließlich lässt für die Interpretation des Narrators als Figur am wenigsten Raum.[4] Hier zeigt sich, welche Problematik mit dem Erzähler-Begriff einhergeht. Der Terminus Erzählfunktion und damit keine Zuordnung zu der Figurensparte könnte diese ersparen. Denn die angesprochene Rolle des Erzählers, sein Umfeld oder eine Charakterisierung, wird, um Stanzel zu widersprechen, auch kaum dargestellt im Roman. Für die Leser steht nicht der Narrator, sondern der Plot im Vordergrund.

Jochen Vogt führt zu diesem Sachverhalt aus: „Und dennoch wäre es falsch, diesen zugleich `persönlichen´ und namenlosen Vermittler und seine Aufgabe an der Grenzlinie von (fiktiver) Figurenwelt und empirischer Welt des Autors bzw. der Leser zu ignorieren. Am ehesten könnte man diese Aufgabe mit der Rolle und Funktion eines Spielleiters am Rande der Bühne vergleichen [...]. Diese metaphorische [...]Vorstellung der Rolle eines fiktiven `Erzählers´ [...] wird der ambivalenten Natur dieses Zwischenwesens jedenfalls eher gerecht als seine Überhöhung zur Romanfigur oder seine Degradierung zum bloßen Effekt der Erzählfunktion." (Vogt 1998, 48f). Vogt plädiert für den Erhalt des Erzähler -Begriffes. „Unter all diesen Vorbehalten also sollten wir den fiktiven Erzähler als eine `begriffliche Hilfskonstruktion, ein Kürzel für komplexe Struktur-verhältnisse´[5] gelten und wirken lassen, ihn dabei klar vom Autor des Erzählwerks unterscheiden und ihn zu guter Letzt auch von den Anführungszeichen befreien, die seine Existenz und Tätigkeit bisher in Frage gestellt haben" (ebd. 49).

Zurück zu Stanzel; dieser weist darauf hin, dass der Erzähler ebenso eine geschaffene Instanz sei wie die Charaktere einer Erzählung (vergl. Stanzel 1972, 16). Er geht allerdings nicht auf die Unterschiede ein. Der Autor erschafft den Erzähler und verleiht ihm spezifische Merkmale, die ihn von den Figuren abheben. Dessen fiktive Funktion ist es, die Geschichte inklusive Figuren zu vermitteln. Über den Erzähler lässt der Autor die Figuren entstehen. Beides – Erzähler und Figuren – sind somit geschaffene Instanzen, jedoch mit verschiedenen Funktionen. Diese Differenzierung fehlt bei Stanzel.

[...]


[1] eigentlich Marcus Fabius Quintilianus, (um 35 bis ca. 96 n. Chr.), römischer Rhetoriker

[2] Der Erzähler kann allerdings auch in verschiedenen Formen in einem Text vorkommen, wie Stanzel später selbst feststellt

[3] Vergl. dazu das von Jochen Vogt (Vogt 1998, 46 f) zitierte „Die Logik der Dichtung" von Käte Hamburger (1998), Stuttgart: Klett Contra Verlag.

[4] s. S. 9.

[5] Vogt folgt damit einem Vorschlag Dieter Meindls (S. 229) aus dessen Aufsatz „Zur Problematik des Erzählerbegriffs. Dargestellt anhand einiger neuerer deutscher Erzähltheorien", in: Willi Erzgräber (Hg.) (1978): Zur Terminologie der Literaturwissenschaft und Literaturkritik. LiLi Verlag. Heft 30/31. 206-30.

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Details

Titel
Theorie oder Toolkit – Quo vadis, Erzählsituation?
Untertitel
Eine Analyse der Typologie der Erzählsituationen von Franz K. Stanzel und der Vergleich mit neueren Ansätzen
Hochschule
Universität Siegen
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V147330
ISBN (eBook)
9783640581207
Dateigröße
645 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz K. Stanzel, Stanzel, Erzählsituationen, Erzählsituation, Ich-Erzähler, Genette, Petersen, Typologie, Erzählung, Erzähler, auktorialer Erzähler, Narration, Personaler Erzähler, Typenkreis
Arbeit zitieren
Daniel Efler (Autor), 2006, Theorie oder Toolkit – Quo vadis, Erzählsituation?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147330

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