Die zwei Tugenden des Niccolo Machiavelli

Über die Wechselbeziehung von Republik und Fürstenherrschaft in Machiavellis politischem Denken


Essay, 1997
10 Seiten

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Politische Tugend , Dekadenz und Herrschertugend

III. Republik und Fürstentum im zyklischen Geschichtsbild

IV. Resümee

Quellen- und Literaturverzeichnis:

I. Einleitung

In den 90-iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde in der Politik und in den Medien vielfach und immer wieder gerne von den Tugenden der Bürger gesprochen. Dabei wurde die Diskussion durch zwei Sichtweisen bestimmt. Konservative Politiker betonten mit Vorliebe das Element der Opferbereitschaft der Bürger für den Staat. Im Gegensatz dazu wiesen Politikwissenschaftler, wie Herfried Münkler[1], auf das besondere Freiheitsverständnis der politischen Tugend in der Theoriegeschichte hin, nämlich Freiheit als gleichbedeutend mit dem Recht, ja beinah der Pflicht zur politischen Partizipation und öffentlichen Diskussion. Die Ausübung der Partizipationsrechte scheint dabei an keinen oder einen nur rudimentär vorhandenen institutionellen Rahmen gebunden zu sein[2].

Das beide Vorstellungen der gleichen Wurzel entspringen wird deutlich, wenn man die Elemente zusammenfaßt, die den Diskurs über die politische Tugend von der Antike bis zur Frühen Neuzeit bestimmt haben: Der Staat besteht aus der Gemeinschaft der Bürger. Diese Bürger setzen sich für ihren Staat ein. Sie opfern ihr Leben bei seiner Verteidigung und sie sind politisch aktiv. Sie überwinden ihre vitalen Interessen und Egoismen zu Gunsten des Gemeinwesens. Im Gegensatz zum Kontraktualismus, wo die Menschen durch Zwangsmittel dazu bewegt werden, ihre Egoismen zu begrenzen, handeln sie im Tugenddiskurs aus der Einsicht heraus, dass sie dem Gemeinwesen ihr Leben und ihr Hab und Gut verdanken . Durch diese Einsicht wird das Gemeinwesen stabilisiert. Gefährdet wird diese Stabilität durch die Dekadenz. Sie erwächst zwangsläufig aus der Ruhe eines nach innen und außen stabilen und sicheren Gemeinwesen. Diese Ruhe fördert Müßiggang, Luxus und Egoismus. Das Anwachsen dieser Kräfte, läßt die Opferbereitschaft der Bürger sinken. Damit der Verfall der Sitten nicht zur völligen Zerstörung des Staates führt, muß dem Treiben der Bürger mit staatlichem Zwang begegnet werden[3]. Diese Kehrseite des Tugenddiskurses wird jedoch meistens von den Apologeten der politischen Tugend übersehen[4]. Im Folgenden wird am Beispiel der Schriften von Niccolo Machiavelli das Verhältnis von politischer Tugend der Bürger und der Herrschaft des Fürsten betrachtet.

II. Politische Tugend , Dekadenz und Herrschertugend

Machiavellis politisches Denken ist im wesentlichen durch die Pole Republik der Bürger - Herrschaft des Fürsten geprägt. Die Republik der Bürger zeichnet sich durch ein tugendhaftes Volk aus. Dieses Volk ist wehrhaft. Die Bürger brauchen keine Söldner anmieten, sondern verteidigen ihren Staat selber. Dies ist auch der Grund für den Wohlstand eines Gemeinwesens. In seiner Darstellung der Zustände in Deutschland schreibt Machiavelli:

"Die Soldaten kosten sie (die Städte, M.R.) nichts, weil die Bürger bewaffnet und in Übung erhalten werden. An Festtagen übt sich die ganze männliche Bevölkerung, statt zu spielen, mit der Büchse, mit der Pike, mit dieser oder jener Waffe, wobei sie dem Geschicktesten Ehre erweisen und Preise austeilen, (...). Für die Besoldung und dergleichen geben die Städte wenig aus. So ist heute jede Stadt als Gemeinwesen reich." [5]

Der einzelne Bürger ist genügsam und nimmt engagiert an den politischen Vorgängen teil, wie Machiavelli am Beispiel der Ständekämpfe der Römischen Republik verdeutlicht[6]. Die Stärke eines Gemeinwesens, das auf der Tugend seiner Bürger basiert, ist gleichzeitig auch seine Schwäche:

"Nach den Worten antiker Schriftsteller pflegen sich die Menschen im Unglück zu grämen und im Glück ihres Zustandes überdrüssig zu werden, wobei beide Gemütsverfassungen die gleichen Wirkungen hervorbringen. Wenn nämlich die Menschen einmal nicht aus Not zu kämpfen brauchen, tun sie es aus Ehrgeiz, denn dieser ist in der Brust so mächtig, daß er ihn nie verläßt, wie hoch er auch steigen mag. Die Ursache dieser Erscheinung liegt darin, daß die Natur die Menschen so geschaffen hat, das sie zwar alles begehren, aber nicht alles erreichen können. Da nun das Verlangen, etwas zu erwerben, immer größer ist als die Fähigkeit hierzu, so entsteht daraus Unzufriedenheit mit dem was man besitzt, und ferner die Erkenntnis, welch geringe Befriedigung der Besitz gewährt." [7]

Die Gier des Menschen führt dazu, daß jeder nach dem Besitz des anderen strebt. Die individuellen Interessen und Egoismen verdrängen die Sorge um das Ganze. Der Staat als die Gemeinschaft der Bürger zerfällt. Genau dieser Zustand ist es aber, von dem aus Machiavelli seinen 'Fürsten' konzipiert hat.

Dieser Fürst hat die Aufgabe die Stabilität des Gemeinwesens auch gegen die Interessen der Untertanen zu garantieren. Die Interessen des Fürsten müssen die des Staates sein. Die Maßstäbe für sein Handeln entspringen dem Zustand der Dekadenz und sind durch Machivellis negatives Menschenbild bestimmt. Unter anderem schreibt er:

"Ein kluger Fürst darf daher sein Versprechen nie halten, wenn es ihm schädlich ist oder die Umstände unter denen er es gegeben hat, sich geändert haben.

Diese Grundregel würde nicht gut sein, wenn alle Menschen gut wären. Weil aber alle böse und schlecht sind und in dem gegebenen Falle dem Fürsten ihr gegebenes Versprechen auch nicht halten würden, so berechtigt ihn dieses, auch wortbrüchig zu werden." [8]

Der kluge Fürst zeichnet sich nach Machiavelli also dadurch aus, dass er die Sachzwänge aber auch die günstigen Gelegenheiten erkennt und entsprechend die Initiative ergreift. Mit diesem Klugheitsbegriff säkularisiert Machiavelli den Klugheitsbegriff des Christentums[9]. Zu Machiavellis Klugheit gehört es aber auch, daß sich ein Herrscher den Anschein gibt, im Besitz der Tugenden zu sein, die von den christlichen Fürstenspiegeln des Mittelalters propagiert wurden.

[...]


[1] Herfried Münkler, Die Idee der Tugend, in: Archiv für Kulturgeschichte 73 (1991), S.379-403.

ders., Politische Tugend. Bedarf die Demokratie einer sozio-moralischen Grundlegung? in: ders. (Hrsg.), Die Chancen der Freiheit - Grundprobleme der Demokratie, München 1992, S.26-46.

[2] Daher kann die politische Tugend auch leicht als Gegenmodell zur Parteiendemokratie propagiert werden, wie z.B. im Spiegel-Spezial "Die Erde 2000 - Wohin sich die Menschheit entwickelt" (4/1993), S.128-137.

[3] Münkler 1992, S.30.

[4] Obwohl sie von H. Münkler deutlich herausgearbeitet wurde.

[5] Niccolo Machiavelli, Politische Schriften, Frankfurt. a.M., 1990, S.364.

[6] Discorsi I 4 u. I 37

[7] Disc.I 37

[8] Principe XVI

[9] Siehe hierzu: Jürgen Mittelstraß, Politik und praktische Vernunft bei Machiavelli, in: Ottfried Höffe, Der Mensch - ein politisches Tier? Stuttgart 1992, S.44-47.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die zwei Tugenden des Niccolo Machiavelli
Untertitel
Über die Wechselbeziehung von Republik und Fürstenherrschaft in Machiavellis politischem Denken
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Autor
Jahr
1997
Seiten
10
Katalognummer
V147358
ISBN (eBook)
9783640583041
ISBN (Buch)
9783640583553
Dateigröße
378 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das beigefügte Essay ist die leicht überarbeitete Fassung eines Essays, das ich 1997 verfasst hatte, dass aber bis jetzt nicht zur Veröffentlichung gelangt ist. Mit freundlichen Grüßen Dr. Matthias Runge
Schlagworte
Discorisi, Bürgerhumanismus, Bürgertugend, Machiavelli, Machiavellismus, Herfried Münkler, politische Theorie im Mittelalter, Der Fürst, IL Principe, Mischverfassung, zyklisches Geschichtsbild, Polybios, Staatsformenlehre, Renaissance
Arbeit zitieren
Dr. Phil Matthias Runge (Autor), 1997, Die zwei Tugenden des Niccolo Machiavelli, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147358

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die zwei Tugenden des Niccolo Machiavelli


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden