Minne und Erotik in Wolframs Parzival

Eine narratologische Untersuchung der Kemenateszene (Parzival und Condwîr-âmûrs)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

1. Einleitung

Einer der faszinierenden Aspekte im „Parzival“ Wolframs von Eschenbach ist die Entwicklung Parzivals vom Jungen, der im Wald fern jeder Zivilisation aufwächst, hin zum höfischen Ritter. Diese Faszination speist sich aus der Spannung zwischen den kulturellen Normen der „hövescheit“ und ihrer Nichtbefolgung durch Unkenntnis.

Eine Leistung des Texts ist, dass diese Spannung sich nicht nur inhaltlich wieder findet, sondern auch auf der Ebene des narrativen Texts vorhanden ist.

Um diese Bedeutungsebenen adäquat zu beschreiben, bietet sich das von Gerard Genette in „Die Narration“ entwickelte textanalytische Instrumentarium an, auf das ich mich hauptsächlich beziehen werde. Dort wird zwischen dem Signifikat „Geschichte“[1] und dem Signifikant „Erzählung“[2] unterschieden und somit die oben skizzierte Besonderheit des Texts beschreibbar gemacht.

Benutzt man dieses textanalytische Werkzeug um sich beispielsweise die erste Zusammenkunft von Parzival und Condwîr-âmûrs[3] - unter zwei Augen in einem privaten Raum - anzusehen, so fällt folgendes auf:

Dieser Textabschnitt wirkt allein schon durch die auch in mittelalterlichen Texten topische Situation erotisch, zumindest auf den heutigen Rezipienten.

Betrachtet man aber nüchtern, was tatsächlich an Handlungen und Sprechakten in der Textstelle erzählt wird, so stellt man fest, dass keine sexuelle Handlung stattfindet und es keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass eine der Figuren die doch hoch brisante Situation als erotisch empfindet.

Dies geht sogar soweit, dass Parzival und Condwîr-âmûrs in der Sekundärliteratur deswegen eine „enge und emotional stark wertbesetzte Minnebeziehung [attestiert wird], in der sexuelle Aneignung und soziale Praktikabilität an zweiter Stelle stehen.“[4]

Diese Position, die stellvertretend für andere stehen kann, übersieht jedoch, dass das „Wie“ der Narration mit dem „Was“ der Narration nicht übereinstimmen muss, ja ihm sogar widersprechen kann. Denn obwohl aus der Geschichte die Erzählung abstrahiert werden kann, sind beide nicht identisch.

Mit dieser Prämisse stellt sich die Frage, ob Erotik tatsächlich in Wolframs Text abwesend ist.

Das Thema Sexualität, und somit auch die Erotik, unterliegen im Mittelalter eben jenen im Parzival so bedeutungsvollen Konventionen der „hovescheit“, genauer: der Minne.

Immer wieder wurden von der Forschung Versuche unternommen zu rekonstruieren was Minne bedeutet, jedoch „was höfische Liebe ist, scheint heute weniger sicher zu sein als vor 100 Jahren. Alle Einzelheiten und die ganze Konzeption sind umstritten.“[5]

Dennoch stimmt die Forschung, die sich mit Minne beschäftigt, weitgehend darin überein, dass Minne ein Sexualität regulierendes System gewesen ist: „Rationalisierung der Liebe, Kontrolle der Affekte, Sublimierung der Triebhaftigkeit: das waren in der Tat Kennzeichen der höfischen Liebe“[6]

Da sich aber auch Minne mit Liebe und Sexualität beschäftigt, kann Minneliteratur trotz des ihr unterliegenden Werte- und Regel-Kanons durchaus erotisch auf die Rezipienten gewirkt haben. Auch wenn beispielsweise Sex, d.h. „bî-ligende minne“ ausgeschlossen wird, so wird diese Art der Minne beim Manöver der Ausgrenzung zumindest genannt und kann auf die Rezipienten wirken.

Es ist jedoch schwer einzuschätzen, welche literarischen Darstellungen oder „Abbildungen, […] möglicherweise schwächer oder vielleicht auch stärker erotisch auf den mittelalterlichen Menschen gewirkt haben, als wir dies heutzutage empfinden.“[7]

Wenn also in dieser Arbeit der Begriff „Erotik“ verwendet wird, dann ist er auf der Annahme begründet, dass der Reiz, der davon ausgeht über Sexualität zu sprechen, eine anthropologische Konstante ist.

„Minne“ dagegen meint hier den höfischen Konventionen unterliegenden Umgang zwischen Mann und Frau, der Sexualität ausschließt. Die Verwendung des Minnebegriffs in dieser Arbeit ist allerdings keine Fortschreibung der von Philologen des 19. Jahrhunderts aufgestellten Dichotomie zwischen „hoher“ und „niederer“ Minne. Er leitet sich vielmehr aus dem Gebrauch des Worts „Minne“ in der Textstelle selbst ab:

„Lîâzen minne“[8], d.h. die Liebe zu einer abwesenden Frau motiviert Parzival eine ritterliche Tat zu vollbringen und Condwîr-âmûrs politisch zu helfen. Hier steht „minne“ allein.

Wird das Wort dagegen im Zusammenhang mit Sexualität verwendet, ist es in beiden Fällen mit Epitheten versehen, aus denen klar wird, dass von dieser Art der Minne gesprochen wird. „Solche[..] minne / diu solhen namen reizet / der meide wîp heizet“[9] und „bî ligende[…] minne“[10]. Hier wird sichtbar, dass Minne, die mit dem Verlust der Jungfräulichkeit bzw. mit Sex verbunden ist, gesondert markiert wird.

Ziel dieser Arbeit ist es zu untersuchen, welchen Raum Minne und Erotik im oben skizzierten Sinne in Wolframs Text haben.

[...]


[1] In Genettes Terminologie bedeutet „Geschichte“ das „Signifikat“, „den narrativen Inhalt“, das ‚Was’ der Handlungen und der Sprechakte, die durch den Akt der Narration produziert werden. Gérard Genette: Die Erzählung. München 1998, S. 16.

[2] „Erzählung“ bedeutet in Genettes Terminologie das „Signifikant“, den „narrative[n] Text“, das ‚Wie,’ die durch den Akt der Narration produziert werden. Ebenda.

[3] Wolfram von Eschenbach: Parzival. Nach der Ausgabe Karl Lachmanns revidiert und kommentiert von Eberhard Nellmann Übertragen von Dieter Kühn. Eberhard Nellmann (Hg.). Frankfurt am Main 1994, 192,1-196,8.

[4] Sonja Emmerling: Geschlechterbeziehungen in den Gawan-Büchern des ‚Parzival’. Tübingen 2003, S. 303.

[5] Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München 1999, S. 504.

[6] Ebenda, S. 540.

[7] Maria E. Dorninger: Liebe und Erotik in mittelalterlichen Handschriften. Geschichten und Bilder (in) der Bibel. <http://www.uni-salzburg.at/pls/portal/docs/1/543160.PDF> (Zugriff 11.04.08), S. 17.

[8] Parzival, 195,11.

[9] Ebenda, 192,11ff.

[10] Ebenda, 193,4.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Minne und Erotik in Wolframs Parzival
Untertitel
Eine narratologische Untersuchung der Kemenateszene (Parzival und Condwîr-âmûrs)
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V147397
ISBN (eBook)
9783640570058
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minne, Erotik, Wolfram von Eschenbach, Parzival, Narratologie, Genette, Kemenate, Thema Parzival
Arbeit zitieren
Anja Schmidt (Autor), 2008, Minne und Erotik in Wolframs Parzival, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147397

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