Bestimmt unsere Sprache unsere Art, in der wir denken und unsere Welt sehen? Was genau ist dran am sprachlichen Relativitätsprinzip, welches bekannt als die Sapir-Whorf-Hypothese Mitte des letzten Jahrhunderts erstmalig für Unruhe gesorgt hat. Verschiedene Sprachen bringen verschiedene Funktionsweisen, verschiedene Grammatiken, mit sich, die wir wie selbstverständlich erlernen und zumeist gar unhinterfragt anwenden. Solch Unterschiedene können beispielsweise die Rolle des Subjekts im Satz betreffen, die explizite Kennzeichnung von Geschlechtszugehörigkeit oder die Beschreibungsweisen transzendenter Weltaneignung, wie die deiktischen Kennzeichnungen 'links' und 'rechts' oder morphosyntaktische Betrachtungsweisen auf die eigene Person: ich, mich, mir. Viele Sprache haben ihre Besonderheiten, die sie von anderen Sprachen unterscheiden, wodurch es oft eine schwierige Aufgabe ist, sie ineinander zu übersetzen. Einige Sprachen bestehen aus einem gigantischen Wortschatz und komplexen grammatikalischen Strukturen, andere sind scheinbar viel simpler aufgebaut. Können sie aber das gleiche aussagen, und viel wichtiger: erfassen sie beiden den epistemologischen Sinn der Welt in gleichem Maße oder erscheint uns die Welt auf eine andere Art und Weise, je nachdem wie wir gelernt haben, über unsere Welt zu sprechen?
Denn das ist der Kern der Sapir-Whorf-Hypothese: wir denken in den Strukturen und Kategorien, die uns unsere (Erst)sprache vorgibt. Verschiedene Sprecher besitzen kulturell divergierende Fertigkeiten, die Welt d.h. den stream of consciousness zu dekodieren. Diese Arbeit zeigt die Entstehungsgeschichte dieser Forschungsarbeit, indem sie sich engmaschig insbesondere an die Originalschrift von Benjamin Whorf hält und nicht nur einzelne Zitate verwendet, welche in Vergangenheit oft zu wörtlich genommen und falsch verstanden wurden. Später schließt sie ein Resumée in Kontext zum heutigen Forschungsstand der kommunikativen Wirklichkeit. Muss ich tatsächliche alle Sprachen der Welt sprechen und gegeneinander abwiegen, um die Einsicht in eine objektive Wirklichkeit zu erhalten?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das sprachliche Relativitätsprinzip
3. Sprache, Denken und Welt
4. Darstellung und Entstehung der Sapir-Whorf-Hypothese
4.1 Wilhelm von Humboldt
4.2 Edward Sapir
4.3 Benjamin Lee Whorf
5. Heutige kommunikative Bedeutung der Sapir-Whorf-Hypothese
5.1 Nichtsprachliche Konzeptualisierungen
5.2 Die sprachliche Beschreibung der Welt
5.3 Konklusion
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Sapir-Whorf-Hypothese, um deren reale Bedeutung für die heutige Kommunikation über die verbreitete Fehlinterpretation eines strikten Sprachdeterminismus hinaus zu bewerten.
- Historische Herleitung des Relativitätsprinzips durch Wilhelm von Humboldt, Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf.
- Differenzierung zwischen sprachlicher Prädisposition und tatsächlicher Determination des Denkens.
- Analyse der Bedeutung von Sprache als kommunikatives Werkzeug versus strukturgebendes System.
- Kritische Überprüfung empirischer Ansätze zur nichtsprachlichen Konzeptualisierung.
- Gegenüberstellung von Sprachstrukturen und deren Einfluss auf die räumliche Orientierung und Weltbeschreibung.
Auszug aus dem Buch
4.1 Wilhelm von Humboldt
Das einflussreiche Sprachgenie Wilhelm von Humboldt rückte Anfang des 19. Jahrhunderts „die Natur der Sprache und ihre Beziehung auf den Menschen im Allgemeinen“ wieder in den Mittelpunkt der Wissenschaft. Sein stark philosophisch geprägtes und begründetes Konzept der Relativität, dessen These, trotz ihrer eher schwachen Formulierung, starke Ähnlichkeit zu den Worten Whorfs aufweist, ging zwar in der rapiden geisteswissenschaftlichen Entwicklung des 19. Jahrhundert zeitweilig unter, wurde dann aber unter Trier und Weißgerber Anfang der dreißiger Jahre wieder aufgelebt. In Anlehnung an den Begriff des ‚Organons‘ bezeichnet er die Sprache als ‚Energeia‘, als ‚Thätigkeit‘. Er stellte die dynamische Natur der Sprache als treibende und erzeugende Kraft der Gedanken dar und distanzierte sich gleichzeitig von der „statischen Auffassung der Sprache als ‚todtes Erzeugtes‘, als Werk (Ergon)“. Die Sprache ist also nicht einfach so da; sie wird nicht einfach erzeugt und stirbt dann ab, geht vorüber oder liegt dem Menschen tätigkeitslos vor. Sie ist mehr als das bloße phonetische Phänomen eines Lauts, der zeitweilig zwecks Kommunikation erzeugt wird und dann wieder verstummt. Sie lebt ständig in unserer Kognition fort, eine Reproduktion unserer Gedanken, ein wechselseitiger Prozess aus ‚Werk‘ (Ergon) und ‚Thätigkeit‘ (Energeia):
Die Sprache, in ihrem wirklichen Wesen aufgefasst, ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung, die es doch erst wieder bedarf, dass man dabei den lebendigen Vortrag zu verinnerlichen sucht. Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Thätigkeit (Energeia). Ihre wahre Definition kann daher nur eine genetische seyn. Sie ist nemlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den articulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Entstehung der Sapir-Whorf-Hypothese in der Öffentlichkeit und definiert das Ziel der Arbeit, diese kritisch neu zu bewerten und von Fehlinterpretationen abzugrenzen.
2. Das sprachliche Relativitätsprinzip: Dieses Kapitel erläutert die zentrale Stellung Benjamin Lee Whorfs bei der Formung des Relativitätsprinzips und thematisiert die Herausforderungen bei der Interpretation seiner oft impliziten und provokativen Thesen.
3. Sprache, Denken und Welt: Es wird die philosophische und methodische Problematik der Messbarkeit von Kognition diskutiert sowie das Verhältnis zwischen Sprache, Denken und der externen Weltgrundlage untersucht.
4. Darstellung und Entstehung der Sapir-Whorf-Hypothese: Das Kapitel liefert eine detaillierte Analyse der theoretischen Wegbereiter: Wilhelm von Humboldt (4.1), Edward Sapir (4.2) und Benjamin Lee Whorf (4.3), deren Ideen die Grundlage dieser linguistischen Strömung bilden.
5. Heutige kommunikative Bedeutung der Sapir-Whorf-Hypothese: Hier erfolgt eine Untersuchung, ob Sprache das Denken und die Weltwahrnehmung maßgeblich prägt (5.1) und wie unterschiedliche Sprachsysteme die räumliche Beschreibung beeinflussen (5.2), mündend in einer Konklusion (5.3).
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass Sprache zwar eng mit Denken verwoben ist, für den Aspekt der alltäglichen Kommunikation jedoch keine determinierende, bedeutungstragende Rolle spielt.
Schlüsselwörter
Sprachliche Relativität, Sapir-Whorf-Hypothese, Linguistischer Determinismus, Sprachphilosophie, Kognition, Weltbild, Benjamin Lee Whorf, Wilhelm von Humboldt, Edward Sapir, Sprachstruktur, Kommunikation, Konzeptualisierung, Semantik, Grammatik, Sprachdidaktik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelor-Thesis grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Entstehung und die inhaltliche Bedeutung der Sapir-Whorf-Hypothese, um zu klären, inwieweit Sprache das Denken determiniert und welche Auswirkungen dies auf die heutige Kommunikation zwischen Sprechern verschiedener Sprachen hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die linguistischen und philosophischen Grundlagen des Relativitätsprinzips, die Einflüsse von Humboldt, Sapir und Whorf sowie die empirische Überprüfbarkeit der These vor dem Hintergrund aktuellerer kognitionswissenschaftlicher Erkenntnisse.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Sapir-Whorf-Hypothese von einer oft angenommenen, aber wissenschaftlich nicht haltbaren stark deterministischen Sichtweise zu lösen und zu prüfen, ob sie für den Aspekt der zwischenmenschlichen Kommunikation tatsächlich von Bedeutung ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine gründliche Betrachtung der Primär- und Sekundärliteratur, um die Thesen der Wegbereiter historisch korrekt einzuordnen und durch kontrastive Sprachvergleiche und aktuelle psycholinguistische Befunde zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die philosophische Rückschau auf Humboldt, die ethnologisch geprägte Sprachforschung von Sapir und Boas sowie die detaillierten Sprachbeispiele von Whorf, gefolgt von einer modernen Diskussion über die Universalität vs. Relativität sprachlicher Kategorien.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Master- oder Bachelorarbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Sprachliche Relativität, Determinismus, Weltbildkonstitution, Sprachstruktur, symbolisches Zeichen und kommunikative Pragmatik charakterisiert.
Inwiefern beeinflusste die Grammatik des Hopi Whorfs Überlegungen?
Whorf nutzte das Beispiel der Hopi-Sprache, um aufzuzeigen, dass ein völlig anderes Zeit- und Raumverständnis als im indogermanischen Sprachraum existieren kann, was er als Indiz für einen Einfluss der Sprache auf die Kategorisierung der physikalischen Wirklichkeit wertete.
Welche Rolle spielt die Unterscheidung zwischen Konzept und Begriff?
Die Unterscheidung ist entscheidend, da Konzepte mentale Repräsentationen von Welterfahrungen darstellen, die jedoch erst dann zum sprachlichen Begriff werden, wenn ein kommunikativer Bedarf innerhalb einer Gemeinschaft besteht, ein spezifisches Zeichen dafür zu etablieren.
- Arbeit zitieren
- Leon Röhr (Autor:in), 2019, Sprachliche Relativität. Die Entstehung und Darstellung der Sapir-Whorf-Hypothese und ihre heutige Bedeutung für die Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1474071