Zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in ausgewählten Werken Benno Pludras der 60er und 70er Jahre


Examensarbeit, 2009

112 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in der sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur
II.1 Zur Bedeutung der sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur für die Entwicklung sozialistischer Persönlichkeiten
II.1.1 Funktion und Aufgabe der Kinder- und Jugendliteratur
II.1.1.1 Exkurs: Der sozialistische Realismus
II.1.2 Zur sozialistischen Persönlichkeit
II.2 Zur Gestaltung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft in der Kinder- und Jugendliteratur
II.2.1 Der kindliche Held im Spannungsverhältnis zum Kollektiv
II.2.1.1 Modelle zur Gestaltung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft
II.2.2.1.1 Ein Kollektiv als Protagonist
II.2.2.1.2 Ein kindlicher Protagonist bildet ein Kollektiv
II.2.2.1.3 Kollektiv und Außenseiter
II.2.2.1.4 Einer allein
II.2.1.2 Abschließende Betrachtung

III Zum epischen Schaffen Benno Pludras
III.1 Zu den Werken der fünfziger Jahre
III.2 Zu den Werken der sechziger Jahre
III.3 Zu den Werken der siebziger Jahre

IV Zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in ausgewählten Werken Benno Pludras der 60er und 70er Jahre
IV.1 „Lütt Matten und die weiße Muschel“(1963)
IV.1.1 Zur Erzählung
IV.1.2 Zu den Figuren
IV.1.2.1 Zur Hauptfigur Lütt Matten
IV.1.2.2 Zur Nebenfigur Fischer Matten
IV.1.2.3 Zur Nebenfigur Mariken Guldenbrandt
IV.1.2.4 Zur Nebenfigur Kaule Brammig
IV.1.3 Der kindliche Held im Spannungsverhältnis zum Kollektiv
IV.1.3.1 Die Eltern-Kind-Beziehung
IV.1.3.2 Die Beziehung zu weiteren Figuren
IV.1.3.2.1 Die Beziehung zu anderen Kindern
IV.1.3.2.1.1 Zum Verhältnis Lütt Matten - Mariken
IV.1.3.2.1.2 Zum Verhältnis Lütt Matten - Kaule Brammig
IV.1.4 Diskussion des Schlusses
IV.1.5 Abschließende Betrachtung
IV.2 Exkurs: „Tambari“ (1969)
IV.3 Insel der Schwäne (1980)
IV.3.1 Zur Erzählung
IV.3.2 Zu den Figuren
IV.3.2.1 Zur Hauptfigur Stefan Kolbe
IV.3.2.2 Zur Nebenfigur Hermann Kolbe
IV.3.2.3 Zu weiteren Nebenfiguren
IV.3.3 Der kindliche Held im Spannungsverhältnis zum Kollektiv
IV.3.3.1 Zur Eltern-Kind-Beziehung
IV.3.3.2 Die Beziehung zu anderen Figuren
IV.3.3.2.1 Zum Verhältnis Stefan Kolbe - Hausmeister Brämer
IV.3.3.2.2 Die Beziehung zu anderen Kindern
IV.3.3.2.2.1 Zum Verhältnis Stefan Kolbe - Harald der Kanute
IV.3.3.2.2.2 Zum Verhältnis Stefan Kolbe - Anja Kowalski
IV.3.3.2.2.3 Zum Verhältnis Stefan Kolbe - Ecki
IV.3.4 Diskussion des Schlusses
IV.3.5 Abschließende Betrachtung

V Zusammenfassung

VI Literaturverzeichnis

Anhang

I Einleitung

„Das Leben der Kinder ist so schön und so schwer wie unser Leben; ihre Konflikte sind nicht kleiner, ihre Sorgen mitunter größer, weil sie wehrloser sind und Hilfe brauchen.“1

Mit diesen Worten verdeutlicht Benno Pludra, wem in seiner 40-jährigen Tätigkeit als Schriftsteller sein Hauptinteresse galt, nämlich den Kindern. Kinder stellen unvollendete Persönlichkeiten dar, die erst in Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt entscheidende Erkenntnisse über das Leben gewinnen und ein Bewusstsein für sich selbst und ihre Umgebung entwickeln. Doch da, wo kindliche Vorstellungen und Verhaltensweisen mit Normen und Zwängen der Erwachsenenwelt zusammentreffen, entstehen Widersprüche und Spannungen, die von Kindern ohne die Hilfe der Erwachsenen oftmals nicht überwunden werden können.2 Es ist diese „Phase der Menschwerdung“3, der er in seinen Werken besondere Aufmerksamkeit widmet. Dabei geht seine Tätigkeit als Kinder- und Jugendbuchautor mit dem persönlichen Anspruch einher, dem jungen Leser grundlegende Impulse für die individuelle Aneignung der Welt, mit all ihren Möglichkeiten, Grenzen und Widersprüchen zu vermitteln, ihm eine Erweiterung des eigenen Erkenntnis- und Erfahrungshorizontes zu ermöglichen und somit einen Beitrag für die Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeit zu leisten. So verbindet Pludra das Schreiben für Kinder mit dem Bestreben „im Leben der Kinder etwas grundieren zu helfen, eine Fähigkeit in ihnen (…) entwickeln zu helfen, die für das ganze Leben wirksam werden könnte, nämlich die Kraft zum Sehen und Erleben.“4

Pludras besonderes Interesse an Kindern veranlasste ihn dazu, bis weit in die 90er Jahre hinein Kinder- und Jugendbücher zu verfassen. Sein Gesamtwerk, das über 40 Veröffentlichungen umfasst, wurde 2004 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Zu diesem Zeitpunkt ist Pludra bereits 75 Jahre alt und blickt auf eine 48 Jahre währende schriftstellerische Tätigkeit zurück. Dabei erlebte Pludra seine wohl produktivste und erfolgreichste Phase als Kinder- und Jugendbuchautor in der Deutschen Demokratischen Republik5, in der er als junger Nachwuchsautor debütierte und zu einem der bedeutendsten Schriftsteller der sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur6 avancierte. So nahm Benno Pludra in Auseinandersetzung mit den Aufgaben, Möglichkeiten und Problemen, die sich mit dem Aufbau der neuen Gesellschaftsordnung des Sozialismus zu Beginn der fünfziger Jahre verbanden, seine schriftstellerische Tätigkeit auf.7 Dabei sollte die Kinder- und Jugendliteratur vor allem der Herausbildung und Festigung sozialistischer Persönlichkeiten dienen, die in ihren Interessen, Wünschen und Bedürfnissen mit denen des Kollektivs übereinstimmen und sich als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft maßgeblich am Aufbau des Sozialismus beteiligen. Da sich die Herausbildung der sozialistischen Persönlichkeit jedoch nicht unabhängig vom sozialen Umfeld vollzieht, ist die Darstellung des kindlichen Protagonisten in Wechselbeziehung zu seiner Umwelt ein wesentlicher Bestandteil des in sozialistischen Kinder- und Jugendbüchern dargestellten Wirklichkeitsbereichs. Denn in der Auseinandersetzung des kindlichen Helden mit der sozialistischen Gesellschaft, vor allem im Spannungsverhältnis zu den Erwachsenen, die in ihrer erzieherischen Funktion auf den Entwicklungsprozess der jungen Generation und die damit verbundene Aneignung sozialistischer Bewusstseinsinhalte einen entscheidenden Einfluss nehmen, werden „gesamtgesellschaftliche Beziehungen“8 offenbart.

Mit fortschreitender Entwicklung der neuen Gesellschaftsordnung taten sich vor allem in der Mitte der sechziger und in den siebziger Jahren, begünstigt durch die Kultur- und Jugendpolitik der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands9, zunehmende Widersprüche zwischen sozialistischer Ideologie und den realen gesellschaftlichen Verhältnissen auf. So litt vor allem die junge Generation unter der steten Kontrolle und dem Misstrauen, das ihnen seitens der Gesellschaft entgegengebracht wurde, und begann sich immer mehr vom sozialistischen Gemeinschaftsideal zu entfernen. Diese gesellschaftliche Entwicklung, die Entfremdung des Individuums von der Gemeinschaft, wurde auch von Benno Pludra wahrgenommen und ästhetisch verarbeitet. Dabei wird in seinen Werken der sechziger und siebziger Jahre eine Akzentverschiebung hinsichtlich der Darstellung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft deutlich, die in der Verschärfung der Konflikte zwischen Erwachsenen und Kindern Ausdruck findet und oftmals das tragische Scheitern des kindlichen Helden an den scheinbar unüberwindbaren Widersprüchen der sozialistischen Gesellschaft zur Folge hat.

Hauptanliegen dieser Untersuchung ist es, herauszuarbeiten, wie das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft vom Autor selbst wahrgenommen, bewertet und in seinen Werken dargestellt wird. Dabei soll der Schwerpunkt vor allem auf der Akzentverschiebung in der Darstellung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft in ausgewählten Werken der sechziger und siebziger Jahre liegen, da sich hier hinsichtlich der Konfliktgestaltung und -lösung eine Intensivierung sowie ein Wandel hin zum Tragischen vollzieht. In diesem Zusammenhang soll untersucht werden, wie Pludra das veränderte Spannungsverhältnis zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv literarisch verarbeit, welche realen gesellschafts- politischen Entwicklungen dieser Verschiebung zugrunde liegen und welche Anforderungen sich daraus für das Verhalten der Gesellschaft ergeben. Des Weiteren gilt es zu untersuchen, inwiefern Pludras Werke zur qualitativen Weiterentwicklung der sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur beitrugen. Die sozialistische Auffassung vom Menschen und dessen Verhältnis zur Gesellschaft leitet sich aus der marxistisch-leninistischen Philosophie her, welche die Grundlage für ideologische Überzeugungen und politische Entscheidungen der SED bildete. Der Einfluss des historischen Materialismus auf die Menschenkonzeption des Sozialismus der DDR macht jedoch umfassende Untersuchungen erforderlich, die im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden können. Da die sozialistische Kinder- und Jugendliteratur in ihrer stofflich- thematischen Gestaltung der sozialistischen Ideologie verpflichtet und der Entwicklung sozialistischer Persönlichkeiten dienlich war, werden zunächst allgemeine Tendenzen hinsichtlich der Darstellung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft in sozialistischen Kinder- und Jugendbüchern aufgezeigt. In den Ausführungen zum epischen Schaffen Benno Pludras wird sowohl die Schriftstellerpersönlichkeit als auch die Bedeutung des Autors für die qualitative Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendliteratur näher betrachtet. Dabei werden jene kulturpolitischen Entwicklungen einbezogen, die für die Weiterentwicklung seiner Werke von Bedeutung sind. Anschließend folgen Untersuchungen zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in den ausgewählten Werken „Lütt Matten und die weiße Muschel“ (1963), „Tambari“ (1969) und „Insel der Schwäne“ (1980), da sie sich zum einen aufgrund ihres hohen ästhetischen Anspruchs und zum anderen ihres bedeutenden Stellenwertes in der sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur wegen am besten dazu eignen, Veränderungen in der Darstellung der Erwachsenen-Kind-Beziehung aufzuzeigen und allgemeine Entwicklungstendenzen der Kinder- und Jugendliteratur abzuleiten. Die für den Untersuchungsgegenstand gewählten Werke stellen nicht nur wichtige Etappen in der schriftstellerischen Tätigkeit Pludras dar, sondern verarbeiten darüber hinaus vom Autor wahrgenommene reale gesellschaftliche Widersprüche, die vor allem in den sechziger und siebziger Jahren an Schärfe zunahmen. Der Roman „Tambari“ soll in diesem Zusammenhang nur in seinen Hauptzügen betrachtet werden, da dieser hinsichtlich der Figuren- und Konfliktgestaltung eine Art Zwischenposition einnimmt. Im Werk „Insel der Schwäne“, welches 1980 veröffentlicht wurde, bezieht sich der Autor auf gesellschaftliche Entwicklungen der siebziger Jahre, da Pludra bis zur Vollendung des Romans mehrere Jahre benötigte. In den nachfolgenden Ausführungen werden der Untersuchung entnommene Erkenntnisse zusammengefasst und Schlussfolgerungen abgeleitet. Dabei sollen die gewonnenen Ergebnisse nicht den Anspruch erheben, auf alle Werke des Autors oder der sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur gleichermaßen übertragbar zu sein, vielmehr können durch die nähere Betrachtung der ausgewählten Werke tendenziell Rückschlüsse auf den Stellenwert des Einzelnen in einer sozialistischen Menschengemeinschaft gewonnen werden.

II Zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in der sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur

II.1 Zur Bedeutung der sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur für die Entwicklung sozialistischer Persönlichkeiten

II.1.1 Funktion und Aufgabe der Kinder- und Jugendliteratur

Die Entwicklung der KJL als wichtiger Bestandteil der sozialistischen Nationalliteratur der DDR unterlag einer systematischen staatlichen Förderung und Kontrolle und ging mit dem Bestreben des Staates um die Herausbildung „einer dem Sozialismus gemäßen Literatur für Kinder und Jugendliche“10 einher. Dabei ist die dem Sozialismus dienliche KJL eine in ihrer Funktion und Wirkungsabsicht der Staatsideologie verpflichtete Literatur und somit ein Instrument der sozialistischen Erziehung des Lesers.

Es gehört zu den Merkmalen der Kinder- und Jugendliteratur im Sozialismus, dass sie sich in grundsätzlicher Übereinstimmung mit der herrschenden Arbeiterklasse und dem sozialistischen Staat befindet und mehr und mehr zu einer gesamtgesellschaftlichen Angelegenheit wird.“11

Dabei wurde der literarische Entwicklungsprozess tendenziell durch sich verändernde Auffassungen über die Aufgabe der Literatur geprägt, die sich in der Auseinandersetzung mit den gesamtgesellschaftlichen Veränderungen in den jeweiligen Entwicklungsphasen der sozialistischen Gesellschaft ergaben. Lag der inhaltlich-thematische Schwerpunkt der KJL zunächst auf der faschistischen Vergangenheitsbewältigung, so wurde zu Beginn der fünfziger Jahre der demokratisch-sozialistischen Erziehung der jungen Generation sowie der Vermittlung und dem Verständnis der neuen sozialistischen Gesellschaftsform zunehmende Bedeutung beigemessen.12 So lag es im Interesse des Staates, vor allem Kinder und Jugendliche, als zukünftige Generation und bedeutende Komponente für den Aufbau des Sozialismus, für das gesellschaftlich Neue zu gewinnen. In diesem Zusammenhang wurde das Potential der KJL für die effektive Verbreitung und Herausbildung sozialistischer Werte und Normen sowie deren Bedeutung als Instrument der Formung und Erziehung sozialistischer Persönlichkeiten erkannt und zum Gegenstand der Kunst und Kulturpolitik der SED erhoben.13 Allerdings setzte die Entwicklung der KJL als wichtiger Bestandteil der Nationalliteratur auch ein im sozialistischen Sinne gebildetes Leserpublikum voraus. So veranlasste die Erkenntnis über die „zunehmende Bedeutung von Kunst und Literatur für die Bildung und Erziehung der Heranwachsenden“14 den Staat auch im Bereich der Jugendpolitik zu Reformen. In dem von der Volkskammer im Jahre 1950 verabschiedeten „Gesetz über die Teilnahme der Jugend am Aufbau der Deutschen Demokratischen Republik und die Förderung der Jugend in Schule und Beruf, bei Sport und Erholung“ wurde auf die Pflicht der Schriftsteller verwiesen, „an der Schaffung einer neuen Kinder- und Jugendliteratur mitzuwirken, die die demokratische Erziehung der heranwachsenden Generation fördert.“ Unterstützt wurde diese Entwicklung unter anderem durch staatlich geförderte Preisausschreiben, welche vor allem junge Autoren dazu veranlasste, Kinder- und Jugendbücher zu verfassen. Es galt zunächst die mit dem Aufbau des Sozialismus verbundenen Aufgaben zu bewältigen und der jungen Generation das Wesen der neuen Gesellschaftsordnung zu vermitteln. So richtete sich der stark „aufklärerische […] und erzieherische […] Gestus“15 der frühen KJL auf die Entscheidung des Lesers für den Sozialismus und auf die Herausbildung sozialistischer Werte und Überzeugungen. Die Erziehung der jungen Generation zu aktiven, im Sinne der sozialistischen Gesellschaft handelnden Bürgern findet auch in den Ausführungen Emmrichs, Altners und Arolds Eingang, wenn sie der KJL folgende Funktion zuschreiben:

Sozialistische Kinder- und Jugendliteratur ist zuerst und vor allem eigens für Kinder und Jugendliche geschriebene Literatur. Sie ist in ihrer gesellschaftlichen Funktion darauf gerichtet, im Kinde und im Jugendlichen den sich entwickelnden Staatsbürger, das aktiv mitgestaltende Glied der sozialistischen Gemeinschaft heranzubilden.16

Auch Johannes R. Becher erkannte das Potential der KJL für die sozialistische Persönlichkeitsentwicklung des jungen Lesers.

Vom Deutschunterricht und von den Büchern, welche die Kinder zum Lesen erhalten, hängt es wesentlich ab, in welche Richtung ihr literarischer Geschmack sich entwickelt, ihr politisches Urteil, ihr Menschsein, ihr Menschlichsein.17

Somit kommt der KJL nicht nur eine gesellschaftliche, sondern auch eine politische Funktion zu, indem sie nicht nur sozialistische Überzeugungen vermittelt, sondern auch politische Ansichten prägen sollte.

Im Rahmen der sich weiterentwickelnden sozialistischen Gesellschaft und dem Eintritt in die Entwicklungsphase des umfassenden Aufbaus des Sozialismus zu Beginn der sechziger Jahre sah sich die KJL vor neue Anforderungen und Aufgaben gestellt. Mit dem Bau der Mauer im Jahre 1961 und der Sicherung der Staatsgrenze sowie der eingetretenen politischen und ökonomischen Stabilität der DDR „waren die objektiven und subjektiven Voraussetzungen für den Aufbau der entwickelten sozialistischen Gesellschaft […] gegeben.“18 Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte nun der Einzelne, der sich unter Ausschöpfung aller ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zur allseitig entfalteten sozialistischen Persönlichkeit entwickeln sollte. Von zentraler Bedeutung war nun nicht mehr die Entscheidung des Individuums für den Sozialismus. Vielmehr rückten die Entscheidungen, die von ihm im Sozialismus, d.h. in Auseinandersetzung mit dem sozialistischen Alltag getroffen wurden, in den Mittelpunkt.19 Doch gerade in Hinsicht auf die Übereinstimmung individueller Einstellungen und Bedürfnisse mit denen des Kollektivs taten sich Defizite auf, denen es entgegenzuwirken galt. Und auch hier wurde der bildende und erziehende Charakter von Literatur einbezogen. Vor allem die in der ersten und zweiten Bitterfelder Konferenz gefassten Beschlüsse von 1959 und 1964, die später auch unter dem Begriff „Bitterfelder Weg“ zusammengefasst wurden, hatten einen maßgeblichen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Literatur. Gefordert wurde unter anderem eine „Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben“20 als Voraussetzung für eine Annäherung von Autor, Werk und Leser. So kam der Literatur in dieser Entwicklungsphase die Aufgabe zu, „die Wandlung des sozialistischen Menschen zu gestalten, […] die sich vollziehenden Veränderungen im Menschen und in der Gesellschaft“21 aufzuzeigen. Doch eine praxisbezogene Literatur setzte allerdings auch eine aktive Teilnahme der Schriftsteller am Leben der Werktätigen voraus.22 Auf dem V. Parteitag äußerte sich Walter Ulbricht hinsichtlich der Rolle des Schriftstellers und der Literatur bei dem dialektischen Annäherungsprozess folgendermaßen:

Die Leistungen unserer volkseigenen Betriebe sollen durch Freundschaftsverträge und Studienaufträge … den Künstlern helfen, sich schneller in der künstlerischen Praxis unseres Lebens zur Kunst des sozialistischen Realismus zu entwickeln.23

Und weiter heißt es:

Die Dialektik der Entwicklung erkennen, das Neue fördern, an der Bewußtseinsentwicklung der Menschen mitwirken, das ist jetzt eine der wichtigsten Aufgaben der Genossen Schriftsteller.24

Allerdings wurden an die Autoren auch hohe ideologische Erwartungen bezüglich der Wirkungsweise ihrer Werke auf den gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsprozess formuliert.

Die ideologische Umwandlung wird schneller gehen, wenn uns die Schriftsteller, die Künstler dabei helfen, und sie wird langsamer gehen, wenn sie uns nicht helfen.25

Die von Ulbricht geforderte intensivere Auseinandersetzung der Autoren beziehungsweise Literatur mit der sozialistischen Lebenspraxis allein genügte aber nicht, um die breite Volksmasse zu erreichen. Vielmehr wurden zusätzliche Maßnahmen im gesamten Bereich der Literaturproduktion und -verbreitung ergriffen, um die gewünschte Weiterentwicklung der sozialistischen Gesellschaft zu gewährleisten. Vor allem das Verlagswesen und die Literaturpropaganda wurden einer stärkeren staatlichen Planung und Kontrolle unterstellt.26 Jedoch stieß der Versuch tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen allein durch Ideologie, Literatur und Kunst zu bewirken, in der praktischen Umsetzung der Programmatik an seine Grenzen. Die Erwartungshaltung gegenüber Literatur und Kunst erwies sich als überzogen und sei, Hörnigk zufolge, auf die „Überschätzung der Wirkungsmöglichkeiten von Literatur“27 zurückzuführen. Von der Annahme ausgehend, dass eine der breiten Masse zugängliche Literatur mit hohem ästhetischen Anspruch den gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsprozess beschleunigt, sei die Literatur mit politischen Anforderungen überlastet worden.28 Folglich konnte die Literatur der Anforderung nur unzureichend gerecht werden, dem Leser für alle gesellschaftlichen Probleme und Widersprüche eine Lösung anzubieten.29 Entgegen der ursprünglichen Aufgabe des Bitterfelder Weges eine Literatur zu schaffen, die die gesellschaftlichen Probleme und Widersprüche in der gegenwärtigen Phase des umfassenden Aufbaus des Sozialismus thematisiert und somit als Grundlage freier und spontaner Diskussionen dient, wich einer „von oben initiierten Kampagne“30 zur Durchsetzung einer ideologisch-politischen Programmatik, die einen nur sehr eingeschränkten Raum für eine produktive und kritische Auseinandersetzung mit relevanten gesellschaftlichen Gegebenheiten in Literatur, Kunst und Literaturkritik zuließ. In diesem Zusammenhang kritisierte der Schriftsteller Stefan Heym die in der Öffentlichkeit geführten Scheindiskussionen:

Wie tief das Sehnen nach Debatte und Diskussion in der sozialistischen Welt geht, kann man an der Tatsache ermessen, daß dort, wo der Rotstift des Zensors eine echte Diskussion verhindert, unechte Diskussionen mit viel Lärm und wie auf Kommando durchgeführt werden - Kontroversen ohne Kontroversen, über Fragen von minimaler Bedeutung; öffentliche Debatten über Bücher, in denen so welterschütternde Ereignisse behandelt werden wie das törichte Vorgehen eines Dorfbürgermeisters, der seinen Bauern eine falsche Art von Kuhställen aufzwingen will, oder die außereheliche Vaterschaft eines kleinen Parteisekretärs, der den Skandal vertuschen möchte.31

Letztendlich führte der Widerspruch zwischen der theoretisch vom Staatsapparat als erwünscht deklarierten Offenheit im Umgang mit gesellschaftlichen Problemen in Literatur und Kunst und der fehlenden Bereitschaft zu Zugeständnissen in der Praxis zum Scheitern des Bitterfelder Weges. Die literarische Entwicklung in den siebziger Jahren wurde durch einige politische Veränderungen beeinflusst. Mit der Amtsübernahme von Erich Honecker im Jahre 1976 sowie dem Beitritt in die Vereinten Nationen und den damit verbundenen zunehmenden westlichen Einfluss zeichnete sich eine Liberalisierungstendenz in Kunst und Kultur ab, welche sich durch „die Akzeptanz der unterschiedlichsten Kulturgattungen“32 auszeichnete. So distanzierte man sich von der unter Ulbricht geführten Kulturpolitik, indem man sich vom Idealbild einer sozialistischen Menschengemeinschaft verabschiedete und „die politisch-ideologischen Einflussmöglichkeiten auf die komplizierten Kunstprozesse“33 realistischer einschätzte. Und auch hinsichtlich der stofflich-thematischen Gestaltung von Literatur und Kunst sowie der Wahl künstlerischer Mittel zeichnete sich unter Honecker eine Liberalisierung ab, als er Folgendes äußerte:

Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben. Das betrifft sowohl die Fragen der inhaltlichen Gestaltung als auch des Stils - kurz gesagt: die Fragen dessen, was man die künstlerische Meisterschaft nennt.34

Doch eine solche Liberalisierungstendenz in Literatur und Kunst wird relativiert, wenn es heißt:

Wenn wir uns entschieden für die Weite und Vielfalt aller Möglichkeiten des sozialistischen Realismus, für einen großen Spielraum des schöpferischen Suchens in dieser Richtung aussprechen, so schließt das jede Konzession an bürgerliche Ideologien und imperialistische Kunstauffassungen aus.35

So blieben Literatur und Kunst nach wie vor hinsichtlich der Mittel der künstlerischen Gestaltung dem Staat, der sozialistischen Gesellschaft sowie den Prinzipien des sozialistischen Realismus verpflichtet. Dennoch zeichnete sich die Literatur der siebziger Jahre durch eine Weiterentwicklung aus. Befand sich in den sechziger Jahren die sozialistische Persönlichkeit in Auseinandersetzung mit dem sozialistischen Alltag im Fokus der Kunst- und Kulturpolitik, so wurde zu Beginn der siebziger Jahre die Rolle der ästhetischen Bildung bei der Weiterentwicklung des sozialistischen Menschentypus diskutiert. In Hinblick auf die Bedeutung der ästhetischen Erziehung für die allseitige Entwicklung der Persönlichkeit konstatierte Hager in einem Referat auf der 6. Tagung des Zentralkomitees der SED Folgendes:

Ohne Künste und ästhetische Ansprüche ist das Leben ärmer. Denn der Mensch braucht auch die Ausbildung seiner Sinne, seiner ethischen Anlagen, seiner Genußfähigkeit.36

Somit rückten das subjektive Rezeptionserlebnis des Einzelnen sowie dessen Bedürfnis nach Erholung und Entspannung in den Vordergrund literarischer Schaffensprozesse. In dieser Phase der entwickelten sozialistischen Gesellschaft erfüllte die KJL vor allem die Funktion der Befriedigung geistig-kultureller Bedürfnisse der Leserschaft auf hohem ästhetischen Niveau. Dabei sollten Kinder- und Jugendbücher zur Gestaltung des entwickelten gesellschaftlichen Systems des Sozialismus beitragen und durch die Schaffung eines Kunsterlebnisses die Weiterentwicklung der sozialistischen Persönlichkeit fördern.37 Pludra sah in der Einflussnahme der KJL auf die Gedanken- und Gefühlswelt der Leser einen wesentlichen Impuls für deren produktive Tätigkeit, welche für die ständige Weiterentwicklung des Verhältnisses zur Wirklichkeit eine wichtige Voraussetzung darstellt.38 Aber Literatur müsse darüber hinaus auch dazu beitragen, „das rechte Maß für die Einschätzung der Umwelt zu finden, ohne jedoch die guten Vorstellungen zu töten.“39 Denn über die Rezeption realistischer Kinder- und Jugendbücher, über die ästhetische Aneignung der Wirklichkeit sammeln die Heranwachsenden Erfahrungswerte für den Umgang mit Problemen und Widersprüchen, die sich in der Auseinandersetzung mit realen gesellschaftlichen Verhältnissen ergeben, und gelangen auf diese Weise zu „Selbst-, Menschen- und Welterkenntnis“40.

In der ständigen Auseinandersetzung mit der fortschreitenden sozialistischen Gesellschaftsform wurden auch Ansprüche und Aufgaben an die KJL formuliert, die maßgeblichen Einfluss auf ihre weitere Entwicklung nahmen. Dabei war die KJL sowohl in ihrer Funktion als auch in ihrer Gestaltung eine dem Staat und der sozialistischen Gesellschaft verpflichtete Literatur. Diente sie in ihrer frühen Entwicklungsphase der demokratischen Erziehung der jungen Generation sowie der Vermittlung des neuen sozialistischen Wertesystems, so standen die sechziger Jahre im Zeichen des Bitterfelder Weges und der Bewährung des Einzelnen im sozialistischen Alltag. In den siebziger Jahren ging es vordergründig um die vielseitige Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft und um die Befriedigung des Bedürfnisses nach ästhetischer Zerstreuung. Dabei unterstand sie stets der staatlichen Förderung und Kontrolle und hatte sich dem „gesellschaftlichen Auftrag“41 unterzuordnen. Dieser bestand vornehmlich in der Entwicklung der sozialistischen Persönlichkeit als Grundlage der angestrebten homogenen sozialistischen Menschengemeinschaft.

II.1.1.1 Exkurs: Der sozialistische Realismus

Die Ausführungen zu Funktion und Aufgabe der KJL in der DDR im vorangegangenen Kapitel enthalten wiederholt den Begriff des „Sozialistischen Realismus“, der aufgrund seiner Relevanz für die spätere Auseinandersetzung mit den von mir gewählten epischen Werken Benno Pludras näherer Erläuterung bedarf.

Im Vorwort zu dem Werk „Zur Theorie des sozialistischen Realismus“ wird der Begriff „Sozialistischer Realismus“ wie folgt definiert:

Der Begriff „Sozialistischer Realismus“ umschließt sowohl eine von historischen und ästhetischen Besonderheiten geprägte künstlerische Richtung innerhalb der Weltkunst als auch eine spezifisch künstlerische Methode der schöpferischen Wirklichkeitsaneignung.42

Der sozialistische Realismus als künstlerische Richtung entwickelte sich in den Jahren nach der Oktoberrevolution 191743, welche die Voraussetzungen für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaftsform in Russland schuf. Unter Stalin wurde die Methode des sozialistischen Realismus zu Beginn der dreißiger Jahre für alle Kunstformen in der UdSSR verbindlich.44 Dabei entstand in der Auseinandersetzung und Analyse der sozialistischen Lebensform sowie der marxistisch-leninistischen Weltanschauung eine „sozialistische Kunstprogrammatik“, die in ihrer Funktion und Ideologie eng mit der revolutionären Bewegung der Arbeiter in Verbindung stand.45

Im Wesen und ihrer Zielsetzung nach ist die sozialistisch-realistische Kunst Aneignung, Erkenntnis und ästhetische Wertung der Wirklichkeit vom Standpunkt der revolutionären Arbeiterklasse aus; sie ist spezifischer Ausdruck und zugleich Bestandteil der Ideologie dieser Klasse.46

Da sich die Ideologie der Arbeiterklasse aus den Überlegungen Marx´ und Engels zum historischen Materialismus herleitete, folgt auch die sozialistisch-realistische Literatur aufgrund ihrer engen Verbindung zur Arbeiterbewegung in ihren Grundlagen den Maximen der marxistischen Philosophie und dem darin entworfenen Bild einer neuen sozialistischen Gesellschaftsform. Der Literatur dieser künstlerischen Richtung kommt in diesem Zusammenhang die Aufgabe zu, den sozialistischen Menschen in der Auseinandersetzung mit realen gesellschaftlichen Verhältnissen abzubilden und ihn dazu zu bewegen, im Sinne der sich wandelnden Gesellschaft tätig zu werden.47 Bereits auf dem 3.

Schriftstellerkongress im Jahre 1952 setzte sich Johannes R. Becher für eine Abgrenzung des sozialistischen Realismus gegenüber anderen Stilrichtungen der Kunst und Literatur ein und betonte die Notwendigkeit einer Verbindlichkeit der künstlerischen Richtung für die Herausbildung einer eigenständigen nationalen Kunst in der DDR.

Der sozialistische Realismus ist darum nicht eine schöpferische Variante unter vielen, nicht eine schöpferische Möglichkeit unter anderen, sondern der sozialistische Realismus ist die einzige Möglichkeit, die einzige schöpferische Methode, welche zum Aufstieg einer großen deutschen nationalen Kunst führen kann.48

Als die einzige proklamierte Kunstform des Sozialismus folgte der sozialistische Realismus hinsichtlich des Ideengehalts, des Menschenbildes sowie der Wahl der künstlerischen Mittel den Prinzipien der Parteilichkeit und Volksverbundenheit.49

Die unveräußerlichen Grundlagen sozialistisch-realistischen Kunstschaffens - fester sozialistischer Standpunkt, Parteilichkeit und Volksverbundenheit - sind eine sichere Grundlage, um zunehmend die ganze Spannweite aller schöpferischen Möglichkeiten in der Kunst des sozialistischen Realismus, um eine reiche Vielfalt der Themen, Inhalte, Stile, Formen und Gestaltungsweisen zu erschließen.50

Somit geht die Verbindlichkeit des sozialistischen Realismus für die Kunstschaffenden mit einer fundierten sozialistischen Überzeugung sowie mit einer grundlegenden Übereinstimmung mit der Parteipolitik einher. In Hinblick auf die Erarbeitung struktureller Merkmale des sozialistischen Realismus beziehen sich die folgenden Ausführungen auf das im Autorenkollektiv unter der Leitung Harri Jüngers verfasste Werk „Der sozialistische Realismus in der Literatur“, welches dem Verfasser dieser Arbeit in der ersten Auflage aus dem Jahre 1979 vorliegt. Demnach würde sich Jünger zufolge die Struktur des sozialistischen Realismus als künstlerische Methode aus der Wechselbeziehung zwischen „der Idee, dem Prinzip und den Mitteln“51, die zur Realisierung des Prinzips in der Praxis herangezogen werden, ergeben. Dabei bestimme die Idee sowohl den Ausgangspunkt als auch das Ziel der Methode, während das Prinzip den praktischen Bezug herstelle. So bestünde die Idee des sozialistischen Realismus im Wesentlichen in der wahrheitsgetreuen Wiedergabe der Wirklichkeit, der Erziehung des Einzelnen zur sozialistischen Persönlichkeit sowie in einer optimistischen Grundhaltung gegenüber dem Sozialismus. Das Prinzip hingegen liege in der ästhetischen Reproduktion der sich verändernden, neuen Gesellschaftsform sowie in der Dialektik zwischen dem Menschen und seiner Umwelt. Um die Idee in eine wirkungsästhetische Form zu bringen und mit praktischem Sinn zu erfüllen, bediene sich der Künstler bestimmter Mittel. Da die Wahl der Mittel je nach Kunstschaffendem variiere, könne ein und dieselbe Idee auf sehr unterschiedliche und vielfältige Weise realisiert werden. Dabei umfasse der Begriff „Mittel“ das „gesamte […] breite und vielfarbige künstlerische Darstellungsspektrum“52. Vor allem auf ästhetischer Ebene bestand eine enge Verbindung des sozialistischen Realismus mit dem Prinzip der Parteilichkeit, welches Jünger zufolge den gesamten künstlerischen Schaffensprozess bestimme.

Das Prinzip der Parteilichkeit bestimmt und organisiert den gesamten Schaffensprozess, von der ersten Idee bis zu deren unmittelbaren Verkörperung im Kunstwerk, und die Sphäre seines aktiven Einflusses reicht von der Idee der künstlerischen Methode bis zu deren wichtigsten Funktionen, von der Ausgangsposition bis zum endgültigen Ergebnis.53

Somit sei es die Parteilichkeit, welche „als ideologische und ästhetische Kategorie“ die wesentliche Funktion der Kunstform des sozialistischen Realismus bestimme und sie in ihrer „Zielstrebigkeit und Wirksamkeit“54 bereichere. Jäger hingegen sieht in dem Prinzip der Parteilichkeit eher ein vom Staat festgelegtes Dogma, welches die sozialistische Einstellung des Künstlers sowie dessen grundlegende politische Übereinstimmung mit der SED gewährleisten sollte.

Parteilichkeit und Perspektivebewußtsein garantieren in dem skizzierten dogmatischen Modell die Übereinstimmung des sozialistischen Realisten mit der jeweiligen Parteipolitik und damit mit dem historischen Prozeß, den gesetzmäßig zu steuern die Partei für sich beansprucht.55

Neben dem Prinzip der Parteilichkeit kam dem sozialistischen Realismus noch ein weiteres verbindliches Merkmal zu, nämlich das der Volksverbundenheit. Der Aspekt der Volksverbundenheit diente in ideologischer sowie wirkungsästhetischer Hinsicht der „Eingängigkeit und Leichtverständlichkeit“ von Literatur und Kunst. Dabei zielte der Gebrauch der Sprache der Arbeiterklasse auf ein Verständnis von Literatur und Kunst durch die breite Volksmasse und würde somit die Voraussetzung für die sozialistische Erziehung des Volkes schaffen.56 So wurde die untrennbare Verbindung von Ethik und Ästhetik zum zentralen Anspruch an die Kunst und Literatur des sozialistischen Realismus. In dem „Beschluß des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik“ vom 30. November 1967 heißt es:

Die humanistische Wirksamkeit des Künstlers in unserer Gesellschaft beruht darauf, Werke des sozialistischen Realismus von hoher Qualität zu schaffen, einer Qualität, die ihre Maßstäbe sowohl aus dem Entwicklungsniveau der sozialistischen Gesellschaft als auch aus der großen realistischen Kunsttradition und den fortgeschrittensten Erfahrungen der sozialistischen Weltkultur, insbesondere der sowjetischen Literatur und Kunst, bezieht, einer Qualität, die - gegründet auf Parteilichkeit und Volksverbundenheit - sich durch Klarheit, Originalität, Phantasie und Wissen, durch eine hohe Kultur der künstlerischen Technik auszeichnet. Das bedeutet auch die Einheit von Ethik und Ästhetik immer wieder neu in der künstlerischen Gestaltung zu verwirklichen.57

So ist es diese untrennbare Verbindung von Ideologie und künstlerischer Methode, welche Jäger für Einschränkungen in der künstlerischen Freiheit und Vielfältigkeit verantwortlich macht.58 Denn in der Verbindlichkeit des sozialistischen Realismus für Kunst und Literatur manifestiere sich der Totalitätsanspruch des Staatsapparates, in welchem der Begriff des „Sozialistischen Realismus“ lediglich als „kulturpolitisches Losungswort“ 59 fungiere.

Die Erhebung in den Stand einer ästhetischen Kategorie sollte der kulturpolitischen Aufgabenstellung eine universale Gültigkeit verschaffen, ihr den Charakter einer Gesetzmäßigkeit unter den gesellschaftlichen Bedingungen des Sozialismus verleihen.60

Trotz einiger Einschränkungen und Probleme, die sich durch die Verbindlichkeit des sozialistischen Realismus in Kunst und Literatur sowie durch die staatliche Lenkung und Kontrolle ergaben, weist vor allem die KJL in ihren Entwicklungstendenzen einen Zuwachs an ästhetischer Qualität und gestalterischer Vielfalt auf. Sowohl der Schriftsteller als auch der Leser befinden sich in zunehmender Dialektik zueinander, welche sich zum einen in einer stärkeren wirkungsästhetischen Ausrichtung der Werke auf die wachsenden Bedürfnisse und Interessen der Leser und zum anderen in einer tieferen realistischen Darstellung verdeutlicht61, welche ihrerseits ein anspruchsvolles Niveau bei der ästhetischen Aneignung der Wirklichkeit durch den Leser gewährleistet. Dabei gingen die Kinder- und Jugendbuchautoren in der inhaltlichen Gestaltung und in der Wahl der künstlerischen Mittel oftmals an die Grenzen des Erlaubten. Das mag zum einen daran liegen, dass der Staat bezüglich der KJL mehr Abweichungen innerhalb der zulässigen Grenzen in der ästhetischen sowie stofflich-thematischen Gestaltung zuließ, als es vergleichsweise bei der Erwachsenenliteratur der Fall war. In welchem Maß ein Kinder- oder Jugendbuch vom Erlaubten abweichen durfte, hing dabei vom Einfluss des Autors oder der Verlage auf die jeweiligen Kontrollinstanzen ab.62 Die Gründe für eine solche Toleranz gegenüber künstlerischer Eigenheiten der KJL könnten zum einen im vergleichsweise geringen Alter der Zielgruppe liegen und dem damit verbundenen Unvermögen, eine systemkritische Intention des Werkes als solche zu erfassen.

Kinder hingegen, sind allem, was auf sie zukommt, relativ wehrlos ausgesetzt. Sie nehmen auf, was immer ihr Unterhaltungsbedürfnis oder ihre Wißbegier befriedigt, sie sind vorurteilsfrei, doch in gleicher Weise ohne ausreichend kritische Bildung, und der Anschein lehrt, daß ihr Verlangen immer gern wieder nach Lektüren geht, die den geringsten geistigen Anspruch stellen.63

Zum anderen beruhe die Nachsicht gegenüber der KJL Pludra zufolge darauf, dass Kinder- und Jugendbücher nur selten von Erwachsenen Lesern rezipiert wurden und wenn sie von einem Erwachsenen gelesen würden, dann würde der Lese- und Aneignungsprozess auf eine völlig andere Art und Weise erfolgen.

Die Neigung, Kinderbüchern gegenüber Nachsicht zu üben, hat wohl zu tun mit einem gewissen Traditionsgefühl, noch aus der Zeit, als die Kinderliteratur zur Spielecke der Gesellschaft gehörte, es hat auch zu tun mit der vielfach noch nicht ausreichenden Qualität, doch hauptsächlich, glaube ich, hat es zu tun mit dem Lesevermögen des Rezensenten. Er hat seine eigene Art zu lesen, er ist erwachsen.64

In diesem Zusammenhang verweist Pludra auf die Problematik der mangelnden Anerkennung der KJL als wichtiger Bestandteil der Nationalliteratur, welche sich eben in dieser Toleranz der Gremien gegenüber gemäßigten Abweichungen verdeutlicht.

II.1.2 Zur sozialistischen Persönlichkeit

Im Zuge des revolutionären Umwälzungsprozesses und des Aufbaus des Sozialismus stand die Herausbildung eines neuen sozialistischen Menschen als Grundlage der Schaffung einer homogenen sozialistischen Menschengemeinschaft im Zentrum kulturpolitischer Bemühungen der SED. In diesem Zusammenhang dienten auch Phrasen wie die „Erziehung zur allseitig entfalteten Persönlichkeit“ oder die „Herausbildung eines sozialistischen Bewusstseins“ als kulturpolitische Schlagwörter des Parteiprogramms. Welche Ansprüche der Staatsapparat an den neuen sozialistischen Menschen stellte und welche Rolle er im gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsprozess einnahm, soll im Folgenden näher erläutert werden.

Die Grundlage der sozialistischen Auffassung vom Menschen ergab sich aus der marxistischen Konzeption des historischen Materialismus, in der sich der Mensch in unmittelbarer Auseinandersetzung mit seiner Umwelt formt. In den „Thesen über Feuerbach“ schrieb Marx folgendes:

Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muss.65

Somit wird der Mensch als schöpferisches Wesen verstanden, welcher nicht nur ein Produkt gesellschaftlicher Entwicklungen darstellt, sondern vielmehr durch sein schöpferisches Tätigsein in der Lage ist, verändernd auf seine Umwelt einzuwirken. Hieraus ergibt sich ein wichtiges Moment des neuen sozialistischen Menschen, der ein Bewusstsein für die gesellschaftlichen Erfordernisse besitzt und sein Verhalten entsprechend ausrichtet.66

Auch in diesem Sinne ist der sozialistische Mensch kein blindes Objekt des Geschichtsprozesses, sondern Schöpfer der sozialistischen Gesellschaft; er muss aus dem objektiv gegebenen Möglichkeitsfeld des Verhaltens wählen, sich entscheiden und entsprechend handeln.67

Über die Ausrichtung der individuellen Handlungen zum Wohle der sozialistischen Gesellschaft definiert sich die neue Rolle des Einzelnen im gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsprozess.

Im Zentrum unseres Menschenbildes steht also die allseitig entwickelte sozialistische Persönlichkeit, die ihre Kenntnisse, Fähigkeiten, Überzeugungen, die Gesamtheit ihrer Wesenskräfte für die weitere Entwicklung des Sozialismus einsetzt.68

Dabei werden mit der sich entwickelnden sozialistischen Gesellschaft unterschiedliche Anforderungen an den Einzelnen gestellt, die eine ständige Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit erfordern.

Die bewußte mitgestaltende Teilnahme an der Lösung der Probleme, die die wachsende Kompliziertheit und Komplexität des gesellschaftlichen Systems den Menschen stellt, die sozialistische Demokratie, wird damit zu einer vorrangigen persönlichkeitskonstituierenden Kraft.69

Doch konstituiert sich die sozialistische Persönlichkeit nicht allein in der Auseinandersetzung des Individuums mit seiner unmittelbaren Umwelt, sie unterliegt vielmehr einer systematischen Förderung durch den Staat, der die Herausbildung des neuen Menschen zum zentralen bildungs- sowie kulturpolitischen Anliegen erhob. In diesem Zusammenhang kann dem Parteiprogramm der SED Folgendes entnommen werden:

Umfassender Aufbau des Sozialismus heißt Erziehung und Bildung des allseitig, d.h. geistig, moralisch und körperlich entwickelten Menschen, der bewußt das gesellschaftliche Leben gestaltet und die Natur verändert.70

Doch durch welche geistig und moralischen Eigenschaften und Überzeugungen zeichnet sich die sozialistische Persönlichkeit in der Ideologie des Sozialismus aus? In diesem Zusammenhang stellt Siegfried Rother in dem Aufsatz „Der 'neue sozialistische Mensch' in der Philosophie der DDR“ einige Hauptmerkmale der sozialistischen Persönlichkeit heraus. Demzufolge würde in seinem Verhältnis zur Arbeit, in seiner produktiv-schöpferischen Tätigkeit für den Sozialismus, ein zentrales Merkmal der sozialistischen Persönlichkeit zum Vorschein kommen, denn der „neue sozialistische Mensch ist der arbeitende Mensch“71

Im Prozeß der gesellschaftlichen Arbeit tritt der sozialistische Mensch in zunehmendem Maß als der schöpferische und bewußt Gestaltende tätig in Erscheinung, der sich des gesellschaftlichen Nutzens seines Tuns bewußt ist.72

Indem der Einzelne seine produktiven Fähigkeiten und Fertigkeiten bewusst und im Sinne der sich verändernden sozialistischen Gesellschaft einsetzt, wird er in zunehmendem Maß zum Gestalter der eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse und somit zur treibenden Kraft des sozialistischen Umwälzungsprozesses.

Indem nun der sozialistische Mensch bewußt die Zukunft plane und mitgestalte, trete er selbst in immer größerem Maß als eine Kraft auf, die die Entwicklung bestimme.73

Das Aktivwerden des Einzelnen für den Sozialismus setze darüber hinaus eine sozialistische Moral voraus, die von Rother auch als „höhere Sittlichkeit“ bezeichnet wird und welche den gesamten Lebensbereich des sozialistischen Menschen erfasse.74 In der Ideologie der DDR besitze derjenige eine sozialistische Moral, welcher „gute Taten für den Sozialismus“75 vollbringe. Diese Auffassung einer Moral ging mit dem Prinzip einer neuen Menschenwürde einher, die eine „Freiheit von Ausbeutung“, eine „allseitige Entwicklung der Individuen“ sowie eine „materielle und moralische Anerkennung und Stimulierung guter Leistungen“76 einschloss.

In diesem Zusammenhang deckt Rother den Widerspruch zwischen dem Begriff der Menschenwürde, so, wie er sich in der sozialistischen Ideologie darstellt, und dem tatsächlichen Verständnis der Würde eines Menschen, welche lediglich „in dessen Tätigkeit im Dienst der Gesellschaft“77 bestünde, auf. Vielmehr würde die sozialistische Moral in der Verpflichtung des Einzelnen bestehen, sich vollständig und vorbehaltlos mit der sozialistischen Gesellschaftsform zu identifizieren. Und Rother geht noch weiter, indem er aus dem Totalitätsanspruch des Staates gegenüber dem Einzelnen ein weiteres Merkmal der sozialistischen Persönlichkeit ableitet, das in einem „höheren gesellschaftlichen Bewußtsein“, das heißt, in der „Übereinstimmung von Individuum und Gesellschaft“, bestünde. Somit befindet sich das Individuum nicht nur im grundlegenden Einverständnis mit den sozialistischen Normen und Werten, sondern richtet auch die persönlichen Interessen, Ziele und Bedürfnisse auf die der Gesellschaft aus.78 So spricht Harder in einem Referat auf der 6. Tagung des Zentralkommitees der SED davon, dass „im Sozialismus […] die Interessen des Einzelnen und die Interessen der Gesellschaft grundsätzlich in Übereinstimmung“79 seien. Dabei verweist er auf die Bedeutung einer Dialektik zwischen Individuum und Gesellschaft, welche die wichtigste persönlichkeitskonstituierende Komponente darstelle.

Die Entwicklung allseitig entwickelter sozialistischer Persönlichkeiten ist nur möglich in und durch die Gesellschaft, in der Gemeinschaft, im Kollektiv.80

Denn in der gemeinsamen Lösung komplexer gesellschaftlicher Anforderungen besteht Emmrich zufolge das Wesen der sozialistischen Gemeinschaft.

Das Wesen der Gemeinschaft besteht darin, alle Menschen durch die Entwicklung ihrer geistigen Potenzen zu befähigen, die Probleme unserer Zeit als gemeinsam handelndes Kollektiv zu lösen, das die von ihm geschaffenen Maschinen- und Anlagesysteme beherrscht und sich ihrer zur höheren Entfaltung der Menschheit bedient.81

Und auch Eichhorn sieht in der Auseinandersetzung des Einzelnen mit seiner Umwelt, in dem Leben und Arbeiten in Kollektiven, nicht nur eine zentrale Voraussetzung, sondern auch eine Notwendigkeit für die Entfaltung einer sozialistischen Menschengemeinschaft.

Eine der Hauptvoraussetzungen und -aufgaben, um den Zielsetzungen sozialistischer Umwälzungsprozesse gerecht zu werden, besteht darin, die Gesellschaftlichkeit des sozialistischen Menschen bewußt zu entwickeln, den Kollektivismus als Grundprinzip sozialistischer Organisation gesellschaftlicher zwischenmenschlicher Beziehungen durchzusetzen und den Sozialismus dadurch als Menschengemeinschaft weiter zu entfalten.82

So schaffe die sozialistische Gesellschaft durch die Bildung und Erziehung ihrer Mitglieder, durch die Förderung eines Gemeinschaftsbewusstseins und die Bereitstellung materieller Güter die notwendigen Voraussetzungen für eine allseitige Persönlichkeitsentwicklung.

In der Entfaltung des Reichtums der sozialistischen Gesellschaft, der Entwicklung des sozialen Beziehungsreichtums zwischen Individuen und Kollektiven liegt die objektive Voraussetzung für eine wertvolle Individualentwicklung aller Menschen, für ihre Ausprägung zu sozialistischen Persönlichkeiten. Indem die sozialistische Gemeinschaft alle produktiven Kräfte entwickelt, materielle und geistige Güter produziert, Beziehungen gegenseitiger Achtung und kameradschaftlicher Hilfe schafft, die Menschen zu maximaler Nutzung ihrer individuellen Fähigkeiten sowie zum kollektiven Handeln erzieht, bringt sie die gesellschaftlichen Möglichkeiten zur Bereicherung der menschlichen Individualität hervor.83

Dabei komme in diesem Prozess der gegenseitigen Einflussnahme dem Individuum und der Gesellschaft aufgrund ihrer grundlegenden Übereinstimmung hinsichtlich gemeinsamer Ziele und Interessen der Status gleichwertiger Größen zu, die keineswegs als statische Komponenten zu verstehen seien, sondern sich mit den komplexen gesellschaftlichen Anforderungen einer fortschreitenden sozialistischen Gesellschaft stetig weiterentwickeln.84 Obwohl Eichhorn Widersprüche, die aus der geforderten Einheit des Einzelnen und dem Kollektiv entstehen könnten, nicht gänzlich außer Acht lässt, versucht er diese zu relativieren, indem er darauf verweist, dass eine sozialistische Persönlichkeit seine Leistungen für das Kollektiv als persönliches Glück empfindet.

Die Sinngebung menschlichen Lebens, das persönliche Glück, ist vielmehr für uns, die Menschen der neuen Gesellschaft, an echte, sozialistische Gemeinschaftsbeziehungen gebunden.85

Somit erwächst die persönliche Befriedigung des Individuums aus dem Verhältnis zu seiner Umwelt, in der gemeinsamen Tätigkeit und dem individuellen Beitrag, den er zum Fortschreiten der sozialistischen Gesellschaft leistet. Emmrich bringt in dem 1970 veröffentlichten Aufsatz „Die sozialistische Kinderliteratur und die Aufgaben der siebziger Jahre“ eine weitere grundlegende Eigenschaft der sozialistischen Persönlichkeit an, welche mit dem Begriff der sozialistischen Lebensweise einhergeht und das entscheidende Moment in der sozialistischen Menschwerdung darstellt. Denn Grundlage der sozialistischen Lebensweise sei, so Emmrich, das sozialistische Bewusstsein.

Der Kern des sozialistischen Bewußtseins ist die marxistisch-leninistische Weltanschauung. Sie bestimmt den Sinn unseres Lebens, sie ist das einigende, geistig-sittliche Band der sozialistischen Menschengemeinschaft. Durch sie begreift der einzelne [sic] das Ganze, gelangt er zum Verständnis und zur Bestimmung der eigenen Position, seiner Rolle und Aufgabe im geschichtlichen Prozeß.86

Mit der wachsenden Bedeutung des sozialistischen Menschen im gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsprozess ist eine weitere Komponente des sozialistischen Bewusstseins verbunden, nämlich die der Verantwortung des Einzelnen und der Gemeinschaft. Die Bewältigung der Aufgaben und Anforderungen, die der gesellschaftliche Umwälzungsprozess mit sich bringt, verlange Emmrich zufolge ein hohes Maß an Diszipliniertheit, um den Sieg des Sozialismus zu gewährleisten. Einen weiteren Aspekt des sozialistischen Bewusstseins bilde in diesem Zusammenhang das „Staats-und Vaterlandsbewusstsein“, welches „das politische Handeln eines großen Teils der Werktätigen in unserer Republik bestimmt“87 und ihnen die Möglichkeit einer aktiven Gestaltung des Lebens im Sozialismus eröffne. Eichhorn hingegen bewertet den Grad der Entfaltung des sozialistischen Bewusstseins an der Tatsache, wie die im Sozialismus lebenden Menschen die Leistungen anderer einschätzen. Dabei bezieht er sich auf eine Umfrage, in welcher ein Großteil der befragten Menschen jene als sozialistische Persönlichkeit anerkennen, die „herausragende Leistungen für die Formung unseres Lebens vollbringen“88.

[...]


1 Pludra 1965, S. 49.

2 Pludra 1984, S. 115 ff.

3 Ebd. S. 115.

4 Ebd. S. 116.

5 Hier und im Folgenden unter der Abkürzung DDR angeführt. 1

6 Hier und im Folgenden unter der Abkürzung KJL angeführt.

7 Vgl. Wallesch 1977, S. 94 f.

8 Vgl. Ebd. S. 214.

9 Hier und im Folgenden unter der Abkürzung SED angeführt. 2

10 Wallesch u.a. 1977, S. 11.

11 Ebd. S. 14.

12 Vgl. Steinlein u.a. 2006 a, S. 8.

13 Was im Einzelnen unter dem Begriff „sozialistische Persönlichkeit“ zu verstehen ist und welche Position diese im gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsprozess einnimmt, wird in späteren Ausführungen noch zu klären sein.

14 Wallesch u.a. 1977, S. 95.

15 Vgl. Lüdecke 2003, S. 435.

16 Emmrich u.a. 1971, S. 73.

17 Becher 1956, S. 24. Zit. nach Wallesch u.a. 1977, S. 12. 6

18 Hartinger 1976, S. 24.

19 Vgl. Altner 1972, S. 43.

20 Hörnigk 1980, S.237.

21 Ebd. S. 218 f.

22 Vgl. ebd. 1980, S. 205.

23 Ulbricht 1950. Zit. nach Hörnigk 1980, S. 212. 7

24 Ulbricht 1950. Zit. nach Hörnigk 1980, S. 212.

25 Ulbricht 1959. Zit. nach Hörnigk 1980, S. 240.

26 Vgl. Hörnigk 1980, S. 221.

27 Hörnigk 1980, S. 240.

28 Ebd. S. 240.

29 Vgl. Hartinger 1976, S. 38.

30 Jäger 1982, S. 83.

31 Heym 1980. Zit. nach Jäger 1982, S. 112.

32 Strobel 2006, S. 222.

33 Jäger 1982, S. 138.

34 Honecker 1971. Zit. nach Jäger 1982, S. 136.

35 Hager 1986, S. 48.

36 Ebd. S. 45.

37 Emmrich 1970 (a), S.120 ff.

38 Vgl. Pludra 1972, S. 10.

39 Pludra 1984, S. 121.

40 Wallesch u.a. 1977, S. 98.

41 Strobel 2006, S. 223.

42 Koch u.a. 1974, S. 6.

43 Tatsächlich wandte Maxim Gorki bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seinem Werk „Die Mutter“ das an, was später unter Stalin als sozialistischer Realismus deklariert wurde.

44 Vgl. Jäger 1982, S 34.

45 Vgl. Jünger u.a. 1979, S. 12.

46 Koch u.a. 1974, S. 503.

47 Vgl. Jünger u.a. 1979, S. 16.

48 Becher 1952. Zit. nach Jäger 1982, S. 33.

49 Vgl. Jäger 1982, S. 33.

50 Hager 1986, S. 46.

51 Jünger 1979, S. 190.

52 Jünger 1979, S. 200.

53 Ebd. S. 200.

54 Ebd. S. 201.

55 Jäger 1982, S. 43.

56 Ebd. S. 43 f.

57 Kanzlei des Staatsrates 1967, S. 150.

58 Vgl. Jäger 1982, S. 39.

59 Ebd. S. 33.

60 Ebd. S. 33.

61 Vgl. Emmrich 1970 (b), S. 36 f.

62 Vgl. Steinlein u.a. 2006, S. 6.

63 Pludra 1972, S. 11.

64 Ebd. S. 14 f.

65 Marx 1969, S. 533 f.

66 Vgl. Eichhorn 1969, S. 21.

67 Ebd. 1969, S. 20.

68 Altner 1972, S. 12.

69 Ebd.1972, S. 11.

70 Berthold u.a. 1964, S. 307.

71 Rother 1976, S. 583.

72 Ebd. S. 583.

73 Ebd. S. 584.

74 Ebd. S. 585.

75 Klein u.a. 1972, S. 488.

76 Eichhorn 1966, S. 147. Zit. nach Rother 1976, S. 585. 19

77 Rother 1976, S. 586.

78 Ebd. S. 586.

79 Hager 1986, S. 26.

80 Ebd. S. 26.

81 Emmrich 1970 (a), S. 121 f.

82 Eichhorn 1969, S. 29.

83 Ebd. S. 30.

84 Ebd. S. 35.

85 Ebd. S. 32.

86 Emmrich 1970 (a), S. 124.

87 Ebd. S. 124.

88 Eichhorn 1969, S. 22.

Ende der Leseprobe aus 112 Seiten

Details

Titel
Zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in ausgewählten Werken Benno Pludras der 60er und 70er Jahre
Hochschule
Universität Potsdam  (Germanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
112
Katalognummer
V147408
ISBN (eBook)
9783640581344
ISBN (Buch)
9783640580996
Dateigröße
914 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhältnis, Individuum, Gesellschaft, Werken, Benno, Pludras, Jahre
Arbeit zitieren
Mirjam Letz (Autor), 2009, Zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in ausgewählten Werken Benno Pludras der 60er und 70er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147408

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