Diese Arbeit argumentiert, dass internationales politisches Handeln grundsätzlich durch Sprache zustande kommt und dass Kritik, Tadel und Verurteilungen selbst Handlungen darstellen. Die Sprechakttheorie von Austin und Searle bietet die theoretische Grundlage, um verschiedene Arten des Sprechhandelns zu kategorisieren und deren Wirksamkeit zu analysieren. Die Untersuchung beleuchtet zunächst die Theorie politischer Verurteilungen unter dem Konzept des "Shaming" und deren Auswirkungen. Anschließend werden diese theoretischen Grundlagen durch die Sprechakttheorie betrachtet und ein konkretes Fallbeispiel analysiert, um die Wirksamkeit von politischer Verurteilung in den internationalen Beziehungen zu erklären.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zur Theorie von Shaming
2.1 Was ist Shaming?
2.2 Weshalb geschieht Shaming?
2.3 Auswirkungen von Shaming
3 Shaming als Sprechakt
3.1 Die Sprechakttheorie
3.2 Gelingensbedingungen (Hypothesen)
4 Analyse anhand eines Fallbeispiels
4.1 Fallauswahl und Methode
4.2 Analyse
5 Schluss
Zielsetzung & Forschungsthemen
Die Arbeit untersucht die Wirksamkeit von öffentlichem politischem Verurteilen, sogenanntem "Shaming", in den internationalen Beziehungen durch die Linse der Sprechakttheorie. Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, warum solche verbalen Akte als politisches Handeln fungieren und unter welchen Bedingungen sie in der internationalen Arena tatsächlich Wirkung entfalten können.
- Analyse von Shaming als performativer Sprechakt nach Austin und Searle
- Untersuchung der institutionellen Gelingensbedingungen für politisches Shaming
- Rolle von Framing und emotionalem Diskurs bei der Identitätskonstruktion
- Fallstudie zur UN-Resolution bezüglich des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine
- Beantwortung der Frage nach dem funktionalen Wert von Sprache im Völkerrecht
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Sprechakttheorie
Mithilfe der Sprechakttheorie kann analysiert werden, warum gesprochene Worte in der Politik eine Handlung vollziehen. Der Philosoph John F. Austin knüpft zwei Bedingungen an performative Akte: Sie müssen unter den richtigen Umständen geschehen, um eine Handlung zu vollziehen und müssen weitere, der Performation entsprechende Handlungen nach sich ziehen, perlokutionäres Nachspiel genannt (vgl. Austin 2002 [1962]: 27f.). Den Akt selbst unterscheidet Austin in lokutionären Akt (das, was gesagt wird) und illokutionären Akt (das, was dadurch getan wird). Austins Schüler, Philosoph John R. Searle nimmt eine erste Sprechakttypologie Austins auf und strukturiert diese nach klaren Kriterien um. Er unterscheidet nach Sprechakten, in denen sich der Sprecher darauf festlegt, dass das Gesagte wahr bzw. falsch ist (Assertive), die, in denen der Sprecher den Hörer zu etwas bekommen möchte (Direktive), die, in denen der Sprecher sich selbst auf ein bestimmtes Verhalten festlegen (Kommissive), die, in denen der Sprecher einen psychischen Zustand zum Ausdruck bringt (Expressive) und Deklaration, durch deren Vollzug eine Korrespondenz zwischen Gesagtem und Realität entsteht (Deklarative) (vgl. Searle 1998: 28ff.). Habermas, der die Sprechakttheorie nicht explizit verwendet, sich aber ebenso mit Sprache und Welt auseinandersetzt, beschreibt, dass bestimmte kommunikative Akte unter bestimmten Bedingungen rational genannt werden können (sogenannte Geltungsansprüche, vgl. Habermas 1995: 34). Dabei differenziert Habermas (1995: 30ff.) drei Welten, in denen diese Geltungsansprüche stattfinden können: die objektive Welt, die soziale und die innere Welt. Verknüpft man Austin und Searles Typologie mit den Geltungsansprüchen, lassen sich Assertive ersterer, Kommissive, Direktive und Deklarative der sozialen und Expressive der inneren Welt zuordnen. Für die Analyse von Sprechakten ist diese Verknüpfung hilfreich.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung thematisiert die allgemeine Skepsis gegenüber verbalen Verurteilungen in den internationalen Beziehungen und führt die Sprechakttheorie als analytischen Rahmen ein.
2 Zur Theorie von Shaming: Dieses Kapitel definiert Shaming als öffentliche Taktik von Akteuren zur Verurteilung von Rechtsverletzungen und diskutiert soziale Kosten sowie Sozialisierungsabsichten (Compliance-Theorie, Konstruktivismus).
3 Shaming als Sprechakt: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Sprechakttheorie (Austin, Searle, Habermas) auf das Konzept des Shamings angewendet und Gelingensbedingungen als Hypothesen formuliert.
4 Analyse anhand eines Fallbeispiels: Das Kapitel führt eine detaillierte Untersuchung der UN-Resolution zur Aggression Russlands gegen die Ukraine durch, wobei Sprache, Framing und das perlokutionäre Nachspiel analysiert werden.
5 Schluss: Das Fazit zieht die Bilanz, dass Shaming durch die Einbettung in völkerrechtliche Konventionen als wirksames politisches Handeln fungiert und mehr als bloße Rhetorik ist.
Schlüsselwörter
Internationale Beziehungen, Shaming, Sprechakttheorie, Politische Verurteilung, Völkerrecht, Compliance-Theorie, Konstruktivismus, Framing, Performative Akte, Resolution, Vereinte Nationen, Menschenrechte, Politisches Handeln, Illokution, Perlokution
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Wirksamkeit von öffentlicher politischer Kritik, dem "Shaming", im internationalen Kontext und analysiert, warum das Aussprechen von Verurteilungen als politisches Handeln zu verstehen ist.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Theorie des Shamings, die philosophische Sprechakttheorie, die Rolle von internationalen Normen sowie die funktionale Analyse von Sprache in der Politik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, dass rhetorische Akte in den internationalen Beziehungen keine wirkungslosen Äußerungen sind, sondern unter bestimmten Bedingungen – wie dem Verweis auf völkerrechtliche Regeln – politische Handlungsmacht entfalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine sprechakttheoretische Analyse angewandt, die durch die Untersuchung von Framing-Prozessen und den emotionalen Gehalt des Diskurses bei einem aktuellen Fallbeispiel (UN-Resolution) ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erläuterung von Shaming und Sprechakten sowie eine konkrete Fallanalyse der UN-Resolution zur Ukraine, bei der Struktur, Lokution und perlokutionäre Effekte des Akts untersucht werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe wie "Shaming", "Sprechakt", "Internationale Beziehungen", "Völkerrecht" und "Framing" sind zentral, da sie die Verknüpfung von linguistischer Theorie und internationaler Politik beschreiben.
Wie trägt die Sprechakttheorie konkret zur Lösung der Forschungsfrage bei?
Sie erlaubt es, Shaming als "Handlung" zu klassifizieren, indem geprüft wird, ob die entsprechenden Äußerungen die von John L. Austin definierten Gelingensbedingungen (z.B. autorisierte Verfahren und institutioneller Kontext) erfüllen.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin zum Fallbeispiel der UN-Resolution?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass die Resolution ihre Wirksamkeit daraus bezieht, dass sie Russland als Regelbrecher definiert und den anderen UN-Mitgliedern die formelle Legitimierung zur Sanktionierung verleiht.
- Arbeit zitieren
- Jana Breimaier (Autor:in), 2023, Die Wirksamkeit von Shaming und politischer Verurteilung in internationalen Beziehungen. Eine Analyse anhand der Sprechakttheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1474152