Was ist für die Arbeit mit Angehörigen Hirngeschädigter besonders wichtig?


Essay, 2008
6 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Bislang haben wir uns dem Schwerpunkt gewidmet, wie die von einer Hirnschädigung betroffene Person mit ihrer Einschränkung umgeht. Was es für Akzente zu setzen gilt hinsichtlich der Rehabilitation und der erforderlichen Therapiemaßnahmen. Im Focus standen jedoch auch auftretende Hindernisse, Probleme und damit einhergehende Grenzen, die dem Betroffenen, seinen Angehörigen und dem Professionellem Begleiter gesetzt sind. Die Notwendigkeit eines funktionstüchtigen sozialen Netzwerkes, die den Betroffenen Unterstützung bieten soll, wurde klar dargestellt. Gerade für das individuelle Verständnis von Teilhabe für den Betroffenen mit einer Hirnschädigung ist das Zusammenwirken von professioneller Hilfe, Beratung und Einbeziehen seiner sozialen Umwelt unabdingbar. Doch wie steht es um die Belastungen und die Belastungsgrenzen der Angehörigen? Wie kann effektive Unterstützung geleistet werden hinsichtlich der Bewältigung einer möglicherweise überfordernden Situation und der Anpassung an jene? Was ist hierbei von besonderer Bedeutung? Im vorliegenden Text wird auf die Problematik hingewiesen, dass gerade bei Angehörigen das Problem einer sich entwickelnden Depression, Reizbarkeit und erhöhte Aggressivität vermehrt auftritt (Fries, W (2007)). Vordergründig erwähnt Fries, dass zum einen wichtige Einflussfaktoren sind, wie der Partner mit den veränderten Verhaltensweisen des Erkrankten umgehen kann und zum anderen die Akzeptanz der mehr oder weniger unveränderlichen Situation. Jene können in ihrem Ausmaß nicht nur zu Resignation führen, sondern auch zu Beschämung, Leugnung und Beziehungsabbrüchen. Nicht nur der Betroffene unterliegt einer Veränderung seiner Identität und Erwartungshaltung. Auch der Angehörige erlebt eine Neustrukturierung, möglicherweise einen Zusammenbruch bestehender Wirklichkeiten, einen Rollentausch. Jede veränderte Situation, vor allem, wenn sie drastische Einschnitte in der eigenen Biografie hervorruft, erfordert entsprechende emotionale Verarbeitung. Priorität hat meiner Auffassung nach sinnvolle und angemessene Informationsgabe! Wie soll ein Angehöriger das Verhalten, welches sich beispielsweise durch Rückzug oder Anteilnahmslosigkeit des Betroffenen äußert, richtig deuten und angemessen darauf reagieren, wenn er nicht weis, ob das eine Folge der Einschränkung ist oder beabsichtigtes, provozierendes Verhalten? (Fries, W.( 2007)). Die Betreuung der Angehörigen sollte wesentlicher Bestandteil sein. Hilfestellung beim Umlernen und bei der Akzeptanz dieser neuen Situationen darf nicht ignoriert werden oder sich darauf verlassen werden, dass es von selbst läuft. Bei dem Prozess der aktiven Auseinandersetzung mit der veränderten Situation, mit möglicherweise auftretenden Ohnmachtsgefühlen hinsichtlich des Erlebten, auftretenden Schuldgefühlen gegenüber des Partners und auch das Ziehen neuer Grenzen, die beiderseits respektiert werden müssen, muss professionelle Unterstützung gewährleistet sein. Denn nicht nur eintretende Erschöpfungszustände bei der Pflege können den Angehörigen überfordern, sondern auch die Qualität der Partnerschaft strapazieren. Wo ist die Grenze zwischen Nächstenliebe und Erschöpfung? Wo hört die Verantwortungsabgabe auf und wo beginnt, das Gefühl, zu einer Last zu werden? Selbst wenn die Wahrnehmung des Betroffenen nicht mehr die selbe sein sollte, wie zum Zeitpunkt vor der Einschränkung, so ist jedoch die emotionale Deutung der Beziehungsqualität und deren Teilhabe nicht zu unterschätzen. Auch für den Betroffenen findet möglicherweise ein Rollentausch statt, wobei er Selbständigkeit verliert und Kontrolle abgeben muss. Angemessene Hilfestellung, ohne, dass diese in Aufopferung mündet, muss erst erlernt werden, genauso wie angemessene Hilfeleistung zu fordern, ohne sich minderwertig zu fühlen oder das eine positive Entwicklung verhindert wird. Weniger Selbstständigkeit bedeutet nicht keine Selbstständigkeit. Jene Entwicklung erfordert viel Energie, Verständnis und Akzeptanz. Therapeutische Unterstützung bei Fragen und auftretenden Problemen innerhalb der Partnerschaft oder der Familie sollte fester Bestandteil sein. Wenn Familie das Refugium eines Individuums darstellt, ist es umso wichtiger, für den Erhalt und die Widerherstellung dieser Sicherheit und dieses individuellen Zufluchtsortes zu sorgen. Konfliktsituationen oder Defizite in der sozialen Interaktion, die vor der Einschränkung bestanden, werden jedoch nur schwer oder nicht bearbeitet werden können. Jedoch besteht immer die Möglichkeit, selbst in schweren Umbruchphasen innerhalb der Biografie eines Individuums eine positive Entwicklung zu erreichen. Eine Partnerschaft könnte an Festigkeit, Zusammenhalt und Beständigkeit gewinnen. Wenn von allen Seiten Unterstützung und ein Netz geboten wird, was den Kontext bearbeitet. Als einen nächsten Punkt, der unerlässlich für die Unterstützung Angehöriger ist, würde ich die Hilfestellung bei der organisatorischen Bewältigung und die Auseinandersetzung mit dem bürokratischen Anteil anführen. Informationsleistung, richtige Beratung, auszufüllende Anträge mit den Angehörigen zusammen durcharbeiten. Oftmals stehen die Angehörigen vor einer unendlich Kraft abfordernden Aufgabe und übrig bleiben falsche Informationen, zu hohe Erwartungen und unerfüllte Wünsche, die dann frustrierend wirken. An wen können sie sich wenden, wem können sie vertrauen, was dürfen sie erwarten, was können sie fordern, worauf sollten sie sich einstellen. Alles Fragen, die allein nicht beantwortet werden können. Nicht zu unterschätzen, die aufzubringende Geduld und die utopische Hoffnung, dass alles wieder so wird, wie vor der Einschränkung. Hierbei sollte professionelle Hilfe wirken, indem man versucht, die Angehörigen an die Situation heranzuführen, dass es nicht so wird, wie früher aber das es Möglichkeiten gibt, damit umzugehen und wieder eine respektable Teilhabe am Leben erreicht werden kann. Mit der Bewältigung jener sensiblen Themen und Fragen, die dann neben dem normalen Alltag, der hinzukommend funktionieren muss, dürfen die Betroffenen und die Angehörigen nicht allein gelassen werden. Was mich beim Lesen des Textes nachhaltig beschäftigt hat, war auch der Zusammenhang zwischen Beziehungsdauer und Belastungsbewältigung (Fries, W. (2007)). Das birgt Vor- und Nachteile in sich. Da nicht davon auszugehen ist, dass trotz einer bestehenden, möglicherweise jahrzehntelangen Beziehung, eine Beziehungsqualität und Stärke erreicht worden sind, dass es leichter wäre für jene Angehörigen mit der Situation umzugehen. Die Qualität macht das Sicherheitsempfinden und die Vertrautheit aus, nicht die Gewohnheit der Beziehung. Darin könnte eher die Gefahr liegen, die Veränderung noch schwerer akzeptieren zu können und mit auftretenden Rollenveränderungen umzugehen. Für die Praxis ist dies insofern von Bedeutung, dass nicht die Frage nach dem Bestand der Beziehung vorrangig sein sollte, ob das Angehörigennetz miteinbezogen wird, sondern die Tatsache, dass eine Beziehung vorhanden ist. Selbst wenn es zu einer Trennung kommt, die verschiedene Gründe haben kann, ist es umso wichtiger, Betreuung zur sinnvollen Unterstützung zu leisten. Die Gefahr, dass beide Partner sich überfordert fühlen oder sich „gemeinsam einsam“ fühlen, ist mitunter immer gegeben. Übergreifend stellt auch die Kritik an dem Zeitpunkt der Angehörigenarbeit einen wichtigen Aspekt für die therapeutische Arbeit dar. In den Texten von Fries und Wendel wurde zu Recht kritisiert, dass oftmals während des stationären Aufenthaltes die Information, Beratung und Unterstützung für die Angehörigen fehlt, da es läuft (C. Wendel2005). Oder das nur zum Zeitpunkt der stationären Betreuung des Betroffenen eine Angehörigenberatung und- betreuung durchgeführt wird (Fries, W. (2007)).

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Was ist für die Arbeit mit Angehörigen Hirngeschädigter besonders wichtig?
Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Stendal
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
6
Katalognummer
V147421
ISBN (eBook)
9783640590643
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Angehörige Hirngeschädigter, Arbeit mit Angehörigen Hirngeschädigter, wichtig für die Arbeit mit Angehörigen Hirngeschädigter
Arbeit zitieren
yvonne kohl (Autor), 2008, Was ist für die Arbeit mit Angehörigen Hirngeschädigter besonders wichtig?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147421

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