Die Analogien von Sprache und Kunst, die Rolf Wedewer in seinem Buch "Zur Sprachlichkeit von Bildern" herausarbeitet, werden in dieser Arbeit auf den Sachverhalt des bildnerischen Gestaltens des Kindes angewendet. Dies führt zu der Erkenntnis, dass jede einzelne Entwicklungs- und Stilstufe des bildnerischen Gestaltens des Kindes eine spezifische Sprachlichkeit aufweist, die weitestgehend einer bestimmten Stufe seiner sprachlichen Entwicklung entspricht. Sprachlichkeit ist in diesem Sinne auch für die Kinderzeichnung ein wesentliches Moment. Sie ist konstitutiv für den Sinnzusammenhang der einzelnen bildnerischen Elemente.
Inhaltsverzeichnis
1. Transformierung der Wirklichkeit
1.1 Ästhetische Vertextung
1.2 Sublimierung von Erfahrung im Kunstwerk
1.3 Ästhetische Einstellung
1.4 Loslösung von der Hier-unf-Jetzt-Situation
2. Die Oberflächen- und Tiefenstruktur des Bildes
3. Analogien für das Sprechen im Bild
3.1 Die sprachanalogen Gegenstandswörter im Bild
3.2 Die sprachanalogen Präpositionen
3.3 Die sprachanalogen Adjektive und die Funktion der Farbe im Bild
3.4 Die Analogie für die Intonation im Bild
3.5 Die sprachanalogen Verben im Bild
4. Der Bildsatz und seine Erschließung
5. Zur Sprachlichkeit von Kinderzeichnungen
5.1 Die Entwicklung des bildnerischen Gestaltens und die Sprachentwicklung des Kindes
5.2 Lallmonologe, Echolalie und Kritzelstufe
5.3 Einwortsätze und Streubildstufe
5.4 Mehrwortsätze und Standflächen- und Standlinienbild
5.5 Flexionen und Schrägbildstufe
5.6 Richtiges Sprechen und Horizontbildstufe
5.7 Intonation und farbiges Gestalten
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die strukturellen Analogien zwischen bildnerischer Gestaltung und sprachlichen Systemen, basierend auf den Theorien von Rolf Wedewer. Ziel ist es, die "Sprachlichkeit von Bildern" aufzudecken, indem die formale Bildstruktur mit grammatikalischen und semantischen Kategorien der Sprache in Beziehung gesetzt und auf die ontogenetische Entwicklung der Kinderzeichnung angewendet wird.
- Grundlagen der ästhetischen Vertextung und Wirklichkeitstransformation.
- Die Analogie zwischen Bildsatz und sprachlichem Satzbau.
- Strukturmerkmale von Kinderzeichnungen im Kontext der Sprachentwicklung.
- Funktion von Farbe und Intonation als Analoga zur sprachlichen Kommunikation.
Auszug aus dem Buch
1.1 Ästhetische Vertextung
Die Umkehrung „Sprachlichkeit von Bildern“ in den Satz „Bildlichkeit von Sprache“ führt die Metapher als einen theoretischen Ausgangspunkt ein, an welchem Rolf Wedewer ansetzen kann, bestehende Analogien für die Sprache im Bilde der Malerei herauszuarbeiten.
Metaphern finden vornehmlich in der Sprachgattung der Lyrik ihren Gebrauch, wo es darum geht, innerseelische Zustände des Menschen künstlerisch darzustellen, weshalb sie als eine solche der Malerei am nächsten steht. Charles Tayler schreibt in seinen „Bedeutungstheorien“ über den metaphorischen Gebrauch der Sprache: „... Der entscheidende Punkt bei (den) Metaphern ist, der, daß das Artikulieren unserer Auffassung von einer Sache untrennbar verknüpft ist mit der Identifikation ihrer Wesensmerkmale ...“¹
Und wenn, nach der von Konrad Fiedler geprägten Formel, dichterisch das Wort für die Anschauung und nicht für den Begriff steht, so schließt die Dichtung prinzipiell den metaphorischen Aspekt der Sprache in sich ein. Gleichzeitig ist diese Formel nur im Verhältnis mit grundlegend ästhetischen Kriterien wie Rhythmus, Proportion, Dynamik, Akzente usw. denkbar, weil diese Kriterien formbestimmenden Einfluss auf die Struktur der Sprache nehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Transformierung der Wirklichkeit: Dieses Kapitel legt die theoretische Basis, indem es die ästhetische Vertextung als Prozess beschreibt, in dem Wirklichkeit durch künstlerische Gestaltung in eine neue Struktur überführt wird.
2. Die Oberflächen- und Tiefenstruktur des Bildes: Hier werden Chomskys linguistische Konzepte auf die Bildanalyse übertragen, um zwischen dem direkt wahrnehmbaren Bild und seiner tieferliegenden semantischen Organisation zu unterscheiden.
3. Analogien für das Sprechen im Bild: Das Kapitel detailliert die Entsprechungen zwischen sprachlichen Komponenten wie Substantiven, Präpositionen, Adjektiven und Verben und deren ästhetischen Entsprechungen im Bildraum.
4. Der Bildsatz und seine Erschließung: Es wird analysiert, wie der Betrachter das Kunstwerk als "Satz" wahrnimmt und erschließt, wobei der Rezeptionsprozess als strukturierte zeitliche Abfolge betrachtet wird.
5. Zur Sprachlichkeit von Kinderzeichnungen: Dieses Kapitel bildet die Synthese, in der die entwicklungspsychologischen Stufen des Kindes (vom Kritzeln bis zur Horizontbildstufe) mit sprachwissenschaftlichen Erwerbsphasen verglichen werden.
Schlüsselwörter
Ästhetische Vertextung, Sprachlichkeit von Bildern, Rolf Wedewer, Bildsatz, Kinderzeichnung, Tiefenstruktur, Oberflächenstruktur, Semantik, Bildnerisches Gestalten, Sprachentwicklung, Metapher, Bildrezeption, Syntaktische Struktur, Sprachanalogie, Kunstpädagogik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die theoretische Annahme, dass Bilder eine ähnliche strukturelle Organisation wie Sprache aufweisen und wie diese "Sprachlichkeit" durch ästhetische Mittel konstituiert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die kunsttheoretische Analyse der Bildstruktur, die Anwendung linguistischer Kategorien auf die bildende Kunst sowie die Entwicklungspsychologie der Kinderzeichnung.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Bildnerisches Gestalten nicht nur intuitiv erfolgt, sondern analogen Prinzipien folgt wie der Artikulation von Sprache, um Wirklichkeit ästhetisch zu ordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Untersuchung, die auf der Analyse von kunsttheoretischer und linguistischer Literatur basiert und diese auf die bildnerische Analyse überträgt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Transformation von Wirklichkeit in ästhetische Strukturen, die Anwendung von Grammatik-Analogien auf das Bild sowie die Anwendung dieser Theorie auf verschiedene Entwicklungsstufen kindlicher Zeichnungen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie ästhetische Vertextung, Bildsyntax, Sprachanalogie und Kinderzeichnung charakterisieren.
Wie unterscheidet der Autor zwischen Oberfläche und Tiefe im Bild?
Analog zur Linguistik beschreibt er die Oberfläche als das unmittelbar Sichtbare und die Tiefenstruktur als das formale Gerüst von Flächenbeziehungen und geistigen Inhalten.
Welche Rolle spielt die Farbe im Kontext der "Sprachlichkeit"?
Die Farbe wird als Analogon zur Intonation in der gesprochenen Sprache gesehen, die dem Bild eine emotionale Dimension und eine spezifische Bedeutungsebene verleiht.
Wie korrelieren Kinderzeichnungen mit der Sprachentwicklung?
Der Autor zeigt auf, dass Kinder in ihrer bildnerischen Entwicklung ähnliche Phasen durchlaufen wie beim Spracherwerb, wobei einfache Formen (Kritzeln) analogen Vorstufen der Sprache entsprechen.
Was ist das "Horizontbild" in der Entwicklung des Kindes?
Es markiert eine fortgeschrittene Stufe, in der das Kind die Fähigkeit zur vollen Tiefendimension und zur syntaktisch organisierten Darstellung erwirbt, analog zum Beherrschen komplexer grammatikalischer Strukturen.
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- M.A. Arnold Wohler (Author), 1989, Die Sprachlichkeit von Bildern nach Wedewer und Analogien in der Kinderzeichnung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147464