Grenzgänge zwischen Genialität und Wahnsinn

Über die Rezeptionsgeschichte der Kunst von psychisch Kranken und ihren Stellenwert in der Kunst der Gegenwart


Bachelorarbeit, 2009

40 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort
1.1 Ausgangslage und Fragestellung
1.2 Zielsetzung der Arbeit
1.3 Methodisches Vorgehen
1.4 Aufbau der Arbeit
1.5 Begrifflich keit

2. Die Psychiatrie im Wandel der Zeit
2.1 Geschichte der Psychiatrie
2.2 Schizophrenie und Wahnsinn

3. Interesse an der Kunst der psychisch Kranken
3.1 Vorreiter
3.2 Die Bildrevolution der Moderne
3.3 Publi kationen als Kunst .

4.Psychisch Kranke als Künstler
4.1 Prinzhorn und die Bildnerei der Geistes kran ken
4.2 Jean Dubuffet und Art Brut
4.3 Outsider Art und Europa
4.4 Gugging: Leo Navratil und Johann Feilacher

5. Die Rezeption der Art Brut heute
5.1 Aner kennung und Zusprüche
5.1.1 Ausdruc k und Emotion
5.1.2 Ursprünglich keit und Authentizität
5.1.3 Eigenständig keit und Non konformismus
5.2 Kriti k und Widersprüche
5.2.1 Kunst und/oder Kran kheit
5.2.2 Spontaneität und Selbstbestimmung
5.2.3 Professionelle Künstler im Zwiespalt

6.Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Aloise dans le terrain

Abbildung 2: Selbstgenähtes, mit Texten besticktes Jäckchen, Garn auf Anstaltsleinen, Rückenlänge 36,5cm (Inv.Nr. 743)

Abbildung 3: Mit gerissenen Stoffbändern dekorierter Zellenfußboden, 1894; Fotografie, auf Karton montiert, 11 x 16cm (Inv.Nr. 1771)

Abbildung 4: Jean Dubuffet "L'homme à la rose"

Abbildung 5: Heinrich Anton Müller "A ma Femme"

1. Vorwort

Das Kernthema dieser Bachelorarbeit ist die Kunst von psychisch Kranken, oder genauer gesagt: der Umgang mit Kunstwerken von Patienten psychiatrischer Anstalten. Die Auswahl der Aufgabenstellung ist auf das Interesse der Autorin zurückzuführen. Dadurch angespornt, wurde der vorerst vage Einblick in die Thematik schnell konkreter. Bei der Literaturrecherche stellte sich bald heraus, dass das Thema der Kunst der psychisch Kranken sehr vielschichtig und weitreichend ist. Durch die Schwierigkeit der Abgrenzung erschienen immer andere Zusammenhänge als wesentlich, wodurch die Arbeit einen mehrmaligen Strukturwechsel erfuhr.

1.1 Ausgangslage und Fragestellung

Seit Beginn der Rezeption der Kunst von psychisch Kranken wird diese interdisziplinär aus vielen verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Dabei werden die Ursachen künstlerischen Gestaltens untersucht und Theorien entwickelt, die einen Zusammenhang zwischen psychischem Zustand und kreativen Äußerungen herstellen. Für Psychiater erfüllt die künstlerische Betätigung dabei zunehmend therapeutischen Nutzen.

Eine Besonderheit der Kunst von psychisch Kranken ist, dass sie sich über die psychische Abweichung ihrer Urheber definiert. Sie gelten als Außenseiter und sind gerade deshalb interessant für die Künstler der Moderne, die auf der Suche nach ursprünglichem Kunstschaffen sind. Daraus entstehen folgende Fragestellungen: Inwieweit wird psychische Krankheit als relevantes Merkmal in der Kunst gesehen? Was macht die Werke der Psychiatriepatienten gerade für professionelle Künstler so interessant? Und welche Rolle nimmt der psychisch Kranke im Vergleich zu professionellen Kollegen in der Kunstszene ein?

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Ziel dieser Bachelorarbeit ist es, einen Einblick in die Rezeption der Kunst der psychisch Kranken zu gewähren. Es wird untersucht, welcher Wert ihr in der Vergangenheit zugeschrieben wurde und wie sich die Rezeption der Kunstwerke ebenso wie die Akzeptanz der psychisch kranken Künstler bis heute verändert hat.

Abschließend wird die Frage der Aktualität der Kunst von psychisch Kranken kritisch beleuchtet und ein Ausblick in die Zukunft gegeben.

1.3 Methodisches Vorgehen

Die Bachelorarbeit basiert auf systematisch durchgeführter Literaturrecherche, relevanten Artikeln aus dem Internet, einem Dokumentarfilm sowie auf zwei persönlichen Gesprächen, die die Autorin mit bedeutenden Persönlichkeiten der Art- Brut-Szene in Österreich geführt hat: Herrn Dr. Johann Feilacher und Frau Angelica Bäumer. Der Dokumentarfilm diente als Grundlage für ein allgemeines Verständnis der Thematik und gab einige Anstöße für weitere Überlegungen. In chronologischer Reihenfolge wurden die einzelnen Kapitel auf Basis der Fachliteratur erarbeitet und durch Standpunkte aus einschlägigen Artikeln aus dem Internet ergänzt. Die persönlichen Gespräche wurden aufgezeichnet und anschließend kunstgerecht transkribiert (Interviews sind nicht im Lieferumfang enthalten, Anm. d. Red.).

1.4 Aufbau der Arbeit

In der vorliegenden Arbeit werden die wesentlichen Zusammenhänge in der Rezeptionsgeschichte der Kunst von psychisch Kranken aufgezeigt und ihre Wahrnehmung in der heutigen Zeit untersucht. Aufgrund der begrenzten Länge der Arbeit ist es leider nicht möglich, die einzelnen Aspekte der Kunst der psychisch Kranken in ihrer gebührenden Tiefe darzustellen. Aus demselben Grund stammen die Beispiele und Ausführungen ausschließlich aus dem Bereich der bildenden Kunst, obwohl es durchaus auch bedeutsame Aspekte aus der Musik und der Literatur zu beleuchten gegeben hätte. Außerdem wird bewusst auf konkrete Biographien bestimmter Künstler verzichtet, welche zwar äußerst interessant sind, den Rahmen der Arbeit jedoch bei Weitem sprengen würden.

Zu Beginn der Arbeit wird die Geschichte der Psychiatrie zusammengefasst, um zu verdeutlichen, welchen gesellschaftlichen Status psychisch Kranke vor dem 21. Jahrhundert hatten und wie sich die Akzeptanz den Patienten gegenüber im Laufe der Jahre verändert hat. Anschließend wird untersucht, wann ein erstes Interesse an der Kunst von psychisch Kranken bekundet wurde, sowohl unter Ärzten als auch Künstlern. Die Bildrevolution der Moderne leitete einen entscheidenden Bewusstseinswandel der Künstler ein, was erklärt, warum man begann, die Bildnereien von Geisteskranken verstärkt wahrzunehmen und als Kunst zu akzeptieren. Anhand einiger konkreter Beispiele von der Vergangenheit bis zur Gegenwart werden die unterschiedlichen Blickwinkel auf das Phänomen der Kunst von psychisch Kranken erklärt und kritisch betrachtet. Bildbeispiele dienen der Verdeutlichung der Argumente. Danach wird herausgearbeitet, worin die Besonderheiten der Kunst von psychisch Kranken im Vergleich zur professionellen Kunst liegen und welche Auswirkungen sich - für die professionellen Künstler - ergeben, wenn der Art Brut besondere Attribute zugeschrieben werden. Den Abschluss der Arbeit bildet ein kurzer Ausblick, in dem die Frage der Aktualität der Kunst von psychisch Kranken behandelt wird.

1.5 Begrifflichkeit

Die Kunst von psychisch Kranken ist über viele Jahre hinweg sehr männlich dominiert, sowohl auf Seiten der Künstler selbst, als auch bei den Rezipienten, darunter Ärzte und professionelle Künstler. In der jüngeren Rezeptionsgeschichte bezieht sich das Forschungsinteresse auch immer mehr auf künstlerisch tätige Psychiatriepatientinnen. Dennoch verzichtet die vorliegende Arbeit aufgrund der Lesbarkeit auf eine geschlechtsgerechte Ausdrucksweise. Es wird ausschließlich in männlicher Form geschrieben; die weibliche Form ist aber auch eingeschlossen.

Die Begriffe ‚psychisch Kranke‘, ‚psychisch kranke Künstler‘ oder ‚Geisteskranke‘ beziehen sich auf Personen, die in der Gesellschaft als psychisch krank bezeichnet werden. Der Ausdruck ‚Psychiatriepatient‘ ist den vorhergehenden Begriffen gleichzusetzen. Es sind Personen gemeint, die in psychiatrischen Anstalten leben und dort künstlerisch tätig sind.

Wenn von ‚Art Brut‘ oder ‚Art Brutisten‘ die Rede ist, bezieht sich die Autorin ebenfalls auf psychisch Kranke, wohl wissend, dass der Begriff an sich - laut der Formulierung Dubuffets - auch all jene umfasst, die abseits von kulturellen Normen künstlerisch tätig sind, egal ob psychisch krank oder nicht.

2. Die Psychiatrie im Wandel der Zeit

Um menschliche Äußerungen - wie beispielsweise Zeichnungen, Gemälde und Plastiken - verstehen zu können, ist es wichtig, diese nicht isoliert, sondern in ihrem historischen und sozialen Zusammenhang zu sehen. Da die Außenwelt Einfluss auf die Eigenwahrnehmung und somit auch auf das Schaffen der psychisch Kranken hat, gilt es nicht nur die Geschichte der Psychiatrie, sondern auch Untersuchungs- und Forschungsmethoden sowie die therapeutischen Möglichkeiten in der Psychiatrie zu berücksichtigen.1

2.1 Geschichte der Psychiatrie

Geisteskrankheiten sind schon in der Antike bekannt. Man versteht sie damals allerdings als Inbesitznahme des Menschen durch den Teufel oder eine Störung im Gleichgewicht der Körpersäfte und somit als körperliche Krankheit. Zu Beginn der Neuzeit werden Geisteskrankheiten als Überwiegen des tierischen Triebanteils im Bewusstsein des Menschen gegenüber dem von Gott gegebenen geistigen Anteil erklärt.2 Der Philosoph René Descartes (1596-1650) trennt später das körperliche Dasein streng von der denkenden Materie. Die Folge daraus ist eine Unterscheidung zwischen rein körperlichen und rein seelischen Erkrankungen. Johann Christian Reil prägt 1808 den Begriff ‚Psychiatrie‘, wörtlich übersetzt ‚Seelenheilkunde‘, und tritt dafür ein, die Psychiatrie als selbstständige medizinische Disziplin anzuerkennen. Dazu kommt es wenig später unter August Heinroth, der auf den ersten Lehrstuhl für Psychiatrie berufen wird. Er sieht Geisteskrankheit als persönliche Schuld des Menschen. Ihre Heilung erhofft er sich durch Sühne. Erkrankte werden deshalb wie Schwerverbrecher behandelt und die wenigen bildnerischen Arbeiten, die trotz des Materialmangels entstehen, werden als wertlos angesehen. Der französische Arzt Philippe Pinel (1745-1826) lehnt sich gegen die Brutalität in den Anstalten auf und zeigt neue Wege in der Behandlung der Geisteskranken auf. Wilhelm Griesinger leitet schließlich 1845 mit der Erkenntnis „Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten“3 den Wandel zu einem neuen Bewusstsein und somit auch den Anfang der naturwissenschaftlichen Psychiatrie ein.4

2.2 Schizophrenie und Wahnsinn

Emil Kraepelin (1856-1926) bezeichnet psychische Störungen als ‚dementia praecox‘, wörtlich ‚vorzeitige Verblödung‘. Da er erstmalig den Verlauf von Krankheitsbildern untersucht, gilt er als einer der Begründer der psychiatrischen Krankheitslehre. Eugen Bleuler (1857-1939) prägt 1911 den Begriff der ‚Schizophrenie‘. Er spricht von „Störungen in einer mangelhaften Einheit […] des Denkens, Fühlens und Wollens“.5 Für ihn ist also die Bewusstseinsspaltung das Hauptsymptom der Krankheit, nicht wie bei Kraepelin die Verblödung.6 Karl Schneider veröffentlicht 1931 sein ‚triadisches System‘, das drei große Gruppen von Krankheiten unterschied: die körperlich begründbaren Psychosen, die endogenen Psychosen und die abnormen Variationen seelischen Wesens. Mit dieser ersten diagnostischen Orientierung schafft er eine Grundlage des Krankheitsbegriffs in der modernen Psychiatrie. Die Internationale Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2009 beschreibt Schizophrenie wie folgt:

„Die schizophrenen Störungen sind im Allgemeinen durch grundlegende und charakteristische Störungen von Denken und Wahrnehmung sowie inadäquate oder verflachte Affekte gekennzeichnet. Die Bewusstseinsklarheit und intellektuellen Fähigkeiten sind in der Regelnicht beeinträchtigt, obwohl sich im Laufe der Zeit gewisse kognitiveDefizite entwickeln können.“7

Umgangssprachlich werden die Begriffe ‚Schizophrenie‘ und ‚schizophren‘ oft fälschlicherweise für Widersprüchlichkeit oder negatives Verhalten verwendet, das für die Mitmenschen nicht erklärbar ist.

Der Begriff Wa(h)nsinn hat seinen Ursprung im Mittelhochdeutschen. Die Definition des Wahnsinns als krankhafte Einbildung geht auf die - sich später etablierende - psychiatrische Wissenschaft zurück. Sie kombiniert die ursprünglichen Bedeutungen von ‚wan‘ (leer oder ohne Sinn) mit ‚Wahn‘ (streben, wünschen, gewinnen).8

Die Romantik sieht den Wahnsinn als eine privilegierte Stellung an. Der Kranke, der abseits jeder Logik und sozialen Konvention steht, hat Zugang zu tieferen Wahrheiten. Subjektivität und Individualität werden herausgestrichen und der Kranke als Held angepriesen, wodurch die Romantik zu ihren Plänen der Realität gelangt. Obwohl die Gleichsetzung von Wahnsinn und Genie bereits in Plato ihren Ursprung nimmt, wird sie erst im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Kennzeichen des kulturellen Diskurses. In der Annahme, dass Genialität eine Art des Wahnsinns ist, scheint die Frage logisch, ob Wahnsinnige geniale Werke schaffen können.9

3. Interesse an der Kunst der psychisch Kranken

Arbeiten psychiatrischer Patienten gelten lange Zeit als unwürdig und werden daher kaum beachtet. Gründe für diese Tatsache sind einerseits die damalig sehr geringe Akzeptanz der psychisch Kranken in der Gesellschaft und die daraus folgende Isolation, andererseits auch das klassische Verständnis von Kunst, das von Harmonie und Naturähnlichkeit geprägt ist und so keinen Platz für andersartige kreative Äußerungen lässt. Am Anfang des 19. Jahrhunderts wirken zwei Faktoren am Erwachen des Interesses für die Kunst psychisch Kranker mit: Zum einen die Romantische Bewegung, die den Wahnsinn als einen erhabenen Zustand ansieht, der einem Zugang zu versteckten Reichen gibt. Zum anderen das Aufkommen von psychiatrischen Anstalten, die den Patienten Raum für die Produktion von Kunst anbieten.10

3.1 Vorreiter

Im 19. Jahrhundert erwähnen einige wenige Psychiater eine künstlerische Tätigkeit ihrer Patienten, allerdings nicht im Rahmen des Kunstdiskurses: Der Franzose Pinel schreibt als Erster über die Kunst der psychisch Kranken. In seinem Werk Philosophisch-medizinische Abhandlungüber Geistesverwirrungen oder Manie von 1801 berichtet er von zwei Patienten die zeichnen und malen.11 John Haslam - Arzt im Bethlem-Hospital in London - veröffentlicht unter dem Titel Illustrations of Madness die erste große Fallstudie über Schizophrenie. Auf dem Titelblatt ist eine Zeichnung seines Patienten James Tilly Matthews abgebildet.12 William A. F. Browne, der Vorsteher des Chrichton Royal Asylum in Dumfries, glaubt, dass die Kunst der psychisch Kranken nicht anders ist als die von gesunden Menschen. Er animiert seine Patienten dazu, sich mit dem Schreiben, dem Zeichnen und vielen anderen Aktivitäten zu beschäftigen. Man kann ihn also als einen Vorreiter der Kunst- und der Beschäftigungstherapie sehen.13 Der italienische Arzt Cesare Lombroso sammelt eine große Anzahl von Werken seiner Patienten. In seinen Büchern Genio o follia14 und Genio e Degenerazione15 verdeutlicht er seine These, dass die Genialität auf einem Degenerationsprozess beruht. Die Kunst ist eine Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn, wie etwa bei Van Gogh oder Ludwig van Beethoven. Umgekehrt sind manche Werke Geisteskranker so besonders, dass man sie als genial bezeichnen müsste.16 Andere Veröffentlichungen dieser Zeit - darunter die Werke von Frith Mohr und Hermann Rorschach - beziehen sich ebenfalls nur auf die medizinischen und diagnostischen Möglichkeiten, welche die Bilder der Geisteskranken bieten.17

3.2 Die Bildrevolution der Moderne

Das kunstbezogene Interesse des 20. Jahrhunderts baut auf das medizinische im 19. Jahrhundert auf.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) erkennt, dass das Verständnis von Kunst und Realität sich nicht allein an Harmonie und Vernunft orientieren darf. Es muss vielmehr auch Triebe und Affekte berücksichtigen. Sigmund Freud (1856- 1939) sieht in der Traumdeutung einen Weg, dem Unterbewusstsein eine eigene Sprache zu geben, und der Kunst- und Kulturwissenschaftler Aby Warburg (1866- 1929) leidet selbst an Wahnvorstellungen. Durch die Krankheit, von der er sich selbst heilt, hat er ein sehr feines Gespür für die versteckte Energie in Bildwerken. Er glaubt, dass gerade das Leiden der Patienten ihren Bildern eine bestimmte Kraft verleiht.18 Damit verbunden ist die Einsicht, dass Bilder ein „eigenes Organ der Erkenntnis“19 sind. Sie erweitern die Erfahrung des Betrachters und stellen ihm gleichzeitig frei, sie beliebig zu interpretieren. Somit folgen die Bilder weder einer strengen Logik, noch sind sie Opfer von Zensur. Nietzsche, Freud und Warburg bringen mit ihren, wenn auch etwas unterschiedlichen Ansätzen das zur Sprache, was manche Künstler schon viel früher entdecken20:

Bereits vor dem 20. Jahrhundert interessieren sich Künstler, wie beispielsweise Hogarth und Goya, für den Wahnsinn, allerdings hauptsächlich als Gegenstand für ihre Bilder.21 Die Moderne verändert das Wesen der Kunst und damit auch das der Künstler wie keine andere Epoche. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts ist die Künstlerszene - geprägt von der Unzufriedenheit mit der westlichen Kultur - auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen.22 Anstatt Motive realistisch wiederzugeben, widmen sich Künstler - wie beispielsweise Vincent Van Gogh (1853-1890), Paul Gauguin (1848-1903) oder Paul Cézanne (1839-1906) - immer mehr der Darstellung des subjektiven Erlebens. Sie suchen nach unkonventionellen Kunstformen und einer ursprünglichen Form des Kunstschaffens. Daher kommt auch ihre Begeisterung für die primitive Kunst aus Afrika, Asien und Ozeanien. Gauguin glaubt, diese Ursprünglichkeit in der exotischen Fremde von Tahiti anzutreffen.23 Andere Avantgarden finden - inspiriert durch Marcel Réja - den Schlüssel zur wahren Kunst in den Werken von Geisteskranken und denen von Kindern.24

[...]


1 vgl. Kraft 1998: 13

2 vgl. Leibbrand u.a. 1961: 62ff.

3 zitiert nach Gross 2006: 163

4 vgl. Kraft 1998: 14ff.

5 vgl. Bleuler u.a. 1983: 407

6 vgl. Posininsky u.a. 1996: 11ff.

7 Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information 2009

8 vgl. Cramer 2005: 2

9 vgl. Beveridge 2001: 595f.

10 vgl. Beveridge 2001: 596f.

11 vgl. Pinel 1801

12 vgl. Kraft 1998: 49

13 vgl. Meagher u.a. 2004: 102f.

14 Deutsche Fassung: Genie und Irrsinn

15 Deutsche Fassung: Entartung und Genie

16 vgl. Dichter 2007: 58

17 vgl. Kraft 1998: 54

18 vgl. Boehm 2003: 3ff.

19 Boehm 2003:5

20 vgl. Boehm 2003: 5

21 vgl. Dichter 2007: 60

22 vgl. Petersen 2003: 203

23 vgl. Presler 1981: 13

24 vgl. Dichter 2007: 60

25 Gorsen 1990: 7

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Grenzgänge zwischen Genialität und Wahnsinn
Untertitel
Über die Rezeptionsgeschichte der Kunst von psychisch Kranken und ihren Stellenwert in der Kunst der Gegenwart
Hochschule
Fachhochschule Kufstein Tirol
Note
1,0
Jahr
2009
Seiten
40
Katalognummer
V147488
ISBN (eBook)
9783640585328
ISBN (Buch)
9783640585564
Dateigröße
1945 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grenzgänge, Genialität, Wahnsinn, Rezeptionsgeschichte, Kunst, Kranken, Stellenwert, Kunst, Gegenwart
Arbeit zitieren
Anonym, 2009, Grenzgänge zwischen Genialität und Wahnsinn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147488

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