Das Kernthema dieser Bachelorarbeit ist die Kunst von psychisch Kranken, oder genauer gesagt: der Umgang mit Kunstwerken von Patienten psychiatrischer Anstalten.
Dank der Arbeit vieler Psychiater und Kunsthistoriker, dem revolutionären Umdenken in der Psychiatrie und dem Engagement zahlreicher Künstler gewinnt die Kunst der psychisch Kranken immer mehr an Akzeptanz und Bedeutung. Authentizität und Nonkonformismus werden als besondere Qualitätsmerkmale herausgestrichen, die professionelle Künstler nachzuahmen versuchen. Dabei widmen sie sich paradoxerweise künstlerischen Alternativen, die nicht den anerkannten Normen entsprechen und üben so nicht nur Kritik an der kulturellen Kunst, sondern stellen sich auch selbst in Frage.
Neue therapeutische und medikamentöse Behandlungen und soziale Einrichtungen werfen allerdings die Frage auf, ob das Phänomen der Kunst von psychisch Kranken in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch zeitgemäß ist. Die Ursprünglichkeit von Werken, die in psychiatrischen Institutionen der Gegenwart entstehen, wird von zahlreichen Theoretikern und Künstlern bereits eifrig diskutiert und auch das Aufkommen der Kunst als Therapieform spricht gegen das Argument des spontanen, unbeeinflussten Kunstschaffens.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
1.1 Ausgangslage und Fragestellung
1.2 Zielsetzung der Arbeit
1.3 Methodisches Vorgehen
1.4 Aufbau der Arbeit
1.5 Begrifflichkeit
2. Die Psychiatrie im Wandel der Zeit
2.1 Geschichte der Psychiatrie
2.2 Schizophrenie und Wahnsinn
3. Interesse an der Kunst der psychisch Kranken
3.1 Vorreiter
3.2 Die Bildrevolution der Moderne
3.3 Publikationen als Kunst
4. Psychisch Kranke als Künstler
4.1 Prinzhorn und die Bildnerei der Geisteskranken
4.2 Jean Dubuffet und Art Brut
4.3 Outsider Art und Europa
4.4 Gugging: Leo Navratil und Johann Feilacher
5. Die Rezeption der Art Brut heute
5.1 Anerkennung und Zusprüche
5.1.1 Ausdruck und Emotion
5.1.2 Ursprünglichkeit und Authentizität
5.1.3 Eigenständigkeit und Nonkonformismus
5.2 Kritik und Widersprüche
5.2.1 Kunst und/oder Krankheit
5.2.2 Spontaneität und Selbstbestimmung
5.2.3 Professionelle Künstler im Zwiespalt
6. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, einen fundierten Einblick in die Rezeptionsgeschichte der Kunst psychisch kranker Menschen zu geben, deren Wertwandel im Laufe der Zeit zu untersuchen und die heutige Stellung dieser Werke innerhalb der Kunstszene zu analysieren.
- Historische Entwicklung der Psychiatrie und deren Wahrnehmung von Kunst
- Einfluss der Moderne und wegweisender Theoretiker wie Prinzhorn und Dubuffet
- Bedeutung der Art Brut und Outsider Art im zeitgenössischen Diskurs
- Rolle von Institutionen wie Maria Gugging in der Vermittlung
- Kritische Auseinandersetzung mit Authentizität, Spontaneität und dem Kunstmarkt
Auszug aus dem Buch
4.1 Prinzhorn und die Bildnerei der Geisteskranken
Hans Prinzhorn (1886-1933) weist wie Marcel Réja nicht nur medizinisches, sondern auch künstlerisches Fachwissen auf. Prinzhorn studiert Kunstgeschichte und Gesang, besucht zusätzlich Vorlesungen in Psychologie und Philosophie und studiert schließlich auch noch Medizin. 1922 stellt er bei der Publikation seines Werkes die künstlerische Qualität der Werke der Patienten in den Vordergrund.
Die Grundlage für Prinzhorns wissenschaftliche Studie bildet eine von ihm zusammengestellte Sammlung von Werken psychiatrischer Patienten. Diese Sammlung gilt – mit mehr als fünftausend Malereien, Zeichnungen, Skulpturen und Texten – als der reichste Schatz der Psychiatrie um 1900 und ist deshalb noch heute ein wichtiger Bezugspunkt für Ärzte, Psychotherapeuten und Künstler. Seit September 2001 ist sie in einem eigenen Museum in einem ehemaligen Hörsaal der psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg untergebracht. Der Zeichner und Dichter Alfred Kubin (1877-1959) erahnt bereits drei Generationen vor der Museumseröffnung den Wert der Sammlung. Er erhofft sich schon damals einen Raum, wo man die Ausstellung dauerhaft unterbringen könnte, damit „ […] von dieser Stätte, wo gesammelt wurde, was Geisteskranke schufen, Geistesfrische ausströmen“ kann.
Prinzhorn interessiert sich sehr für die kreativen Äußerungen der Psychiatrie Patienten, wobei er den Fokus auf das Grenzgebiet zwischen Psychopathologie und künstlerischer Gestaltung legt. Er sieht auffällige Parallelen zwischen den Werken Geisteskranker und der zeitgenössischen Kunst, vor allem dem Expressionismus. Als er beauftragt wird, die Sammlung von Geisteskranken auszuweiten, wird es für ihn zur Lebensaufgabe. Er katalogisiert sämtliche gesammelte Werke nach formalen und inhaltlichen Gesichtspunkten und wertet sie dann in Form einer wissenschaftlichen Studie aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Einleitung in die Themenstellung, Darlegung der Fragestellungen sowie Erläuterung der methodischen Vorgehensweise und der verwendeten Begrifflichkeiten.
2. Die Psychiatrie im Wandel der Zeit: Historischer Rückblick auf die Entwicklung der psychiatrischen Krankheitslehre und die Einordnung von Begriffen wie Schizophrenie und Wahnsinn.
3. Interesse an der Kunst der psychisch Kranken: Untersuchung der frühen Vorreiter in der Psychiatrie und der Bildrevolution der Moderne, die zu einem veränderten künstlerischen Interesse führte.
4. Psychisch Kranke als Künstler: Vertiefte Betrachtung der Einflüsse von Prinzhorn und Dubuffet sowie der Bedeutung von Institutionen wie Maria Gugging für die Wahrnehmung der Art Brut.
5. Die Rezeption der Art Brut heute: Analyse der modernen Akzeptanz, der Qualitätskriterien wie Authentizität und der fortwährenden kritischen Debatten innerhalb der Kunstwelt.
6. Zusammenfassung und Ausblick: Fazit über den Status der Kunst psychisch Kranker in der Gegenwart und ein kritischer Blick auf die Zukunft unter veränderten sozialen Bedingungen.
Schlüsselwörter
Art Brut, Outsider Art, Psychiatrie, Hans Prinzhorn, Jean Dubuffet, Schizophrenie, Kreativität, Kunstgeschichte, Maria Gugging, Authentizität, Rezeptionsgeschichte, bildende Kunst, künstlerische Freiheit, psychische Erkrankung, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Umgang mit Kunstwerken von Patienten psychiatrischer Anstalten und beleuchtet die Rezeptionsgeschichte sowie deren Bedeutung in der heutigen Kunstwelt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die historische Entwicklung der Psychiatrie, der Einfluss bedeutender Kunsttheoretiker wie Hans Prinzhorn und Jean Dubuffet sowie die Rolle der Art Brut und Outsider Art in der heutigen Kunstszene.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich der Wert der Kunst psychisch Kranker in der Vergangenheit und Gegenwart gewandelt hat und welche Akzeptanz diese Werke heute erfahren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer systematischen Literaturrecherche, der Auswertung relevanter Internetartikel und eines Dokumentarfilms sowie auf persönlichen Experteninterviews mit Persönlichkeiten der österreichischen Art Brut-Szene.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Geschichte der Psychiatrie, die frühen Anfänge der Rezeption, das Wirken von Prinzhorn und Dubuffet, die Entwicklungen in Maria Gugging und eine kritische Auseinandersetzung mit der heutigen Rezeption.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Art Brut, Prinzhorn-Sammlung, Schizophrenie, künstlerische Authentizität, Outsider Art und der Wandel der psychiatrischen Anstaltsbedingungen.
Warum wird die Rolle von Jean Dubuffet als so ambivalent beschrieben?
Obwohl Dubuffet die Art Brut als ursprünglich und roh definierte, zeigt sich bei ihm ein Widerspruch zwischen der Forderung nach künstlerischer Unabhängigkeit und seinem eifrigen Handeln als Sammler und Verwalter, der die Werke ins Museumssystem integrierte.
Was macht die Institution Maria Gugging so besonders?
Gugging gilt als „Hafen der wahren Kreativität“, in dem unter Anleitung von Dr. Leo Navratil und später Dr. Johann Feilacher eine spezielle Umgebung für künstlerisch tätige Patienten geschaffen wurde, die deren Status von Patienten zu Künstlern transformierte.
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- Anonym (Author), 2009, Grenzgänge zwischen Genialität und Wahnsinn, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147488