Spezifität des russischen Transformationsprozesses


Diplomarbeit, 2004

91 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Zielstellung und Aufbau der Arbeit

1 Grundlagen der Transformation
1.1 Transformationstheorie und Definitionen
1.2 Das Dilemma der Transformation
1.3 Transformationsstrategien

2 Die Ausgangs- und Rahmenbedingungen des russischen Transformations- prozesses
2.1 Das sowjetische System der Zentralverwaltungswirtschaft
2.2 Die Reformen der Ära Gorbaþev als Ursache und Katalysator
2.2.1 Die Reformmaßnahmen
2.2.2 Das Scheitern der Systemreform
2.3 Die soziokulturellen Ausgangs- und Rahmenbedingungen
2.3.1 Die traditionelle russische Wirtschaft- und Politikkultur
2.3.2 Das Wertesystem der sowjetischen Gesellschaft
2.4 Die Schattenwirtschaft - eine spezifische Rahmenbedingung

3 Schritte zu Demokratie und Marktwirtschaft
3.1 Die Demokratisierung Russlands
3.1.1 Die Doppelherrschaft von Präsident und Parlament
3.1.2 Die Zweite Russische Republik
3.1.3 Die spezifischen Rahmenbedingungen der russischen Demokratisierung
3.1.4 Der Wandel des politischen Systems
3.2 Die ökonomische Transformation
3.2.1 Die Liberalisierung
3.2.2 Die Stabilisierung
3.2.3 Die Privatisierung
3.2.4 Ausgewählte Spezifika der ökonomischen Transformation

4 Der soziokulturelle Aspekt des Transformationsprozesses
4.1 Der gesellschaftliche Wandel
4.1.1 Die Stratifikation der russischen Gesellschaft
4.1.2 Die sozioökonomische Situation der Bevölkerung
4.1.3 Der Wertewandel der russischen Bevölkerung
4.2 Die Einstellung der Bevölkerung zum Transformationsprozess

Fazit und Schlussbemerkungen

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Ebenen und Akteure von Transformationsprozessen
(Trommsdorff, V. u. Schuchardt, C. A. 1998, S. 8)

Abb. 2: Typen von Wirtschaftsordnungen
(Schüller, A. 1992, S. 40)

Abb. 3: Das Gesellschaftssystem als Menge verbundener Teilsysteme
(Jung, S. 1998, S. 19)

Abb. 4: Die wirtschaftliche Entwicklung während der Perestroika
(Gregory, P. R. u. Stuart, R. C. 1998, S. 262)

Abb. 5: Wandel der politischen Kräfte 1993-1999
(Schröder, H.-H. 2003, S. 121)

Abb. 6: Wandel der russischen Sozialstruktur
(Schröder, H.-H. 2003, S. 85)

Abb. 7: Ausrichtung von Wertmaßstäben und Lebensstandard in Prozent
(Haarland, H. P. u. Niessen, H.-J. 1997, S. 178)

Abb. 8: Kosten und Erträge der Systemtransformation
(Petersen, H.-G., Reichel, H.-P. u. Sowada, C. 1999, S. 44)

Abb. 9: Die Struktur der russischen Exporte 1995
(Gregory, P. R. u. Stuart, R. C. 1998, S. 399)

Abb. 10: Die Veränderung der Struktur des Russischen BIPs
(Gregory, P. R. u. Stuart, R. C. 1998, S. 411)

Abb. 11: Die Entwicklung des russischen Arbeitsmarktes
(Haarland, H. P. u. Niessen, H.-J. 1997, S. 148)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Unternehmensprivatisierung in Russland 1992-1994
(Schröder, H.-H. 2003, S. 66)

Tabelle 2: Ungleichverteilung der Einkommen in Russland 1991-1995 in Prozent
(McAuley, A. 1997, S. 239)

Tabelle 3: Aufteilung der 1992 unter der Armutsgrenze lebenden Bevölkerung
(Illarionov, A., Layard, R. u. Orszag, P. 1994, S. 144)

Tabelle 4: Kriminalitätsentwicklung 1990-1998
(Schröder, H.-H. 2003, S. 99)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zielstellung und Aufbau der Arbeit

Ziel dieser Arbeit ist es zu klären inwieweit der russische Transformationsprozess Besonderheiten aufweist. Es soll deutlich werden, dass dieser Systemwechsel sich grundlegend von bisherigen Wandlungsprozessen abhebt.

Zur Analyse dieses Sachverhaltes müssen zunächst die Ausgangs- und Rahmenbedingungen daraufhin untersucht werden, ob sich ein spezifisches Wertesystem sowie eine eigentümliche Politik- und Wirtschaftskultur herausgebildet haben, welche einen von bekannten Mustern abweichenden Transformationsverlauf implizieren. Weiterhin stellt sich die Frage, ob der Systemwechsel in Russland lediglich die ökonomische und politische Teilordnung betrifft oder auch eine Transformation des soziokulturellen Systems beinhaltet.

Schließlich soll nach den jeweiligen russischen Spezifika des politischen, ökonomischen und soziokulturellen Wandels gefragt werden.

Der Aufbau der Arbeit beginnt mit den theoretischen Grundlagen des Systemwandels, wobei die Suche nach einer interdisziplinären Definition im Vordergrund steht. Weiter- hin werden das Dilemma der Transformation sowie Transformationsstrategien vorge- stellt. In diesem grundlegendem Kapitel stellt sich die Frage, nach der Anwendbarkeit der bisherigen theoretischen Erkenntnisse auf den russischen Systemwandel, da die Theorien meist den Fokus lediglich auf die ökonomischen Aspekte der Transformation richten.

Im Anschluss folgt die Suche nach den Ursachen und Rahmenbedingungen des Wandels, bei der vor allem die spezifische Ausgangssituation des Prozesses näher betrachtet wird. Nachdem kurz auf die Charakteristika des sowjetischen Systems vor der Transformation eingegangen werden, um die Tragweite der Veränderungen transparent zu machen, erfolgt eine Darstellung der Reformen unter Gorbaþev, welche unbeab- sichtigt zum Katalysator des Systemwechsels wurden. Anschließend wird die historisch gewachsene Politik- und Wirtschaftskultur sowie das sich in der Sowjetgesellschaft herausgebildete Wertesystem analysiert, um zu hinterfragen inwieweit das kulturelle Erbe der russischen Gesellschaft sich von anderen differenziert und folglich eine spezifische Einstellung der Bevölkerung sowie einen verschiedenartigen Verlauf der Transformationsprozesse in Russland bewirkt. In diesem Rahmen wird insbesondere auf die Schattenwirtschaft eingegangen, welche eine Spezifität der russischen Kultur darstellt und während der Zeit des Systemwechsels besondere Bedeutung gewann. Das folgende Kapitel erörtert die typischen Merkmale des Übergangs zu Demokratie und Marktwirtschaft. Nachdem die einzelnen Phasen der Entwicklung erläutert werden, folgt eine Herausarbeitung der jeweiligen spezifischen Rahmenbedingungen dieser Transformationsschritte. Da die Transformation jedoch nicht nur aus dem Wandel der ökonomischen und politischen Teilordnungen besteht, wird im weiteren Verlauf der Arbeit der soziokulturelle Aspekt analysiert, wobei abgesehen von der sozialen Struktu- rierung der Gesellschaft, deren sozioökonomischen Situation und des sich einstellenden Wertewandels, auch die Einstellung der Bevölkerung zum Transformationsprozess betrachtet werden.

1 Grundlagen der Transformation

Zu Beginn dieser Arbeit werden verschiedene Definitionen der Transformation vorgestellt, wobei die interdisziplinäre Begriffsbestimmung besonders herausgearbeitet wird, da nur diese für den Wandel des sowjetischen Systems in Frage kommt. Anschließend wird das Dilemma der Transformation beschrieben, welches die Einzigartigkeit des osteuropäischen Systemwechsels ausmacht. Im Anschluss folgt eine Ausführung zu Transformationsstrategien, in welcher dargelegt wird, dass diese nur bedingt verallgemeinert werden können, da sie sich meist nicht auf das Gesamtsystem mit seinen ökonomischen, politischen und soziokulturellen Komponenten beziehen, sondern nur auf die ökonomischen Bestandteile konzentrieren.

1.1 Transformationstheorie und Definitionen

Im Gegensatz zu Analysen der ehemaligen Ordnung der Zentralverwaltungswirtschaft, zu deren Funktionsweise zahlreiche Studien vorliegen, sind die Transformationsprozesse bisher nur ungenügend erforscht. Laut J. Ahrens (1994, S. 110 f.) haben selbst die Theorie der Wirtschaftsysteme, die Konvergenztheorien und andere entwicklungstheoretische Ansätze nichts Wesentliches dazu beigetragen.

Aber nicht nur der Mangel an Untersuchungen zu diesem Thema ist Ursache dafür, dass eine allgemeingültige Theorie der Transformation noch nicht existiert, sondern auch die eingeschränkte Sichtweise der Wissenschaftler. So sehen Wirtschaftswissenschaftler in der Transformation einen Wechsel des Wirtschaftssystems, die Politikwissenschaftler verstehen ihn als Demokratisierungsprozess und die Soziologie beschränkt sich auf den Aspekt des gesellschaftlichen Wandels (Haarland, H. P. u. Niessen, H.-J. 1998, S. 16). Die Interdependenz der Ebenen der Transformation wurde zwar erkannt, jedoch konnte sie noch nicht in einer allgemein akzeptierten Theorie dargelegt werden.

Auch wenn noch keine ausgereifte Transformationstheorie vorliegt, gibt es einige ökonomische Erklärungsansätze, die je nach ihren theoretischen Grundlagen unter- schiedliche Aspekte hervorheben. So sind die Evolutionstheoretiker der Ansicht, das Marktsystem sei Resultat eines evolutionären Prozesses und verlassen sich auf die Marktkräfte. Die Anhänger der Neuen Institutionenökonomik nehmen Institutionen, die das Handeln der Wirtschaftssubjekte lenken, in den Fokus ihrer Studien. Die Ordo- liberalen heben den Einfluss der Ordnungspolitik hervor und legen großen Wert auf die Installation eines Marktpreissystems, die Auflösung von Marktzutrittsbarrieren und die Vertragsfreiheit. Der Unterschied in den theoretischen Ansätzen wird besonders bei Betrachtung der Theorien der Neoliberalen und der Post-Keynesianer deutlich. Die erstgenannten sind der Ansicht, dass das System der Marktwirtschaft zu jeder Zeit stabil ist und Fehlentwicklungen auf das Intervenieren des Staates zurückzuführen sind. Die Post-Keynesianer hingegen betonen den instabilen Charakter des Marktsystems, welcher das Eingreifen des Staates unbedingt erfordert, um Stabilität zu gewährleisten (Haarland, H. P. u. Niessen, H.-J. 1998, S. 17).

Diese Theorien bleiben jedoch in den Ansätzen stecken, denn zum einen sind sie nicht dynamisch und können keine Antworten auf Fragen geben, wie der nach dem richtigen Privatisierungsverlauf. Zum anderen machen sie keine Aussagen zu der Abfolge, den Kosten oder dem benötigten Zeitraum der Transformation (Wagener, H.-J. 1992, S. 389 ff.).

Das größte Manko dieser Ansätze liegt jedoch in deren ausschließlichen Fixierung auf die ökonomischen Aspekte des Systemwandels.

Ebenso wie die Suche nach einer allgemeingültigen Theorie der Transformation gestaltet sich auch die Suche nach einer treffenden Definition des Transformationsbegriffes schwierig.

Bohnet und Ohly (1992, S. 28 f.) verstehen die Transformation von Wirtschafts- ordnungen als „jede Substitution von - auch einzelnen - ordnungskonstituierenden Merkmalen durch andere […], durch die die alte (Teil-) Ordnung durch eine neue abgelöst wird. Dabei soll das Ziel einer vollständigen Transformation hin zur Markt- wirtschaft zumindest erkennbar sein.“ Diese Begriffsbestimmung lässt jedoch offen, wessen Ziele entscheidend sind. Weiterhin erfasst diese Definition wiederum nicht die spontane Ordnungsbildung (Arnold, M. 1994, S. 43). Nach dieser Begriffsbestimmung könnte man bereits eine Veränderung innerhalb der Wirtschaftsordnung als Trans- formation auffassen, woran mit Sicherheit gezweifelt werden muss (Ahrens, J. 1994, S. 114).

Auch an der Definition von Kloten muss Kritik geübt werden, selbst wenn er in seine Begriffsbestimmung bereits über den ökonomischen Aspekt hinaus die Interdependenz mit der politischen Ebene der Transformation einbezieht. Er versteht unter der Trans- formation einen „durch politischen Gestaltungswillen und politisches Handeln ausgelöste(n) Prozeß [...], der durch eine Substitution gegebener ordnungskonsti- tuierender Merkmale durch andere einen ‚qualitativen’ Sprung derart bewirkt, daß es zu einer Ablösung des alten Systems durch ein neues kommt“ (Kloten, N. 1991, S. 8 f.). Diese Definition ist unvollständig, da sie als Auslöser des Prozesses allein politische Kräfte ansieht. Die property-rights-Theorie besagt jedoch, dass die Bildung neuer Ordnungen zum Teil auch spontan möglich ist (Arnold, M. 1994, S. 43). Darüber hinaus wird die wechselseitige Abhängigkeit mit der gesellschaftlichen Ebene vernachlässigt. Arnold definiert den Begriff bezogen auf einen Zeitpunkt und unabhängig von Zielen, als „den Zeitpunkt, zu dem eine Wirtschaftsordnung mit überwiegend zentraler Koordination in ein System mit überwiegend dezentraler Lenkung übergeht“ (Arnold, M. 1994, S. 45).

Diese, von den Theoretikern unterschiedlichster Denkrichtungen geprägten, Definitionen beschränken sich jedoch auf den Wandel des Wirtschaftssystems.1 Da aber die Transformation ein interdisziplinärer Vorgang ist, der sich nicht auf eine ökonomische, politische oder soziologische Definition beschränken darf, favorisiert die Autorin die Begriffsbestimmung von Biermann, welcher die System-Transformation definiert als „ein von einer Ideologie bestimmter Gestaltungsprozeß, der die schrittweisen, reihen- folgeabhängigen, grundlegenden Veränderungen […] eines offenen Systems sowohl in seinen verschiedenartigsten Elementen, […] als auch in seinen unterschiedlichen und mannigfaltigen Relationen zwischen den Elementen zum Inhalt hat, wobei sich neue Relationen ergeben können“ (Biermann, H. 1996, S. 78). Unter Elementen versteht Biermann die Wirtschaftssubjekte und Institutionen jeglicher Art (wie Haushalte, Unter- nehmen, Parteien, Teilmärkte). Die Relationen beschreiben die vielgestaltigen Bezie- hungen zwischen den Elementen.

Hinter dieser Definition verbirgt sich ein weiter Begriff der Transformation, der die „‚Umgestaltung’ von Gesellschaften in politischer, kulturell-mentaler, sozialer und ökonomischer Hinsicht“ (Biermann, H. 1996, S. 74) einschließt und somit der Interdependenz der verschiedenen Transformationsebenen Rechnung trägt. Unterstützt wird diese Definition von den Ausführungen Trommsdorffs und Schuchardts, die festgestellt haben, dass eine Marktordnung nur eine von vielen Bedingungen für eine erfolgreiche Transformation ist und „Wechselwirkungen zwischen den Systemelementen […] Bestandteile und Determinanten der Transformation“ (Trommsdorff, V. und Schuchardt, C. A. 1998, S. 7) sind. Die folgende Abbildung stellt dies grafisch dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ebenen und Akteure von Transformationsprozessen (Trommsdorff, V. und Schuchardt, C. A., 1998, S. 8)

Des Weiteren findet man auch bei Schüller diesen Aspekt der Interdependenz. Er ist der Ansicht, dass während der Transformation „die rechtlich-institutionellen und lenkungs- technischen Bedingungen der geschlossenen Systemwelt von Zentralverwaltungs- wirtschaften durch den Ordnungsrahmen offener Systeme abgelöst“ (Schüller, A. 1992, S. 36) werden. Hierbei ist ein Übergang von Typ A bzw. Typ B einer Wirtschafts- ordnung zu Typ C zu beobachten. Die verschiedenen Typen zeigt die nachfolgende Abbildung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Typen von Wirtschaftsordnungen (Schüller, A. 1992, S. 40)

A. Schüller (1992, S. 36) betont, dass dieser Übergang „eine alle Lebensbereiche einbeziehende soziale Desintegration der Menschen“ zur Bedingung hat, wobei er erkennt, dass sich abgesehen von den „neu definierten äußeren Handlungs- beschränkungen […] auch die inneren Handlungsbedingungen fundamental“ ändern. Weiter hebt er die „notwendige Neuverflechtung aller individuellen Handlungen“ hervor und betont die Beziehung zwischen den neu zu schaffenden Elementen des Markt- systems und der „rechtlich-institutionellen Infrastruktur“ (Schüller, A. 1992, S. 36).

Schließlich ist vor allem Ahrens ein Verfechter der umfassenden interdisziplinären Definition von Transformation. Er begründet seine Sichtweise unter anderem mit den Erkenntnissen von Walter Eucken, der die wechselseitigen Abhängigkeiten sämtlicher Teilordnungen der Gesellschaft untersuchte (Ahrens, J. 1994, S. 114). Ahrens sieht in der Transformation einen auf ein konkretes Ziel gerichteten Prozess, wobei das Ziel „in der Herstellung und Sicherung der individuellen Freiheit und - damit verbunden - in der Entwicklung einer marktwirtschaftlichen und demokratischen Ordnung, die eine tief- greifende Umstellung der individuellen Handlungsbedingungen impliziert“ (Ahrens, J. 1994, S. 115), besteht. Ahrens ist weiterhin der Auffassung, dass aufgrund der interde- pendenten Beziehungen aller Teilordnungen des Gesellschaftssystems die Modifikation des ökonomischen und politischen Subsystems einen Wechsel der Rechtsordnung, der Bürokratie und insbesondere der soziokulturellen Subordnung bedingt (Ahrens, J. 1994, S. 115 f.). Deutlich wird diese Aussage auch bei S. Jung (1998, S. 18), der die Transformation als einen Wandel des gesamten Gesellschaftssystems versteht, welches sich aus mehreren, sich wechselseitig beeinflussenden Teilsystemen zusammensetzt. Diese Interdependenz wird in der nachfolgenden Abbildung deutlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Das Gesellschaftssystem als Menge verbundener Teilsysteme (Jung, S. 1998, S. 19)

Auf der Grundlage dieser letztgenannten Definitionen ist die Komplexität der Transformation transparent geworden. Die Tatsachen, dass eben nicht nur ein Macht- system substituiert wird, wie es bei Revolutionen der Fall ist, sondern die gesamten soziokulturellen Strukturen zusammenbrechen, machen diese Komplexität aus. Durch diesen Wandel auf allen Ebenen ist eine Suche nach völlig neuen und fremden Fixpunkten in Wirtschaft, Politik, Sozialem und Geistigem notwendig (Jena, D. 1995, S. 62). Daraus kann man ableiten, dass eine Übertragung bereits bekannter Strategien auf den russischen Transformationsprozess wohl kaum möglich ist, da sich die Voraussetzungen in der Gesellschaftsordnung der ehemaligen Sowjetunion (SU) bzw. der heutigen Russischen Föderation von denen anderer Transformationstaaten differen- zieren (siehe auch Ahrens, J. 1994, S. 115). Man kann schlussfolgern, dass eine Übernahme von Transformationsstrategien anderer Staaten scheitern muss respektive nicht die selben Wirkungen erzielt, da die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaft- lichen Bedingungen von Land zu Land variieren und folglich auch mit einer unter- schiedlichen Reaktion auf gleichartige Maßnahmen zu rechnen ist.

1.2 Das Dilemma der Transformation

Die Eigentümlichkeit der osteuropäischen Transformationsprozesse im Vergleich zu den Systemwechseln anderer Staaten (wie denen in Südamerika, Südeuropa oder Deutsch- land nach 1945) besteht in dem Dilemma der Gleichzeitigkeit, d. h. in der gleichzeitigen Ausbildung von Demokratie und Marktwirtschaft. Abgesehen von der Demokratiefrage und der Frage der Neugestaltung der Wirtschaftsordnung, musste in der ehemaligen Sowjetunion gleichzeitig auch die Territorialfrage, d. h. eine Grenzfestlegung des neuen Staatsgebietes und der darin lebenden Bevölkerung, gelöst werden (Offe, C. 1994, S. 64 f.). Dies macht laut C. Offe (1994, S. 60) den „einzigartige(n) und vorbildlose(n) Charakter der ost- und mitteleuropäischen Transformationsprozesse“ aus. Es gab für diesen Prozess kein Vorbild, da in allen vorausgegangenen Transformationen nie alle drei Ebenen synchron transformiert werden mussten. So war der Kapitalismus, auch wenn er in der Zeit des Nationalsozialismus starken Lenkungstendenzen durch das damalige Regime unterworfen war, nie beseitigt und die Länder Südeuropas hatten bereits ihre Volkswirtschaft modernisiert, bevor sie den Prozess der Demokratisierung aufnahmen (Beyme, K. 1994, S. 81). Weiterhin verläuft die Transformation der drei Ebenen in einer sehr kurzen Zeit, bedenkt man, dass die Wurzeln der Demokratie und Marktwirtschaft (die Aufklärung, der Liberalismus, die Entstehung einer bürgerlichen Marktwirtschaft und der einzelnen Nationalstaaten) in den westeuropäischen Staaten jahrhunderteweit zurückreichen (Haarland, H. P. u. Niessen, H.-J. 1998, S. 10).

Auf historische Erfahrungen mit der Marktwirtschaft und Demokratie kann Russland jedoch nicht verweisen. Nicht zuletzt hätte der über siebzig Jahre vorherrschende Kommunismus diese aus dem kulturellen Gedächtnis verdrängt. Lediglich auf die „Ansätze […] einer kleinkapitalistischen Schattenwirtschaft“ (Beyme, K. 1994, S. 81) kann Russland in dieser Hinsicht zurückgreifen (siehe auch Haarland, H.P. u. Niessen, H.-J. 1997, S. 54).

In dieser Gleichzeitigkeit würde kein Dilemma liegen, wenn man beweisen könnte, dass sich die Ausbildung von Marktwirtschaft und Demokratie nicht gegenseitig hemmt, sondern begünstigt. Einige Wissenschaftler sind dieser Meinung, unter anderem Jiri Kosta, der dies für die tschechoslowakische Entwicklung in den 60er Jahren belegte (Offe, C. 1994, S. 65 f.). Jedoch sind die Verfechter dieser Ansicht in der Minderheit.

Das Dilemma der Gleichzeitigkeit, welches eine große Besonderheit der Transformation in Osteuropa ausmacht, besteht nun darin, dass die Entstehung von Demokratie eine bereits vorhandene marktwirtschaftliche Entwicklung voraussetzt. Denn nur in einem Wirtschaftssystem, das sich durch Arbeitsteilung und differenzierte gesellschaftliche Strukturen auszeichnet, können Interessenblöcke entstehen, die eine Konkurrenzdemokratie ermöglichen (Haarland, H. P. u. Niessen, H.-J. 1998, S. 12).

Andererseits sind aber demokratische Elemente für die Etablierung eines markt- wirtschaftlichen Systems notwendig, denn die in Osteuropa entstehende Markwirtschaft ist „ihrer Entstehungsweise nach ‚political capitalism’2, d. h. ein von Reformeliten […] in Bewegung gesetzter Kapitalismus“ (Offe, C. 1994, S. 68). Die Bevölkerung hegt jedoch Misstrauen gegen die Implementierung der Marktwirtschaft und der mit ihr ein- hergehenden Neuordnung der Eigentumsrechte, denn sie befürchtet, dass dieser Vorgang weniger dem Wohl der Bevölkerung, als der Bereicherung Angehöriger der Nomen- klatura dient. Weiterhin herrschen Bedenken darüber, dass die Einführung der Marktwirtschaft mit großen Opfern verbunden ist und niemand weiß, wie lange diese Transformationsperiode andauern wird (ebenda, S. 68). Die Skepsis in der Bevölkerung „und ihr destruktives Potential kann nur dann gebändigt werden, wenn sich die Reform- eliten ein demokratisches Mandat für ihre Privatisierungsinitiativen verschaffen und eine faire Rechenschaftspflicht gegenüber der […] Bevölkerung anerkennen“ (ebenda, S. 68). Somit ist die Demokratie eine Bedingung für die Marktwirtschaft.

C. Offe (1994, S. 71) erfasst das Dilemma wie folgt: „Erst eine entwickelte Markt- wirtschaft erzeugt die sozialstrukturellen Bedingungen für stabile Demokratie und ermöglicht soziale Kompromissbildung. Aber: Die Einführung der Marktwirtschaft in postsozialistischen Gesellschaften ist ein ‚politisches’ Projekt, das nur auf der Basis starker demokratischer Legitimation Erfolgsaussichten hat“. Um dieses Dilemma zu lösen, muss die Bevölkerung viel Geduld haben und zuversichtlich in die Zukunft blicken, sich flexibel den auftretenden Neuerungen anpassen können und eine gewisse Ausdauer im Warten auf den Nutzen dieser Anpassung aufbringen. Zeigt sie diesen Langmut nicht, könnte sie von ihrem demokratischen Recht auf Blockierung der Transformation Gebrauch machen (ebenda, S. 76).3

1.3 Transformationsstrategien

Die Transformationstheoretiker, welche sich zum großen Teil auf die Analyse der Transformation der Marktordnung beschränken, sind sich weitgehend darüber einig, welche Elemente der Systemwechsel beinhalten muss. Hinsichtlich des Sequencings (die Reihenfolge der Transformationsphasen), des Pacings (Zeitbedarf) und vor allem des Timings (Zeitpunkt) herrschen jedoch geteilte Meinungen (Lösch, D. 1993, S. 32 ff.).

Anhänger des Neoliberalismus und der Neoklassik verschreiben sich hinsichtlich der Geschwindigkeit der Transformation der sog. „Big-Bang-Strategie“ bzw. „Schock- therapie“, während Keynesianer eine „gradualistische“ Vorgehensweise oder auch „Piecemal-Strategie“ bevorzugen (Kleer, J., Laurinkari, J., Brazda, J. 1996, S. 75). Die Schockstrategie zeichnet sich durch die gleichzeitige und schnelle Durchführung der zentralen Transformationsschritte hin zu Marktwirtschaft und Demokratie aus.4 Ihre Vertreter, wie z. B. Jeffrey Sachs, fordern diese durchgreifende Strategie, um die ökono- mische und gesellschaftliche Selbstregulierung alsbald wieder funktionsfähig zu machen (Beyme, K. 1994, S. 221). Marktwirtschaft soll sprunghaft erreicht werden, da befürchtet wird, dass schrittweise Reformen den Widerstand in der Bevölkerung gegen den Transformationsprozess fördern und nur eine rasche Transformationsstrategie politisch durchsetzbar ist. Darüber hinaus vertreten Anhänger der Schockstrategie die Ansicht, dass die gleichzeitige Existenz liberalisierter und reglementierter Elemente der Teilordnungen die Wirtschaft negativ beeinflusst. Einmalige, aber dafür schwer wiegende soziale Beeinträchtigungen der Bevölkerung werden hingenommen, um mit einem Big Bang ordnungspolitischer Reformen einen kritischen Punkt zu erreichen, bei dem eine Umkehr der Transformation nicht mehr möglich ist (Jens, U. 1993, S. 159 f.).5 Konträr zur Schockstrategie charakterisiert den Gradualismus ein mehrstufiger, zeitlich ausgedehnter Übergang, währenddessen der Staat interveniert und zunächst seine Plan- und Lenkungsbefugnisse behält. So sollte dieser weiterhin die Kontrolle über die Finanzpolitik und die Löhne haben und eine Öffnung nach außen sollte nur stufenweise erfolgen (Beyme, K. 1996, S. 89). Ziel dieser Strategie ist die zeitliche Streckung der Belastungen für die Wirtschaftssubjekte, um auf diese Weise eine Abfederung der sozialen Härten (aus denen sich nicht zuletzt Widerstände in der Bevölkerung gegen den Transformationsprozess entwickeln könnten) zu erreichen.

Die Entscheidung für eine Transformationsstrategie hängt aber nicht nur von ökono- mischen Faktoren ab, sondern ebenso von politischen und soziokulturellen. Unter wirt- schaftlichen Gesichtspunkten ist die Strategie zu wählen, welche die geringsten sozialen Nettokosten verursacht.6 Während aus politischer Sicht nur eine Transformations- strategie erfolgreich sein kann, die auch politisch durchsetzbar ist, besteht das soziokulturelle Kriterium in der Akzeptanz der Transformation in weiten Teilen der Bevölkerung. Demnach muss die Wahl der Transformationsstrategie von mehr als dem Aspekt der Geschwindigkeit der Maßnahmen abhängen (Lösch, D. 1993, S. 58 ff.).

Darüber hinaus darf diese Dichotomie in Schockstrategie und Gradualismus nur eine geringe Bedeutung für die Wahl der Transformationsstrategie haben, da das Tempo des Systemwechsels nicht allein von politischen Entscheidungen bestimmt wird, sondern auch von der Dauer sozialer Anpassungsprozesse7, die mit der Transformation einher- gehen, sowie von den systeminnewohnenden Wechselbeziehungen wirtschaftlicher Sachverhalte determiniert wird. So lässt sich die Geschwindigkeit der Transformation nur in Bezug auf ordnungs- und prozesspolitische Entscheidungen sowie mittelbar über die Unterstützung der sozialen Lern- und Anpassungsprozesse steuern (Ahrens, J. 1994, S. 143).

Die Differenzierung in Schockstrategie und Gradualismus erfasst das Wesen des Systemwechsels jedoch nicht und bleibt auf die Theorie beschränkt. So sind beide Strategien allein als konkrete Basis für die Ausgestaltung der Transformation nicht akzeptabel, da in der praktischen Umsetzung von Transformationsstrategien stets Elemente beider Vorgehensweisen miteinander kombiniert werden (Kleer, J., Laurinkari, J., Brazda, J. 1996, S. 75).

Man sollte deshalb diese strenge Unterscheidung aufgeben und für die einzelnen zu analysierenden Länder, welche alle unterschiedliche Ausgangs- und Rahmenbedingungen aufweisen, individuell die geeignete Kombination der Transformationsstrategien bestimmen (Arnold, M. 1994, S. 190).

2 Die Ausgangs- und Rahmenbedingungen des russischen Transformations- prozesses

Zur Analyse des Transformationsprozesses in Russland und im Besonderen um dessen Spezifität herauszuarbeiten, ist es notwendig, sich mit der Ausgangssituation, den Ursachen und Rahmenbedingungen der Transformation auseinanderzusetzen. Zunächst wird daher das sowjetische System vor den Reformen betrachtet, da dies hilfreich ist, die Probleme zu verstehen, denen der Systemwandel gegenübersteht. Anschließend gilt es besonders die Gorbaþev-Ära näher zu beleuchten, da diese mit ihren Reformen der gesellschaftlichen Umgestaltung (Perestroika) und der Öffnung (Glasnost), welche auf die Modernisierung und Weiterentwicklung des Sozialismus abzielten, schließlich jedoch den Zusammenbruch des Systems bewirkten und damit die Ursache des Trans- formationsprozesses ausmachten (Ahrens, J. 1994, S. 21). Weiterhin werden die histo- rischen Rahmenbedingungen der russischen Politik- und Wirtschaftskultur sowie das Wertesystem der sozialistischen Gesellschaft analysiert, um zu verdeutlichen, dass eine Besonderheit des Transformationsprozesses in Russland die parallel zur ökonomischen Systemtransformation stattfindende Transformation wirtschaftskultureller und poli- tischer Werte ist. Abschließend wird eine spezifische Rahmenbedingung des russischen Transformationsprozesses, die Schattenwirtschaft, welche ihre Wurzeln schon früher hatte, jedoch in der Transformationszeit in ungeahnte Ausmaße expandierte, näher beleuchtet.

2.1 Das sowjetische System der Zentralverwaltungswirtschaft

Im Jahr 1928 beendete Stalin Lenins Neue Ökonomische Politik (NEP)8 und der erste Fünfjahresplan wurde aufgestellt. Dies war der eigentliche Beginn der zentral gelenkten Planwirtschaft in der Sowjetunion. Seit dieser Zeit gab es aufgrund der immer deutlicher werdenden Schwächen des Systems mehrere Reformversuche - wie die Kossygin- Reform von 1965, die Reorganisation der Industrieverwaltung von 1973 oder die Reform des Planungs- und Lenkungssystems von 1979 - welche jedoch die grund- legenden Elemente der Planwirtschaft nicht berührten. Diese bestehen vor allem aus dem Staatseigentum an Produktionsmitteln, einer streng vertikal ausgerichteten Entschei- dungshierarchie und der zentral angelegten Mengenplanung (Ahrens, J. 1994, S. 22 f.; Jung, S. 1998, S. 167 ff., Fischer, S. 1994, S. 226).

Laut J. Kornai (1992, S. 33) sollte man zunächst die Machtstrukturen dieses Systems näher betrachten, um die Funktionsweise der Kommandowirtschaft zu verstehen. An der Spitze des Machtapparates stand die Parteiführung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), das Politbüro. Alle weiteren Führungspositionen wurden nach dem System der Nomenklatura9 besetzt. Die KPdSU legte die politischen Leitlinien fest und überwachte die Planerfüllung. Für die Steuerung der Prozesse im Land war der hierarchisch aufgebaute Verwaltungsapparat zuständig. Das höchste Organ - der Ministerrat - war laut Verfassung für die Planung und Kontrolle der sowjetischen Volks- wirtschaft zuständig. Ihm unterstanden sämtliche Ministerien sowie weitere Organe mit speziellen Kompetenzen, wie z. B. Gosplan, das staatliche Plankomitee, Goskomzen, das staatliche Preiskomitee, oder Gossnab, das Staatskomitee für material-technische Ver- sorgung. Unter dieser Hierarchieebene befanden sich weitere regionale und lokale Leitungsorgane sowie Industrievereinigungen, während die Unternehmen, landwirt- schaftlichen Betriebe und Genossenschaften die unterste Stufe der Hierarchie bildeten (Ahrens, J. 1994, S. 23 f.; Gregory, P. R., Stuart, R. C. 1998, S. 98 ff.; Claudy, P. 1995, S. 4 f.).

Für die Definition der strategischen Ziele war das Politbüro der KPdSU zuständig. Diese langfristigen Ziele (sog. Fünfjahrespläne) wurden auf den nächsten Hierarchieebenen, dem Ministerrat und der staatlichen Planungsbehörde Gosplan nach Sektoren und Regionen gegliedert. Aber auch die Betriebe selbst verfügten in dem Planungsprozess über einige Kompetenzen. So wurde der Gesamtplan erst auf Basis der Bedarfs- rückmeldung der einzelnen Unternehmen erstellt. Dies erklärt auch das Zustandekom- men der sog. weichen Pläne. Die Betriebe gingen dabei nach der Minimax-Strategie vor. Während die Unternehmen die Planziele so gering wie möglich zu halten versuchten, beantragten sie weit mehr Ressourcen als zur Herstellung des geforderten Outputs nötig waren. Mit dieser Strategie waren eine Übererfüllung des Plans und der damit einher- gehende Prämienerhalt stets sichergestellt (Arnold, M. 1994, S. 86 f.; Claudy, P. 1995, S. 5 f.).

Problematisch an diesem vertikalen Koordinationsmechanismus waren die auftretenden Informationsdeformationen und -verluste, die zu einer Fehlallokation führten und maß- geblichen Anteil an dem Gütermangel in der sowjetischen Wirtschaft hatten. Erschwe- rend kommt hinzu, dass erkannte Fehler in der Planung aufgrund des starren bürokra- tischen Systems nur schwer wieder beseitigt werden konnten (Jung, S. 1998, S. 172 f.). Zur Ausgleichung der Planungsmängel und Engpässe in der Versorgung entwickelten sich informelle Beziehungsnetzwerke und ein zwischenbetrieblicher Tauschgeschäfte mittels Schieber, die zur Planerfüllung und somit zur wirtschaftlichen Stabilisierung im Land beitrugen, aber auch die Korruption förderten (Ahrens, J. 1994, S. 29 ff.; Arnold, M. 1994, S. 92 f.).

Um das System der Planung nicht zu gefährden, wurde die Wirtschaft vom Weltmarkt abgeschottet und ein staatliches Devisen- und Außenhandelsmonopol geschaffen. Wechselkurse dienten dabei lediglich als Verrechnungspreise (Ahrens, J. 1994, S. 25).

Die Produktionsplanung erfolgte in der sowjetischen Wirtschaft in Naturalgrößen. Allerdings machte die Vielzahl der Beteiligten im Wirtschaftsprozess sowie die Fülle an herzustellenden Produkten eine Aggregation erforderlich, wodurch auch eine monetäre Planung notwendig wurde. Diese Planung in Geldeinheiten (sog. Kontrolle durch den Rubel) ermöglichte eine Überwachung des Staatshaushaltes, der Kosten der Unternehmen sowie der gesamten Planung (Ahrens, J. 1994, S. 26).

Preise wurden in der sowjetischen Wirtschaft staatlich festgesetzt und drückten in keiner Weise Faktorknappheiten oder Konsumentenpräferenzen aus. In der UdSSR existierte daher weder ein Geld- und Kreditmarkt noch ein Kapitalmarkt. Das Bankensystem bestand neben der Zentralbank (Gosbank) lediglich aus einigen Spezialbanken. Diese vergaben Kredite nicht unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, sondern stets im Hinblick auf die Planerfüllung der Unternehmen (Ahrens, J. 1994, S. 26).

Anreize für ökonomisches Handeln im Unternehmen wurden unterlaufen, da die Betriebe ihren Gewinn an den Staat abführen mussten und bei Nichtdeckung ihrer Kosten (z. B. falls die Preise ihrer Produkte vom Staat zu niedrig angesetzt wurden) staatliche Subventionen erhielten bzw. ihnen Kredite in unbegrenzter Höhe zur Ver- fügung standen. Diese weichen Budgetbeschränkungen10 trugen hauptsächlich dazu bei, dass die Betriebe ineffizient handelten und keine Anstrengungen unternehmen mussten, um Verluste zu vermeiden. Die Unternehmen konnten nicht Konkurs gehen und eine Ressourcenverschwendung war allgegenwärtig (Ahrens, J. 1994, S. 26; Arnold, M. 1994, S. 101; Claudy, P. 1995, S. 6 f.).

Da in der Sowjetunion Staatseigentum an Produktionsmitteln galt und niemand sich an den Unternehmenserfolgen persönlich bereichern konnte, gab es keinen individuellen Anreiz für ökonomisches Handeln der Wirtschaftsakteure, Eigeninitiative der Wirtschaftssubjekte und sorgfältigen Umgang mit Wirtschaftsgütern. Im Gegenteil war diese Form des Kollektiveigentums eine Ursache für die Hortung von Ressourcen, da aufgrund der Planung von oben stets Unsicherheit über die zukünftige Verwendung der Produktionsmittel herrschte (Jung, S. 1998, S. 170 f.).

Weiterhin war dieses Wirtschaftssystem äußerst innovationsfeindlich, da Anreize Innovationen durchzuführen für Unternehmen fehlten. Sie wurden hierfür nicht durch Innovationsgewinne belohnt. Dadurch vergrößerte sich die technologische Lücke zu den westlichen Marktwirtschaften im Laufe der Zeit stetig (Claudy, P. 1995 S. 7).

In der Sowjetunion bestand eine „beschränkt freie Konsum- und Arbeitsplatzwahl“ (Arnold, M. 1994, S. 87). Als Lenkungsinstrument für die Arbeitsplatzwahl wurden die Löhne eingesetzt. Allerdings spielte für die Arbeitsplatzwahl sowjetischer Arbeitnehmer auch die Möglichkeit eigenen Geschäften oder Nebentätigkeiten nachgehen zu können eine Rolle. Kündigungen durch die Arbeitgeberseite waren durchaus möglich, kamen jedoch selten vor, da in dem sowjetischen Wirtschaftssystem Arbeitskräfte, wie auch andere Ressourcen, meist gehortet wurden (Arnold, M. 1994, S. 88 f.).

Betriebe hatten neben ihrer Aufgabe der Güter- bzw. Dienstleistungsproduktion auch soziale Funktionen auszuüben. Sie nahmen, angefangen bei der Bereitstellung von Woh- nungen und Kindergartenplätzen bis zu Einkaufsmöglichkeiten und Sporteinrichtungen, mannigfaltige Versorgungsfunktionen wahr. Teilweise gingen diese sozialen Für- sorgemaßnahmen jedoch zu Lasten der eigentlichen Produktion (Teckenberg, W. 1993, S. 84 f.).

Da dem Wirtschaftssystem der UdSSR unter anderem das philosophisch-politische Dog- ma des Egalitarismus zu Grunde lag (Kleer, J., Laurinkari, J. u. Brazda, J. 1996, S. 44), war es stets das Ziel, keine erheblichen Einkommensunterschiede entstehen zu lassen. Daher wurden immaterielle Leistungsanreize (z. B. Titel wie „Held(in) der Arbeit“) materiellen Anreizen vorgezogen, was zu Motivationsproblemen führte (Jung, S. 1998, S. 174 ff.).

Die freie Konsumwahl war in der Sowjetunion garantiert, auch wenn einige Bereiche, wie die Wohnungswirtschaft, davon ausgenommen waren und die zentrale Planung sich nicht an den Konsumentenwünschen orientierte. Zur Steuerung der Nachfrage und Erreichung eines den Markt räumenden Preisniveaus wurde die Umsatzsteuer benutzt, welche für nahezu jedes Gut individuell festgelegt wurde.

Aufgrund der Tatsache, dass die Preise für Grundbedarfsgüter extrem niedrig gehalten wurden und auch die enorm starke Steuerbelastung auf dauerhafte Konsumgüter die Kaufkraft nicht absorbieren konnte, wurde ein permanenter Geldüberhang aufgebaut (Arnold, M. 1994, S. 90).

Bereits in den 50er Jahren, besonders aber in den 60er Jahren, wurden die ökonomischen Probleme des Systems deutlich und eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums stellte sich ein, so dass ab Mitte der 60er Jahre versucht wurde das Wirtschaftssystem zu reformieren (Fischer, S. 1994, S. 228). Diese Reformen schlugen jedoch fehl und konnten die ökonomischen Probleme nicht beheben, da sie lediglich eine punktuelle Symptombeseitigung darstellten (Ahrens, J. 1994, S. 31ff.).

In den 80er Jahren weitete sich die ökonomische Krise auf politische sowie soziokulturelle Bereiche aus und wurde durch ethnische Konflikte weiter zugespitzt. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung sowie das Verlangen nach einem besseren Lebensstandard und mehr Meinungs- und Rechtsfreiheit wuchsen unter anderem aufgrund vermehrter westlicher Einflüsse (Ahrens, J. 1994, S. 35 f.). Schließlich kam man nach dem Tode Breschnews zu der Ansicht, dass das System tief greifender Reformen bedurfte. Zu einem umfassenden Kurswechsel in der Innen-, Außen- und Wirtschaftspolitik kam es allerdings erst 1985, als mit Gorbaþev der Generationswechsel in der Parteiführung vollzogen wurde und dieser mit seiner Politik von Glasnost und Perestroika die Umbruchprozesse in Gang setzte (Ahrens, J. 1994, S. 36 ff.).

2.2 Die Reformen der Ära Gorbaþev als Ursache und Katalysator

2.2.1 Die Reformmaßnahmen

Gorbaþev knüpfte zunächst an die behutsame Reformpolitik von Andropov an. Das Ziel dieser Reformen war es lediglich das bestehende ökonomische und politische System zu verbessern.11 Dazu sollten Kampagnen gegen Alkoholismus, Faulheit sowie Korruption am Arbeitsplatz und in den Behörden beitragen (Claudy, P. 1995, S. 8). Erst im Januar 1987 begann mit der Verkündung der weit reichenden Reformen auf dem Plenum des Zentralkomitees die eigentliche Perestroika. Gorbaþev erkannte den Zu- sammenhang der politischen und wirtschaftlichen Probleme des Landes und beabsich- tigte deshalb eine Umgestaltung in allen gesellschaftlichen Bereichen (Schröder, H.-H. 2003, S.31). So führte er eine Politik der Öffnung und Demokratisierung - Glasnost - ein. Diese Einführung von Transparenz und mehr Demokratie im täglichen Leben der Bevölkerung sollte die Bereitschaft fördern, die Umstrukturierungskosten zu tragen und zielte auf eine Aktivierung der Gesellschaft und Verbesserung der Arbeitsmoral ab (Gregory, P. R., Stuart, R. C. 1998, S. 256 f.). Gorbaþev bezeichnete dies als den „menschlichen Faktor“ (Gorbaþev, M. S. 1987, S. 101).

Wichtige Reformmaßnahmen der Perestroika waren die Gesetze über den Staatsbetrieb, über die individuelle Arbeitstätigkeit und über die Kooperativen. Das Gesetz „Über den Staatsbetrieb“, welches am 1. Januar 1988 in Kraft trat, übertrug den Staatsbetrieben eine große Entscheidungsfreiheit bezüglich der Produktionsplanung, der Gewinnver- wendung, der Lohnzahlungen sowie der Geschäftsführung (Claudy, P. 1995, S. 8), während die oberen Instanzen weiterhin für die Investitionsplanung zuständig waren. Diese Lockerung der Kontrolle über die Löhne hatte in Verbindung mit den immer noch weichen Budgetbeschränkungen gravierende Folgen, da die Arbeitgeber nicht auf eine harte Lohnpolitik angewiesen waren. So stiegen die Vergütungen seit 1988 um mehr als das Doppelte der erwarteten Lohnsteigerungen12 an. Dies verstärkte, neben dem Geldüberhang und den gestiegenen Subventionen, die Gefahr einer potentiellen offenen Inflation für den Fall einer Freisetzung der Preise (Ahrens, J. 1994, S. 44; Arnold, M. 1994, S. 110 ff.; Fischer, S. 1994, S. 234).

Darüber hinaus wurden die Planvorgaben des Staates durch Staatsaufträge ersetzt, die bisherigen streng vertikalen Kommandostrukturen durch horizontale Beziehungen zwischen Vertragspartnern ergänzt und die wirtschaftliche Rechnungsführung und Eigenverantwortlichkeit der Betriebe eingeführt. Die Unternehmen sollten auf längere Sicht selbstverantwortlich für ihr Unternehmensergebnis handeln. Ziel war es demnach, die Rentabilität und das Kostenbewusstsein der Betriebe zu erhöhen sowie die Gewinn- orientierung als Unternehmensziel einzuführen. Da jedoch die Preise noch staatlich festgesetzt wurden, mussten die Unternehmen in der Praxis weiter subventioniert werden (Claudy, P. 1995, S. 9).

Des Weiteren wollte Gorbaþev die Technologie der sowjetischen Volkswirtschaft modernisieren. Diese Modernisierung sollte unter anderem durch westliche Hilfe erfolgen. Hierzu musste das Land dem Westen gegenüber geöffnet werden. So wurde das Außenhandelsmonopol gelockert, Joint Ventures zwischen sowjetischen und west- lichen Unternehmen wurden gefördert und die Sowjetunion unternahm Schritte, um in internationalen Organisationen aufgenommen zu werden (Gregory, P. R., Stuart, R. C. 1998, S. 259 f.).

Das Gesetz „Über die Kooperativen“ (auch Genossenschaftsgesetz) erlaubte erstmals seit der NEP unter Lenin wieder private Tätigkeiten in Dienstleistungsbereichen, im Handwerk und der Industrie. Durch das Genossenschaftsgesetz sollte das Angebot erhöht und eine Anpassung der Produktion an die Konsumentenwünsche bewirkt werden. Um dies zu erreichen, räumte man den Kooperativen, wenn auch mit Ein- schränkungen, das Recht auf Privateigentum sowie freie Verfügungsmacht über dieses ein. Die Kooperativen hatten sogar das Recht, in einem gewissen Rahmen ihre Preise selber festlegen zu dürfen, deshalb gliederten selbst Staatsbetriebe Teile ihrer Produktion aus, um die staatliche Preisfestsetzung zu umgehen (Claudy, P. 1995, S. 12 ff.).

Im Rahmen der Perestroika erfolgte auch eine Umgestaltung des Führungsapparates, in dessen Zusammenhang die parlamentarischen Elemente gestärkt und das Monopol der Kommunistischen Partei geschwächt wurden (Schröder, H.-H. 2003, S. 31).

2.2.2 Das Scheitern der Systemreform

Das eigentliche Ziel der Perestroika, die Wirtschaft der UdSSR zu modernisieren und den Wechsel von einem extensiven zu einem intensiven Wachstum zu vollziehen, miss- lang. Die Bevölkerung litt unter einer dramatisch verschlechterten Versorgungslage und die technologische Lücke zu den Industrienationen aus dem Westen vergrößerte sich zu- nehmend (Ahrens, J. 1994, S. 55). Auch wenn sich in den frühen Jahren der Perestroika noch ein Ansteigen des Bruttosozialproduktes und der Produktivität bemerkbar machten, brachen diese 1989 vollständig ein. Die nachstehende Abbildung verdeutlicht dies grafisch.

[...]


1 Ausgenommen ist N. Kloten (1991, S. 8 f.), der auch die politischen Kräfte in seine Definition einbezieht.

2 Ausführlich wird dieser „politische Kapitalismus“ als intstitutionelle Form der Umgestaltung unter anderem bei Tatur, M. (1998) beschrieben.

3 Die Einstellung der Bevölkerung zum Transformationsprozess wird im Kapitel 4.2 erläutert.

4 Das bedeutet unter anderem eine konsequente und vollständige Liberalisierung, Privatisierung und Stabilisierung.

5 Zum “Kritische-Masse-Konzept” siehe auch Lohmann, G. (1997), S. 238 ff.

6 Die sozialen Nettokosten sind die Differenz zwischen den Kosten und Nutzen, die einzel- und gesamtwirtschaftlich aufgrund des Systemwechsels entstehen. Eine Übersicht über die Arten der Kosten und Nutzen des Systemwandels befindet sich im Anhang (Abb. 8).

7 Ein Beispiel hierfür ist der Satz von Jens, U. (1993, S. 161): „Insgesamt ist zu berücksichtigen, daß nicht nur die kurzfristige Entwicklung demokratischer Verhältnisse, sondern auch die Entwicklung von Demokraten notwendig ist.“

8 Die NEP (1921-1928) baute Elemente der Marktwirtschaft in das sozialistische Wirtschaftssystem ein, v. a. um die Versorgungslage zu verbessern. So war es Kleinbauern erlaubt, Land zu pachten, Arbeiter einzustellen und die Überschüsse ihrer Produktion frei zu verkaufen (Gregory, P.R., Stuart, R. C. 1998, S. 48 ff.).

9 Dies ist ein Listensystem, in dem Personen aufgrund ihrer Parteiloyalität (nicht etwa nach ihren Fähigkeiten) den wichtigsten Positionen im Land zugeordnet werden.

10 Eingeführt wurde die Theorie der „soft budget constraint“ erstmals von Kornai, welcher feststellte, dass ein ausgeprägter Bürokratieapparat sowie die Tatsache, dass der Staat die Wirtschaft lenkt, für Wohlstand und Wachstum verantwortlich ist und daher die Schulden der Unternehmen durch Subventionen übernimmt, zur Herausbildung dieser weichen Budgetrichtlinien beitragen (Kornai, J. 1986, S. 3 ff.).

11 So bedeutet Perestroika wörtlich „Umbau“.

12 Zu den erheblichen Lohnsteigerungen trug auch bei, dass die Belegschaft nun Einfluss auf die Wahl der Unternehmensleitung hatte und diesen nutzte, um höhere Lohnforderungen durchzusetzen (Claudy, P. 1995, S. 11).

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Spezifität des russischen Transformationsprozesses
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für VWL)
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
91
Katalognummer
V147500
ISBN (eBook)
9783640583980
ISBN (Buch)
9783640583669
Dateigröße
2347 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Transformationsprozess, Russland, Systemwandel
Arbeit zitieren
Nicole Seifferth-Schmidt (Autor), 2004, Spezifität des russischen Transformationsprozesses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147500

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