„Nichts Böses kann dem guten Menschen zustoßen: Gegensätze lassen sich nicht verschmelzen. […] so ändert der Ansturm widriger Ereignisse nicht eines tapferen Mannes Charakter; er verharrt in seiner Haltung, und was immer geschieht, paßt er seinem persönlichen Wesen an; er ist nämlich mächtiger als alle Geschehnisse von außen.“ So schreibt es Seneca in seinen Philosophischen Schriften aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. Die stoische Philosophie kennzeichnet sich vor allem durch eine „freie Selbstbestimmung zu einem natur- und daher vernunftgemäßen Leben.“ Dem Stoizismus der Antike folgt im 17. Jahrhundert mit Justus Lipsius der sogenannte >Neustoizismus<, dessen Philosophie sich auch auf die neuere deutsche Literatur auswirkt. So zeigen sich Elemente der stoischen Ethik, wie beispielsweise die gleichgültige Annahme von Schicksalsschlägen, Eigenverantwortlichkeit und Selbstbeherrschung, auch in Paul Flemings Gedicht An Sich. Das Barocksonett wurde erstmalig im Jahr 1642 in Flemings Gedichtsammlung Teütsche Poemata veröffentlicht. Es soll im Folgenden einer genauen formalen und sprachlichen Analyse unterzogen werden. Ich werde den Text dabei anhand von Aufbau, Struktur und Rhetorik analysieren und mögliche Deutungsansätze mit einbeziehen. Auf die Thematik der >Selbstbeherrschung< wird dabei besonders Wert gelegt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aufbau des Textes
3. Aussageinstanz
4. Metrum, Reimschema und Kadenzen
5. Vers- und Satzstruktur
5.1. Syntaktische Struktur
5.2. Syntaktische Figuren
6. Rhetorische Techniken
6.1. Klangfiguren
6.2. Wiederholungsfiguren
6.3. Hinzufügungsfiguren
6.4. Gedankenfiguren
6.5. Substitutionsfiguren
7. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert Paul Flemings Barocksonett "An Sich" hinsichtlich seines Aufbaus, seiner metrischen und rhetorischen Struktur sowie seiner inhaltlichen Aussagen, um die darin thematisierte stoische Philosophie und das Konzept der Selbstbeherrschung zu beleuchten.
- Stoische Einflüsse und Neustoizismus im 17. Jahrhundert
- Formale Analyse von Versmaß, Reimschema und Satzbau
- Rhetorische Stilmittel und deren kommunikative Wirkung
- Die Rolle des artikulierenden Ichs und die Deutung als philosophischer Monolog
- Historische Kontextualisierung im Hinblick auf den Dreißigjährigen Krieg
Auszug aus dem Buch
3. Aussageinstanz
Da das Ich an keiner Stelle weder benannt noch näher charakterisiert wird, bleibt unklar, wer in dem Gedicht zu wem spricht bzw. welche Redesituation im Text geschaffen wird. Es ergeben sich daher zunächst zwei Möglichkeiten, die bedacht werden müssen: Entweder spricht das Ich in einem reflektierenden Selbstgespräch zu sich selbst oder aber es spricht in Apellen zu einem Gegenüber, einem Du. Trotz dieser Unklarheit, wird im Text der überlegene Charakter des artikulierenden Ichs deutlich. Das Ich erscheint als ein rationaler, vielleicht sogar philosophischer Sprecher, der den Überblick über die „weite Welt“ (V.14) hat und dazu in der Lage ist Anweisungen zu erteilen. Seine Aussagen wirken selbstbewusst und selbstbestimmt und darum für den >Empfänger< auch authentisch und plausibel.
An wen richtet sich aber nun der Text genau? Unter Einbeziehung des Titels ergibt sich auf den ersten Blick die Tendenz, das Gedicht als einen Monolog zu lesen, in dem das Ich seine reflektierenden Gedanken >an sich selbst< richtet. Dieser Eindruck wird dem Leser vor allem durch die auffordernde Sprechweise des artikulierenden Ichs vermittelt. Beispielsweise richten sich die Imperative (z.B.:„Vergnüge dich an dir“ (V.3); „Dies alles ist in dir“ (V.11)) ausschließlich an ein einzelnes >Du<.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des stoischen Kontextes und des Gedichts "An Sich" als Objekt der formalen und sprachlichen Analyse.
2. Aufbau des Textes: Beschreibung der sonett-typischen Gliederung in Quartette und Terzette und der thematischen Entwicklung von der Ausgangssituation zur Schlussfolgerung.
3. Aussageinstanz: Untersuchung der Sprecherrolle und der Frage, ob es sich um ein Selbstgespräch oder eine Anweisung an ein Gegenüber handelt.
4. Metrum, Reimschema und Kadenzen: Analyse der metrischen Regelmäßigkeit und der Rolle des Alexandriners innerhalb der Versreform.
5. Vers- und Satzstruktur: Erörterung der syntaktischen Ordnung und der Wirkung der verwendeten Satzfiguren.
6. Rhetorische Techniken: Detaillierte Untersuchung von Klang-, Wiederholungs-, Hinzufügungs-, Gedanken- und Substitutionsfiguren zur Verstärkung der Aussagekraft.
7. Schlussbemerkung: Einordnung der Ergebnisse in den historischen Kontext des Dreißigjährigen Krieges als Ausdruck einer Suche nach Halt.
Schlüsselwörter
Paul Fleming, An Sich, Barocksonett, Stoizismus, Neustoizismus, Selbstbeherrschung, Gedichtanalyse, Rhetorik, Metrik, Alexandriner, Dreißigjähriger Krieg, Eigenverantwortung, Imperativ, Sonett, Weltanschauung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit widmet sich der detaillierten Analyse von Paul Flemings Gedicht "An Sich" unter Berücksichtigung formaler, rhetorischer und inhaltlicher Aspekte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die stoische Philosophie, die Bedeutung von Selbstbeherrschung in schwierigen Zeiten sowie die sprachliche Umsetzung dieser Konzepte im Barocksonett.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie das Gedicht durch seine formale Struktur und rhetorische Gestaltung die stoische Haltung der Selbstbeherrschung als Antwort auf eine als negativ wahrgenommene Welt vermittelt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse angewandt, die sich auf formale Kriterien (Metrik, Struktur) und rhetorische Analyseinstrumente stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Aufbau, Sprecherinstanz, metrischer Gestaltung, Satzstruktur sowie die Identifikation spezifischer rhetorischer Figuren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Neustoizismus, Barock, Selbstbeherrschung, Alexandriner und die Analyse von rhetorischen Figuren geprägt.
Wie deutet der Autor die Rolle des „Du“ im Gedicht?
Das „Du“ wird entweder als Teil eines reflektierenden Selbstgesprächs des Ichs oder als allgemeine Anrede an die gesamte Menschheit interpretiert.
Welchen Einfluss hatte der Dreißigjährige Krieg auf das Werk?
Der historische Kontext des Krieges dient als Erklärungsgrundlage für das im Gedicht vermittelte Bedürfnis nach Ordnung, Distanz und innerem Halt.
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- Linda Lau (Author), 2010, Gedichtanalyse zu Paul Flemings "An Sich", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147622