In Bezug auf die Peer-Beziehungen hochbegabter Jugendlicher bestehen zwei grundsätzlich voneinander verschiedene Annahmen. Einige Autoren gehen zum Beispiel davon aus, eine hohe intellektuelle Begabung korreliere allgemein mit einer positiven psychosozialen Entwicklung. In diesem Fall ist von der Harmonie- oder Konvergenz-Hypothese die Rede, welche impliziert, dass Hochbegabte im Vergleich zu durchschnittlich Begabten bessere oder zumindest keine schlechteren Peer-Beziehungen haben. Einer der bekanntesten Vertreter dieser Hypothese ist Terman, „der bereits 1925 zu folgenden Schlussfolgerungen kam: `Kinder mit einem IQ über 140 sind [...] in nahezu jedem Persönlichkeits- oder Charakterzug im Mittel besser angepasst als die Population normaler Schüler`.“
Weitaus verbreiteter sind dagegen Annahmen, dass es für Hochbegabte problematisch sei, Peer-Beziehungen zu entwickeln. Manaster & Powell meinen zum Beispiel im Rahmen jener Disharmonie-oder Divergenz-Hypothese, hochbegabte Jugendliche seien aufgrund ihrer selbst empfundenen oder zugeschriebenen „Andersartigkeit“ gefährdet. Demnach würden Hochbegabte wegen ihrer besonderen Fähigkeiten entweder von den Peers abgelehnt oder sie wären selbst nicht in der Lage, sich den Werten und Interessen Gleichaltriger anzupassen. Hochbegabten Jugendlichen fehle es schließlich an echten, entwicklungsgleichen Peers.
Aufgrund der bestehenden kontroversen Annahmen soll es Ziel dieser Arbeit sein, die Fragestellung, ob Hochbegabte eher beliebte Schüler oder doch vorwiegend Außenseiter sind, zu klären. Die Beantwortung jener Frage erscheint gerade auch deshalb interessant, da Peers eine wichtige Rolle für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen einnehmen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffsklärungen
2.1 Definition Hochbegabung
2.2 Definition Jugend
2.3 Definition Peers
3 Hochbegabte Jugendliche und ihre Peer-Beziehungen
3.1 Identifikation von Hochbegabten
3.2 Persönlichkeitsmerkmale hochbegabter Jugendlicher
3.3 Die Bedeutung der Peers im Jugendalter
3.4 Peer-Druck und Peer-Normen
3.5 Das Marburger Hochbegabtenprojekt
3.5.1 Inhalt des Marburger Projektes
3.5.2 Verfahren zur Erfassung von Peer-Beziehungen
3.5.3 Facetten von Peer-Beziehungen
3.5.3.1 Akzeptanz in der Schulklasse
3.5.3.2 Subjektive Einschätzungen der sozialen Beziehungen durch die Jugendlichen
3.5.3.3 Angaben zum Peer-Netzwerk
3.5.3.4 Angaben zur Kontakthäufigkeit
4 Zusammenfassung und Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kontroversen wissenschaftlichen Annahmen bezüglich der sozialen Integration hochbegabter Jugendlicher. Das primäre Ziel ist es zu klären, ob hochbegabte Schüler eher eine beliebte Gruppe innerhalb ihrer Klassenverbände darstellen oder ob sie vorwiegend als soziale Außenseiter zu betrachten sind, wobei die Peer-Beziehungen als zentraler Sozialisationsfaktor analysiert werden.
- Theoretische Grundlagen zur Hochbegabung und Definition des Jugendalters
- Methoden zur Identifikation von Hochbegabten
- Analyse von Persönlichkeitsmerkmalen hochbegabter Jugendlicher
- Bedeutung von Peer-Beziehungen und Peer-Einfluss im Jugendalter
- Empirische Erkenntnisse aus dem Marburger Hochbegabtenprojekt
Auszug aus dem Buch
3.4 Peer-Druck und Peer-Normen
Mehreren Studien kann man entnehmen, dass die Beeinflussbarkeit durch Peers im frühen bis mittleren Jugendalter am höchsten ist und dann allmählich abnimmt. Aufgrund des parallelen Altersverlaufs sind laut Coleman Verbindungen zwischen dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit zur Peergruppe und der Konformitätsneigung zu sehen. Der Konformitätszwang erreicht im Alter von 15 Jahren seinen Höhepunkt, wobei Jungen mehr sozialen Druck wahrnehmen als Mädchen. Erst dann, wenn der Jugendliche eine gewisse Autonomie zur Peergruppe erlangt hat, wird auch der Zwang zur Konformität geringer.
„Der Einfluss der Peers berührt dabei mehrere Bereiche: Partizipation an sozialen Aktivitäten (z. B. Parties, Zeit mit Freunden), abweichendes Verhalten (z. B. Drogenkonsum), Konformität gegenüber jugendspezifischen Normen (z. B. Kleidung, musikalische Vorlieben, schulisches und familiäres Engagement. `Peer pressure` ist nicht notwendigerweise negativ, sein Ausmaß variiert mit dem Gegenstandsbereich.“ Als Beispiel sollen an dieser Stelle die Peer-Normen in Bezug auf die Schulleistung dienen, die sich entsprechend des Alters der Jugendlichen verändern. Während in der Grundschule die Normen der Schulklasse noch weitestgehend mit den Anforderungen (z. B. sich anstrengen, gute Leistungen erbringen), die die Institution Schule sowie die Eltern an den Schüler stellen, übereinstimmen, stehen diese im Jugendalter häufig im Gegensatz zueinander.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Darstellung der kontroversen Hypothesen (Harmonie- vs. Disharmonie-Hypothese) bezüglich der sozialen Integration von Hochbegabten und Formulierung der Forschungsfrage.
2 Begriffsklärungen: Definition der für die Arbeit zentralen Begriffe Hochbegabung, Jugendalter und Peers sowie Erläuterung der verschiedenen Differenzierungsmöglichkeiten.
3 Hochbegabte Jugendliche und ihre Peer-Beziehungen: Analyse der Identifikationsmethoden, der Persönlichkeitsmerkmale und der Rolle der Peers im Kontext der Marburger Längsschnittstudie.
4 Zusammenfassung und Schlussfolgerung: Synthese der Ergebnisse, die darauf hindeuten, dass hochbegabte Jugendliche keine signifikanten psychosozialen Defizite gegenüber Gleichaltrigen aufweisen.
Schlüsselwörter
Hochbegabung, Peer-Beziehungen, Jugendalter, soziale Integration, Marburger Hochbegabtenprojekt, Konformitätsneigung, Underachiever, Persönlichkeitsmerkmale, Sozialisation, Intelligenz, Akzeptanz, Peer-Normen, psychosoziale Entwicklung, Peer-Druck, Schulleistung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die soziale Situation hochbegabter Jugendlicher, insbesondere die Frage, ob diese aufgrund ihrer hohen intellektuellen Begabung Schwierigkeiten bei der Integration in Peergruppen haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Definition von Hochbegabung, die Rolle der Peers als Sozialisationsfaktor, den Einfluss von Peer-Normen sowie die empirische Überprüfung der sozialen Akzeptanz von Hochbegabten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die kontroversen Hypothesen – ob Hochbegabte beliebte Mitschüler sind oder eher als Außenseiter gelten – anhand wissenschaftlicher Daten, primär aus dem Marburger Hochbegabtenprojekt, zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung der Daten des Marburger Hochbegabtenprojektes, einer Längsschnittstudie, die verschiedene Stichproben (Begabungs-, Leistungs- und Referenzstichproben) vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Begriffsdefinitionen geklärt, Identifikationsmethoden für Hochbegabte dargelegt, die Bedeutung der Peers im Jugendalter beleuchtet und verschiedene Facetten der Peer-Beziehungen (Akzeptanz, Kontakt, Freundschaftsnetzwerke) detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Hochbegabung, Peer-Beziehungen, soziale Integration, Marburger Hochbegabtenprojekt und psychosoziale Entwicklung charakterisiert.
Was sagt die Studie über das Gefühl des "Andersseins" bei Hochbegabten aus?
Die Ergebnisse zeigen, dass sich hochbegabte Jugendliche nicht signifikant anders fühlen als ihre Vergleichsgruppen; nur eine kleine Minderheit gibt an, sich aufgrund ihrer Begabung als "anders" wahrzunehmen.
Welchen Einfluss hat das Geschlecht auf die Peer-Beziehungen?
Das Geschlecht spielt vor allem bei bestimmten Aktivitäten, wie etwa Übernachtungsbesuchen, eine Rolle, wobei Mädchen hier höhere soziale Bindungen zeigen. Ein direkter Einfluss der Begabung auf diese Aspekte lässt sich statistisch jedoch kaum belegen.
Gibt es einen Unterschied zwischen Hochbegabten und Hochleistenden?
Ja, die Arbeit differenziert zwischen Begabungsstichproben (definiert über den IQ) und Leistungsstichproben (definiert über Schulleistung), da Hochleistende in einigen Aspekten, etwa der Vereinsmitgliedschaft, andere soziale Muster aufweisen können.
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- Christina Täubert (Author), 2006, Hochbegabte Jugendliche und ihre Peer-Beziehungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147636