Gegenstand dieser Hausarbeit ist die Analyse der Überlebensmemoiren von Primo Levi und Jorge Semprun hinsichtlich eines Erzählmusters bzw. Darstellungsmodus des Holocausts, das ich als Perspektive der Differenz bezeichnen möchte und deren Besonderheiten ich anhand der Quelltexte herauszuarbeiten versuche.
Dazu soll zunächst auf Charakteristika von Überlebensmemoiren als literarischem Genre – und hier insbesondere ihre Funktion als Gegenstand von Erinnerungskultur – eingegangen werden. Im folgenden Schritt soll geklärt werden, was mit Perspektive der Differenz als Darstellungsmodus von Überlebensmemoiren gemeint ist und in welcher Form sie in den ausgewählten Texten auftaucht: es geht hier vor allem um die Verwendung sich diametral gegenüberstehender Begriffe, die zur Schilderung inkommensurabler Erlebnisse und Erfahrungen der Shoah als Grenzsituation von den Autoren herangezogen werden. […]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2 Überlebensmemoiren als literarisches Genre
3.1 Perspektiven der Differenz als Darstellungsmodi von Überlebensmemoiren
3.2.1 Differenz ›oben‹ versus ›unten‹: das Lager als Gegenwelt in Primo Levis Ist das ein Mensch?
3.2.2 Differenz zwischen ›innen‹ und ›außen‹ in Jorge Sempruns Die große Reise
3.3 Zusammenfassung und Ausblick
4. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert Überlebensmemoiren von Primo Levi und Jorge Semprun, um ein spezifisches Erzählmuster zu identifizieren, das als Perspektive der Differenz bezeichnet wird. Dabei wird untersucht, wie durch die Verwendung gegensätzlicher Begriffe die Schilderung inkommensurabler Erfahrungen der Shoah als Grenzsituation literarisch verarbeitet wird.
- Charakteristika von Überlebensmemoiren als literarisches Genre und Teil der Erinnerungskultur.
- Konzeptualisierung der Perspektive der Differenz als Darstellungsmodus.
- Komparative Analyse des Höllen-Topos (›oben‹ versus ›unten‹) in Primo Levis "Ist das ein Mensch?".
- Analyse der Differenz zwischen ›innen‹ und ›außen‹ sowie der psychischen Identitätsbrüche in Jorge Sempruns "Die große Reise".
Auszug aus dem Buch
3.2.1 | Differenz ›oben‹ versus ›unten‹: das Lager als Gegenwelt in Primo Levis Ist das ein Mensch?
Zunächst möchte ich Primo Levis als »bestem populären Wissenschaftsbuch aller Zeiten« ausgezeichnetes Werk hinsichtlich der Differenz zwischen ›oben‹ und ›unten‹ untersuchen. Levi schildert in seinem erstmals 1958 erschienenen autobiographischen Bericht, seinen knapp einjährigen Aufenthalt in Auschwitz als Reise in die und Bericht aus der Hölle vor der Folie von Dantes Göttlicher Komödie. Dabei bedient er sich neben jüdisch-christlichen Topos der Hölle auch am antiken Konzept der Unterwelt aus der griechischen Mythologie, um den erwähnten autobiographischen und zivilisatorischen Bruch, den die Shoah symbolisiert, zu skizzieren. Dabei entwirft er ein Bild des Lagers, das eine Gegenwelt zur ›Normalität‹ darstellt, dieser diametral gegenübersteht und eigenen, inhumanen, sozialdarwinistisch motivierten Regeln folgt.
Levi kennzeichnet zunächst die Zeit zwischen seiner Gefangennahme in Italien, über die Deportatation nach Auschwitz, bis zur Ankunft im Lager Monowitz-Buna als eine Phase der Veränderung, einer bevorstehenden »Metamorphose« (Levi 1992: 21). Während des Abtransports vom Bahnhof zum Lager mit einem LKW werden die Gefangenen von einer Wache nach Wertgegenständen gefragt, für die sie von nun an keine Verwendung mehr hätten. Levi kommentiert dies als »eine kleine Privatinitiative unseres Charons« (Ebd.). Es handelt sich hier um eine Anspielung auf die griechischen Mythologie, die eine Parallelisierung und Aktualisierung erfährt: die Straße wird zum Fluss Styx, der LKW zum Boot und die Wache zum Charon, der einen Obolus für die Überfahrt ans Ufer ins Totenreichs des Lagers einfordert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung des Forschungsgegenstands, der Methodik sowie der Zielsetzung der komparativen Analyse der Überlebensmemoiren von Primo Levi und Jorge Semprun.
2 Überlebensmemoiren als literarisches Genre: Erörterung der Charakteristika von Überlebensmemoiren als spezifische literarische Gattung und ihre gesellschaftliche Funktion im Kontext der Erinnerungskultur.
3.1 Perspektiven der Differenz als Darstellungsmodi von Überlebensmemoiren: Einführung in die theoretische Perspektive der Differenz, die den Gegensatz zwischen der ›offiziellen‹ Welt und der ›inoffiziellen‹ Lagerrealität als literarisches Mittel nutzt.
3.2.1 Differenz ›oben‹ versus ›unten‹: das Lager als Gegenwelt in Primo Levis Ist das ein Mensch?: Analyse der Lagerdarstellung als Hölle und Unterwelt, basierend auf dem Gegensatz zwischen der Welt des Lagers und der ›Normalität‹.
3.2.2 Differenz zwischen ›innen‹ und ›außen‹ in Jorge Sempruns Die große Reise: Untersuchung des Motivs der psychischen Identitätsspaltung und der Differenz zwischen der physischen Außenwelt und der psychischen Innenwelt bei Semprun.
3.3 Zusammenfassung und Ausblick: Resümee der Ergebnisse zur Perspektive der Differenz und deren Bedeutung für das kulturelle Gedächtnis der Shoah.
4. Bibliographie: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Überlebensmemoiren, Shoah, Holocaust, Perspektive der Differenz, Primo Levi, Jorge Semprun, Lager, Erinnerungskultur, Zivilisationsbruch, Identität, Autobiographie, Literaturanalyse, Inkommensurabilität, Erinnerung, Trauma.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Erzählmuster in den Überlebensmemoiren von Primo Levi und Jorge Semprun, um eine spezifische literarische Methode der Differenzdarstellung zu untersuchen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die literarische Verarbeitung des Holocaust, die Funktion von Erinnerungskultur und der Umgang mit inkommensurablen, traumatischen Erfahrungen durch literarische Motive.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die "Perspektive der Differenz" als spezifischen Darstellungsmodus zu definieren und aufzuzeigen, wie diese Autoren die Welt des Lagers der ›Normalität‹ gegenüberstellen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche, komparative Textanalyse, die auf primären Memoiren-Texten und ergänzender Sekundärliteratur zur Shoah-Forschung basiert.
Welche Schwerpunkte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Levis Höllen-Topos (›oben‹ versus ›unten‹) und Sempruns Spiegel-Metaphorik zur Darstellung der Diskrepanz zwischen Innen- und Außenwelt.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Überlebensmemoiren, Shoah, Perspektive der Differenz, Erinnerungskultur und Identitätsbruch charakterisiert.
Wie unterscheidet sich Levis Darstellung von der Sempruns bezüglich der Lagerwahrnehmung?
Während Levi das Lager primär durch religiös-mythologische Kategorien wie Hölle oder Unterwelt als strikte Gegenwelt zu ›oben‹ beschreibt, verlagert Semprun die Wahrnehmung auf eine politische Ebene und nutzt Spiegel-Metaphern, um Identitätsbrüche zwischen Körper und Geist abzubilden.
Was ist das zentrale Merkmal der sogenannten „Muselmänner“ in Levis Werk?
Die Muselmänner repräsentieren laut Levi den Status von Grenzgängern, deren Individualität so weit entfremdet ist, dass sie sich menschlichen Kategorien von Leben und Tod entziehen.
Warum spielt die Spiegel-Metapher in Jorge Sempruns "Die große Reise" eine so bedeutende Rolle?
Die Spiegel-Metapher verdeutlicht die existenzielle Diskrepanz des Individuums, das sich nach der Internierung äußerlich zwar intakt fühlt, psychisch jedoch eine Entfremdung von seinem eigenen Spiegelbild und der Vergangenheit erfährt.
- Quote paper
- Thorsten Klasen (Author), 2009, Perspektiven der Differenz als Darstellungsmodi in den Überlebensmemoiren von Primo Levi und Jorge Semprun, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147732