In dieser Arbeit wird der Begriff und der Diskurs der Pädagogisierung erläutert, um anschließend der Frage nachzugehen, ob im Kontext von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) von eben solcher Pädagogisierung gesprochen werden kann.
Der Klimawandel ist inzwischen allgegenwärtig. Es vergeht kein Tag, an dem in den Nachrichten von seinen Auswirkungen berichtet wird oder neue Studien und Prognosen präsentiert werden. Zudem nehmen wir die Auswirkungen seit einiger Zeit auch im globalen Norden wahr: die vergangenen Sommer waren extrem heiß und trocken, es herrscht zum Teil schon jetzt im Winter Wassermangel in Nordspanien und auch der Winter in Norddeutschland war so mild wie nie zuvor. Neben den Nachrichten sind es die Bildungseinrichtungen, die sich dem Thema Klimaschutz und Nachhaltigkeit annehmen. So zum Beispiel die seit 2021 jedes Semester an der Universität Hamburg stattfindende ‚Fridays For Future‘ Ringvorlesung zur Klimakrise, an der im Schnitt 3.000 Studierende teilnehmen. Die erste Ausgabe des Jahres 2020 von ‚weiter bilden DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung‘ widmet sich ebenfalls dem Thema ‚Nachhaltigkeit und Klimafreundlichkeit‘. In dieser Ausgabe findet man ein Gespräch zwischen Leonie Bremer, der Pressesprecherin von ‚Fridays for Future‘ Köln, dem Sozialwissenschaftler und Projektleiter Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie Dr. Michael Kopatz und Hans-Peter Lorenzen, Geschäftsführer der Volkshochschule Braunschweig. Lorenzen als Vertreter eines der etabliertesten Anbieter von Erwachsenenbildung in Deutschland spricht sich im Gespräch für noch mehr Bildungsarbeit in Bezug auf Klima aus, während Kopatz am Beispiel des Fleischkonsums aufzeigt, wie viel Bildungsarbeit hier bereits erfolgt ist und der Fleischkonsum dennoch weiterhin hoch ist. Ihm nach verändern sich Gewohnheiten nicht durch Bildung, sondern durch Veränderungen der Strukturen und politischen Entscheidungen. Dieses Gespräch soll einleiten auf das Thema dieser vorliegenden Hausarbeit, bei dem es um den Begriff und der Idee der Pädagogisierung im Kontext von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) gehen wird. Denn auch BNE ist ein Begriff, um den insbesondere Erziehungs- und Bildungswissenschaftler*innen nicht herumkommen. Er ist im Bildungsbereich zumindest ideell fest verankert. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Pädagogisierung: Begriffs- und Diskursbestimmung
2.1. Pädagogisierung als schrankenloser Pädagogismus
2.2. Pädagogisierung zwischen Pädagogismus und Entgrenzung
2.3. Pädagogisierung als Machtstrategie
2.4. Zwischenfazit zum Begriff der Pädagogisierung
3. Pädagogisierung im Kontext Bildung für nachhaltige Entwicklung
3.1. Das Konzept ‚Bildung für nachhaltiger Entwicklung‘
3.1.1. Historische Entwicklung und politischer Diskurs
3.1.2. BNE im Deutschen Bildungssystem
3.2. Analyse: Pädagogisierung im Kontext von Klimakrise und BNE
4. Diskussion
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Hausarbeit untersucht die kritische These, ob das Konzept der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) als ein Prozess der Pädagogisierung verstanden werden kann. Dabei wird analysiert, inwiefern globale gesellschaftliche Probleme durch pädagogische Interventionen auf die Ebene des Individuums verschoben werden, anstatt strukturelle politische und ökonomische Lösungsansätze zu verfolgen.
- Historische und theoretische Herleitung des Begriffs der Pädagogisierung
- Diskursanalyse des Konzepts „Bildung für nachhaltige Entwicklung“
- Machtkritische Perspektive auf die Verlagerung politischer Verantwortung auf das Subjekt
- Analyse des Mischverhältnisses von ökonomischen und pädagogischen Interessen
- Diskussion der Grenzen von Bildungsarbeit im Kontext der Klimakrise
Auszug aus dem Buch
3.2. Analyse: Pädagogisierung im Kontext von Klimakrise und BNE
Schaut man auf die in Kapitel 2 herausgearbeiteten Kennzeichen von Pädagogisierung, wird deutlich, dass diese Merkmale im Kontext der Klimakrise und BNE mustergültig vorhanden sind. Zunächst einmal wird BNE nicht nur in der frühkindlichen und schulischen Bildung implementiert, sondern auf berufliche Bildung, Hochschule, Jugendarbeit, in nonformalen und informellen Lernsettings sowie Kommunen ausgedehnt. BNE umfasst somit alle Altersstufen und Lebensbereiche der Menschen. Diese strukturelle Verankerung in allen Bereichen ist politisch gewollt und im Nationalen Aktionsplan festhalten. BNE ist somit fest mit dem Appell des „Lebenslangen Lernens“ verknüpft, das die Menschen dazu aufruft, sich permanent zu bilden und zu lernen. Auch wenn Kob und Schelsky vermutlich die Umwelt- bzw. Klimakrise zur damaligen Zeit nicht im Blick hatten, findet im Rahmen von BNE eine Erziehung „der ganzen Menschen“ (Schelsky nach Höhne 2004, S. 32) statt, ferner scheint eine Transformation der Gesellschaft notwendig, um überlebensfähig zu bleiben.
Diese tiefgehende Veränderung scheint - analog zu Schelskys Ausführungen über die Anforderungen durch den hohen Rationalisierungsgrad moderner Gesellschaften - so gravierend zu sein, dass „Disziplinierung und Regulierung der Subjekte“ (Höhne 2004, S. 33) nur über ein umfangreiches staatliches Bildungs- und Erziehungsprogramm umgesetzt werden könne. Familiäre Erziehung oder Sozialisation reichen hier aus Sicht der Programmentwickler*innen von BNE nicht aus, was allerdings nicht überrascht, da die Einsicht, dass der Planet vor einem Klimakollaps steht und gravierende Verhaltensänderungen stattfinden müssen, um dies zu verhindern, lange Zeit sowohl politisch als auch von Individuen ignoriert wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Allgegenwärtigkeit des Klimawandels dar und leitet die Forschungsfrage ein, ob BNE als Pädagogisierungsprozess zu bewerten ist.
2. Pädagogisierung: Begriffs- und Diskursbestimmung: Dieses Kapitel arbeitet drei Hauptdiskurse der Pädagogisierung heraus, von der schrankenlosen Pädagogik über die strukturelle Entgrenzung bis hin zur pädagogischen Machtstrategie.
3. Pädagogisierung im Kontext Bildung für nachhaltige Entwicklung: Nach einer Einführung in die historische Entwicklung von BNE und deren politische Einbettung wird analysiert, wie pädagogische Diskurse gezielt auf Klimaschutzfragen angewendet werden.
4. Diskussion: Das Kapitel diskutiert kritisch, wie durch die pädagogische Umcodierung globaler Probleme die Verantwortung auf das Individuum delegiert wird und damit notwendige politische Veränderungen in den Hintergrund treten.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und warnt davor, dass Pädagogik die durch politisches Versagen entstehenden Lücken im Klimaschutz lediglich kompensiert, anstatt strukturelle Veränderungen anzustoßen.
Schlüsselwörter
Pädagogisierung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, BNE, Klimakrise, Machtstrategie, Lebenslanges Lernen, Transformation, Gesellschaftswandel, Humankapital, politische Verantwortung, Entgrenzung, pädagogische Codierung, Nachhaltigkeitsstrategie, Bildungsarbeit, Subjektivierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch den Zusammenhang zwischen dem Konzept „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ und dem erziehungswissenschaftlichen Phänomen der „Pädagogisierung“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Diskursgeschichte der Pädagogisierung, der Entstehung und Implementierung von BNE in Deutschland sowie einer machtkritischen Reflexion über die Rolle von Bildung bei der Bewältigung der Klimakrise.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu klären, ob BNE als eine Strategie fungiert, die politische Verantwortung auf die Ebene der individuellen Erziehung und Bildung verschiebt.
Welche methodische Herangehensweise wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine erziehungswissenschaftliche Diskursanalyse sowie eine theoretische Analyse der pädagogischen Konzepte im Kontext aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die verschiedenen Definitionen der Pädagogisierung dargelegt, gefolgt von einer detaillierten Erörterung von BNE und einer anschließenden Analyse, wie diese in der gegenwärtigen Klimadebatte angewendet wird.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Pädagogisierung, BNE, Machtstrategie, Gesellschaftstransformation und Kritische Erziehungswissenschaft definiert.
Inwieweit wird das Konzept des lebenslangen Lernens kritisch betrachtet?
Das lebenslange Lernen wird hier nicht nur als Bildungsoption gesehen, sondern als Forderung, die Subjekte dazu verpflichtet, sich permanent im Sinne neoliberaler Anforderungen zu optimieren.
Warum hinterfragt die Autorin die Rolle der Volkshochschulen?
Die Autorin kritisiert, dass dort häufig oberflächliche Alltagstechniken für Nachhaltigkeit gelehrt werden, anstatt den Raum für die Analyse der systemischen und sozioökonomischen Ursachen der Klimakrise zu öffnen.
Welche Rolle spielt die Politik in der Analyse der Autorin?
Die Autorin argumentiert, dass die Politik dazu neigt, sich ihrer Verantwortung für den Klimaschutz durch die Verlagerung des Problems auf pädagogische Angebote zu entziehen.
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- Janina Schulte (Author), 2024, Pädagogisierung im Kontext von Bildung für nachhaltige Entwicklung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1477998