Dantons Tod - Einsicht in die Sinnlosigkeit der Revolution?


Hausarbeit, 2005

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Büchners Problem der Revolution. Ein Einblick

2. Danton

3. Robespierre

4. St. Just

5. Frauengestalten
a. Lucile und Julie
b. Marion

6. Das Volk

7. Die Beziehung zwischen Fatalismusbrief und „Dantons Tod“

8. Ein politisches Lehrstück?

9. Büchner – Abkehr oder konsequenter Revolutionär? Ein Fazit

Quellenverzeichnis

1. Büchners Problem der Revolution. Ein Einblick

Der Durchbruch in eine Frieden-Zukunft – wie soll der vor sich gehen?

Durch die Massen, durch eine Erhebung des Volkes, hat Büchner in Wort und Tat geantwortet. Aber damit ist das Problem noch nicht gelöst. Die Geschichte der Französischen Revolution, ihr Steckenbleiben in einer Herrschaft des Bürgertums, des Geldaristokratismus, hat Büchner das deutlich vor Augen geführt. Im Hessischen Landboten heißt es lapidar: „…aber die Franzosen verkauften selbst die junge Freiheit für den Ruhm, den ihnen Napoleon darbot“[1]. Die Frage, warum die Revolution in Büchners Verständnis gescheitert ist, wird nicht beantwortet. Sie muss Büchner beschäftigen, wenn er sich doch anschickt, die Bereitschaft des Volkes zu einer deutschen Revolution wecken zu helfen. Sie hält ihn auch nach dem Scheitern der Flugschriften-Aktion weiter gefangen. Im Winter 1834/1835 studiert er in Darmstadt erneut die Geschichte derjenigen Volkserhebung, desjenigen Kampfes um Freiheit und soziale Gerechtigkeit, an dem er sich kritisch orientieren kann.

Büchner beginnt mit der Arbeit an seinem Drama Ende Januar 1835 im Haus seiner Eltern und vollendet es Ende Februar kurz vor seiner Flucht nach Straßburg binnen fünf Wochen. Am 21. Februar übersendet Georg Büchner das Manuskript sowohl an Karl Gutzkow als auch an seinen Frankfurter Verleger Sauerländer. Zu seinem Bruder Wilhelm soll er gesagt haben: „Ich schreibe im Fieber, aber das schadet dem Werk nicht – im Gegenteil! Übrigens habe ich keine Wahl, ich kann mir keine Ruhe gönnen, bis ich nicht den Danton unter die Guillotine gebracht habe, und obendrein brauche ich Geld, Geld!“[2] Ein politisches Interesse also führt Büchner zum Stoff seines ersten dichterischen Werkes. Damit ist aber noch nichts über seine Intention gesagt worden. Vietor knüpft an seine Feststellung, dass der Dichter „die beiden dunkelsten Wochen der Revolutionszeit“, den „Selbstmord der Revolution“ wähle, die Folgerung: „Vom Gegenstand her schon ist’s unmöglich, Büchners Werk als politisches Tendenzstück zu deuten.“[3] Ist es wahrscheinlich, dass gerade an einem politischen Gegenstand, der für den Verfasser eine derart große Bedeutung hat, keine politische Tendenz entwickelt wird? In der Tat scheint zunächst kaum etwas im Stück darauf zu deuten, dass es sich in „Dantons Tod“ wesentlich um die Darstellung eines aktuellen politischen Sachverhalts handeln könnte.

2. Danton

Das Stück beginnt mit einer Gesellschaftsszene, einer Unterhaltung am Spieltisch. Von Politik ist bis zum Auftreten von Camille und Phillipeau nicht die Rede.

Büchner führt zwei Gesprächsebenen parallel: Hérault plaudert geistreich-witzig in erotischen Wortspielereien mit einer Dame, Danton im Gespräch mit seiner Frau Julie jedoch grübelt. Seine Überlegungen drehen sich um das Gefühl von Einsamkeit und Isolation in sich selbst, um das Suchen nach einem Zugang zum Anderen und um die Skepsis, dass man doch nur Äußerlichkeiten kenne: „Wir wissen wenig voneinander…Einander kennen? Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren“[4].

Auch später Leonce wird nicht daran glauben, dass es möglich sei, einen Menschen voll zu erfassen: „Weißt du auch, Valerio, dass selbst der Geringste unter den Menschen so groß ist, dass das Leben noch viel zu kurz ist, um ihn lieben zu können?“[5] Wo Danton von der Wahrnehmungsmöglichkeit her argumentiert, geht Leonce vom Objekt dieser Wahrnehmung aus.

Büchner selbst kennt dieses Gefühl sehr gut, denn im Februar 1834 heißt es: „Ich bin allein, wie im Grabe…“[6]. Scheinbar unvermittelt setzt auch Danton neu ein: „Nein Julie, ich liebe dich wie das Grab“[7].

Dieses Bekenntnis wird ähnlich später Leonce in den Mund gelegt und wie Julie mit dem Grab, so wird Rosetta mit der Langeweile identifiziert. Danton fasst hier, zumindest in Form einer Hypothese, den Tod als Ruhe.

Er wehrt sich, wenn Ansprüche an ihn gestellt werden: „Ich muss fort, sie reiben mich mit ihrer Politik noch auf“[8], sagt er, als seine persönlichen und politischen Freunde ihn dazu bewegen wollen, für das gemeinsame Programm einzutreten.

Danton will seine Ruhe, er hat sich selbst in den Ruhestand versetzt. „Ich wollte mir’s bequem machen. Ich hab’es erreicht, die Revolution setzt mich in Ruhe…“[9].

Diese Distanz zeigt sich nicht nur gegenüber seinen Freunden, sondern auch in Bezug auf das Volk: „Wir und die ehrlichen Leute…, dazwischen ist ein langes Wort, es hält uns ein wenig weit auseinander, die Strecke ist lang…“[10].

Ist der Interessenunterschied so groß, so verwundert auch der Zynismus nicht, mit dem Danton vom Volk sprechen kann. Auf die Frage hin, ob er Frankreich seinen Henkern überlassen wolle, antwortet er. „Die Leute befinden sich ganz wohl dabey. Sie haben Unglück, kann man mehr verlangen um gerührt, edel, tugendhaft oder witzig zu seyn oder um überhaupt keine Langeweile zu haben?“[11]

Mit dem Stichwort „Langeweile“ wird ein Thema angesprochen, in dem viele Interpretationen eine relevante Komponente des Dramas erkennen; den Seelenzustand Dantons.

Danton ist an der oben zitierten Stelle zwar objektiv, d.h. gemessen an der tatsächlichen Not des Volkes, zynisch, zugleich aber projiziert er seine eigene Vorstellung in das Bewusstsein des Volkes: „Es ist recht gut, dass die Lebenszeit ein wenig reducirt wird, der Rock war zu lang, unsere Glieder konnten ihn nicht ausfüllen…“.[12] Ähnlich lässt Büchner später auch Leonce klagen: „Mein Leben gähnt mich an, wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich voll schreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus…“[13]

Sowohl Leonce als auch Danton meinen ihr Leben nicht ausfüllen zu können und letzterer ist, wie er selbst sagt ein Sterbender, denn Dantons Tod ist sein Leben ohne für ihn erkennbaren Sinn.

Danton ist Epikureer; für ihn „giebt (es) nur Epicuräer, und zwar grobe und feine“.[14] Behauptungen wie diese, oder die Meinung, dass das Laster als solches schlichtweg nicht existiere, weisen den Leser auf seine komplexe personale Struktur hin.

Büchner selbst sagt über den Epikureer, dass dieser eine Schmerzlosigkeit anstrebt, die nur in dem Zustand der Ruhe oder der Zufriedenheit erreicht ist.

Dieses Ziel erreichen aber weder Leonce noch Danton, der schon zu Beginn des Stückes die zu groben Sinne des Menschen beklagt. Noch deutlicher äußert er sich gegenüber Marion: „Warum kann ich deine Schönheit nicht ganz in mich fassen, sie nicht ganz umschießen…?[15]

An einer Stelle, nämlich dann, als der Tod ihm schließlich als unabwendbar vor Augen steht, lässt Büchner Danton den Grund dafür andeuten, dass er ständig vergeblich nach Ruhe und Zufriedenheit sucht: „O Julie! Wenn ich allein ginge! Wenn sie mich einsam liesse! Und wenn ich ganz zerfiele, mich ganz auflöste – ich wäre eine Handtvoll gemarterten Staubes; jedes meiner Atome könnte nur Ruhe finden bey ihr.“[16]

Nicht die Beschaffenheit der Sinnesorgane, sondern nur das Bekenntnis zu einem Menschen oder einer Sache gäbe Ruhe bzw. Zufriedenheit. Das Scheitern des Epikureismus ist hier also als ein Scheitern an der Einstellung der tätigen Beziehung zur Umwelt zu verstehen, denn obwohl Danton einsieht, dass seine Ruhe von einem anderen Menschen abhängig ist, ist er weiterhin auf sich konzentriert.

Der misslingende Epikureismus gibt dem Leben Dantons keinen Sinn.

Eine weitere Möglichkeit wäre der religiöse Glaube, Danton aber ist bekennender Atheist und sieht ein, dass er eben doch keine Ruhe finden kann. Er erfährt die Macht, mit der er früher gearbeitet hat, nun ohnmächtig an sich selbst. Das zeigt paradoxerweise gerade seine wortgewaltige Rede vor Gericht, bei der sich Büchner ausschließlich auf den rhetorischen Todeskampf Dantons und seinen Zweikampf mit dem Tribunalpräsidenten konzentriert.

Was der Angeklagte hier vorführt, lässt sich als glänzende Parodie auf den klassischen Sprechtypus der Verteidigungsrede und deren Argumentationsverlauf deuten. Danton lässt es nicht einmal zu einem reibungslosen Aufnehmen seiner Personalien kommen sondern nimmt durch die gewagte Personifikation, „die Revolution nennt meinen Namen“[17] dem Richter das Zepter aus der Hand. Statt zu dem vorgeworfenen Sachverhalt Stellung zu beziehen, verlegt sich Danton auf einen Exkurs über die Sinnlosigkeit allen Argumentierens. Danach erwähnt er noch seine großen Taten, die er für die Revolution vollbracht hat und verfehlt somit den aktuellen Stand der Frage, da man in genere eigentlich eine Widerlegung der erhobenen Vorwürfe erwartet hätte.

Während sich der historische Danton nur des Sturms auf die Bastille rühmt, lässt der Verfasser die Dramenfigur auch noch die Hinrichtung des Königs und die fatalen Septembermorde nennen und verschärft dadurch die Widersprüchlichkeit seines Helden. Die anaphorische Anhäufung des „ich“ verrät, warum es letztlich geht: um die Überredung mittels rhetorischer Affekte.

Gespanntheit kennt die Sprache Dantons nicht. Sein Stil im Dialog mit Robespierre ist ganz und gar befreit vom Floskelhaften und metaphorisch Überladenden, denn hier tritt Danton als Polemiker auf. Wenn auch scheinbar reaktiv, ist es ja eigentlich er, der seinen Gegner zur Rede stellt. Hierbei setzt er keineswegs sein eigenes politisches Programm dagegen, sondern hinterfragt und relativiert die Behauptungen Robespierres.

Aller Dialektik zum Trotz verschlägt es Danton am Ende die Sprache und er tritt wortlos ab, denn vor dem ideologischen Selbstbetrug Robespierres versagt seine Strategie der Relativierung.

Obwohl Danton insgesamt eher eine unzuverlässige Figur ohne jegliche Utopie zu sein scheint, ist das Stück kein Anti-Danton-Drama. Schon der Titel zeigt das deutlich genug: es geht um Dantons Tod, wobei von Anfang an mehr gezeigt wird als der physische Tod. Gerade in den Ausführungen, die der Verfasser Danton machen lässt, zeigt sich klar, dass über Dantons Leben hinaus der Verlauf der Revolution gemeint ist.

Der Revolutionär Büchner beschäftigt sich weiterhin mit der Frage, wie eine Volksbefreiung sein muss, damit sie nicht in einer Herrschaft der Großbourgeoisie auf Kosten des Volkes verkommt.

[...]


[1] Georg Büchner. Werke und Briefe. Münchener Ausgabe. München 2001 S. 54

[2] Hinderer, Walter: Büchner-Kommentar. München. 1977

[3] Vietor, Karl: Georg Büchner, Politik, Dichtung, Wissenschaft. Bern 1949

[4] Georg Büchner. Werke und Briefe. Münchener Ausgabe. München 2001 S.69

[5] ebd. S. 181

[6] ebd. S. 286

[7] ebd. S. 69

[8] ebd. S. 72

[9] Georg Büchner: Werke und Briefe. Münchener Ausgabe. München 2001 S. 91

[10] ebd. S. 72

[11] ebd. S. 92

[12] ebd. S. 92

[13] ebd. S. 162

[14] ebd. S. 86

[15] ebd. S. 82

[16] ebd. S. 98

[17] ebd. S. 105

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Dantons Tod - Einsicht in die Sinnlosigkeit der Revolution?
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V147803
ISBN (eBook)
9783640585755
ISBN (Buch)
9783640585694
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dantons, einsicht, sinnlosigkeit, revolution
Arbeit zitieren
MA Kristin Boenig (Autor), 2005, Dantons Tod - Einsicht in die Sinnlosigkeit der Revolution?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147803

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