Jugendkulturen und jugendliches Protestpotential

Sozialgeschichtliche Untersuchung des Jugendprotestes von der Jugendbewegung zu Beginn des Jahrhunderts bis zu den Jugendkulturen der gegenwärtigen Risikogesellschaft


Doktorarbeit / Dissertation, 1992

209 Seiten


Leseprobe

INHALT

Kapitel I: EINLEITUNG
1. Jugend und Protest in der sozialwissenschaftlichen und jugendpsychologischen Forschung - Eine Einführung
1.1. Die klassische jugendpsychologische und kulturanthropologische Perspektive der Thematik
1.2. Zur Konflikthaftigkeit des Generationenverhältnisses und der Identitätsentwicklung
1.3. Jugend und Protest in der neueren sozialwissenschaftlichen Literatur
2. Die zugrunde liegende These
3. Kurzer Überblick über die Vorgehensweise .

Kapitel II: VOM WANDERVOGEL BIS ZUR MACHTERGREIFUNG - JUGENDLICHES PROTESTPOTENTIAL ZWISCHEN JUGENDBEWEGUNG UND ANPASSUNG
1. Die Genese des Wandervogels bis 1914
2. Der Wandervogel - eine Protestbewegung?
3. Die weitere Entwicklung der deutschen Jugendbewegung bis
3.1. Der erste Weltkrieg - eine Wendemarke in der Geschichte der Jugendbewegung
3.2. Jugend zu Beginn der Weimarer Republik im Zeichen des Neuanfangs
3.3. Die 'bündische Jugend'
3.4. Die Arbeiterjugendbewegung bis 1933
3.5. Die deutsche Jugendbewegung unter dem Blickwinkel des Scheiterns der Demokratie

Kapitel III: JUGEND UND PROTEST IM DRITTEN REICH
1. Jugendbewegung und Nationalsozialismus
2. Jugend im NS-Staat
3. Jugendprotest im Dritten Reich
3.1. Jugendprotest aus dem Arbeitermilieu
3.2. Jugendprotest aus den "Bünden"
3.3. Widerstand aus den Reihen der konfessionellen Jugend
3.4. Der kulturelle Protest der wilden 'Swing' - Gruppen
4. Die Gegenmaßnahmen des NS-Staates
5. Abschließende Anmerkungen zu Jugend und Protest im Dritten Reich

Kapitel IV: JUGENDKULTUREN IN DER NACHKRIEGSZEIT
1. Jugendnot- und Jugendschutzkultur
2. Die 'Halbstarken' - Kultur
3. Rocker und Existentialisten
4. Die gesellschaftskonforme jugendliche Mehrheit

Kapitel V: DIE 'ANTI-AUTORITÄRE' JUGEND- UND STUDENTENBEWEGUNG
1. Die Vorboten einer neuen Zeit
2. Jugend und Gesellschaft Mitte der 60er Jahre
3. Entwicklung und Verlauf der Studentenbewegung
4. Die sozio - kulturellen Auswirkungen der 68er Bewegung

Kapitel VI: DIE WEITERE ENTWICKLUNG IN DEN 70ER UND FRÜHEN 80ER JAHREN - JUGENDKULTUREN IM ZEICHEN VON DIVERSIFIKATION UND HETEROGENITÄT
1. Der Weg in den 'Deutschen Herbst' - Von der Utopie zur Frustration
2. Jugendunruhen und Alternativkultur zu Beginn der 80er Jahre - ein Zwischenspiel

Kapitel VII: JUGENDKULTUREN UND JUGENDLICHES PROTESTPOTENTIAL IN DER RISIKOGESELL- SCHAFT DER GEGENWART
1. Unübersichtlichkeit als dominierendes Merkmal von Jugendkulturen und Jugendforschung
2. Jugend unter dem Blickwinkel gegenwärtiger Gesellschaftsdeskriptionen
2.1. Jugend im Zeichen eines Strukturwandels
2.2. Jugend und Postmoderne
2.3. Jugend in der Risikogesellschaft
3. Jugend und Protest in der Gegenwart

Kapitel VII: ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSFOLGERUNGEN
1. Zusammenfassung
2. Schlussfolgerungen

Kapitel IX: LITERATURVERZEICHNIS

Danksagung

I. EINLEITUNG

1. Jugend und Protest in der sozialwissenschaftlichen und jugend-psychologischen Forschung - Eine Einführung

Die Vorstellung, dass[1] jede neue Jugendgeneration wie ein Karma das Potential zur Rebellion in sich trage, besteht in der Öffentlichkeit wie in der Wissenschaft. Nun hat ein solches Charakteristikum des Jugendalters eine lange, wenn auch keineswegs widerspruchsfreie Tradition. So wird diese Einschätzung der Lebensphase 'Jugend' quer durch die Jahrtausende durch Aussprüche von Hesiod, Plato, Aristoteles, Cicero, Melanchton und vielen anderen mehr (vgl. Hohmann, 1982, S.9f) sowie durch mannigfache historische und literarische Abhandlungen untermauert.

Spätestens mit dem zu Beginn des Jahrhunderts vorgelegten ersten großen Entwurf der Jugendpsychologie, Hall's „Adolescence, its psychology and its relations to physiology, sociology, sex, crime, religion and education" findet die Annahme, Jugend als Phase des 'Sturm und Drang' zu verstehen, auch in der Forschung vermehrt ihre Entsprechung (vgl. Schurian/ter Horst, 1976, S.96).

„Mit Sturm und Drang und Kraft und Feuer", so Linne (1970, S.7ff), "ist die Jugend eine Wandlerin der Welt. Sie ist noch nicht niedergedrückt vom Ballast der Tradition und Historie, noch nicht niedergeknüppelt von Erfahrungen oder vom täglichen Existenzkampf, noch nicht unsicher gemacht durch die Kategorien der Kritik. Unbeschränkt greift sie aus in ihrer Phantasie, in ihren Träumen, Plänen und Zielen. (...)

Jugend ist Unruhe und Veränderung, ist Herd anarchischer Gefahren und zugleich das Reservoir unerschöpflicher Kräfte für neues Beginnen."

Allerdings springt bereits bei einer flüchtigen Hinwendung zur Thematik "Jugend[2] und Protest[3] " der stetige, phänomenale Wandel von auffällig protestgeneigten und tendenziell angepassten Jugendgenerationen ins Auge.

Von daher ist es naheliegend, dass die Ansicht, das Radikale sei der Jugend schlichtweg 'im Blute', in Zeiten juvenilen Aufruhrs eher Gehör zu finden vermag. So konstatierte bspw. Heinrich Dietz 1970 (S.65):

„Jugend aller Zeiten - und nicht zuletzt die Jugend unserer Tage ist im Anderssein und in Veränderung verliebt. Sie erlebt ja diese Veränderung im eigenen Körper, in Leib und Seele, und sie erfährt die Konflikte mit den bestehenden Normen wie den Konflikt der Generationen in oft revolutionärer Weise."

Für ein solches Bild von Jugend, verstanden als Motor der sozialen Veränderung, versehen mit einem genuin angelegten Protestpotential fanden und finden sich in den vorwiegend sozialwissenschaftlichen Forschungsdisziplinen eine Reihe von Belegen, die es im folgenden in Form eines kritischen Überblicks zu rekurrieren gilt.

1.1. Die klassische jugendpsychologische und kulturanthropologische Perspektive der Thematik

In den zwanziger Jahren gingen die Vertreter des klassischen jugendpsychologischen Ansatzes - und hier in erster Linie Bühler und Spranger - davon aus, dass die Zunahme sexuell stimulierender Hormone in der Jugendzeit eine extreme Störung des psychischen Gleichgewichts, mit anderen Worten: einen "Sturm und Drang" von Gefühlen, Antrieben und Stimmungen hervorrufe (vgl. Thomae, 1982, S.117).

Eine wichtige Rolle, diesen klassischen jugendpsychologischen Ansatz zu stützen, spielte die Tagebuchforschung[4].

Und in der Tat fanden sich in den Aufzeichnungen bekannter wie unbekannter Adoleszenten anscheinend eindrucksvolle Belege für das 'Sturm und Drang' - Modell. Die ersten Strophen vom "Lied einer Wahnsinnigen"[5] dokumentieren dieses beispielhaft (zit.nach Bühler, 1967, S.117):

„Es tobt in mir eine fremde Wut
Und bringt mein Blut zum Kochen.
Ich drücke den Schnee an die kalte Stirn
Doch das Fieber wirkt weiter in meinem Hirn.
Die Sinne zucken und hämmern mit Macht
Als sollten bersten die Knochen.
So berstet, mir ist es einerlei
Zersprengt die Stirn mir mit Krachen.
So tobe weiter, fremde Wut
So glüh nur weiter, wildes Blut,
Zerreiße mein Herz. In wildestem Schmerz
Und wildestem Tod will ich lachen."

Charlotte Bühler, neben Eduard Spranger und Siegfried Bernfeld wohl die renommierteste deutsche Vertreterin der klassischen Jugendpsychologie, unterteilt das Jugendalter in zwei Epochen; in die Pubertät als Scheidegrenze zur Kindheit und in die Adoleszenz (vgl. Bühler, 1967, S.23)[6].

Die Pubertät als Periode der Verneinung ist dabei gekennzeichnet durch "ein Hervortreten von Unlust, Unrast, Unruhe, ein physisches und seelisches Unbehagen, das in Trotz und Wildheit, Launenhaftigkeit und Schlaffheit einige Ausdrucksmöglichkeiten findet (...) Erhöhte Sensibilität und Reizbarkeit, unruhiges und leicht erregbares Wesen kennzeichnen das pubertierende Lebewesen. Freudlos ist den jungen Menschen diese Zeit, und der innere Unfriede wird selbst gegen die bessere Einsicht, die sich sträubt, in Wildheit, Unfug und trotzigem, lieblosen Wesen abreagiert und auf die Umwelt abgeladen" (ebd.).

Weitere Charakteristika dieser Lebensphase sind nach Bühler Trotz, Enttäuschungen, Melancholie und Lebensfeindschaft.

Anstelle des "geordneten Daseins" erfährt der Pubertierende nur Befriedigung durch das Nichtgehorchen sowie durch die Beschäftigung mit Verbotenem (vgl. ebd., S.27).

Durch das Entdecken der Natur wendet sich der Zustand des Jugendlichen etwa ab dem 17. Lebensjahr zum Positiven. Die bejahende Phase der Adoleszenz ist nach Bühler im Normalfall eine Periode des "Wohlbehagens", voll von "innerer Freiheit und Kraft" sowie "ungeheurer Lebendigkeit" (ebd., S.27).

Gleichwohl bleibt bestehen, "dass der Jugendliche mehr leidet als er fröhlich ist, leidet und sich zerrissen fühlt, unorganisch entwickelt, in Umwälzungen aller Art begriffen, unklar und suchend und völlig eines Führers bedürftig, der ihm aus dem Chaos heraushelfen soll. Dieser ist das Licht in einer hilflosen Finsternis" (Bühler, 1967, S.28).

Spranger (1925, S.43f) sieht in der Befreiung von äußeren Zwängen ein weiteres typisches Merkmal des Jugendalters.

"Neben Selbstreflexion und Empfindlichkeit ist auch der erwachende wachsende Selbständigkeitsdrang ein Zeichen, dass sich in der Tiefe der Seele ein neues Ich gebildet hat. Emanzipationsbestrebungen sind daher in dieser Lebensphase notwendig, nicht etwa Ausfluss von Ungehorsam oder Lieblosigkeit."

Eine herausragende Bedeutung für die Kennzeichnung der psychischen Ausnahmesituation des Jugendalters gewinnt in den 20er Jahren immer mehr der Schlüsselbegriff 'Sehnsucht'. Die Genese der jugendlichen Sehnsucht kann zum einen in dramatischen Entfremdungserfahrungen liegen, sie kann zum anderen aber auch ihren Ursprung in einer allgemeinen Aufbruchstimmung haben (vgl. Scherer, 1988, S.132).

"So entsteht die Kontrastbewegung der Generationen aus dem Drang nach dem ungelebten Leben. Immer wieder wird die Jugend mit der Totalität der Menschenkräfte geboren, die voll Sehnsucht nach Wirken und Genießen ist" (Spranger, 1925, S.153).

Scherer zufolge bringt der, zwar recht obsolete, romantische Begriff 'Sehnsucht' das innere jugendliche Drängen, Grenzen zu überwinden, auf den Punkt (vgl. Scherer, 1988, S.133).

In diesem Sinne nochmals Bühler (1967, S.169):

„Das isolierte und vereinsamte Ich sucht, wenn die antisoziale Welle sich legt, auf neuen Wegen Gemeinschaftserlebnisse. Das Ich sucht das Du und es sucht die Menschheit, und es sucht diese Menschheit zunächst nicht wieder in ihren Organisationen, denen es entfloh. (...) Die philosophische Ader des Jugendlichen ist bekannt, sein Interesse an Menschheitsproblemen und seine Versuche aus der eigenen Seele heraus vor aller Erfahrung eine Lösung zu finden."

Dieses 'Sturm und Drang' - Modell von der Lebensphase Jugend ließe sich nun durch einen Ansatz verifizieren, der Ende der 20er Jahre veröffentlicht wurde und die Diskussion neu belebte. Die Rede ist von den bedeutenden kulturanthropologischen Studien Margaret Meads.

Nach der Annahme der klassischen Jugendpsychologie, das Jugendalter als Phase zu verstehen, in der die körperliche Reifung quasi von Natur aus mit stürmischen Veränderungen der geistigen Haltung in Richtung Idealismus, Ruhelosigkeit und Auflehnung korrespondiert, müssten sich solche Verhaltensmuster folgerichtig auch in primitiven, von der Zivilisation nicht bzw. kaum beeinflussten Naturvölkern beobachten lassen. Aber genau diese Vermutung kann nach Auffassung Meads nicht aufrechterhalten werden.

In ihren aufwendigen Feldstudien einfacher Südseevölker - niedergeschrieben in ihren Klassikern "Coming of Age in Samoa" (1971a) sowie "Growing up in New Guinea" (1970) - erlebte sie die Adoleszenzphase in den von ihr untersuchten fünf Stämmen keineswegs als seelische und emotionale Krisenzeit.

„Das heranwachsende samoanische Mädchen unterscheidet sich von der Schwester, die die Pubertät noch nicht erreicht, nur in dem wesentlichen Punkt, dass an ihm gewisse körperliche Veränderungen vor sich gehen, an der Jüngeren nicht. Weitere große Unterschiede zwischen der in der Adoleszenz befindlichen Gruppe und den Gruppen, die diese Zeit in zwei Jahren erreichen werden oder vor zwei Jahren erreicht hatten, habe ich nicht feststellen können" (Mead, 1971a, S.166).

Die von der damaligen Jugendpsychologie beobachteten Phänomene des 'Sturm und Drang' führt Mead ausschließlich auf sozio - kulturelle Eigenarten der meist okzidentalen und US-amerikanischen Gesellschaften zurück[7].

"Die Hauptursachen der Schwierigkeiten unserer Jugend liegen in den einander widersprechenden Normen unserer Gesellschaft und in der Auffassung, dass jeder Einzelne seine eigene Entscheidung treffen müsse. Hinzu kommt noch, dass diese Entscheidung so wichtig genommen wird. Wir betrachten also die Adoleszenz nicht als eine Phase physischer Veränderungen, weil wir wissen, dass die körperliche Pubertät nicht unbedingt Konflikte erzeugen muss, sondern als Beginn der geistigen und emotionalen Reife, der mit Konflikten und Schwierigkeiten belastet ist" (Mead, 1971a, S.191).

Folgt man Mead weiter, so sind Konflikte mit der Jugend der Preis, den wir für unsere komplizierte, in ständiger Veränderung begriffene Kultur bezahlen (vgl. ebd., S.199).

Durch die Ergebnisse der kulturanthropologischen Forschung ist dem 'Sturm- und Drang' - Ansatz anscheinend ein gutes Stück seiner Validität entzogen worden[8]. David P. Ausubel (1970, S.31) jedenfalls sieht das so:

„Angesichts des überwältigenden Beweismaterials der Kulturanthropologen musste die naive Ansicht, die Entwicklung im Jugendalter werde ausschließlich oder unumgänglich durch biologische Faktoren bestimmt, aufgegeben werden."

Ein Großteil der Kritik an dem klassischen jugendpsychologischen Ansatz bezog sich auf die unzureichende Verallgemeinerungsfähigkeit sowie auf das fast völlige Aussparen sozialisations-, milieu- bzw. kulturtheoretischer Einflüsse, die auf das Jugendalter einwirken.

So ist beispielsweise darauf verwiesen worden, dass viele Theorien des Jugendalters in Wahrheit Theorien über die Entwicklung von Oberschülern bzw. Angehörigen der Mittelschicht seien (vgl. Thomae, 1982, S.118)[9].

Wenngleich man der klassischen Jugendpsychologie insofern zustimmen kann, dass sich Jugendliche für gesellschaftspolitische, oftmals revolutionäre Utopien jenseits unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit bis in unsere Zeit immer wieder begeistern können, so ist wohl doch nicht generalisierbar, dass die Seelenlage des Jugendlichen per se mit radikalen, fanatischen, ideologischen und utopischen Politikorientierungen gleichgesetzt wird.

1.2. Zur Konflikthaftigkeit des Generationenverhältnisses und der Identitätsentwicklung

Zur Erklärung jugendlichen Protestverhaltens begegnet immer wieder das Argument, diese Jugendphänomene seien auf das ehedem schwierige und konfliktlastige Verhältnis von 'alt' und 'jung' zurückzuführen. "Das Aufbrechen einer Kluft zwischen den Generationen", so nochmals Margaret Mead (1971b, S.68), „ist ein Prozess, der in der menschlichen Geschichte schon sehr früh in Erscheinung trat"[10].

Der sich im Jugendalter vollziehende Lösungs- bzw. Abnabelungsprozess vom Elternhaus; die durch die kognitive Entwicklung bedingte, sich immer mehr verstärkende Kritik der Jugendlichen an Werten, Einstellungen und Verhaltensweisen der Parentalgeneration; damit unmittelbar verknüpft das oftmalige Unverständnis der Eltern für diese Kritik, die nun wiederum selber ihren Kindern Vorhaltungen machen, sind diese doch nicht so geworden, wie es die Eltern vorgesehen hatten; sowie schließlich die familiendynamischen Spannungen aus unbewältigten ödipalen Konflikten; dieses alles sind signifikante Anzeichen für ein schwieriges, ja oft konfliktäres Verhältnis zwischen den Generationen.

Gleichwohl stößt dieser Ansatz auch auf massive Kritik[11]. Dazu die Bielefelder Pädagogen Baacke und Heitmeyer (1985, S.8f):

„Dieses Konzept muss sich viele Fragen gefallen lassen:

was ist überhaupt eine Generation? Gibt es nicht in dem schnellen Wandel moderner Gesellschaften Zwischengenerationen, bilden nicht beispielsweise schon die 15jährigen und die 20jährigen je Gruppen, die sich unterschiedlichen Alterskohorten zugehörig empfinden? Setzt das psychoanalytische Schema des Ödipus-Komplexes nicht zu stark auf die Auseinandersetzung zwischen Vätern und Söhnen und lässt Mädchen und Frauen außen vor? Ist die Dominanz der älteren Generation und ihr Abstand in Wertorientierung und Verhalten tatsächlich heute noch so stark wie zu Beginn dieses Jahrhunderts? Das Polarisationsschema von 'Unreife' gegen 'Reife', das diesen Vorstellungen zugrunde liegt, wird heute ernsthaft kaum noch diskutiert."

In vielen Versuchen, jugendlichen Protest zu erklären, wird ferner auf die qua gesellschaftliche Entwicklungen erschwerte Identitätsbildung Jugendlicher abgehoben.

Will man sich ergo mit dem Begriffspaar 'Jugend und Identität' beschäftigen, so ist zunächst einmal vorauszuschicken, dass die Identitätsbildung weder mit der Adoleszenz beginnt, noch in dieser Lebensphase endet. Schulkinder können in Aufsätzen auf die Frage, „wer bin ich?" ihrem Entwicklungsstand entsprechend, ihre Lebenswelt beschreiben. Kleinkinder reden bereits von "Ich". Für den amerikanischen Psychoanalytiker und Wegbereiter der Identitätstheorie Erik H. Erikson beginnt der Selbsterkennungsprozess sogar schon mit dem ersten antwortenden Lächeln des Säuglings. Identitätsbildung wird von ihm als lebenslange Entwicklung gesehen (vgl. Erikson, 1971, S.279f).

Was ist nun unter Identität zu verstehen?

Heitmeyer weist mit Recht darauf hin, dass darüber, was Identität überhaupt sei, innerhalb der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen „keine konsensuelle Definition bzw. gar Konzeption" existiert (1987, S.81).

Gleichwohl kommt man, um eine Definition des Begriffes bemüht, kaum umhin, 'Identität' auf das Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft zurückzuführen. Das Individuum bedarf Zustimmung, Kritik, Anregungen, Widerspruch, um zu einem sozialen Wesen der Gesellschaft zu reifen.

Mit Zubke (1989, S.74) ließe sich Identität somit als "die unverwechselbare, nicht austauschbare Persönlichkeit jedes Einzelnen in seiner Auseinandersetzung mit der ihn umgebenden sozialen Wirklichkeit" beschreiben[12].

Folgt man nun den psychoanalytisch determinierten Überlegungen Eriksons, so lässt sich die psycho-soziale Epigenese des Individuums in acht Stufen zergliedern; angefangen vom Säuglingsalter bis hin zum reifen Erwachsenenalter (vgl. Erikson, 1970, S.91ff). Jede dieser Entwicklungsstufen schließt dabei eine psycho-soziale Krise ein.

Auf der fünften Stufe, der Adoleszenz, stellt die Identitätsfindung die zentrale Entwicklungsaufgabe dar, die der Heranwachsende im psycho-sozialen Moratorium, einer Art jugendlichem Experimentierfeld, zu bewältigen hat. Den krisenhaften Kristallisationspunkt zur Entwicklung der Identität sieht Erikson auf dieser Stufe in der Identitätsdiffusion[13]. Dabei nimmt er jedoch an, dass das Ego des Jugendlichen ein gewisses Maß an Identitätsverwirrung braucht.

„Ich würde deswegen diesen Begriff für Erfahrungen benutzen, in denen einige Grenzen des Selbst erweitert werden, um eine weitere Identität einzuschließen, mit kompensatorischen Gewinnen an emotionalen Tönen, kognitiver Gewissheit und ideologischer Überzeugung" (Erikson, 1971a, S.209).

In diesem Sinne sieht Erikson zwar in jedem aufeinanderfolgenden epigenetischen Entwicklungsschritt eine potentielle Krise, "aufgrund einer radikalen Veränderung in der Perspektive", wobei das Wort Krise allerdings in einem entwicklungsmäßigen Sinn gebraucht wird, "nicht, um eine drohende Katastrophe zu bezeichnen, sondern einen Wendepunkt, eine entscheidende Periode vermehrter Verletzlichkeit und eines erhöhten Potentials, und daher die ontogenetische Quelle für Stärke oder Fehlanpassung in der Generationenfolge" (1970, S.96).

Die Identitätskrise in der Adoleszenz ist demnach keine Krankheit, eher eine „normative Krise" (Erikson, 1971, S.282).

Inwieweit lässt sich nun aus der Theorie der Identitätskrise eine Korrelation zwischen Heranwachsenden in ihrer sozial-psychologischen Entwicklung und jugendlichem Protestverhalten ableiten?

In der Forschung wurde und wird hierüber, wie im Übrigen über den Eriksonschen Ansatz in seiner Gänze, sehr heftig debattiert.

Bei Erikson selbst gerät die Lösung der jugendlichen Identitätskrise in den meisten Fällen zur harmonischen Versöhnung mit den gesellschaftlichen Anforderungen. Erhalten doch die Gesellschaft und ihre Institutionen sowohl durch das Experimentieren als auch durch das zeitweilige Rebellieren der Jugend neue Anstöße und Innovationen (vgl. Helsper, 1983, S.119).

Zudem verweist Erikson auf die bedeutenden Fortschritte der ehemals rebellierenden Jugendlichen, die diese gemacht hatten, als sie "mit vermehrtem Verantwortungsgefühl und vitalerer Lebensfreude ins Establishment zurückkehrten" (1977, S.228).

So verwundert nicht, wenn für Erikson ein Scheitern dieses Anpassungsprozesses zwischen Jugendlichen und Gesellschaft nicht nur in Identitätsverwirrung, sondern auch in negativer Identität, "weitreichendem Nonkonformismus" und in gefährlichen "Demonstrationen wahrhaft negativer und hässlicher Möglichkeiten" münden (1970, S.24).

Nach Helsper werden damit jedoch die Proteste und Unruhen der Jugendlichen letztlich als funktional-integratives Moment begriffen. Sie dienen der Auslösung gesellschaftlicher Innovationsschübe, „die schließlich die 'kulturelle Identität' so gestalten, dass der opponierende Jugendliche sich darin wiederfinden kann" (Helsper, 1983, S.119). Da also im Regelfall am Ausgang der Adoleszenz anscheinend die geglückte Integration steht, dürfte die Feststellung Helspers zutreffen, Eriksons Identitätskonzept besitze einen im Kern affirmativen Charakter (vgl. Helsper, 1983, S.120).

Aber ist es wirklich angebracht, einer im Normalfall geglückten Integration das Wort zu reden? Manifestiert sich hier nicht eine allzu positive Auflösung der Identitätskrise?

Helsper bemerkt dazu (ebd.):

„Zur Herausbildung von Identität muss der Jugendliche vielfältige Teilaufgaben bewältigen, die zum einen auf die zentralen Krisen früherer Entwicklungsstufen verweisen, zum anderen auf gesellschaftliche Anforderungen bezogen sind. Ein wesentlicher Teil dieser Aufgaben scheint von den gesellschaftlichen Entwicklungen her kaum noch lösbar."

Auch in der Identitätskonzeption Heitmeyers[14] finden sich deutliche Hinweise für diesen Befund. Identitätskrisen ergeben sich ihmzufolge besonders dann, wenn soziale bzw. personale Identität[15] preisgegeben werden.

Dies führt entweder - bei Aufgabe der sozialen Identität - zu ichbezogener Isolation, oder - als Surrogat für die aufgegebene personale Identität - zu kollektiven Identitäten[16] (vgl. Heitmeyer, 1987, S.93).

Zwar besteht in der Kontroverse um die Identitätskrise kein Mangel an Forschungsbeiträgen, die den Begriff 'Identitätskrise' für inadäquat halten[17] ; auf der anderen Seite lassen sich in den Jugendkulturen viele Indikatoren für die These finden, dass ein krisenhafter Identitätsfindungsprozess in der Adoleszenz weit verbreitet ist.

Unter Jugendlichen überproportional häufige Verhaltensweisen bzw. Einstellungen wie Aggressivität, Auto- bzw. Motorradraserei, Drogen- und Alkoholkonsum, psychiatrische bzw. psychosomatische Krankheitsbilder (Bulimie, Anorexia Nervosa, Schizophrenie, Suizide), isolationistische Haltung etc. verleihen dieser These an Gewicht (vgl. Baacke, 1987, S.188).

Es liegt in diesem Kontext die Vermutung nahe, dass die Reaktionsweisen der Jugendlichen auf die krisenhafte Identitätsfindung sehr unterschiedlich ausfallen.

Die Bandbreite dürfte hier von einer konfliktarmen Verarbeitung des Identitätsfindungsprozesses, über Rückzugstendenzen in die Privatsphäre, bis hin zum offenen, aktiven Protestverhalten vieler Jugendlicher reichen. Zubke jedenfalls sieht in der jugendlichen Protesthaltung eine wichtige Form der Selbstfindung (vgl. Zubke, 1989, S.75f).

Eng verknüpft mit der Theorie der Identitätskrise ist auch der nachfolgende Theorieansatz. In Affinität zu Eriksons Identitätskonzept werden der Adoleszenzphase auch bei Döbert/Nunner-Winkler (1982) neue Entwicklungsaufgaben zugeordnet.

Allerdings wird hier die Adoleszenz als eigenständige Entwicklungsphase verstanden, „in deren Verlauf nicht nur eine Weiterentwicklung kognitiver Schemata statt hat, sondern durchaus auch Transformationsprozesse in der affektiven Dimension möglich sind" (Nunner - Winkler, 1985, S.88)[18].

Unter Rekurs auf die psychoanalytische Lehre sowie auf Habermas' Konzept der Identitätsentwicklung[19] gehen die Autoren davon aus, dass der Jugendliche in der Adoleszenz, um selbständig zu werden, die regulativen Funktionen vom rigiden, übermächtigen ödipalen Über-Ich auf das ichnähere Ich-Ideal übertragen muss (vgl. Nunner-Winkler, 1985, S.88f).

Mit dieser Entwicklung einhergehend vollzieht sich eine Libidoverlagerung; und zwar von den Elternvorbildern weg, über das eigene Selbst als Zwischenstufe, bis hin schließlich zu außerfamiliären Objekten.

Dieser Ablösungsprozess ist jedoch mit schmerzhafter subjektiver Krisenerfahrung verbunden (vgl. Nunner - Winkler, 1985, S.89).

In dieser innerpsychischen Krise sehen Döbert/Nunner - Winkler eine Teilbeantwortung ihrer eingangs aufgeworfenen Frage, warum als Träger von gegenkulturellen Protestbewegungen in besonderem Maße Jugendkulturen fungieren (vgl. Döbert/Nunner - Winkler, 1982, S.19).

Darüber hinaus, so nehmen sie mit Habermas und Offe weiter an, sind unsere durch tiefgreifende Legitimationskrisen gekennzeichneten, spätkapitalistischen Gesellschaften nicht mehr in der Lage, den Jugendlichen den für ihre Identitätsentwicklung adäquaten Rahmen bereitzustellen. Die Adoleszenten sind dabei durch ihre entwicklungspsychologisch bedingte Reifungskrise mit am stärksten von den Defiziten des gesellschaftlichen Systems betroffen (vgl. Döbert/Nunner - Winkler, 1982, S.60).

Somit erzeuge die Adoleszenzkrise - so ihre Arbeitshypothese - in verstärktem Maße systemkritische Verhaltens- und Einstellungsmuster unter Jugendlichen, wobei sich das Protestpotential sowohl auf politisch-aktivistische wie auch auf introvertiert - retreatistische (Drogen - scene, spirituelle Bewegung) Protestformen bezieht (vgl. Döbert/Nunner- Winkler, 1982, S.61).

Die Rezeption dieses Ansatzes ist allerdings von überwiegend kritischer Distanz geprägt. Insbesondere finden sich in den Rezensionen als Einwände (vgl. Schurian/ter Horst, 1976, S.46f):

- In die von Döbert/Nunner-Winkler rezipierten Entwicklungskonzepte seien kaum kritische Anmerkungen hinsichtlich der Fragwürdigkeit von hierarchisch konzipierten Phasenmodellen eingeflossen[20].
- Die von den Autoren verwendeten Begriffe, wie beispielsweise Ich-Identität, seien recht unklar und unzureichend abgesichert.
- Die theoretische Determinierung der Adoleszenz unter Rekurs auf Sigmund Freud und Anna Freud, sowie hinsichtlich der kognitiven Entwicklung auf Kohlberg, sei zu verkürzt und oberflächlich, da sie nur zwei Gesichtspunkte des Gesamtkomplexes Jugend reflektiert.

Die krisenhafte Identitätsfindung des Jugendlichen ist schließlich auch in dem Ansatz von Oerter (1982) von zentraler Bedeutung. Das Jugendalter ist ihmzufolge wesentlich durch den Status eines Übergangs (Transition) vom Kindes- zum Erwachsenenalter geprägt (vgl. Oerter/Montada, 1982, S.242).

Dass dieser Übergang nicht ungestört verläuft, sondern durch "gesellschaftlich-kulturelle Veränderungen"[21] überlagert wird, ist nach Oerter allerdings nur zum Teil mit dem schwierigen Prozess der Identitätsgewinnung erklärt (vgl. ebd., S.244ff).

Angelehnt an Kurt Lewin führt Oerter den Krisencharakter des Jugendalters auch auf die "Marginalposition", die Zwischenstellung des Jugendalters, zurück. Diese Stellung bedinge eine gewisse "Randgruppenposition" des Jugendlichen ("marginal person"; Oerter/Montada, 1982, S.286). Das Konfliktpotential des Jugendlichen hängt nun zum einen davon ab, inwieweit sich der Jugendliche als Randgruppenperson identifiziert; zum anderen resultiert dieses Potential aus dem Ausmaß der Kluft zwischen Erwachsenenkultur und Kindheit (vgl. Prestele, 1987, S.23).

1.3. Jugend und Protest in der neueren sozialwissenschaftlichen Literatur

In den 70er Jahren gewinnt ein Verständnis von Jugend als Randgruppe im Sinne einer Subkultur[22] für die Exploration jugendkultureller Protestphänomene insbesondere durch die Arbeiten aus dem 'Centre for Contemporary Cultural Studies' (CCCS) an Bedeutung (vgl. Clarke et al., 1981; Willis, 1982; Brake, 1981). Jugendliche Subkulturen sind demnach eine spezifische Reaktion auf die Unterdrückung der Arbeiterklasse und bringen die Widersprüche der "Stammkultur" zum Ausdruck (vgl. Kastner, 1985, S.174).

Wenngleich die Birminghamer Forschergruppe mit ihrem milieuspezifischen Ansatz die Untersuchung der Entstehungsbedingungen von jugendlichen Gruppenstilen ungemein befruchtet hat, ist die auf Klassengegensätzen beruhende Deutung jugendlicher Gegenkulturen in unserem Zusammenhang allerdings - besonders für die Gegenwart - problematisch, da sich dieser angelsächsische Erklärungsansatz schon aufgrund der sozio - strukturellen Nivellierungstendenzen nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragen lässt.

In Deutschland ist die Kategorie 'Jugendprotest' in den letzten zehn Jahren verstärkt unter dem Blickwinkel der jeweils situativen Phänomenologie (so etwa die Jugendunruhen von 1981; vgl. Behr, 1982; Haller, 1981; Dörre/ Schäfer, 1982), als "soziales Problem" (vgl. Brusten/ Malinowski, 1982) sowie unter der Perspektive der "Neuen sozialen Bewegung" (vgl. Brand, 1982; Brand, 1984; Roth/ Rucht, 1987; Rolke, 1987; speziell in Bezug auf Jugend und soziale Bewegung Scherer, 1988) untersucht worden.

Dabei ist hinsichtlich der situativen Erklärungsansätze jedoch deutlich geworden, dass die Validität der Aussagen zum Jugendprotest über das jeweilige Protestereignis hinaus rasch an Relevanz verloren hat.

2. Die zugrunde liegende These

Nun wird auf milieuspezifische Aspekte der Thematik wie auch auf die situativen Erklärungsansätze der Jugendunruhen 1981 in dieser Arbeit gleichwohl nicht verzichtet werden können.

Die hier in aller Kürze entwickelte Diskussion sozialwissenschaftlicher, jugendpsychologischer und kulturanthropologischer Ansätze lässt zunächst einmal den Schluss zu, dass eine genuine, biologisch angelegte Veranlagung der Jugendlichen zum Protest mit einiger Sicherheit nicht konstatiert werden kann.

Ebenso dürfte sich gezeigt haben, dass die Theorie vom Generationenkonflikt keineswegs von verallgemeinerbarer Gültigkeit ist.

Zwar scheint auf der einen Seite die Ausbildung der Identität für den Jugendlichen gerade in unserer Zeit einen hochgradig problematischen Prozess darzustellen. Helsper bemerkt dazu (1983, S.127):

"Zwischen dem Schwinden der Bedingungen für die Herausbildung von Ich-Identität und der fortbestehenden gesellschaftlichen Erwartungshaltung, dass Jugendliche die Widersprüche ertragen und trotz einer verdunkelten Zukunft nicht verzweifeln und letztlich funktionstüchtig bleiben, ergibt sich eine zunehmend auseinanderklaffende Schere. Für Jugendliche, die weiterhin um den Aufbau von Ich-Identität kämpfen, erfordert diese Identitätsarbeit zunehmend Anstrengung bei gleichzeitig wachsender Gefahr des Scheiterns."

Auf der anderen Seite finden sich in vielen Kulturen, auch in der unsrigen, genügend Beispiele für einen relativ konfliktarmen Verlauf der Jugendphase. Korrelationen zwischen Adoleszenz und Protest bzw. Kritik lassen sich ebenso wenig generalisieren, wie globale Krisen- bzw. Normalitätstheorien für die Adoleszenzphase (vgl. Nunner - Winkler, 1985, S.88).

Wenngleich wir also konstatieren müssen, dass dem Jugendalter keine genuin festgelegte Protesthaltung immanent ist, ist es doch auffällig, dass sich als soziokulturelles Phänomen vieler Gesellschaften zumindest phasenweise ein kultur- bzw. sozialisationsbedingtes juveniles Protestverhalten manifestiert hat.

Wenn wir nun von der Annahme ausgehen, dass sich ein Protest- bzw. Konfliktpotential (vgl. Beck/Gernsheim, 1971, S.447ff) in nahezu allen Jugendkulturen unserer industrialisierten Gesellschaften entwickelt hat, so drängt sich hier die Frage auf, warum sich jugendlicher Protest anscheinend nur in unbestimmten Zeitabständen offenbart respektive, warum dieses Potential von einem großen Teil der Jugendlichen allem Anschein nach kaum oder nur spärlich in aktiven Protest transformiert wird.

Grosso modo, und recht verkürzt dargelegt, hat sich in vielen Kulturkreisen eine Dichotomie von Jugend dergestalt ausgeformt[23], dass zum einen eine Ausbildung von nonkonformistischen Protestidentitäten, zum anderen eine Bildung von gesellschaftskonformen, angepassten Identitäten zu verzeichnen ist[24].

Nun wird diese Entwicklung von Protestidentitäten in vielen Forschungsbeiträgen mit "negativer" Identität gleichgesetzt (vgl. Hammel, 1985, S.88). Es ist jedoch lange bekannt, dass Jugendliche zur Entwicklung ihrer Identität Reibungspunkte brauchen. Ein gewisses Maß an Protest wäre von daher der Identitätsentwicklung im Sinne eines „Ich rebelliere, also bin ich" förderlich.

Somit wäre es doch denkbar, dass eine mit dem gesellschaftlichen status quo harmonierende angepasste Identität auch als Symptom einer problematischen Identitätsentwicklung gedeutet werden könnte. Der Erfolg eines reibungslosen Übergangs von der Jugend zum Erwachsenenalter müsste dann als "Pyrrhussieg" verstanden werden; so gesehen wäre Anpassung also das Resultat eines nicht genügend ausgelebten Protestpotentials. Für Helsper sind die Versuche, Gegenidentitäten zu bilden, eine "Verweigerung gegenüber einer Erstarrung von Subjektivität", die als Schicksal der 'Normalen' und vieler Erwachsener gesehen wird. „Der Versuch, in der Anpassung an gesellschaftliche Anforderungen Identität zu erreichen, endet aus der Sicht der bewegten Jugendlichen mit der Dominanz des Zwanges über das Versprechen der Freiheit" (1983, S.128).

Wenn wir also davon ausgehen, dass viele Jugendliche anscheinend mit der "Dominanz des Zwanges" (Helsper) vorliebnehmen und ihr Protestpotential kaum in aktiven Protest umsetzen, so bedarf diese, zugegebenermaßen noch etwas luftige Annahme weiterer Erläuterungen.

So korreliert erstens die Verhaltensattitüde 'Anpassung' mit einer ganzen Reihe stiller, oft verdeckter, im Sinne von Habermas "retreatistischer" Protestformen wie bspw. Süchten, Rückzugsverhalten, Suizidabsichten etc.. Aber auch diese Protestformen müssen als Tendenzen in Richtung nonkonformistische Identität verstanden werden.

Zweitens scheint sich Jugend in einem problematischen gesellschaftlichen Wirkungszusammenhang zu befinden. Auf der einen Seite kommt offenbar in dieser Lebensphase, wie bereits beschrieben, immer wieder das Bedürfnis zur Geltung, als Triebfeder der Veränderung, als Motor des sozialen Wandels zu fungieren (vgl. Rosenmayr, 1970).

Auf der anderen Seite wachsen Jugendliche in traditionelle Strukturen hinein, wo ganz evident auf Bewahrung ausgerichtete Kräfte der dominanten Kulturen zum Tragen kommen. Eine auf Veränderung abzielende Jugend konkurriert somit zwangsläufig immer mit den auf Bewahrung abzielenden Kräften der herrschenden Schichten[25]. Mit welchen Vermeidungs- bzw. Domestikationsstrategien die dominanten Kulturen in der Gesellschaft dem jugendlichen Protestpotential in diesem Jahrhundert begegnet sind, wird eine wichtige Frage sein, die es in dieser Arbeit zu eruieren gilt.

Ich gehe also im folgenden, so meine These, von einem breit angelegten, sozialisations- und kulturbedingten jugendlichen Protestpotential aus, das aber - wie die Entwicklung in diesem Jahrhundert zeigen wird - bei einem beträchtlichen Teil der Jugend sublimiert worden ist, soll heißen: bei vielen Jugendlichen ist dieses Protestpotential offenbar, ob durch mangelnde Verwirklichungschancen oder durch gesellschaftliche Eindämmungsstrategien bedingt, anderweitig transponiert bzw. abgeleitet worden.

Ob und in welcher Weise dieses Protestpotential zum Ausbruch kommt, hängt nicht zuletzt von den historischen Gegebenheiten ab. Die in dieser Arbeit verfolgte geschichtliche Perspektive von Jugend und Protest erscheint dabei aus zweierlei Gründen wichtig. Zum einen lassen sich jugendliche Nonkonformität wie auch konformes gesellschaftspolitisches Verhalten von Jugendlichen nur aus dem jeweiligen sozial-geschichtlichen Zusammenhang heraus schlüssig interpretieren; zum anderen werden Entwicklungslinien des jugendlichen Protestpotentials erst im historischen Kontext sichtbar. Auf der Grundlage der oben entwickelten These soll somit im folgenden eine sozialgeschichtliche Exploration von Jugend und Protest im Deutschland[26] des 20.Jahrhunderts[27] versucht werden, wobei neben der Analyse der jeweiligen Protesterscheinungen auch der Frage nach möglichen gesellschaftlichen Protestvermeidungsstrategien nachgegangen werden soll.

Freilich kann dies hier nur im Rahmen eines Überblicks erfolgen. Wegen der ausufernden Literatur zur Thematik ist darauf verzichtet worden, Primärdaten zu erheben; somit versteht sich diese Arbeit als Literaturstudie, die zu einem Großteil auf sekundären Quellen fußt.

Allen jugendkulturellen Differenzierungen zum Trotz wird sich bei einem solch immensen Forschungsumfang die Gefahr der verallgemeinernden Typisierung nicht verhindern lassen.

Aber sie wird bewusst in Kauf genommen. Denn wo in allen wissenschaftlichen Forschungsdisziplinen ein langanhaltender Trend zur Sequenzialisierung bzw. Atomisierug besteht, entsteht unverkennbar ein 'Bedarf nach Überblick'. Von daher ist diese Arbeit der Versuch, das jugendliche Protestpotential im 20. Jahrhundert in Deutschland in seinen zusammenhängenden Entwicklungen, in seinen Kontinuitäten und Brüchen unter Berücksichtigung der jeweiligen sozio - kulturellen Rahmenbedingungen darzustellen[28].

3. Kurzer Überblick über die Vorgehensweise

Da in dieser Arbeit also vorrangig Entwicklungslinien von Jugend und Protest in Deutschland analysiert werden sollen, bietet sich hier eine genetisch-chronologische Untersuchungsform an[29]. Dabei wäre es im Sinne des oben beschriebenen erkenntnisleitenden Interesses keineswegs sinnvoll, 'protestärmere' Zeiten einfach auszusparen. Gilt doch unser Augenmerk auch dem gesellschaftlichen Bemühen, jugendlichen Protest a priori zu vermeiden.

Gerade am Beispiel von Jugend und Protest im Dritten Reich (Kapitel III) werden die perfektionistischen Eindämmungsstrategien eines totalitären Regimes offenkundig. Gleichwohl wird dieses Kapitel zeigen, dass es trotzdem nicht gelang, das jugendliche Protestpotential in seiner Gänze zu bändigen.

Auch die Nachkriegszeit (Kapitel IV) steht nicht in dem Ruf, eine überaus protestgeneigte Jugendgeneration hervorgebracht zu haben. Im Mittelpunkt unseres Interesses in diesem Kapitel stehen die Halbstarkenbewegung und die einsetzende Kommerzialisierung dieser Jugendkultur.

In besonderer Weise wird im fünften Kapitel die unruhige Zeit der späten 60er und frühen 70er Jahre akzentuiert. Schließlich sind von der Studenten- und Jugendbewegung für die weitere Ausgestaltung der Jugendkulturen im speziellen und für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung im allgemeinen bedeutsame Folgewirkungen ausgegangen.

Die 70er und frühen 80er Jahre (Kapitel VI) sind dagegen hinsichtlich unserer Thematik durch Diversifikations- und Differenzierungstendenzen in den Jugendkulturen gekennzeichnet, wobei insbesondere die Desillusionierung der zu Beginn der 70er Jahre so verheißungsvollen sozio –

politischen Reformerwartungen das jugendliche Protestpotential beeinflusste.

Diese Diversifikationstendenzen haben sich schließlich bis zur Gegenwart (Kapitel VII) weiter verstärkt. In diesem Kapitel wird die gesellschaftliche Ausformung der "Risikogesellschaft" bezüglich des Forschungsgegenstandes besonders zu thematisieren sein.

Last but not least wird sich in den Schlussfolgerungen des abschließenden siebten Kapitels zeigen, ob unsere eingangs konzipierte These in Bezug auf Validität wie auf inhaltliche Ausformung einer Verfeinerung bzw. einer Modifizierung bedarf.

Doch zunächst gilt es im folgenden zweiten Kapitel, gemäß einer relativ strengen Chronologie, den Themenkomplex Jugend und Protest zu Beginn dieses Jahrhunderts, und hier besonders die Genese der Jugendbewegung, zu untersuchen.

II. VOM "WANDERVOGEL" BIS ZUR MACHTERGREIFUNG - JUGENDLICHES PROTESTPOTENTIAL ZWISCHEN JUGENDBEWEGUNG UND ANPASSUNG

1. Die Genese des "Wandervogels" bis 1914

Die Zeitspanne vom ausgehenden 19.Jahrhundert bis etwa 1945/50 wird in der historischen Forschung gegenwärtig häufig als Modernisierungskrise bezeichnet. Darunter wird folgendes verstanden: Infolge der am Ende des 19. Jahrhunderts immens durchgreifenden Industrialisierung mit ihren mannigfaltigen Auswirkungen auf das sozio - ökonomische bzw. sozio - kulturelle Gefüge der europäischen Industrienationen ließen sich die bislang im 19. Jahrhundert vorherrschenden Ideologien und Wertvorstellungen des Bürgertums nicht mehr aufrechterhalten[30] (vgl. Reulecke, 1988, S.13).

Zwar war diese Modernisierungskrise unstrittig kein deutsches Spezifikum; ihre Auswirkungen und Folgen waren allerdings im Deutschen Reich am gravierendsten. Dieses Phänomen speist sich insbesondere aus dem Sachverhalt, dass Deutschland in sozio - politischer Hinsicht - man denke nur an den gering ausgeprägten Parlamentarismus - ein rückständiges Land war.

Angesichts rapider Urbanisierung, ausufernder Klassenantagonismen sowie der fortschreitenden Zerstörung traditioneller Lebenswelten fühlten sich zudem eine ganze Reihe von Gesellschaftsgruppen, die vormals eine bedeutende Rolle gespielt hatten, in zunehmendem Maße gesellschaftlich marginalisiert.

Dies galt in erster Linie für das humanistisch geprägte Bildungsbürgertum[31], das seine gesellschaftliche Funktion als "zukunftsdeutende" und "sinnstiftende" Elite zugunsten von aufsteigenden Gruppierungen wie dem geldaristokratischen Besitzbürgertum oder naturwissenschaftlich-technischer Eliten einzubüßen schien (vgl. Reulecke, 1988, S.14; Giesecke,1981, S.,14). Zwar gelang es dem Bildungsbürgertum die humanistische Bildung mit ihrer Priorität auf altklassische Sprachen bei weiterhin fast exklusiver Selbstnutzung zu erhalten; die Dynamik der industriellen Entwicklung führte jedoch gleichzeitig zu einem enormen Qualifizierungsbedarf, dem schließlich durch den Ausbau der kürzeren Nichtvollschulen und besonders der lateinlosen Realschulen, der Oberrealschulen, der Realgymnasien sowie der Technischen Hochschulen Rechnung getragen werden musste.

In diesem Zusammenhang war das besitzende wie das gebildete Bürgertum in dieser Zeit unter dem politischen Druck der Arbeiterklasse genauso auf die politische Macht des Adels angewiesen, wie umgekehrt der Adel auf die ökonomische Expansion des Bürgertums. Gemeinsam versuchte man so, sich der von unten nachdringenden Masse zu erwehren (vgl. Grob, 1985, S.41).

Charakteristisch für diese Zeit war eine strenge hierarchische Struktur mit engen Grenzen, starren Konventionen und rigiden Verhaltensmustern. "Mit einem Handwerker, Bauern oder Arbeiter sich auf offener Straße in einem anderen Ton als dem des Auftraggebers oder Vorgesetzten zu unterhalten, schien für den Bürger eine Unmöglichkeit", so beschrieben die ehemaligen Wandervögel Ziemer und Wolf (1961, S.16) den oben dargelegten Sachverhalt sehr anschaulich.

Zu den wesentlichen Merkmalen der wilhelminischen Gesellschaft gehörte also die Koinzidenz von rasanter ökonomisch-industrieller Entwicklung mit einer sich erbittert gegen jede Veränderung wehrenden, völlig erstarrten herrschenden Klasse. Diese Koinzidenz führte unweigerlich zu großen sozialen und ideologischen Spannungen.

„Das nach außen so säbelrasselnd und selbstbewusst auftretende Kaiserreich," so Reulecke, "basierte also auf einer Gesellschaft, in der es immer mehr Kreise gab, die an ihrer Identität zu zweifeln begannen oder die - wie die schnell wachsende sozialistische Arbeiterbewegung - sich erst gar nicht mit diesem Staat identifizieren wollten" (1988, S.14).

Die Jugendbewegung war nun die Generation, die diesen sozio-ökonomischen Wandel in ihren formativen Jahren bewusst erlebt hatte. Verunsicherung wurde folgerichtig ein bestimmendes Merkmal dieser Kohorte. Entsprechend ihrer Provenienz[32] maßen sie der humanistischen Bildung zwar nach wie vor eine große Bedeutung zu, gleichzeitig verstärkten sich zu Beginn des Jahrhunderts jedoch Zweifel an der Richtigkeit und Legitimität des humanistischen Bildungsideals (vgl. Grob, 1985, S.46).

Besaßen Vorgängergenerationen noch einen durchaus konsensuellen Wertekanon[33], so wurde eben dieser nun zusehends brüchig. Dazu Friedrich Musall (1987, S.31)[34]:

„Alte Maßstäbe wurden unter den neuen Gegebenheiten obsolet, ohne dass neue bereits vorhanden gewesen wären. Mochten die Alten sich darüber hinwegtrösten, indem sie an Althergebrachtem festhielten und auf die sichtbaren Erfolge stolz waren; das Verhältnis der Generationen jedoch geriet ins Wanken, wo der Rat der Väter die Lebenswelt der Söhne verfehlen musste, für die das Bewusstsein der Kontinuität zwischen Vergangenheit und Zukunft erschüttert war und der Kampf und der Sinn der eigenen Gegenwart ohne Leitung von außen begann."

In diesem Kontext erscheint es wichtig, auf den Funktionsverlust der Familie hinzuweisen, der wesentlich auf die sozio-ökonomischen Umwälzungen der Industrialisierung zurückzuführen war. Ein Prozess, der im übrigen grosso modo bis in unsere Zeit angedauert hat.

Zu diesem Funktionsverlust nochmals Musall (S.32):

„Das Berufsleben des Vaters entzieht sich dem Erlebnisbereich des Kindes in zunehmendem Maße, die Rolle des Vaters als Haushaltsvorstand verliert ihre sinnliche Begründung durch dessen Arbeit. Er ist nunmehr viele Stunden am Tage einfach abwesend. Gerade in den Mittelschichten sind die Fähigkeiten und Kenntnisse aus dem Berufsleben für den Familienalltag nicht verwertbar. Die Arbeitsleistung des Vaters besitzt für das Kind respektive den Jugendlichen besonders in den Angestellten- und Beamtenbereichen keine Anschaulichkeit mehr."

Als Folge dieser Entwicklung schmilzt der Vorbildcharakter der Väter dahin. Mitgau konstatierte gar, Mitscherlich vorgreifend, bereits die Jugendkohorten des Kaiserreiches seien im Grunde genommen eine "vaterlose" Generation (vgl. Musall, 1987, S.33).

Als Kitt für diese immer transparenter werdenden Brüche fungierte der um die Jahrhundertwende immer deutlicher zum Ausdruck kommende Nationalismus des Kaiserreiches. Dabei wurde dem Nachwuchs seit Ende des 19. Jahrhunderts eine große Aufmerksamkeit zuteil.

Richtschnur dieser neu gewonnenen Bedeutung der Heranwachsenden war die konsensfähige Einsicht der staatstragenden Kräfte, ein großes Volk müsse auf einer wehrhaften gesunden Jugend fußen (vgl. Reulecke, 1988, S.15ff). Jugendfürsorge wurde somit auch aus nationalistischen Erwägungen heraus als sinnvolle Investition für die Zukunft verstanden.

In diesem Sinne wird in der Forschung neuerdings davon gesprochen, dass Jugend Ende des 19.Jahrhunderts als eigenständige Lebensphase zwischen Ende der Kindheit und Wehrdienst bzw. Eheschließung im Sinne einer gesellschaftlichen Herausforderung 'entdeckt' wurde (vgl. Reulecke, 1986, S.21; Domansky, 1986, S.115).

Man hoffte, Jugend wie eine manövrierfähige Masse den gesellschaftlichen Desideraten entsprechend erzieherisch umformen zu können. Gleichwohl boten zunächst weder die Proletarierjugend noch die bürgerlichen Jugendlichen Anlass zu überschwänglichem Optimismus. Dazu Reulecke (1988, S.16):

„Wenn man nicht aufpasste, dann schien sogar eine systembedrohende politische Gefahr von der Jugend auszugehen, besonders von der Jugend der Unterschichten, die immer renitenter auftrat und in den großen Streiks seit 1889 eine wichtige Rolle gespielt hatte. Aber auch die Jugend der gehobenen bürgerlichen Schichten bot Anlass zu der Besorgnis, dass sie das Erbe an Werten, Normen, Sitten und traditionellen Sinngebungen nicht antreten würde. Religion, Heimat und Vaterland, Beruf und Familie, Autorität schienen auch hier gefährdet zu sein."

Die in dieser Zeit gewaltig forcierte staatlich wie kirchlich institutionalisierte Jugendpflege wird in jedem Fall im Kontext dieser Befürchtungen und Besorgnisse über die junge Generation ein gutes Stück verständlicher[35]. Ziel des jugendpflegerischen Interesses musste es von daher sein, auf ein "adäquates jugendliches Verhalten" hinzuwirken; und das bedeutete notabene: Unterordnung unter die Autoritäten von Staat und Familie sowie politische und sexuelle Abstinenz (vgl. Domansky, 1986, S.115). Galt die Jugendphase doch nun zunehmend als Zeit der Verwirrung und Gefährdung (vgl. ebd.; Bühler, 1967[36] ; Giesecke, 1981, S.63).

Vor diesem kurz angerissenen gesellschaftlichen Hintergrund vollzog sich das Aufkommen des bürgerlichen Wandervogels.

Aus soziologischem Blickwinkel betrachtet sieht Ferchhoff (1990, S.44f) in prägnant-komprimierter Form in dieser Bewegung eine „weitgehend sozialromantische -lebenssinnsuchende Reaktion auf:

- die abnehmende sozialisatorische Fähigkeit der wilhelminischen Gesellschaft, bestimmte bildungsbürgerliche Gesellschaftsmitglieder, insbesondere Teile der Gymnasialjugend an die in ihr geltenden und institutionalisierten Lebensformen, Normen und Wertvorstellungen anzupassen; der rapide ökonomisch-soziale Wandel korrespondierte faktisch mit einer ebenso raschen Entwertung neuhumanistischer Bildungsideale, traditioneller Wissensbestände, Verhaltensnormen und Wertmaßstäbe;
- die zutiefst 'menschliche Entfremdung' angesichts eines gesellschaftsstrukturell bedingten Übermaßes an Unnatürlichkeit, Entwurzelung, Erosion, Zersplitterung, Überreizung, Vereinseitigung, Oberflächlichkeit, Veräußerlichung und Mechanisierung der Lebensverhältnisse;
- das Gefühl der "metaphysischen Obdachlosigkeit" und starken idealistischen Überforderung, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit der entwurzelten bildungsbürgerlichen Mittelschichten im Modernisierungsprozess;
- die "entseelten Mechanismen der Industriegesellschaft" (Szemkus zitierend, V.B.), die technologischen Umbrüche der Hochindustrialisierung, wachsende Urbanität und industriell-bürokratische Zivilisation (Kritik am einseitigen und überzogenen Rationalismus und an der "Religion" des Fortschritts, Kritik an den unnatürlichen Lebensräumen, den gestaltlosen und "toten Steinhaufen der Mietskasernen und ihrer Asphaltkultur", aber auch Kritik an der dekadenten und zugleich "ungesunden" Großstadtkultur);
- die Öde und Langeweile der mechanischen Disziplin von "Bildungsvermittlungsbeamten" sowie den Druck und die Tretmühle des grauen Schulalltags in der "Lernkaserne" Oberschule bzw. des Gymnasiums;
- den biederen und langweiligen sonntäglichen Familienspaziergang sowie die "Philostrosität manches Familienlebens" (Wyneken zitierend, V.B.);
- die permanente Beaufsichtigung, partikularen Funktionalisierungen und massiven Gängelungsversuche vieler Erwachsener, der Kirchen und des Staates;
- neue Leitbilder, Lebensstile und Ideen in Kunst, Musik und Literatur sowie in einer Reihe 'anderer', der Jugendbewegung nahestehender kulturkritischer Reformbewegungen (Landerziehungs-, Lebensreform-, Freikörperkultur-, Gartenstadt-, Siedlungsreformbewegung, neue religiöse Bewegungen wie die Theosophie), Zivilisations- und Zeitkritik (Nietzsche, Lagarde, Langbehn etc.), Natursehnsucht, Freiheit und Einheit von Körper, Seele und Geist, Echtheit und Wahrhaftigkeit, Gemeinschaftsgeist, Heimatgebundenheit, Wiederentdeckung des Volkstümlichen, der 'einfachen' und 'echten' Lebensformen, das geradezu parareligiös angehauchte, idealistisch-schöpferische und sinnsuchende Streben nach dem noch nicht Verdorbenen, nach der "substantiellen Sittlichkeit", dem innerweltlich und transzendent "Höchsten", die "opferbereite Hingabe an das als wahr und richtig Erkannte" (Kluchert zitierend, V.B.);"

Der genetisch-chronologische Entstehungsprozess des Wandervogels ist rasch erzählt. Um die Jahrhundertwende organisierte der Jurastudent Karl Fischer - aufbauend auf Aktivitäten von Hermann Hoffmann - Fölkersamb[37] - mit Gymnasiasten aus Berlin - Steglitz an Sonn- und Ferientagen Wanderungen, wobei sich Fischer am Ideal der mittelalterlich fahrenden Schüler, der Vaganten bzw. Bacchanten orientierte.

Charakteristisch für diese Wanderungen war ein einfacher, naturverbundener, auf Autarkie abzielender Lebensstil, der, verknüpft mit einem kameradschaftlichen, ungezwungenen Umgangston[38], im Prinzip bereits als Protest gegen die Autorität verstanden werden muss (vgl. Grob, 1985, S.52). Auch Mühr (1969, S.257) deutet diese frühen Aktivitäten schon als Protest im Sinne einer Abkehr „von den Unsitten der Alten, die in Parteihader, in Standesvorurteilen, im Kampf um das Alltägliche und Kleinliche, in engen Gesprächen und häuslichen Sorgen den Blick für die Schönheit und Größe der Welt verschlossen."

Am 4. November 1901 mündeten diese informellen Wanderfahrten in einem Verein, dem 'Ausschuss für Schülerfahrten' (AfS).

Abgesichert durch die Rückendeckung eines Eltern- und Freundeskreises von zumeist angesehenen Steglitzer Bürgern konnte Fischer mit dieser Organisationsform das Verbot außerschulischer Schülerverbindungen umgehen. Zwar wurden die wandernden Schüler in das Scholarenbuch des Vereins eingeschrieben, sie waren aber nicht eigentliche Mitglieder. Die erwachsenen Vereinsmitglieder hingegen hatten mit dem Wanderbetrieb überhaupt nichts zu schaffen[39].

Der "Wandervogel", wie die Jugendgruppe des Ausschusses auf der Gründungsversammlung benannt wurde[40], konnte nun offizielle Werbung für die außerschulischen Wanderaktionen betreiben. Folgerichtig wurde dem jungen Verein in zunehmendem Maße gesellschaftliche Anerkennung zuteil. Bereits 1902 fand die erste Sonnenwendfeier des AfS als Gast des national-konservativen Alldeutschen Verbandes statt (vgl. Musall, 1987, S.37).

Auf Initiative des Schulreformers Ludwig Gurlitt wurde der Wandervogel vom Unterrichtsministerium 1903 offiziell anerkannt.

Neue Ortsgruppen stießen zum Wandervogel, aber auch sezessionistische Tendenzen, verursacht zumeist durch programmatische und personelle Diskrepanzen, traten nun auf. So teilte sich der Wandervogel 1904 in den Alt-Wandervogel und den Wandervogel e.V. Steglitz. Charakteristikum des Steglitzer Vereins war der Tatbestand, dass es hier viele schulreformerisch eingestellte, erwachsene Mitglieder gab (vgl. Paetel, 1963, S.18). In diesem Sinne verwundert nicht, dass es diese Sektion des Wandervogels war, die erstmals die Sehnsucht nach kultureller Erneuerung und Lebensreform artikulierte.

Während der Steglitzer Verein auf Berlin beschränkt blieb, fand der Alt-Wandervogel besonders im norddeutschen Raum große Verbreitung.

1906 legte Fischer die Leitung des Wandervogels nieder und ging zum Seebataillon nach China. An seine Position trat eine demokratische Bundesleitung. Im selben Jahr bildeten sich die ersten Wandervogel-Mädchengruppen[41] (vgl. Paetel, 1963, S.19).

Nach weiteren programmatischen Differenzen spalteten sich 1907 erneut Teile des Bundes ab. Hans Lißner, Ferdinand Vetter, Führer der Ortsgruppe Jena und Hans Breuer, der spätere Herausgeber des "Zupfgeigenhansel"[42] wurden die führenden Köpfe des "Wandervogel, Deutscher Bund für Jugendwanderungen".

Programmschwerpunkte dieses neuen Vereins waren (zit. nach Müller, 1971, S.19):

„1. Das Wandern auf alle Stände auszudehnen; auch der Volksschüler soll in die Bewegung aufgenommen werden[43].
2. Aufnahme von Mädchen und gemeinsames Wandern beider Geschlechter.
3. Satzungsmäßiges Verbot von Alkohol auf allen Fahrten.
4. Die einzelne Ortsgruppe soll im Rahmen von Bundessatzungen das Recht zur Anpassung an örtliche Verhältnisse, das Recht auf Selbstverwaltung und Selbstbestimmung erhalten.
5. Wiederherstellung der Einheit der gesamten Bewegung auf dem Boden der Grundsätze des DB (Deutscher Bund; V.B.)."

Der Bund expandierte besonders im Süden Deutschlands sehr rasch[44]. Bis 1910/11 weitete er sich auf 120 Ortsgruppen aus (vgl. Musall, 1987, S.40). Besonders durch zwei Aspekte ist dieser Bund in unserem Zusammenhang von Bedeutung. Zum einen übernahm er die geistige Führung der Gesamtbewegung, die vormals beim Steglitzer Kreis lag, zum anderen erfuhr hier das Selbstverständnis des Wandervogel als eine Protestbewegung gegen die verkommene Gesellschaft sowie als eine Bewegung "zur geistig-sittlichen und kulturellen Erneuerung eines jeden und der Menschheit" seine spezifische Ausprägung (vgl. Grob, 1985, S.64).

Vagantentum und falsche Romantik wurden von dieser Richtung völlig abgelehnt. Erstmals tauchte 1910 bei Hans Lißner (zit.nach Grob, 1985, S.65) der Begriff 'Jugendkultur' auf:

„Sucht die Idee der Umgestaltung unserer gesamten Jugendkultur durch das Wandern zu begreifen (...)"; dieser Anspruch auf Erneuerung des jugendlichen Lebens und auf Autonomie wurde 1911 von Breuer um die Forderung erweitert, dass der junge Mensch neben Schule und Elternhaus eine Lebensschule brauche (vgl. Grob, 1985, S.65).

Die nach wie vor bestehenden sezessionistischen Tendenzen fanden 1910 mit der Gründung des Jungwandervogels ihre Entsprechung. In dieser Gruppe waren Oberlehrer, sicher im Besonderen ein Affront gegen den Steglitzer Verein, grundsätzlich ausgeschlossen.

Gleichwohl gab es in der Wandervogelbewegung ganz evident das Bestreben, diesen Abspaltungstendenzen entgegenzutreten sowie darüber hinaus ein Gemeinschaftsgefühl aller Wandervogelmitglieder auszubilden. Auf der organisatorischen Ebene lief dieses Anliegen in einem großen Einheitsbund zusammen. Mit Ausnahme des Jungwandervogels und einer kleinen Gruppe von Altwandervögeln ließen sich die entscheidenden Kräfte dieser Bewegung in diesem Einheitsbund subsummieren.

Auf dieser Grundlage entwickelte sich der Wandervogel über die Reichsgrenzen hinweg. So entstanden ein Österreichischer, Schweizer, nach 1918 auch ein Baltendeutscher, Sudetendeutscher und Siebenbürger Wandervogel. Im Jahre 1913 umfassten die Wandervogelbünde insgesamt ca. 25 000 Mitglieder (vgl. Paetel, 1963, S.19; ebenso Müller, 1971, S.20). Nur ein Jahr später, bei Ausbruch des Krieges, liegen die Schätzungen gar bei 50 000 bis 70 000 organisierten Anhängern (vgl. Hofstätter, 1975, S.122).

Diese Zahlen verdeutlichen das nicht zu unterschätzende, durchaus signifikante gesellschaftspolitische Gewicht, das dieser noch jungen Bewegung bereits zuteil wurde.

Wie schon oben erwähnt[45] und sicher nicht zufällig, begannen auch Staat, Parteien und Kirche, sich dem Thema Jugend zuzuwenden. Vor dem Hintergrund von sich rasch ausbreitenden Befürchtungen, der Wandervogel würde diesem Staat seinen Nachwuchs entfremden, wurden um 1910 verschiedene, meist militärisch ausgerichtete, jugendpflegerische Verbände gegründet. Größte Bedeutung kam dabei den "Deutschen Pfadfindern" sowie dem "Jungdeutschlandbund" zu. Mit dem Jungdeutschlandbund wurde ein großer, staatlich protegierter Rahmen für eine Jugendpolitik geschaffen, in der die körperliche und sittliche Erziehung im vaterländischen Geiste im Sinne einer Militarisierung der Jugend im Vordergrund stand (vgl. Gillis, 1980, S.156).

Wenngleich viele Wandervögel diese vormilitärische Jugendpolitik von Staat und Kirchen strikt ablehnten, so werden die Beziehungen zwischen Wandervogel und Jungdeutschlandbund in der Forschung recht kontrovers diskutiert. Gillis spricht in diesem Zusammenhang von einem "Näherrücken" des Wandervogels an den Jungdeutschlandbund (1980, S.160).

Gewisse opportunistische bzw. utilitaristische Motive sind den Wandervogel-Jugendlichen kaum abzusprechen, bedenkt man doch, dass sich, mit Ausnahme des Jungwandervogels, die meisten Wandervogelgruppen der staatlichen Dachorganisation korporativ anschlossen, um in den Genuss von vergünstigten Eisenbahnfahrten bzw. Beherbergungen zu kommen (vgl. Musall, 1987, S.43).

Laqueur allerdings schätzt diesen Sachverhalt eher gering ein (1978, S.88): "Dieser Schritt war allerdings nicht von großer politischer oder organisatorischer Bedeutung und wirkte sich kaum auf das interne Leben der Wandervögel aus."

Und in der Tat scheinen insbesondere die Ereignisse um das berühmte Fest auf dem Hohen Meißner den Schluss nahe zu legen, dass der "immer wieder beschworene Gegensatz" zwischen Jugendbewegung und staatlicher Jugendpflege auf eine lange Tradition bis hin zum Wandervogel zurückblicken kann (Reulecke, 1988, S.16).

Aus den Reihen der akademischen Gruppen des Wandervogels, also von älteren bzw. ehemaligen Mitgliedern, kam die Idee einer jugendgemäß-alternativen Hundertjahrfeier der Völkerschlacht bei Leipzig. In ungewohnter Schärfe verkündete der zweite Aufruf zum "Ersten Freideutschen Jugendtag 1913" (Kindt, 1963, S.93f)[46]:

„Die deutsche Jugend steht an einem geschichtlichen Wendepunkt. Die Jugend, bisher nur ein Anhängsel der älteren Generation, aus dem öffentlichen Leben ausgeschaltet und auf eine passive Rolle angewiesen, beginnt sich auf sich selbst zu besinnen. Sie versucht, unabhängig von den Geboten der Konvention sich selbst ihr Leben zu gestalten.

Sie strebt nach einer Lebensführung, die jugendlichem Leben entspricht, die es ihr aber zugleich auch ermöglicht, sich selbst und ihr Tun ernst zu nehmen und sich als einen besonderen Faktor in die allgemeine Kulturarbeit einzugliedern.

Sie möchte das, was in ihr an reiner Begeisterung für höchste Menschheitsaufgaben, an ungebrochenem Glauben und Mut zu einem adligen Dasein lebt, als einen erfrischenden, verjüngenden Strom dem Geistesleben des Volkes zuführen. Sie, die im Notfall jederzeit bereit ist, für die Rechte ihres Volkes mit dem Leben einzutreten, möchte auch in Kampf und Frieden des Werktags ihr frisches reines Blut dem Vaterlande weihen. Sie wendet sich aber von jenem billigen Patriotismus ab, der sich die Heldentaten der Väter in großen Worten aneignet, ohne sich zu eigenen Taten verpflichtet zu fühlen, dem vaterländische Gesinnung sich erschöpft in der Zustimmung zu bestimmten politischen Formeln, in der Bekundung des Willens zu äußerer Machterweiterung und in der Zerreißung der Nation durch politische Streitigkeiten. (...) Uns allen schwebt als gemeinsames Ziel vor die Erarbeitung neuer Lebensformen, zunächst für die deutsche Jugend. (...)"

Auf der Veranstaltung am 11./12. Oktober 1913[47] wurde ein gemeinsames Lebensgefühl dieser Bewegung spürbar. In diesem Sinne wurde auf dem Hohen Meißner der "Freideutsche Verband" von den aufrufenden Gemeinschaften gegründet. Angelehnt an den oben zitierten Aufruf kam die Botschaft des ersten Freideutschen Jugendtages in der berühmten Meißner-Formel[48] zum Ausdruck (zit. nach Wyneken, 1965, S.13):

„Die freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein."

Es war insbesondere der Anspruch auf "Selbstbestimmung", der die bürgerliche Öffentlichkeit aufschreckte und eine leidenschaftlich geführte Auseinandersetzung um die "Freideutsche Jugend" nach sich zog (vgl. Giesecke, 1981, S.24).

Mit der Konstituierung der Freideutschen Jugend, hatte sich Ende 1913 jedenfalls eine Jugendbewegung entwickelt, die "wirklich etwas Neues" (Wyneken, 1965, S.15) darstellte.

2. Der Wandervogel - eine Protestbewegung?

Diese zeitgenössische Einschätzung Wynekens findet auch heute in der Forschung durchaus Zuspruch. So resümiert Musall (1987, S.47):

„In der Form der Fahrt und des Wanderns, und, daraus hervorgehend, in der Art der Kleidung lösten sich die Wandervögel zweifellos von allen bisher dagewesenen, den Jugendlichen zugewiesenen Lebensformen und schufen etwas grundsätzlich Neues. Die Horde der Gleichaltrigengruppe wurde zum affektiven Zusammenhalt einer "Altersklassenbewegung" (Spranger zitierend; V.B.), in ihr begann das „neue Selbstbewusstsein einer Generation" (Nohl zitierend; V.B.) aufzukeimen."

Unstrittig muss man das affektive 'Wir-Gefühl', das Streben nach Selbstbestimmung, das gemeinsame jugendzentrierte Wandererleben, das eigentümliche, durch Schillerkragen, klobige Wanderschuhe und großen Rucksack - bei den Mädchen ist die auffällige 'Eigenkleid - Fashion' zu erwähnen - gekennzeichnete 'outfit'[49] sowie den ganzen Habitus dieser Jugendlichen auch als Protestverhalten gegen Elternhaus, Schule und zum Teil auch gegen die sozio - politische Kultur des Kaiserreiches verstehen.

Dazu Gustav Wyneken ex post in seiner Interpretation der Meißner-Formel (1965, S.13):

„Die Jugend, soweit schon denkfähig, bekannte sich zur Freiheit eigener Gedanken, eigener Meinungs- und Willensbildung, aber nicht zu einem politischen Programm, im Gegenteil, zur Freiheit des Gewissens und Gedankens gegenüber allen Programmen.

Aber freilich war damit ein Kampf angesagt allen Mächten, die diese Freiheit des Gewissens bedrohten oder erstickten - in Schule, Kirche, Erziehung, Politik."

In ähnlicher Weise äußert sich auch ein anderer Zeitzeuge, Hans Blüher (zit. nach Mühr, 1969, S.260):

„Niemals hätte der Wandervogel das werden können, wenn es keine Entfremdung gegeben hätte - keineswegs aber war die Entfremdung eine Folge des Wanderlebens."

Wichtig in unserem Zusammenhang ist zudem der Tatbestand, dass Staat, Parteien und Kirchen, panikartig aufgeschreckt und in Sorge, diese Jugend zu verlieren, mit einer gezielten Jugendpflege im großen Stil auf die devianten Entwicklungen in Teilen der Jugend reagierten. In diesem Sinne müssen auch staatliche Reglementierungen wie das Verbot von freien, und hier besonders politischen Jugendorganisationen gesehen werden (vgl. Gillis, 1980, S.162).

Bereits hier wird transparent, dass die staatliche wie kirchliche Hinwendung zum Thema 'Jugend' sehr wohl immer auch auf eine Vermeidung und Eindämmung bzw. Kanalisierung von Jugendprotest ausgerichtet gewesen ist. Muss die Genese des jugendbewegten Wandervogels von daher nicht auch als Protest gegen genau diese "jugendpflegerischen Zumutungen" und den "gehässigen Parteienkampf" verstanden werden? So jedenfalls sieht es Reulecke (1988, S.16)[50].

Der Protestcharakter dieser Bewegung wird in der Forschung allerdings kontrovers erörtert, wobei insbesondere die ideologischen Widersprüchlichkeiten dieser Jugendbewegung - Autonomie- und Emanzipationsbedürfnis auf der einen, zivilisationskritische Einstellung, Überhöhung des Nationalgedankens und Rezeption der Romantik auf der anderen Seite - die Beurteilung dieser Problematik erschweren.

"Richtig ist", so Jakob Müller (1971, S.92), „dass die überwiegende Mehrheit des Wandervogels nie, sondern nur kleine Gruppen später, einen direkten und revolutionären Kampf gegen Schule, Elternhaus und gesellschaftliche Ordnung führten oder zu führen versuchten, obwohl diese Bereiche die unmittelbare Umwelt der Jugendbewegung bildeten."

Bezogen auf die Veranstaltung auf dem Hohen Meißner, die ja in gewisser Weise paradigmatischen Charakter für diese Bewegung hatte, kommt Mogge zu dem Schluss (1988, S.34f):

„Und doch war der Meißnertag 1913 keine Kundgebung einer Jugendprotestbewegung, gar einer revolutionären Bewegung, wie sie in der zeitgenössischen Kritik und in der späteren Kritik oft beschrieben wurde. Zwar wurden die Veranstalter und Redner nicht müde, sich auf die" Helden der Freiheitskriege" gegen die napoleonische Herrschaft zu berufen; und neben den aufständischen Bürgern und Studenten beschworen sie immer wieder den preußischen Staatsreformer Karl Freiherr von Stein, den idealistischen Philosophen Johann Gottlieb Fichte, die patriotischen Dichter Ernst Moritz Arndt und Theodor Körner als Vorkämpfer politischer Freiheit und deutscher Einheit. Auch ist es symptomatisch, dass man auf dem Meißner ständig von der "großen Zeit vor hundert Jahren" und von dem notwendigen Blick in die Zukunft sprach - und damit die Gegenwart als durchaus miserabel abqualifizierte. Doch indem man die Tradition, ja den besseren Teil der Tradition deutscher Geschichte für sich reklamierte, stellte man sich nicht außerhalb der Gesellschaft der Gegenwart, sondern in eine Reihe mit den Sachwaltern der von weiten Kreisen des Bürgertums gewünschten kulturellen Reform."

Weit kritischer noch wird der Wandervogel vom Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler beurteilt. Gemessen an der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung stellt für ihn diese Bewegung keinen auffallend gegenkulturellen 'Sonderweg' dar.

„Dem Aufbegehren gegen den Paukdrill der Schule, der Hinwendung zur Natur und einem "natürlichen Leben", der Freisetzung schöpferischer Energien und den wohltätigen Einflüssen auf die Jugendpädagogik - Bedürfnisse und Leistungen, die nicht gering eingeschätzt werden dürfen - stand doch, will man Bilanz ziehen, ein zu hoher Negativposten gegenüber. Antiliberal und antidemokratisch, antiurban und antiindustriell, flüchteten sich die Wandervogelgruppen nur zu oft in eine deutschtümelnde Sozialromantik. Jüdische Mitglieder wurden genauso wie Mädchen durchweg abgelehnt, Paul de Lagarde und Julius Langbehns "Rembrandt-Deutscher" als Lektüre bevorzugt, und eine elitäre Selbstüberschätzung, zu der auch ein erotisierter Führerkult gehören konnte, mit schroffer Abwendung von der modernen Welt verschmolzen. Diese Mentalität durchwucherte zudem ein leidenschaftlicher Nationalismus, der Aberhunderte von Mitgliedern der Jugendbewegung singend in das Feuer der Maschinengewehre von Langemarck hineinstürzen ließ" (Wehler, 1983, S.127f).

Hiergegen ließe sich allerdings einwenden, dass die Veranstaltung auf dem Hohen Meißner bewusst als Protest gegen den Patriotismus und Militarismus der offiziellen Völkerschlacht- Feiern verstanden werden sollte.

Darüber hinaus hatten Vertreter des "Marburger Bundes" Kaiser Wilhelm II. in einem Telegramm aufgefordert, alles zu unternehmen, um den Ausbruch eines Krieges zu verhindern (vgl. Neuloh/Zilius, 1982, S.39).

Einige Forschungsbeiträge sehen in der Wandervogel-Bewegung schließlich eine von der Elterngeneration "gelenkte" Rebellion. Von einem struktur-funktionalistischen Ansatz ausgehend deutet bspw. Aufmuth (1979) das Protestgebaren des Wandervogels als Agententätigkeit für die Parentalgeneration.

Nun ist es einerseits sicherlich richtig, dass diese Jugendgeneration viele Vorstellungen und Ideologien - wie im übrigen viele Generationen vor und nach ihr ebenso - von ihren Eltern internalisierte. Das galt bspw. für die oben dargelegte Identitätskrise bzw. den Kulturpessimismus des Bildungsbürgertums[51] oder für die aversive milieuspezifische Haltung gegenüber der 'schäbigen' Wirtschaft und Politik.

Andererseits weist Grob (1985, S.49) mit Recht darauf hin, dass die Betrachtungsweise, den Wandervogel als Handlanger der Elterngeneration zu begreifen, ungerechtfertigter Weise „die eigene Erfahrung dieser Jugendlichen in ihrer Schule und auch im Elternhaus und die m.E. damit verbundene Möglichkeit einer bewussten Entscheidung für den WV völlig ausblendet."

Die eingangs aufgestellte Frage nach dem Protestgehalt der Wandervogelbewegung gebietet augenscheinlich eine differenzierte Betrachtungsweise. In diesem Sinne hebt Musall (1987, S.57f) hervor:

„Von daher ist die - von Blüher provozierte - häufig aufgeworfene Frage, ob der Wandervogel eine Rebellion gegen Elternhaus und Schule war, in dieser Form falsch gestellt. Er war es, und er war es nicht. Er war es insofern, als es der unmittelbaren Situation des Adoleszenten entsprach, sich gegen Elternhaus und Schule aufzulehnen, gegen sie zu rebellieren[52]. Der Wandervogel bot da eine Art "Plebiszit mit den Füßen". (...)

Wenn die vom Wandervogel bewegten Jugendlichen so auch auf ihrem Freiraum, ihrer Eigenart und ihrer Gegenwelt beharrten, ist eine Interpretation als Rebellion gegen Familie und Schule dann überzogen, wenn sie darin eine durchgängig gesellschafts- und kulturkritische Position erblicken will. Diese war, wie wir oben sahen, bei einer altersgerechten Entwicklung der Jugendlichen noch gar nicht möglich. Insofern kann man das Handeln der Jugendlichen zwar als Jugendaufstand interpretieren, nicht jedoch als solchen mit gesellschaftlich-revolutionären Intentionen. Eine Einschätzung dieser Frage sollte m. E. daher immer die altersmäßigen Bewusstseins- und Bedürfnisdimensionen mitberücksichtigen, bevor sie sich in Extreme wie 'revolutionäre Protestbewegung' oder 'reaktionär-romantische Rückzugsbewegung' hineinsteigert."

Eine gründlichere Einschätzung dieses Sachverhaltes lenkt den Blick auf die weitere Entwicklung der deutschen Jugendbewegung.

[...]


[1] Diese Dissertation fußt auf meiner im Frühjahr 1991 fertiggestellten Diplomarbeit (vgl. Brand, 1991).

[2] Jugend' ist sicherlich kein klar determinierter Altersabschnitt, der mit einer konkreten Al­ters­zahl beginnt und turnusgemäß endet. Negativ ausgedrückt wird der Begriff 'Jugend' schon eher als individuelle Lebensphase zwischen 'nicht mehr Kind' und 'noch nicht Er­wachsener' erfasst. Zur Frage, was Jugend denn nun eigentlich sei, steht inzwischen ein ganzer Katalog von deskripti­ven Charakterisierungen zur Verfügung (Jugend als Alters­phase, Subkultur, Wert­ideal, Entwick­lungsphase, Schutz- und Schonraum, biologisches Stadium, Ausbruchs-­ und Protestphase, etc.; vgl. noch umfassender Ferchhoff (1985, S.51f). An dieser Stelle er­scheint es zunächst einmal zweck­mäßig, einige Begriffe zu erläutern, die um das Begriffsfeld 'Ju­gend' kreisen. Dazu Schäfers (1982, S.13):

„Altersgruppe. Hierunter werden Individuen gleichen Alters zusammengefasst, z.B. alle 10jährigen; alle 15-18jährigen. Der Begriff ist im Hinblick auf das Geschlecht, den Zeit­punkt der Erhebung und den Raum - z.B. Nation, Stadt, Schule usw. - zu differenzieren.

Kohorte. Diejenigen Individuen, die in einem bestimmten Zeitintervall geboren wurden oder durch soziale Faktoren - z.B. gemeinsamer Schuleintritt - miteinander verbunden sind. Kohor­ten verändern im allgemeinen ihre Größe im Zeitablauf durch Tod, Ausschei­den aus der Aus­gangs­population, Mobilität usw.; sie haben also am Beginn - z.B. einer

Beobachtungsphase - ihre maximale Größe. Kohorten-Untersuchungen kommt in der Ju­gendsoziologie eine be­son­dere Bedeutung zu.

Generation. Gesamtheit der Individuen, die in einem größeren Sozialverbund - z.B. einem Land - durch gemeinsame Werte, Erlebnisse, Einstellungen, usw. miteinander verbunden sind und sich von einer älteren und/oder jüngeren Generation deutlich unterscheiden."

Folgt man Schäfers weiter, so lässt sich eine grobe Unterteilung der Jugendphase in drei Alters­­gruppen vornehmen (vgl. ebd., S.12):

-die pubertäre Phase (etwa 13-18 Jahre)
-die nachpubertäre Phase (etwa 18 - 23 Jahre)
-die jungen Erwachsenen, die aber von ihrem sozialen Status her noch eher als Jugendli­che ein­gestuft werden (etwa 21 - 25 Jahre und älter).

Es bleibt festzuhalten, dass 'Jugend' nicht rein biologisch oder altersmäßig abgegrenzt werden darf. Die Eingren­zung des Jugendalters bedarf vielmehr einer Verknüpfung bio­logischer Fak­to­­ren mit kultur-spezifischen Einstel­lungen, Werten, Verhaltensweisen und so­zialen Pro­zes­sen eines jeden Jugendlichen (vgl. ebd., S.14f).

Ferner sollte an dieser Stelle noch darauf hingewiesen werden, dass es selbstredend pro­ble­ma­tisch ist, von der 'Jugend' in ihrer Gesamtheit zu sprechen. Wenngleich es die Ju­gend nicht gibt (Scheuch, 1975, S.54), vielleicht auch nie gegeben hat, ebenso auch keine Jugendkul­tur, son­dern präziser - im Zeichen weitreichender Differenzie­rungsprozesse in diesem Bereich - Jugend­kul­turen, so lässt sich der sprachliche Gebrauch von 'Jugend' und 'Jugendkultur' nur schwer vermeiden; zumal, wenn klar ist, was gemeint ist. In diesem Sinne soll im Folgenden bei Verwendung der Termini Jugend bzw. Jugendkultur der sachlogisch genauere Plural vor­aus­­gesetzt werden (vgl. Baacke/Heitmeyer, 1985, S.7).

Wichtig in unserem Zusammenhang ist schließlich, dass hier 'Jugend' als historische Er­schei­nung aufgefasst wird, deren gesellschaftliche Ausformung veränderbar ist und somit zwangs­läufig Wandlungen unterliegt (vgl. Domansky, 1986, S.114).

[3] Protest soll in dieser Arbeit im weiten Sinne verstanden werden; in seiner Ausbildung als gesell­­schaftlich oder politisch motiviertes non - konformes bzw. deviantes Verhalten. 'Stille' Pro­test­for­men (Rückzugstendenzen, Süchte, gewisse psychi­sche Störungen bzw. psychosoma­tische Er­krankungen wie z.B. Anorexia nervosa und Bulimia nervosa, etc.), Jugend­kriminalität, Gewalt­­ausschreitungen, Auflehnung gegen parentale und schulische Autor­­itäten und vor allem politi­scher Protest von Jugendlichen sind ergo in dieser Definition eingeschlossen. Vgl. zum politi­schen Protest auch Brand, 1982, S.31.

[4] Dieser neue methodische Weg fand in dieser Zeit starke Verbreitung. Vgl. u.a. Bühler,1967 und Bernfeld,1931. Vgl. darüber hinaus zur Ich - Entwicklung in Jugendtagebüchern ver­schie­dener Generationen als aktuellen Forschungsbeitrag Soff, 1989.

[5] Es handelt sich bei der Schreiberin um ein 15jähriges Mädchen.

[6] Spranger macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass diese Gliederung des Ju­gend­alters auf E. Schopen zurückgeht (vgl. Spranger, 1925, S.29).

[7] Auf der Grundlage der vergleichenden Sozialisationsforschung weist sie in diesem Zusam­men­­hang nach, dass besonders in Hinsicht auf Erziehung und Sexualität gravierende Unter­schie­de zwischen der amerikanischen Kultur und der Kultur der Süd­seevölker bestehen (vgl. Mead, 1971a, S.166ff).

[8] Damit hat die kulturanthropologische Forschung die Diskussion zweifelsfrei vorangebracht. Al­ler­dings ist auch Mead von Kritik nicht verschont geblieben. So haben sich in den 80er Jahren ernst­hafte Zweifel an der Substanz ihrer These von der Exi­stenz spannungsfreier Kul­turen ent­wickelt. Lag es daran, „dass die Ergebnisse ihrer Feldforschung sich weniger den Tatsachen ver­dankten, die sie vorfand, als den Überzeugungen, mit denen sie ausgezo­gen war" (Ten­bruck, 1986, S.29)?

[9] So hat Pirkl in seiner Dissertation konstatiert, dass die klassische Darstellung der Jugendzeit von Eduard Spranger keineswegs für Hauptschüler und junge Berufstätige zutrifft (vgl. Thomae, 1982, S.118). Allerdings wird hier oft übersehen, dass sich zumindest Spranger gewis­ser Einschränkun­gen seines Ansatzes sehr wohl bewusst war (1925, S.27f): „Wir können nicht daran denken, eine Psychologie des Jugendalters überhaupt zu ent­werfen. Die Vorausset­zung für diese Aufgabe, wenn sie je gelänge, wäre das verglei­chende Studium der Jugend­lichen vieler Länder und Zeiten, aus dem sich dann ein Durchschnittstypus, vielleicht ein Ideal­typ heraus­kristallisierte. Sondern: wir schreiben die Psychologie des deutschen Jugendlichen in unserer Kul­turepoche."

[10] In diesem Zusammenhang muss betont werden, dass Mead den Generationenkonflikt nicht als genu­in begreift. Vielmehr hält sie ihn für eine sozio - kulturelle Erscheinung, die sich in einigen ver­gangenen (postfigurativen, s.u.) Kulturen erstmals manifestiert hat (vgl. Mead, 1971b, S.68). In ihrem Buch "Der Konflikt der Generationen" (1971b) unterschei­det Mead die anthro­polo­gische Kulturgeschichte in drei Epochen. In der Vergangenheit herrschten sogenannte post­figura­tive Kulturen vor, in der Kinder von ihren Vorfahren lern­ten. Die gegenwärtigen kofi­gura­tiven Kul­turen sehen neben den Kindern auch die Er­wachsenen in einem Lernprozess; aller­dings lernen die Erwachsenen hier noch ausschließ­lich untereinander. In den zukünftigen prae­figurativen Kul­turen werden Erwachsene auch von Kindern lernen (vgl. Griese, 1982, S.53). Mead sieht uns heute am Übergang von den kofigurativen zu den praefigurativen Kulturen (vgl. Mead, 1971a, S.200). In dieser Über­gangszeit sind Konflikte zwischen den Generationen ein kulturtypisches Merkmal. Dabei ist Jugend der Abschnitt im Leben, in dem Generationen­kon­flikte vermehrt erlebt wer­den, in dem Unsicherheit, Bindungslosigkeit und Desorientierung vor­herrschen (vgl. Griese, 1982, S.60).

Henrik Kreutz kritisiert hierzu, dass Kultur als erklärendes Konzept verwendet, allerdings nicht wei­ter hinterfragt wird. "Die Abhängigkeit der verschiedenen kulturellen Traditionen etwa von Um­welt­bedin­gungen und ökonomischen Faktoren bleibt außerhalb des Erklä­rungszusammen­hangs" (1974, S.137). Vgl. zu "Der Konflikt der Generationen" auch Baacke,1987,S.182ff.

[11] Kritik an diesem Ansatz kommt neben der Kulturanthropologie (vgl. den vorangegange­nen Ab­schnitt) auch von diversen empirischen Studien. Vgl. dazu Thomae, 1982, S.125 so­wie Ewert, 1986, S.122f.

[12] Selbstredend stellt eine solche Definition eine Reduktion dar. Diese Definition kann viele Schat­tie­rungen des Begriffes nur grob und unzureichend bündeln. So sollte bspw. nicht uner­wähnt bleiben, dass Baacke Identität als eine Be­ziehungsleistung qua Imitation, Iden­tifikation und Ver­gleich mit anderen; als eine Relativierungsleistung im Sinne einer Abkehr vom Egozen­tris­mus des Kindes sowie schließlich als eine Leistung, sich in zeitlichen Konti­nuitäten zu begreifen, versteht (vgl. Baacke, 1987,S.186). Darüber hinaus ist in den letzten Jahrzehnten eine begriffliche Inflatio­nierung von 'Identitäten' zu registrieren. Nationale, biologische, kultu­rel­le, politische, negative, posi­tive, kollektive Iden­tität, Gruppenidentität etc. sprechen eine deut­liche, hier wohl besser undeutliche, weil verwirrende Sprache. Wichtig in unserem Zusam­men­hang ist schließlich die Identitätskonzeption von Heitmeyer. An interaktionistischen (Goff­man) und materia­listischen (Habermas) Positionen und Kategorien orientiert, geht er von einem Identitäts­konzept aus, in dem die Kategorien personale (individuelle) und soziale Iden­ti­tät ein Spannungsverhältnis be­schreiben. Vor diesem Hintergrund ist die dritte Kategorie 'eigen­stän­dige Identität' als ein steter prozesshafter Versuch des Individuums zu verstehen, sich so zu entwickeln, um "autonomieorientiert" in der Gesellschaft interagieren zu können (vgl. Heitmeyer, 1987, S.79ff).

[13] Später unterscheidet Erikson zwischen Identitätsdiffusion und Identitätskonfusion, wobei Iden­ti­­tätskonfusion eine Form der Diffusion darstellt, die keine weitere Identität entstehen lässt (vgl. Helsper, 1983, S.118).

[14] Vgl. dazu die Anmerkung 12. Angelehnt an das Konzept der Identitätsentwicklung von Haber­mas (natürliche Identität in der frühen Kindheit, Rollenidentität, Autonomie- bzw. Ich - Identität) wird hier der Knackpunkt der Identitätsentwicklung im schwierigen Über­gang von der rollen- zur autono­mieorientierten Identität vermutet (vgl. Heitmeyer, 1987, S.88).

[15] Vgl. auch hier Anmerkung 12.

[16] Hier sieht Heitmeyer - ein in unserem Zusammenhang nicht unwichtiger Aspekt - einen Nähr­bo­­den für den Zuwachs rechtsextremistischer Positionen unter Jugendlichen. Vgl. hierzu auch das Kapitel VII, Abschnitt 3.

[17] Dazu unter anderem Hans Thomae (1982, S.125): „Dennoch sollte sich die Jugend­psychologie von der Faszination des Schlagwortes von der Identitäts­krise lösen. Empirische Forschung zeigt, dass es sehr viele Verlaufsformen der Jugendentwicklung gibt, in denen die Identifikation mit bestimmten Personen und Wer­ten der Erwachsenen­welt einen fast reibungslosen Übergang von der Kindheit ins Er­wachsenenalter sichert, wie in den von Margaret Mead beo­bach­teten Kul­turen." Vgl. hierzu auch Ewert, 1986, S.122f sowie ganz allgemein die Coping-Theo­rie (Olbrich/ Todt, 1984).

[18] Mit diesem Ansatz wenden sich Döbert/ Nunner - Winkler also ganz bewusst von dem Theorem der frühen Determinierung der Persönlichkeit ab.

[19] Vgl. dazu Anmerkung 14. Dabei wird allerdings die ontogenetische Entwicklung in die Theorie der Entwicklung des Bewusstseins eingebettet. Nach dem vom Amerikaner Lawrence Kohlberg et al. konzi­pierten entwicklungs­psychologischen Modell verläuft die Genese des moralischen Ur­tei­lens in sechs Stufen. Von der präkonventionellen Phase (6 - 10 Jahre), über die kon­ven­tionel­le Phase (etwa 10 - 13 Jahre), bis hin zum postkonventio­nellem Stadium (13 - ca. 25 Jahre). Es ist je­doch nicht so, dass alle Jugendlichen auch das Niveau der postkonventionellen Stufe erreichen. Vgl. Döbert/ Nunner - Winkler, 1982, S.38ff.

[20] Dieser Vorwurf ist im Übrigen logischerweise auch gegen die Konzeptionen von Piaget, Freud und auch Erikson erhoben worden.

[21] So muss sich der Jugendliche dem Erwachsenenleben vor dem Hintergrund gesellschaft­licher Ver­änderun­gen anpassen. Er befindet sich in einem "Spannungsfeld verschiedener Um­welten" (Familie, Peer-group, Schule, Arbeitsplatz). „Dies führt zusammen mit der zeit­lichen Ver­län­ge­rung des Übergangsabschnittes (...) zu einer Reihe von Problemen, mit denen der Jugend­liche zu kämpfen hat. Zu ihnen gehören vor allem Schule und Zukunfts­sorgen, Prob­leme mit sich selbst und finanzielle Probleme" Oerter/Montada, 1982, S.250). Vgl. hierzu auch Pres­tele, 1987, S.21.

[22] Für Schwendter (1978, S.10f) ist Kultur der „Inbegriff alles nicht Biologischen in der mensch­li­chen Gesellschaft. Oder, anders gesagt: Kultur ist die Summe aller Institutionen, Bräu­che, Werk­zeuge, Normen, Wertordnungssysteme, Präferenzen, Bedürfnisse u.s.w. in einer kon­kre­ten Gesellschaft. (...) Somit ist Subkultur ein Teil einer konkreten Gesellschaft, der sich in seinen Institutionen, Bräu­chen, Werkzeugen, Normen, Wertordnungssystemen, Prä­feren­zen, Be­dürf­nissen u.s.w. in einem wesentlichen Ausmaß von den herrschenden Insti­tutio­nen etc. der jeweiligen Gesamtgesell­schaft unterscheidet." Baacke (1987, S.86ff) wendet sich aus heu­tiger Sicht jedoch zu Recht ge­gen den Terminus 'Subkultur', da sich soge­­nannte Subkulturen ge­gen­wärtig nicht mehr im Ver­ständnis der oben zitierten Definition von der Gesamtkultur aus­grenzen lassen. In diesem Sinne sollte stattdessen von Jugend­­kulturen die Rede sein.

[23] Diese grobe Zweiteilung soll keineswegs den Sachverhalt kaschieren, dass natürlich auch Misch­formen existieren.

[24] Vgl. dazu Brand, 1984, S.197.

[25] So versteht Domansky (1986, S.114) die Ausformung von Jugend als "Vorgang der defini­tori­schen und faktischen Eingrenzung von Jugend durch Staat und Gesellschaft".

[26] Wenn sich auch der Schwerpunkt dieser Arbeit regional auf Deutschland beschränkt, wird mit­unter ebenso auf in­ternationale Einflüsse des Jugendprotestes rekurriert. Auf eine Ein­be­zie­hung DDR-spezifischer Aspekte zur Thema­tik muss allerdings aus Gründen der Re­duktion ver­zich­tet werden. Vgl. zur Jugendforschung der 80er Jahre in der DDR Fried­rich/ Griese, 1991.

[27] Die Konzentration auf das 20. Jahrhundert empfiehlt sich, weil Jugend in Deutschland zuvor noch "kein voll ausgebildetes Phänomen war" (Scherer, 1988, S.64).

[28] Dabei muss das Bedingungsgefüge zwischen sozio - kultureller Entwicklung und Entwicklung des jugendlichen Protestpotentials, quod est demonstrandum, als reziprok verstanden werden.

[29] Bei einem Vergleich mit anderen Ländern, der hier allerdings nicht im Vordergrund steht, wäre sicher­lich ein diachrones bzw. synchrones Verfahren von Vorteil gewesen.

[30] Gleichwohl besaß das Symbol- und Normensystem des wilhelminischen Bürgertums bis weit in das 20. Jahrhundert hinein Einfluss. Fend weist in diesem Zusammenhang dem Be­griff der Ehre eine Schlüsselrolle zu. Er deskribiert diesen Begriff wie folgt (1988, S.194f): "Ehren­haftig­keit bedeu­tet dabei im Kern Übereinstimmung mit den Er­wartungen der eige­nen sozialen Be­zugs­gruppe, Übereinstimmung in der Kleidung, in der Körperkultur, im Be­ruf und in der Gestal­tung des Privat­lebens, in der Lebensweise insgesamt."

[31] Allerdings ist der Begriff 'Bildungsbürgertum' insofern ungenau, als er eine etwas unscharfe Tren­­nung vom 'Besitzbürgertum' impliziert. Der Anspruch auf Positionen als freier Akade­miker

und vor allem im höheren Staatsdienst beruhte im Kaiserreich nicht allein funktional auf akade­mischer Bildung sondern in nicht unerheblichem Maße auf dem Besitzstand der Eltern (vgl. Grob, 1985, S.41).

[32] Die Mitglieder der Jugendbewegung rekrutierten sich vorwiegend, wenn auch nicht aus­schließ­lich, aus bildungsbürgerlichen Familien.

[33] „Fleißig, sparsam, ehrenfest, patriarchalisch, gestrenge Väter, prüde und häuslich verengt die Frauen, die einen lästig in ihrem Standesdünkel, die anderen unter sozialem Druck voll Res(s, V.B.) entiment und innerlich unfrei" (Musall, 1987, S.31; Flitner zitierend).

[34] Unter Rekurs auf Stürmer und Plessner.

[35] Vgl. zur Geschichte und Organisation sowie zur Zielsetzung der Jugendpflege im Kaiser­reich Gie­secke, 1981, S.59ff; für die Weimarer Republik ebd., S.140ff.

[36] Vgl. dazu auch das Kapitel I,1.1.

[37] Einiges spricht dafür, Hoffmann-Fölkersamb als Begründer des Wandervogels aufzufassen. In die­sem Sinne fixiert bspw. Gerber (1957, S.27) den Beginn der Bewegung auf das Jahr 1896.

[38] Das galt allerdings nicht für die unmittelbare Frühgeschichte der Bewegung. Ende des 19. Jahr­hunderts wurde der "Erwecker" (Gerber, 1957, S.41) des Wandervogel, der dama­lige Jura­stu­dent Hoffmann-Fölkersamb, von den Steglitzer Gymnasiasten gesiezt (vgl. ebd., S.22).

[39] Vgl. hierzu u.a. Musall, 1987, S.36ff; Paetel, 1963, S.18ff sowie Ehrenthal, 1966, S.7ff.

[40] Dieser Name ging auf den einzigen Nichtschüler des Ausschusses, den Mechanikerlehr­ling Wolf­gang Meyen, zurück. Er hatte den Namen "Wandervogel" zufällig auf einer Grab­inschrift gesehen (vgl. Musall, 1987, S.37). Vgl. ausführlich zu diesem Hergang Ger­ber,1957,S.52ff.

[41] Der Entschluss, Mädchen in die Bewegung zu integrieren, geschah zweifelsfrei nicht ohne Hinter­­gedanken. Es war dies auch der Versuch, den Wandervogel-Horizont um eine sexuelle Di­men­sion zu erweitern. Darüber hinaus bot dieser Beschluss denjenigen, die in dem Öffnungs­beschluss keinen erotisierenden Zugewinn erkennen mochten, die

Möglichkeit, sich des in der Öffentlich­keit kursie­renden Vorurteils zu erwehren, der Wandervogel sei ein Tummel­platz homoerotischer Neigun­gen.

Die Aufnahme von Mädchen in die Wandervogel-Bewegung blieb jedoch bis in die 20er Jahre hinein sehr problematisch. So mussten sich die Mädchen bspw. den Vorstellungen der männli­chen bzw. jugendlichen Vereinsmitglieder über Mädchenwandern in der Mehrzahl beugen. Ok­­troy­ierte Verhaltensmuster, welche sich an der prospektiven Rolle als Frau und Mutter orien­tier­ten, sowie ein Verständnis von einer generellen Inferiorität der Frau drängten all­mäh­lich hier und da gewonnene Freiheiten zurück (vgl. Grob, 1985, S.66ff). Es liegt dabei auf der Hand, dass die weibliche Wandervogelju­gend in noch stärkerem Maß als ihre männlichen Mit­strei­ter bei den Erwachsenen auf Ablehnung stieß. Als z.B. eine Heidelberger Mädchengruppe von einem Leh­rer angezeigt wurde, mussten die Mädchen dem Direktor per Handschlag ver­sprechen, nie mehr ohne Aufsicht von Erwachsenen 'auf ihre Art zu wandern'. „Heulend", so er­innert sich eine der Beteiligten von damals, Hede Rigger - Leder (zit. nach ebd., S.68) a posteriori, "ging eine nach dem anderen zu ihm hin und gab ihm die Hand. Dieses Ver­sprechen empfanden wir alle sofort als das Begräbnis unserer Jugendfreude."

[42] Dieses 1908 zusammengestellte Liederbuch wurde in den folgenden Jahren zum unver­zicht­ba­ren Wegbegleiter der wandernden Jugendbewegung.

[43] Musall merkt hierzu jedoch an, dass dieser Programmpunkt „nur in verschwindend gerin­gem Maße" in die Praxis umge­setzt wurde (1987, S.39).

[44] Aber auch im Westen Deutschlands besaß der Wandervogel durchaus seine Relevanz. Vgl. bspw. die regionalhistorische Abhandlung zur Genese des Wandervogels im Ruhrgebiet. Vgl. hier­zu Breyvogel, 1987a.

[45] Vgl. dazu das Kapitel II,1.

[46] Allerdings weicht diese Quelle in einigen Formulierungen von der von Mogge (1988, S.33) zitier­ten Version ab.

[47] Vgl. zum Fest auf dem Hohen Meißner 1913 ausführlich Mogge,1988.

[48] Die Meißner-Formel ist wegen ihrer Abstraktheit oft kritisiert worden. Trommler (1985, S.37) ist in diesem Punkt allerdings anderer Ansicht. „Es ging dabei nicht um eine spezifische Aktions­aus­­sage, sondern vielmehr um die Schaffung eines Identifikationscodes, mit dem man sich jenen des Nationalismus und Sozialismus bzw. der Parteien entzog und sein An­ders­sein­wollen öffent­lich signalisierte."

[49] Vgl. zum Kleidungsverhalten der jugendlichen Protestgruppe Wandervogel die sehr in­forma­tive Abhandlung von Grob, 1985.

[50] Vgl. hierzu auch Neuloh/ Zilius, 1982, S.38.

[51] Vgl. hierzu den Anfang dieses Kapitels.

[52] Für Neuloh/ Zilius kann allerdings von Aggressivität in den Beziehungen zwischen Wander­vö­geln und Eltern keine Rede sein. „Sie (die Beziehungen; V.B.) waren eher durch das Ge­gen­teil ge­kennzeichnet, weil das Verständnis vieler El­tern und Lehrer dem Wandervogel erstaun­lich weit entgegenkam" (1982, S.37). Zu einem ähnlichen Urteil kommen auch Gillis (1980,­ S.157) und Müller (1971, S.90). So heißt es bei Müller (ebd.): „Wer aus den erfassten unmit­tel­baren Ursachen schließt, der Aufbruch des Wandervogels habe sich in erster Li­nie als Op­posi­tion vollzogen, macht sich ein wesentlich falsches Bild. (...) Im Gegensatz zu den auch von ihm erwähnten Wi­derständen hat Karl Fischer einen direkten und alles an­dere dominie­ren­den Gegensatz des Wandervogels zu Schule und Elternhaus nicht nur in Abrede gestellt, son­dern sich selbst um ein freundschaftliches Verhältnis beider Seiten mit Erfolg bemüht (...)"

Demgegenüber betont Mitterauer (1986, S.224), dass sich keine Jugendbewegung zuvor „der­art ent­schieden" von der Elterngeneration abgesetzt habe wie der Wandervogel.

Ende der Leseprobe aus 209 Seiten

Details

Titel
Jugendkulturen und jugendliches Protestpotential
Untertitel
Sozialgeschichtliche Untersuchung des Jugendprotestes von der Jugendbewegung zu Beginn des Jahrhunderts bis zu den Jugendkulturen der gegenwärtigen Risikogesellschaft
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Pädagogik)
Autor
Jahr
1992
Seiten
209
Katalognummer
V147824
ISBN (eBook)
9783640576487
ISBN (Buch)
9783640576524
Dateigröße
1233 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
1. Auflage 1993 Verlag Peter Lang
Schlagworte
Volker Brand Jugendkulturen und jugendliches Protestpotential
Arbeit zitieren
Dr. Volker Brand (Autor), 1992, Jugendkulturen und jugendliches Protestpotential, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147824

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