Bildung und Schule zwischen Anspruch und Wirklichkeit


Diplomarbeit, 2004

76 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitende Gedanken

2 Bildungsideen von der Antike bis zur Neuzeit

3 Einblick in die Entstehungsgeschichte des Schulwesens

4 Bildung – was ist das eigentlich?

5 Wa(h)re Bildung in Schulen!?
5.1 Von Herrschenden und Beherrschten
5.2 Die verkaufte Bildung
5.3 Coca-Cola oder Pepsi? Bildung unter Privatisierungs- und Globalisierungsdruck
5.4 Die dienende Funktion der Bildung

6 Schöne neue Bildungswelt!? - Bildung in digitalen Lebenswelten
6.1 Das Fernsehen
6.2 Der Computer

7 Quo vadis Bildung?

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitende Gedanken

Im Jahre 1964 sorgte der Schulforscher Georg Picht mit seiner Artikelserie über die „deutsche Bildungskatastrophe“ für Alarmstimmung und brachte die Bildungspolitik ganz oben auf die politische Agenda. Fast vier Jahrzehnte später stand der nächste Schrecken ins Haus.

Selten hat eine wissenschaftliche Untersuchung die Öffentlichkeit so erregt, wie die internationale Schulleistungsuntersuchung PISA (Programme for international Student Assessment), welche Ende 2001 veröffentlicht wurde. Die Ergebnisse der weltweit größten Vergleichsstudie schulischer Leistungen haben uns Deutschen ein dramatisches Zeugnis ausgestellt. Deutschen Schülern wurden in Kernkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen eklatante Defizite bescheinigt. Im internationalen Vergleich landeten Deutschlands Schüler allenfalls im unteren Mittelfeld. Sie verstehen Texte schlechter als ihre Altersgenossen in fast allen vergleichbaren Ländern. Auch in Mathematik und Naturwissenschaften liegt ihr Können unter dem internationalen Durchschnitt. Die Medien berichteten wochenlang über das „desaströse“ Abschneiden deutscher Zöglinge. Pädagogen, Eltern und Bildungspolitiker blickten erschrocken auf die Ergebnisse der PISA-Studie. Ein Skandal ist auch die Kopfnote, welche die Studie uns in der Kategorie „Chancengleichheit“ ausstellte. Unser Schulsystem sei ungerecht, so der erschütternde Befund von PISA. In fast keinem anderen Industriestaat haben es Schüler aus unteren Milieus so schwer, ihre geistigen Fähigkeiten zu entfalten wie in Deutschland. Die Frage kommt auf, was aus einem der obersten bildungspolitischen Ansprüche, der „Chancengleichheit“ im Bildungssystem, geworden ist. Sollte Bildung nicht ursprünglich für alle ausreichen, allen im gleichen Maße zugänglich sein?

Seit der Veröffentlichung der Schulstudie hat sich ein Chor von Kritikern zu Wort gemeldet. Es wurden und werden bis heute Vorschläge unterbreitet, Analysen vorgetragen, Schuldzuweisungen ausgesprochen, Forderungen erhoben und Alternativen vorgestellt. Wenn ein Schuldiger für die Bildungsmisere ausgemacht werden könnte – etwa die Kultusminister, ihre Bürokratie, die Eltern oder die Lehrer – wäre dieser leicht abzuhelfen.

Leider ist die Sache so einfach nicht, obwohl sich alle Interessenvertreter inzwischen geäußert haben und im Wesentlichen davon ausgehen, dass unser Schulsystem tatsächlich noch zukunftsträchtig ist und es lediglich darauf ankomme, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, die Sache richtig in die Hand zu nehmen und der Schule aus der Krise zu verhelfen.

Unter dem Eindruck des PISA-Schocks hat sich der Begriff „Bildungsnotstand“ ins öffentliche Bewusstsein eingebrannt, obgleich die Studie lediglich Schulleistungen wie Lesekompetenz, sowie die mathematische und naturwissenschaftliche „Grundbildung“ überprüft hat. Dies hat meines Erachtens zunächst nichts mit Bildung zu tun, sondern lediglich mit Anforderungen, die an Heranwachsende gestellt werden, um im Anschluss an ihre Schullaufbahn einer qualifizierten Erwerbstätigkeit nachgehen zu können. Neuesten Schätzungen zufolge soll die Zahl der Erwerbslosen im nächsten Jahr auf fünf Millionen ansteigen. Die Integration in die Arbeitsgesellschaft, als höchstes Ziel für Schulabgänger vorgesehen, ist hinsichtlich dieser eher düsteren Zukunft nicht mehr hinreichend erfüllbar.

Sollte man der Schule wirklich auf die Beine helfen, ihr eine neue Lebensblüte wünschen? Und wenn ja, auf welchem Weg? Ausgehend davon, dass bereits vielerorts darüber diskutiert wird Schulbildung zunehmend zu privatisieren und somit dem „freien Markt“ zu unterwerfen, erscheinen Wiederbelebungsversuche in einem besorgniserregenden Licht. Wenn „Bildung“ in der Schule immer mehr von ökonomischen Interessen dominiert wird, stellt sich mir die Frage, ob das, was übrig bleibt, überhaupt noch etwas mit Bildung zu tun hat. Sollte Bildung wirklich nur zur Sicherung unseres Wirtschaftsstandortes dienen?

Ist es nicht der ursprüngliche Auftrag der Schule, Bildung „unters Volk zu bringen“? Und ist dies nicht der Anspruch, welchen die Gesellschaft an die Schule stellt und den die Schule zu ihrer eigenen Legitimation benötigt? Hat das Schullernen überhaupt etwas mit „wahrer“ Bildung zu tun? Oder ist Bildung von anderer Art? Ist sie vielleicht eher eine Angelegenheit des außerschulischen, des privaten Lebens, eine zufällige oder mit Mühsal verbundene Bildung, eine reflektierte Formung des Selbst «in tätigem Weltumgang», wie Goethe es beschreibt?

Die Schule füttert ihre Schüler mit abstraktem, vorgedachtem Wissen, dessen Sinn sich ihnen vielleicht nie erschließt.

Die Frage kommt auf, ob diese Art der Wissensweitergabe überhaupt noch etwas mit der ursprünglichen „Schulidee“ zu tun hat; mit der Idee nämlich, dass sich Bildung in der Schule ereignen und vermehren sollte. Wird die Schule ihrem eigenen Anspruch, der Bildung zu dienen, vielleicht nicht mehr gerecht?

Angeregt durch meine eigene Schulzeit, in der ich, vielleicht mangels Bildung, niemals auf die Idee gekommen wäre, die Schule als System in Frage zu stellen, sehe ich in dieser Arbeit eine gute Chance, die „Bildungsinstitution“ Schule kritisch zu hinterfragen.

Zunächst skizziere ich die Geschichte des Bildungsdenkens, um einen Überblick über den Wandel und die Entstehung verschiedener Bildungsideen zu geben. Ausgehend von der Antike bis hin zur Neuzeit, werden bedeutende Bildungsvorstellungen exemplarisch dargestellt und erläutert. Es soll deutlich gemacht werden, wie sich das Bildungsdenken in einem Zeitraum von mehr als zweitausend Jahren gewandelt hat.

Im darauffolgenden Kapitel stelle ich die Geschichte des Schulwesens von der Antike bis zum Ende des 20. Jahrhunderts dar, um die unterschiedlichen Aufträge die der Schule erteilt wurden aufzuzeigen.

Im vierten Kapitel dieser Arbeit wird der Begriff Bildung näher beleuchtet. Anhand der Bildungsvorstellungen Hartmut von Hentigs und anderer Autoren, wird der Bildungsbegriff eine inhaltliche Darstellung erfahren. Es soll deutlich gemacht werden, wo und wie sich Bildung ereignen kann und an welchen Maßstäben sie sich bewähren und beweisen sollte. Auch dient diese Ausführung dazu herauszustellen, ob die Schule in Anbetracht dieser Bildungsvorstellungen ihrem Anspruch, der Bildung zu dienen, noch gerecht wird.

In Kapitel fünf gehe ich der Frage nach, ob die heutige Schulbildung von ökonomischen Interessen dominiert und Bildung als Ware dem globalen Marktgeschehen unterworfen wird. Anschließend soll die Privatisierung des Bildungswesens näher betrachtet und ein Überblick über Schulsponsoringentwicklungen in Deutschland gegeben werden.

Diese Betrachtung dient dazu herauszufinden, ob Schulen sich den Gesetzen des Marktes unterwerfen und Bildung dadurch zur schlichten Ausbildung degradiert wird.

Im sechsten Kapitel soll der Einfluss der Massenmedien auf Schulen und Schüler, anhand der Medien Fernsehen und Computer, näher untersucht werden. Ich zeige auf, was der zunehmende Einsatz dieser Medien in der Schule bei Heranwachsenden bewirken kann, gehe aber auch gleichzeitig der Frage nach, ob das Fernsehen und der Computer vielleicht mehr zur Bildung beitragen, als Schulen dies tun.

2 Bildungsideen von der Antike bis zur Neuzeit

Im folgenden Teil der Arbeit möchte ich einen Überblick über den Wandel einzelner Bildungstheorien verschaffen. Von der griechischen Antike bis zur Neuzeit, in einzelne geschichtliche Epochen gegliedert, sollen hier die Wurzeln unseres Bildungsdenkens kurz dargestellt und erläutert werden. In dieser Arbeit beschränke ich mich hierbei auf zentrale Bedeutungsmomente im geschichtlichen Verlauf des Bildungsbegriffs.

Die Beschäftigung mit dem Begriff der Bildung kann bis in die Antike zurückverfolgt werden. In der griechischen Antike war die Idee der paideia (= Erziehung, Bildung) dafür vorgesehen, den Bürger für das Leben im Gemeinwesen, in der polis (= Stadtstaat) vorzubereiten. Auch stand die paideia für die Hinwendung des Menschen zum Denken des Maßgeblichen.

Philosophisch ausformuliert findet sie sich in Platon (427-349 v. Chr.) Hauptwerken, wie der politeia (= Staat) oder nomoi (= Gesetze) wieder. In seinem berühmten Höhlengleichnis untersuchte Platon die menschliche Natur in bezug auf Bildung und Unbildung. Der ungebildete, der gefesselte Mensch, mit dem Gesicht zum Höhleninneren, lebt nicht in der Wirklichkeit. Der gebildete, der aus den Trugbildern befreite dagegen findet, auch wenn er große Schmerzen durch Erfahrung und Erkenntnis erleide muss, den Zugang zur Wirklichkeit. Der Mensch muss herausgeführt wird aus dem Zustand der Unbildung , auf dass er die Befähigung zum Denken und Handeln erlange.[1]

Bildung wurde in der Antike als das Verhältnis vom Menschen zur Welt gesehen, wo hingegen im Mittelalter darunter hauptsächlich das „Sich-Bilden in Gott“ und seinen Werken verstanden wurde.

Die mittelalterliche Bildungsidee war somit gänzlich durch die Bindung zum christlichen Gott gekennzeichnet. Der sogenannte „Imago-Dei-Gedanke“, also die Vorstellung, Gott habe die Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen und nur er selbst könne die Menschen bilden und erziehen, erweist sich als eine der wichtigsten Quellen des Bildungsgedankens. Der Mensch kann sich, nach damaliger Überzeugung, nicht aus eigener Kraft, sondern nur durch die Gnade und Liebe Gottes formen.[2]

Der griechische Gelehrte Clemens von Alexandria beschrieb Erziehung wie folgt: „Erziehung ist die Gottesfurcht, die ein Unterricht in der Verehrung Gottes und eine Unterweisung zur Erkenntnis der Wahrheit und eine richtige, zum Himmel emporführende Leitung ist.“[3]

Hierbei wird deutlich, in wessen Hand die Bildung und Erziehung der Menschen im Mittelalter lag.

In der Zeit der Renaissance (= Wiedergeburt), welche ihren Ursprung in Italien hat und als Übergang zwischen Mittelalter und Neuzeit gilt, entstand ein neues Bildungsdenken.

Der Bezug des Menschen zu Gott wurde sozusagen um den Bezug des Menschen zur Welt erweitert. Bildung wurde nun nicht mehr als göttliche Gnade verstanden, sondern als eine Entfaltung der eigenen „inneren Kräfte“.[4]

Zeitgleich entstand durch den Humanismus eine weitere Konzeption von Bildung. Der italienische Humanist und Philosoph Giovanni Pico della Mirandola (1463 –1494) sah den Menschen dazu berufen, sich nach eigenem Willen zu bilden, damit er sich die Form, nach der er zu leben wünscht, selbst bestimmen kann.[5] Im Gegensatz zum christlichen Bildungsdenken, wurde hierbei ganz deutlich die freie Entfaltung der eigenen Fähigkeiten gefordert. Auch der niederländische Humanist Erasmus von Rotterdam (1466–1536) kämpfte in dieser Zeit gegen eine „Ungeformtheit in Wissen und Verhalten.“[6] Er sah die Humanität in der verfeinerten Sprache, in antikem Wissen, in der eigenen Freiheit zu entscheiden und zu urteilen sowie der Gelehrsamkeit realisiert. Er prangerte die fehlende Kultur in seiner Zeit an und erhob Bildung zu einer Qualität der geistigen Elite. Dieses Verständnis vom Menschen stellte eine entscheidende Grundlage für den humanistischen Bildungsbegriff dar.[7]

Das Zeitalter der Aufklärung stand ganz unter dem Zeichen der Vernunft. Diese wurde als der Inbegriff des menschlichen Erkenntnisvermögens bezeichnet. Bildung heißt jetzt Aufgeklärtheit des Menschen über die Kraft seiner eigenen Ratio.

Als gebildeter Mensch galt in dieser Zeit, wer sich selbst und sein Verhältnis zur Welt und zur Gesellschaft nach der eigenen Vernunft zu regeln wusste.

Dementsprechend wurden überlieferte Werte und Normen in Frage gestellt und man setzte sich kritisch mit ihnen auseinander.

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) forderte die Menschen auf, die Gabe der Vernunft zu nutzen, um dadurch Freiheit zu erlangen. Er schrieb dazu: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich des Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen (...) Sapere aude! [= Wage es zu wissen!]

Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“[8]

Ein anderer, bestimmender Pädagoge der Aufklärung, war der aus Genf stammende Jean-Jacques Rousseau. (1712-1778) In seinem Werk Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (1755) stellte er die Entwicklung von einer glücklichen Urgesellschaft bis zu einer modernen, ungleichen Gesellschaft dar und beschrieb darin das Wesen des Menschen als von Natur aus gut und erst durch die Zivilisation verdorben.

In seiner Abhandlung Emile- oder über die Erziehung (1762) schrieb er: „Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter den Händen des Menschen.(...) Alles dreht er um, alles entstellt er. (...) Nichts will er haben, wie es die Natur gemacht hat, selbst den Menschen nicht.“[9]

Er forderte in seiner Abhandlung die naturbelassene Erziehung des Kindes, ohne dass der Erziehende in den ersten Lebensjahren stark in diese eingreift. Nein, er forderte gar: „Die erste Erziehung muß also rein negativ sein. Sie darf das Kind nicht in der Tugend und in der Wahrheit unterweisen, sondern sie muß das Herz vor Laster und den Verstand vor Irrtümern bewahren.“[10]

Das Kind war somit zum sich selbst bildenden Subjekt geworden - der Erzieher oder Lehrer hatte lediglich den Auftrag, Situationen für das Kind zu schaffen, in der es sich mit der Welt eigenständig auseinander setzen konnte.

Den Anspruch, die Persönlichkeit des einzelnen (Kindes) zu entwickeln, setzte dann auch der deutsche Philanthrop Johann Bernhard Basedow (1724-1790) um.

Er gründete 1774 in Dessau eine „Philanthropin“ genannte Erziehungsanstalt, in der er eine möglichst jugend- und menschenfreundliche Pädagogik verwirklichen wollte. Das Philanthropin und ähnliche Einrichtungen, die in der Folgezeit in anderen Städten gegründet wurden, hatten zum Ziel, die Qualität der Bildung dadurch zu verbessern, dass die Arbeit in der Schule mit der Welt außerhalb des Klassenzimmers verbunden werden sollte. Die Philanthropen strebten die Erziehung zu einem aufgeklärten, weltoffenen, sittlichen und vernünftigen Menschen an.[11]

Im 18. Jahrhundert wurde dann schließlich der sogenannte „klassische“ Bildungsbegriff geformt. Rousseau aber auch Basedow bereiteten durch ihre Schriften die Idee einer allgemeinen Menschenbildung vor.

In der feudalen Ständegesellschaft jedoch, wurde Bildung meist von den Zünften und Gilden „erteilt“, das heißt die Bildung war dementsprechend auf den Tätigkeits- und Lebensraum der Kinder bezogen. Der Gedanke einer gemeinsamen Bildung, über diese sozialen Schranken hinweg, lag dieser Zeit noch fern. Wieso sollte man Menschen gemeinsam zu gleichen Zielen erziehen, die keinen gemeinsamen Lebenszusammenhang teilten?

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde mit dem allmählichen Zusammenbruch der ständischen Ordnung, nach und nach eine andere Auffassung von Bildung auf den Plan gerufen.

Es war die Zeit des deutschen Idealismus, die Zeit Goethes und Schillers, deren zentrales Thema die Entfaltung der Individualität des Menschen war.

Nach ihrer Auffassung gehörte zur Individualität auch eine Art der Geistesbildung, welche sich nicht nur auf alltägliche Pflichten beschränke, sondern diesen gegenüber eine Distanz erlauben müsse. Der Mensch könne ihrer Meinung nach, wesentlich mehr sein, als seine alltäglichen Pflichten ihm abverlangen.[12]

Im aufkommenden 19. Jahrhundert wurde durch die sogenannten Neuhumanisten, allen voran der preußische Schulreformer und Philosoph Wilhelm von Humboldt (1767 -1835), eine humanistische Allgemeinbildung des Kindes gefordert. „Das Menschenkind zum Menschen zu bilden, nicht den Schusterjungen zum Schuster auszubilden, das ist die Aufgabe der allgemeinbildenden staatlichen Schulen, deshalb heißt diese Erziehung humanistisch.“[13] Die Neuhumanisten sahen in der Allgemeinbildung ein Potential, welches dem Menschen half, seine individuellen Fähigkeiten zu entfalten.

Eine frühe berufliche Spezialisierung wurde damit verworfen. Statt dessen wurde für jeden Menschen eben diese allgemeine Bildung gefordert, welche somit als Vorbildung für jeden Beruf und Grundlage für die individuelle Selbstentfaltung dienen sollte.

Für Humboldt lag der Aufbau eines Staates und einer aufgeklärten, humanistisch gebildeten Gesellschaft, vor allem in der Bildung des Individuums begründet. Danach lebt der einzelne Mensch in der Vielfalt kultureller und sozialer Beziehungen, in welchen er viele Entscheidungen treffen muss. Durch diese Entscheidungen bilde er eine Kraft aus, welche er überhaupt erst in der Auseinandersetzung mit der Welt, also mit den sozialen und kulturellen Institutionen gewann. Der einzelne Mensch bedarf demnach der Welt und die Welt bedarf des Einzelnen, um überhaupt als kulturelle und gesellschaftliche Welt angesehen zu werden. Das Individuum bestimme sich somit selbst und könne auf seine Vernunft, auf seine Kraft bauen, welche es befähige, sich selbst zu bilden und damit eine gerechte und verbesserte Gesellschaft hervorzubringen.[14]

Im Laufe des 19. Jahrhunderts zeigte sich jedoch deutlich, dass Bildung nie jenseits gesellschaftlicher Bedingungen gesehen werden konnte. Während der Entstehung einer bürgerlichen Gesellschaft wurde der Begriff der Bildung ein entscheidendes Mittel zur Neuformierung der Gesellschaft. Bildung wurde zum geisteselitären Privileg. Die gebildete Elite hob sich von der ungebildeten Masse ab und versuchte durch ihre Bildung, eine gesellschaftliche Vorrangstellung zu erhalten. Bildung wurde mehr und mehr zu einem reinen Statussymbol, zu einem kulturellen Gut und somit zum Gegenteil der humboldtschen Vorstellung einer allgemeinen Volksbildung. Für die unteren Volksschichten blieb die „nützliche“ Erziehung, nämlich zur Loyalität gegenüber den herrschenden Klassen und zu einer beruflichen Brauchbarkeit, noch viele Jahrzehnte erhalten.[15]

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam erneut (politische) Bewegung in die Bildungsdiskussion. Es ging dabei vor allem um die Integration der Arbeiter in die bürgerliche Gesellschaft, um die Lösung der sogenannten „sozialen Frage“. Mit der aufkommenden Arbeiterbewegung, welche sich an Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820-1895) orientierte, trat das Ziel der Arbeiterbewegung, den bürgerlichen Staat in einen sozialistischen umzuwandeln, massiv auf den Plan.

Um diese Umwandlung zu verhindern, ergriff der Staat neben sozialpolitischen auch bildungspolitische Maßnahmen, welche die Arbeiterklasse und vor allem deren Kinder zur Teilnahme an der bürgerlichen Kultur befähigen sollten.

Dem entgegen stand nach wie vor die Exklusion der Arbeiter aus dem System der Bildungselite. Um dieses noch immer vorherrschende Bildungsdenken aufzuweichen, musste der Beruf selbst ins Zentrum der Bildungsdiskussion rücken.[16]

Der deutsche Pädagoge und Bildungstheoretiker Eduard Spranger (1882-1963) versuchte mittels einer dreistufigen Theorie, die Arbeit in den traditionellen Bildungsbegriff zu integrieren. Er beschäftigte sich mit dem Zusammenhang von grundlegender Bildung, Berufsbildung und Allgemeinbildung. Er sah in der ersten Stufe eine allgemeine Elementarbildung vor, in welcher die grundlegenden Elemente des praktischen und geistigen Lebens vermittelt werden sollten. Die zweite Stufe, die Stufe der Berufsbildung sah er zwar eher als eingeschränkt und spezialisiert an, war jedoch der Auffassung, dass sich die dritte Stufe nämlich die der Allgemeinbildung erst auf der Grundlage des beruflichen Könnens und Wissens erreichen ließe. Damit war ein Bildungsmodell geschaffen, das Bildung und Arbeit wieder zu verbinden suchte.

In diesem Zusammenhang ist auch der deutsche Pädagoge und Schulreformer Georg Kerschensteiner (1854-1932) zu nennen, der bereits vor Spranger, unter anderem durch die Einführung von sogenannten Arbeitsschulen, das Bildungsdenken erweiterte. Er begriff die Berufsbildung als eine Pforte zur Menschenbildung. Spranger und Kerschensteiner jedoch, verstanden Arbeit als eine rein handwerkliche Tätigkeit und hielten auch nur diese mit Bildung kombinierbar. Die arbeitsteilige industrielle Arbeit jedoch, war für sie lediglich ein Phänomen, welches mit Bildung nicht zu vereinbaren war.[17]

Um das Bildungsdenken in der heutigen Zeit zu verstehen ist es wichtig, Bildung als historisches Problem zu demonstrieren, denn zum Verstehen gehört notwendigerweise auch das Bewusstsein von dessen Entstehen.

Als eine der wichtigsten Quellen des Bildungsdenkens ist, wie bereits oben erwähnt, die Idee von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen anzusehen. Bereits im meistgelesenen Buch der Welt, der Bibel, wird in der Genesis die Entstehung des Bildungsgedanken als religiöse Vorstellung deutlich.

Dort heißt es bekanntermaßen: „Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn.“[18]

In diesem Zusammenhang ist die säkularisierte, also verweltlichte Form des Bildungsbegriffs, als andere wichtige Quelle unseres heutigen Bildungsdenkens anzusehen. So ist neben der Position der Philanthropen, die Bildung im Sinne von Nützlichkeit und Ausbildung verstanden haben, vor allem die säkularisierte Form des Bildungsdenkens in der deutschen Klassik und dem Neuhumanismus, insbesondere durch Humboldt, von Bedeutung. Bildung wurde nicht mehr als religiöses Anliegen gedacht, sondern als weltliche Formung des Selbst. Das neuhumanistische Bildungsdenken hat, meiner Meinung nach, neben all den anderen Positionen unsere Vorstellung von Bildung am deutlichsten geformt. Insbesondere Humboldts Theorien zur Bildung, die auch, wie ich im nächsten Kapitel erläutern möchte, eine Theorie der Bildungsinstitution Schule bzw. Gymnasium umfasste, hat bis heute Einfluss auf unser Bildungsverständnis.

3 Einblick in die Entstehungsgeschichte des Schulwesens

In diesem Kapitel soll ein Überblick zur historischen Entwicklung der Schule gegeben werden. Im Rahmen dieser Arbeit werden kurz die Schulformen der Antike und des Mittelalters beschrieben um dann die Entstehungsgeschichte des modernen Schulwesens, von der Renaissance bis zur Gegenwart, näher zu beleuchten.

Die ersten antiken Schulen in Europa entstanden in Griechenland. Auf dem Übungsplatz- dem „Gymnaseion“- wurden junge Männer der Oberschicht Unterricht in Gymnastik, Musik und Wehrerziehung erteilt. Der Unterricht in Gymnastik und Wehrerziehung zielte vor allem auf Körperertüchtigung ab (Turnen, Laufen, Werfen usw.). Körperliche Kraft war von Nöten, wenn bedacht wird, dass Kriege und Fehden zu dieser Zeit viel mehr unter unmittelbarem körperlichem Einsatz durchgeführt wurden. Der andere Schwerpunkt des Unterrichts lag auf der Musik. Das Fach Musik umfasste verschiedene Tanz- und Kampfgesänge, Chorgesang, Instrumentalmusik, aber auch Literatur- und Mathematikunterricht. Im Literaturunterricht wurden Schriften von Homer und anderen Dichtern gelesen oder gesungen. Die Theorie des Rhythmus der Intervalle und der allgemeine Aufbau von Musik wurden rein mathematisch behandelt.[19]

Bei der bäuerlichen Bevölkerung jedoch, war eine geplante und institutionalisierte Ausbildung und Erziehung – also das, was man später Schule nennt – so gut wie nicht vorhanden. Die Mädchen lernten von der Mutter, die Jungen vom Vater, was sie in ihrem späteren Leben brauchten. Im neunten und achten Jahrhundert vor Christus begannen die Bewohner Griechenlands, aus militärischen und wirtschaftlichen Gründen an sicheren Plätzen zusammenzuziehen. Durch diese Zusammenballungen wurde die Polis, die Stadtgemeinde begründet, welche bis zum Ausgang der Antike die vorherrschende Lebensform blieb. Durch die Polis entstand für die neuen Bürger ein komplexeres und komplizierteres Leben, in dem es sich als immer schwieriger gestaltete ohne Kenntnisse im Lesen, Schreiben oder Rechnen zurechtzukommen. Auch wenn zu dieser Zeit in den Städten vereinzelt Schulen eingerichtet wurden, waren sie doch fast ausschließlich den oberen Bevölkerungsschichten zugänglich.[20]

Der Übergang von der Antike zum Mittelalter zog sich über mehrere Jahrhunderte hin. Schon im dritten Jahrhundert nach Christi Geburt begann allmählich die Auflösung der antiken Lebensform. Die Städte, die Zentren des antiken Lebens, starben langsam ab.

Der Gemeinschaftssinn der Polis verging und eine wachsende Bürokratie sowie ein neuer Feudalismus entstanden. Übrig blieben der Adel und Beamte einerseits und die Masse der unfreien Bauern und Handwerker andererseits. Die christliche Religion und Kirche übernahm zusehends die Macht und wurde zur führenden religiösen, kulturellen und sogar politischen Institution. Das Wissen der Antike wurde in den Bibliotheken der Klöster verwahrt und wie ein Schatz gehütet. Die Klöster wurden zu Zentren des Wissens und der Kultur.

In diesen wurden auch die ersten Schulen zur Ausbildung des eigenen geistlichen Nachwuchses errichtet.

Die Monopolstellung der Klöster als kulturelle Zentren erlaubte ihnen aber auch, für ein nicht geringes Entgelt, jungen Adeligen eine Schulbildung zukommen zu lassen. Nach der Gründung von Bistümern wurden im Umfeld der großen Bischofskirchen Domschulen errichtet, in denen der geistliche Nachwuchs beschult wurde.

In diesen Schulen stand hauptsächlich der Lateinunterricht und die christliche Theologie auf dem Lehrplan. Unterrichtet wurden aber auch die Septem Artes (= Sieben Künste). Diese waren Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik.[21]

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden zunächst in Frankreich und Spanien die ersten Universitäten. Die Entstehung der Universitäten erfolgte durch einen Zusammenschluss von Lehrern und Schülern aus einzelnen Kloster- und Domschulen. Sie vertraten die freien Lehr- und Lebensgemeinschaften, die „universitas magistrorum et scholarium“ (= Vereinigung Lehrender und Schüler) und schlossen sich zu „universitates“, zu Gemeinschaften, zusammen.

Gelehrt wurde, was eine Neuerung darstellte: die Schriften des Aristoteles, das römische Recht, die antike Medizin und die insbesondere durch die aristotelische Philosophie weiterentwickelte Theologie.

Es gab drei höhere Fakultäten – die theologische als die wichtigste, die medizinische und die juristische. Wenn man zu diesen zugelassen werden wollte, musst die sogenannte Artistenfakultät gemeistert werden. Diese Fakultät lehrte die sieben freien Künste, jetzt in Anlehnung an die aristotelischen Schriften. Fächer waren nun Dialektik, Logik, Philosophie, Physik, Metaphysik, Ethik und Mathematik.

Die Artistenfakultät entsprach ungefähr der heutigen gymnasialen Oberstufe, in der zwei verschiedene Abschlüsse erteilt wurden. Nach circa zwei Jahren wurde die Prüfung zum „Baccalaureus“, nach zwei weiteren Jahren die Prüfung zum „Magister“ abgelegt. Bis in den heutigen Sprachgebrauch erhalten sind noch die französischen und englischen Bezeichnungen „baccalaureat“(= Abitur) und „Bachelor“ ebenso der Magister als universitärer Abschluss.

Neben den Kloster- und Domschulen und der Universität wurden ab dem 13. Jahrhundert Stadt- und Ratsschulen eingerichtet. Mit dem erneuten Aufblühen des Städtewesens, ausgelöst durch den erfolgenden Aufschwung von Handel und Gewerbe, entstand auch ein anderes Bildungsbedürfnis als bisher.

Die Bürgerschaft brauchte gebildete Fachkräfte für den Handel oder die Verwaltung. Da die vorhandenen Schulen nicht ausreichten, um alle bildungswilligen Schüler aufzunehmen, kam es zur Gründung städtischer Schulen, meist unter Regie des Rates der Stadt (daher der Name: Stadt- und Ratsschulen). Die neu errichteten Stadt- und Ratsschulen, vermittelten als sogenannte „niedere Lateinschulen“ eine mehr praktisch gerichtete und elementare Bildung, welche aber in den Lerninhalten stark denen der Kloster- und Domschulen ähnelten.

Erwähnenswert sind ebenso die, ab dem 14. Jahrhundert in großen Städten entstandenen, Lese- und Schreibschulen, welche meist privat gegründet wurden und besonders auf die Anforderungen von Handel und Gewerbe eingestellt waren.[22]

Das pädagogische Denken in der Zeit der Renaissance und des Humanismus war beeinflusst von einem tiefgreifenden Strukturwandel der gesamten abendländischen Kultur. Der Horizont der Menschen wurde durch vielfältige Entdeckungen und Erfindungen bereichert, auch Handel und Gewerbe weiteten sich immer mehr aus. Eine neue Art des Denkens, ein neues Lebensgefühl verbreitete sich. Der „homo universale“, der allseitige Mensch galt nunmehr als Ideal. Dieser sollte selbstbewusst, körperlich geschult, ein gewandter Rhetoriker, weltverbunden und nicht zuletzt künstlerisch und philosophisch gebildet im Geiste der Antike sein. Dieses Idealbild des Menschen wurde zum Idealbild des Humanismus.

Für das Erziehungs- und Bildungswesen hatte der Humanismus natürlich eine große Bedeutung. In schulischer Hinsicht, übte er großen Einfluss auf die Artistenfakultäten und die Lateinschulen aus. Immer mehr Laien aus der Oberschicht wurden beschult, vor allem in klassischem Latein, in Griechisch und mancherorts gar in Hebräisch.

Im 16. Jahrhundert setzte sich der Humanismus schließlich auch an deutschen Universitäten durch. Es wurden Lehrstühle für Poetik (Dichtkunst) und für Eloquenz (Beredsamkeit) eingerichtet. Mit der Reformation Martin Luthers (1483- 1546) trat fast gleichzeitig eine Bewegung auf, die nicht nur einen kleinen Kreis der Gelehrten, sondern die ganze Bevölkerung ansprechen sollte. Bis zu dieser Zeit gab es zwischen der Schule und der Universität immer noch keine großen Unterschiede, da manche Schulen ihre Schüler bis zum Baccalaureus ausbildeten.[23]

In der humanistisch- reformatorischen Epoche gab es zwei Entwicklungen. „Zum einen sehen wir den Adel, der bis dahin mehrheitlich einem nicht- schriftlichen Kulturideal angehangen hatte, sich dem humanistischen formulierten, an literarischen Texte gebundenen Bildungsideal bürgerlicher Repräsentanten öffnen und die hohen Schulen besuchen.“[24]

Allerdings hielt dieser gemeinsame Bildungsweg des Adels und des Bürgertums nicht lange an. Schon im 17. Jahrhundert wurde die Ausbildung wieder nach ständischen Grenzen getrennt.

Die zweite Entwicklung lag in der Auslieferung des Bildungswesens an den Staat. Die Reformation führte durch das Auflösen von Klöstern und Domstiften eher zu einem Zerfallprozess des Bildungswesens.

Luther bemühte sich rasch um eine Neuordnung des Schulwesens, indem er sich an die staatliche Obrigkeit wandte. Nicht zuletzt aufgrund innerkirchlicher Auseinandersetzungen durch Reformation und Gegenreformation wurde der Weg zu einer Verstaatlichung der Kirche bereitet, zum Landeskirchentum.

Diese Veränderung war im 16. Jahrhundert verstärkt bei den Universitäten zu beobachten. Sie wurden zu Landesuniversitäten mit Professoren, welche als Staatsbeamte berufen wurden. Seit 1528 gab es dann die sogenannten „Kirchen- und Schulordnungen.“

Die reformatorischen Kirchen- und Schulordnungen des 16. Jahrhunderts waren von Bedeutung, da sie unter anderem versuchten die bäuerliche Bevölkerung zu erreichen. Luther brachte Bibelübersetzungen und Leseunterricht zusammen. „Sie bedeuten sozialgeschichtlich die Überführung der Muttersprache in den Status einer Schriftsprache.“[25] In der reformatorischen Katechismus- bzw. Pfarrschule sollten die Kinder vor allem lesen lernen um die Bibel zu verstehen. In Verbindung damit wurde dann auch das Schreiben gelehrt.

Auf dem Lande wurde dagegen selten in der Dorfschule gelernt und unterrichtet. Der Unterricht fand vielmehr zuhause oder in den Küsterschulen statt.

Dort wurde buchstabiert, gelesen und auswendiggelernt. Ende des 17. Jahrhunderts konnte man in fast allen protestantischen Herrschaftsgebieten solche Dorfküsterschulen antreffen. Vor allem in Sachsen, Württemberg und Hessen waren sie stark vertreten. Finanziell unterstützt wurden sie von der Landbevölkerung. Für die ärmere Bevölkerungsschicht blieb lediglich die Winkelschule. Sie fand einmal die Woche statt und hatte nicht annährend das Niveau der Küsterschule.[26]

Im 17. Jahrhundert entstand auf dem Hintergrund des barocken Weltverständnisses, welches sich besonders durch die Zuwendung zu den Naturwissenschaften und zur rationalen Erkenntnis auszeichnete, mit dem „Pädagogischen Realismus“ eine Zeitströmung, die für das Schulwesen von großer Bedeutung war.

Der bedeutsamste Vertreter des Pädagogischen Realismus war der Tscheche Johann Amos Comenius (eigentlich Jan Amos Komenský, 1592-1670). Dieser forderte in seinem Werk Didactica magna (= Große Didaktik) eine öffentliche Schule, welche sich an der allen Menschen gemeinsamen Fähigkeit zur Vernunft orientieren solle. Er wollte „alle alles lehren“, ein universales Wissen vermitteln, über das der einzelne Mensch Weisheit erlange und den Weg zum Schöpfer finde. Von dem bisher aufgezeigten schulgeschichtlichen Hintergrund aus gesehen, war die Forderung von Comenius revolutionär.

In dem er eine öffentliche, allgemeine statt einer standesspezifische Schulbildung forderte, versuchte er den „Vernunftfortschritt aller Gesellschaftsmitglieder voranzutreiben.“[27] Er legte auch einen, für damalige Zeit als sensationell empfundenen, Schulorganisationsplan vor. Dieser war entsprechend den vier Altersstufen, mit speziellen Bildungsinhalten für jede Stufe aufgebaut.

[...]


[1] vgl. Wehnes, F.-J.: Theorie der Halbbildung., in: Roth, L. (Hg.): Pädagogik. München 1994, S. 259

[2] vgl. ebenda., S. 259

[3] Clemens von Alexandria : Wer der Erzieher ist und über seine Erziehung., in: Röhrs, H.(Hg.): Bildungsphilosophie Erster Band. Frankfurt a.M. 1967, S. 69

[4] Wehnes, F.-J.: a.a.O., S. 260

[5] vgl. ebenda., S. 260

[6] ebenda., S. 260

[7] vgl. ebenda., S. 260f

[8] Kant, Immanuel: Werke in 10 Bänden. Weischedel, Wilhelm (Hg.). Bd.9. Darmstadt 1968, S. 53

[9] Rousseau, J.-J.: Emil oder über die Erziehung. In neuer deutscher Fassung besorgt von Ludwig Schmidts. ,Paderborn 1998, S. 9

[10] ebenda., S. 72

[11] vgl. Hamann, Bruno: Geschichte des Schulwesens. Bad Heilbrunn 1986, S. 61f

[12] vgl. Giesecke, Hermann: Pädagogische Illusionen. Stuttgart 1998, S. 19f

[13] Borsche, Tilman: Wilhelm von Humboldt. München 1990, S. 60

[14] vgl. Kron, Friedrich W.: Grundwissen Pädagogik. München 1991, S. 71f

[15] vgl. Wehnes, F.-J., a.a.O., S. 263

[16] vgl. Giesecke, Hermann, a.a.O., S. 21f

[17] vgl. Wehnes, F.-J., a.a.O., S. 265

[18] Die Bibel: Genesis. 1, 26-27

[19] vgl. Schöneberg, Hans: Schulen. Geschichte des Unterrichts. Frankfurt 1981, S. 32ff

[20] vgl. Schmitz, Klaus: Geschichte der Schule. Stuttgart 1980, S. 11ff

[21] vgl. Schmitz, Klaus: a.a.O., S. 29ff

[22] vgl. Hamann, Bruno:a.a.O., S. 20ff

[23] vgl. ebenda., S. 30f

[24] Lundgreen, Peter: Sozialgeschichte der deutschen Schule im Überblick. Göttingen 1980, S. 18

[25] Lundgreen, Peter: a.a.O., S. 22

[26] vgl. Lundgreen, Peter: a.a.O., S. 18ff auch Schmitz, Klaus: a.a.O., S. 47f

[27] Kemper, Herwart: Schule und bürgerliche Gesellschaft. Weinheim 1990, S. 29

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Details

Titel
Bildung und Schule zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Hochschule
Hochschule RheinMain
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
76
Katalognummer
V147877
ISBN (eBook)
9783640581603
ISBN (Buch)
9783640584345
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Bildungskritik, Schulkritik, Ivan Illich, Marianne Gronemeyer, Bildungswelt, Bildschirmbildung, Schulwesen, Geschichte der Schule, Schulgeschichte, Bildungsbegriff, Hartmut von Hentig, Bildung als Ware, Bildungsdiskussion, Bildungstheorie, Bildung und Computer, Fernsehen und Bildung, Bildungsideen, Bildung im Wandel, Halbbildung, Bildung ein Essay, Bildungsdenken, Bildungsgeschichte, Bildung in der Antike, Diplomarbeit
Arbeit zitieren
Sebastian Schmidt (Autor), 2004, Bildung und Schule zwischen Anspruch und Wirklichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147877

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