Die theologische Tiefe des Thomas von Aquin

Summa Theologica, Quaestio 1, Artikel 4


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.1. Wissenschaft und Wissenschaftsverständnis im Mittelalter
1.2. Die Bedeutung der Logik für die mittelalterlichen Wissenschaften

2. Aquins Summa Theologica, Quaestio1, Artikel 4

'Tief ist der Brunnen der Theologie, sollte man ihn nicht unergründlich nennen?[1] '.

Vorliegende Arbeit soll insbesondere dem 4. Artikel der 1. Quaestio aus der Summa Theologica, eines der großen Hauptwerke Thomas von Aquins gewidmet sein. In diesem Artikel behandelt Thomas die Frage, ob die heilige Lehre zu den praktischen oder spekulativen Wissenschaften gehört. Diese Quaestio ist in vielerlei Hinsicht äußerst interessant und bedeutungsvoll; vordergründig deswegen, weil ihr das sehr originelle Wissenschaftsverständnis des Mittelalters zugrunde liegt, welches in besagter Quaestio in besonderer Weise zur Geltung kommt. Zum anderen auch, weil das Hauptanliegen und Streben der mittelalterlichen Scholastik gerade darin bestand, die Theologie bzw. heilige Lehre auf den Status und den Rang einer Wissenschaft zu heben. Auch können die gerade in diesem Artikel aufgeworfenen Frage,- und Problemstellungen als repräsentativ und exemplarisch für viele wissenschaftstheoretische Diskussionen des 13. und 14. Jahrhunderts angesehen werden!

Bevor ich den 4. Artikel aus der Summa Theologica vorstelle, werde ich mich deswegen zunächst eben jenem Wissenschaftsverständnis des Mittelalters zuwenden, welches ich in einem ersten Schritt kurz näher zu erläutern versuchen werde. In diesem Zuge werde ich in besonderem Maße auf die wissenschaftliche Disziplin der philosophischen 'Logik' eingehen, da ihr unter all den mittelalterlichen Wissenschaften eine besondere Rolle zugeschrieben werden muss, insofern, als sie nicht nur die „Methode beziehungsweise Grunddisziplin der Scholastik“[2] darstellte, sondern „zusammen mit der Theologie den Hauptforschungsgegenstand des Mittelalters bildete“[3].

Auf diesem durch den einführenden historischen Teil meiner Arbeit geebneten Fundament wird die Bedeutung und Tragweite der in dem 4. Artikel behandelten Quaestio deutlich werden, die ich anschließend in einem zweiten Schritt darstellen werde. Dabei werde ich insbesondere die von Thomas in Bezug auf den Begriff der Wissenschaft verwendete Unterscheidung von 'praktisch' und 'spekulativ' eingehen. In einem abschließenden Abschnitt werde ich versuchen, den 4. Artikel in den Gesamtkontext eines wesentlichen Teils der Summa Theologica sinnvoll einzuordnen, um auf diese Weise seine Relevanz und Bedeutsamkeit erneut zu verdeutlichen. Dies soll im Groben die Vorgehensweise sein. Beginnen wir nun mit dem ersten Teil.

1.1. Wissenschaft und Wissenschaftsverständnis im Mittelalter

„Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissenschaft.“

(Aristoteles)

Mit dem jahrtausendalten antiken Wissen, das im Mittelalter Eingang in die westeuropäische Geschichte findet, nimmt die moderne abendländische Wissenschaftsgeschichte ihren Anfang. Im Hintergrund dieser Entwicklung standen die großen wissenschaftlichen Errungenschaften des Hellenismus, und jene des Byzanz und Islams. Insbesondere im byzantinischen Osten gab es eine intensive und fruchtbare Synthese mit dem antiken Altertum, welche bis ins 4. Jahrhundert zurückreicht und bis zum 15. Jahrhundert andauerte. In diesem Sinne war die Vermittlung und Weitergabe des aus dieser traditionsreichen Synthese hervorgegangenen, geistigen und kulturellen Erbes an das Abendland eine Art „kulturelle Mission“[4], ein 'Geschenk' des Orients an den Okzident. Somit war garantiert, dass auch nach dem Fall der Metropole am Bosporus im Jahre 1453, die bis zu diesem Zeitpunkt ein Hort und Verwalter griechischer Wissenschaft war, jenes Erbe bewahrt und zugleich fortgeführt und weiterentwickelt werden konnte. So setzte ab dem 15. Jahrhundert ein Aufblühen und produktiver Aufschwung der modernen abendländischen Wissenschaft ein, der sich im 16. Jahrhundert noch steigerte und intensivierte. Die Kenntnis und Verbreitung der Schriften und Lehren von Aristoteles hatte die Ablösung des augustinisch-platonischen Denkens zur Folge. Die ehemals gebräuchliche augustinisch-platonische Wissenschaftseinteilung ('divisio philosophiae') wich nun dem aristotelischen Wissenschaftsverständnis und der von ihm ins Feld geführten Einteilung der theoretischen Wissenschaften in Physik, Mathematik und Theologie.

Jenes Wissenschaftsverständnis des Aristoteles wird uns in dem zweiten Teil dieser Arbeit noch einmal explizit beschäftigen werden, da dieses die Grundlage und Voraussetzung für das in dem 4. Artikel zum Ausdruck gebrachten thomistischen Wissenschaftsverständnis bildet.

Auch ist jene angesprochene Verbreitung der Schriften und Lehren von Aristoteles ein Verdienst, welches zweifelsohne in großem Maße im Mittelalter Thomas von Aquin zugeschrieben werden darf, sicherlich jedoch auch anderen großen, spätantiken Gelehrten wie Boethius, der durch umfangreiche Übersetzungen, Kommentare und Interpretationen diese Lehren der lateinischsprachigen Welt zugänglich gemacht hat. Vor diesem Hintergrund war in der modernen abendländischen Wissenschaft abermals ein Grundstein für eine fruchtbare gegenseitige Beeinflussung unterschiedlicher kultureller und wissenschaftlicher Traditionen gelegt, der in einer „neuen Synthese“ aus „griechisch-hellenistischen, islamischen“, sowie „latein-christlichen Elementen“[5] seinen Ausdruck fand.

In diesem Zuge gelangte in besonderem Maße die Theologie zu einer wichtigen und entscheidenden Entfaltung: auf der Grundlage platonischer, augustinischer und vor allem aristotelischer Lehren bildete sich die Form der Scholastik aus, dessen wissenschaftliche Denkweise und Methode, welcher die antike Dialektik und Beweisführung zugrunde liegt, die „geistige Struktur des Westens bis tief in die Neuzeit“[6] prägte und bestimmte. Hier liegt die konstitutive und entscheidende Bedeutung der Theologie für das Mittelalter, die zusammen mit den artes als das „eigentliche Faszinosum der Wissenschaft im Mittelalter galt“[7]. Diese Bedeutsamkeit bringt Otto Mazal in dem Buch „Wissenschaft im Mittelalter“ prononciert zum Ausdruck: „Das ganze Mittelalter hindurch hatte Wissen dem Glauben zu dienen, blieb weltliche Erkenntnis gegenüber der Erkenntnis des Göttlichen in dienender Rolle verhaftet.“[8] Auch in einem weiteren Buch mit dem Titel 'Geschichte der Philosophie im Mittelalter' findet sich ein Zitat, mit durchaus vergleichbarem Grundtenor, welches aus einem anderen großen Hauptwerk Aquins, der 'Summa contra Gentiles', stammt, das ähnlich wie die 'Summa Theologica' auf einer philosophisch-rationalen Ebene argumentierend die entsprechende Leserschaft zu überzeugen sucht: “Fast die gesamte Philosophie ist auf die Erkenntnis Gottes ausgerichtet.“[9] Das Verständnis der Philosophie als „Magd der Theologie“, das in jenen Zitaten nicht nur subtil, implizit im Hintergrund steht, sondern, aus denen überaus deutlich hervorgeht, war ein bezeichnender, allgemein anerkannter Usus der mittelalterlichen Scholastik.

In konsequenter Folge dieser allgemein herrschenden Auffassung der damaligen Zeit, galt die Kirche als „große bewahrende Macht im Reich des Geistes“[10], infolgedessen nicht der Philosoph bzw. Weise, sondern der Heilige als „vollkommenste Stufe menschlichen Seins“[11] galt, nach der zu streben und die zu erreichen man bedacht war. Jenes Erstarken und Aufblühen der Theologie hing konstitutiv mit dem Aufkommen und der Herausbildung von Universitäten zusammen, die eine neue Institution wissenschaftlichen Lebens schufen. 'Scientia' trat zunehmend an die Stelle von 'ars', eine sich immer breitere Bahnen brechende Verwissenschaftlichung nahm ihren Lauf. Bevor diese entscheidende wissenschaftshistorische Entwicklung des Mittelalters sich vollzogen hatte, wurde Theologie lediglich in „Klerikerschulen der Städte“ oder in „Mönchsschulen der Orden“[12] gelehrt. Mit der Erschließung der neuen wissenschaftlichen Institution der Universität für die Theologie bildeten sich die „Anfänge einer theologischen Wissenschaftstheorie“[13], vorderrangig in den Städten Paris und Oxford heraus. Ungefähr ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde die Theologie als ein „methodisch vorgehendes, in sich gegliedertes Unternehmen bedacht.“[14] Aus dieser Zeit soll auch der 'Name' „Theologie“ stammen. Interessant und bemerkenswert ist der „Evolutionsprozess“ der Theologie hin zu einer Wissenschaft im Hinblick auf die mit diesem Prozess einhergehenden Kriterien und Bedingungen. Denn die Theologie wurde zur Wissenschaft, weil und „indem sie sich der in den Wissenschaften gebräuchlichen Termini und Methoden bediente.“[15] In eben jenen Methoden lag das Existenzkriterium einer Wissenschaft, welches jedwede Wissenschaft zu erfüllen hatte, um als solche zu gelten. Diesem überaus wesentlichen und bedeutenden Gesichtspunkt möchte ich im Folgenden nachgehen. Als vordergründig bedeutendstes Kriterium für Wissenschaftlichkeit im Mittelalter galt die Ableitung eines Sachverhaltes aus sogenannten „ersten Prinzipien“, mithilfe des auf Aristoteles zurückgehenden logischen Prinzips des Syllogismus. „Der wissenschaftliche Beweis ist Zeichen einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit menschlichen Erkennens.“[16] So galt in der Scholastik die Auffassung, dass eine logisch adäquate Schlussfolgerung aus allgemeinen Prinzipien notwendig wahre Sätze hervorzubringen vermag. Mithin ist „Wissenschaft im Sinne der Wissenschaft demnach die Einsicht in die Wahrheit eines Satzes.“[17] In diesem Sinne eine beinahe absolute Rationalisierung, Hinwendung zur Vernunft und zur Theorie, ganz im Zeichen der aristotelischen Vorstellung des „habitus scientiae“ und der des „bios theoretikos“, also des kontemplativen Lebens, die zur „herausragenden menschlichen Lebensform“[18] deklariert wird- einer Lebensform, in der nach aristotelischer Vorstellung die vollkommene Glückseligkeit ('eudaemonia' oder 'beatitudo') als höchstes Gut und Endziel jeglichen menschlichen Handelns galt. Dieser immanente Zusammenhang zwischen wissenschaftlich-rationalem Streben und der sich in jener Glückseligkeit niederschlagenden Vervollkommnung war konstitutiv und wesensbestimmend für das Wissenschaftsverständnis des Mittelalters.

[...]


[1] Frei nach einem ebenso berühmten Namensvetter Aquins, wenngleich anderen Formats: Thomas Mann, Anfangssatz aus dem mit „Höllenfahrt“ überschriebenen Vorspiel zur Tetralogie, Joseph und seine Brüder, Band I: Die Geschichten Jaakobs

[2] Cora Dietl, Dörte Helschinger (Hrsg.), Ars und Scientia im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, Ergebnisse interdisziplinärer Forschung, Tübingen und Basel: A. Francke Verlag 2002, S.103

[3] Alain de Libera, Denken im Mittelalter, München: Wilhelm Fink Verlag 2003, S.32, zitiert nach Bertrand Russell

[4] Otto Mazal, Eva Irblich, István Németh, Wissenschaft im Mittelalter, Ausstellung von Handschriften und Inkunablen der Österreichischen Nationalbibliothek, Graz: Akademische Druck- u. Verlagsanstalt, 1980, S.13

[5] Ebd., S.18

[6] Ebd., S.14

[7] Cora Dietl, Dörte Helschinger (Hrsg.), Ars und Scientia im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, Ergebnisse interdisziplinärer Forschung, Tübingen und Basel: A. Francke Verlag 2002, S.13

[8] Otto Mazal, Eva Irblich, István Németh, Wissenschaft im Mittelalter, Ausstellung von Handschriften und Inkunablen der Österreichischen Nationalbibliothek, Graz: Akademische Druck- u. Verlagsanstalt, 1980, S.14

[9] Thomas von Aquin, Summa contra Gentiles I, 4; Entnommen: F.C. Copleston, Geschichte der Philosophie im Mittelalter, München: Verlag C.H. Beck, S.176

[10] Otto Mazal, Eva Irblich, István Németh, Wissenschaft im Mittelalter, Ausstellung von Handschriften und Inkunablen der Österreichischen Nationalbibliothek, Graz: Akademische Druck- u. Verlagsanstalt, 1980, S.14

[11] Ebd., S.14

[12] Bruno Niederbacher (Hrsg.), Theologie als Wissenschaft im Mittelalter, Texte, Übersetzungen, Kommentare, Münster: Aschendorff Verlag, 2006, S.5

[13] Ebd., S.5

[14] Ebd., S.5

[15] Ebd., S.6

[16] Lexikon des Mittelalters, Band IX, München: Lexma Verlag 1998, S.261

[17] Ebd., S.261

[18] Cora Dietl, Dörte Helschinger (Hrsg.), Ars und Scientia im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, Ergebnisse interdisziplinärer Forschung, Tübingen und Basel: A. Francke Verlag 2002, S.59

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die theologische Tiefe des Thomas von Aquin
Untertitel
Summa Theologica, Quaestio 1, Artikel 4
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Philosophisches Institut der Freien Universität Berlin)
Veranstaltung
Thomas von Aquin
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V147911
ISBN (eBook)
9783640579495
ISBN (Buch)
9783640578948
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas von Aquin, Summa Theologica
Arbeit zitieren
Nathaniel Mandal (Autor), 2009, Die theologische Tiefe des Thomas von Aquin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147911

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