NS-Täterforschung

Am Beispiel Robert Ritters


Referat (Ausarbeitung), 2010
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Robert Ritters Weg zu einem der führenden Zigeuner- und Asozialenforscher der NS-Zeit

Was macht oder machte Robert Ritter zum Täter und handelte er auf Befehl oder eigenständig?

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Auch noch in der heutigen Zeit gehört die Täterforschung von Personen, die dem NS-Regime dienten, zuarbeiteten oder mit ihm sympathisierten zu den wichtigsten, anspruchvollsten, schwierigsten sowie aufwendigsten Aufgaben der Nachkriegszeit. Denn nur mittels der Täterforschung kann man wirksam die NS-Zeit aufarbeiten und die furchtbaren Machenschaften, wie u.a. Ermordungen, Plünderungen bis hin zu den methodisch-planvollen Hinrichtungen von Juden, Sinti und Roma und anderen ethnischen Minderheiten, die nicht als lebenswürdige Rasse erachtet wurden und fast deren Ausrottung zur Folge hatte beleuchten, verstehen und für zukünftige Zeiten verhindern.

Ich möchte zunächst einige Fragen stellen, die ich im weiteren Verlauf versuchen werde zu beantworten, bevor ich zu den beiden zentralen Aufgaben meiner Arbeit komme. Ob mir dies gelingt, hat der Leser zu entscheiden.

Was ist überhaupt Täterforschung? Warum und wie betreibt man sie? Was sind mögliche Schwierigkeiten die sich bei der Täterforschung ergeben / ergeben können?

Um die Frage zu klären wer denn überhaupt die Täter an der Shoah waren, hätte man annähernd jeden Menschen im besetzten Deutschland erst einmal unter Generalverdacht stellen müssen. Es kam zu Massenverhaftungen von ca. 182.000 Menschen in den drei westlichen Besatzungszonen[1]. Im Rahmen dieser Festnahmen kam es dann zu Befragungen, Verhören und schließlich zu 5025 Veruteilungen[2]. In den westlichen Besatzungszonen wurden gegen ca. 2,5 Millionen Menschen Verfahren eröffnet, bei denen rund 54% als Mitläufer, 1,4% als Haupttäter und 0,6% als NS-Gegner anerkannt wurden; bei 34,6% wurde das Verfahren eingestellt[3]. Es konnten sich allerdings auch viele der Täter oder Mitläufer der Inhaftierung entziehen, sei es mit falschem Namen über die so genannten Rattenlinien (einem Netzwerk aus ehemaligen Kameraden)[4] oder wie im Falle Robert Ritters mit einem Persilschein und verschiedensten Leumundszeugen[5].

forschers“, Diss. Universität Tübingen, Online-Ausgabe, S. 211, 222

Wie bereits erwähnt, ist die Täterforschung eine der wichtigsten Aufgaben der Nachkriegszeit bis hin zu unserer Generation. Dabei soll die Täterforschung nicht nur dem Verstehen der Taten und deren Hintergründe dienen, sondern auch der Aufarbeitung des gesamten Geschehens des Krieges sowie den daraus zu ziehenden Schlüssen für die Zukunft. Doch die Täterforschung erweist sich oft als sehr schwierig. Matthias Heyl beschreibt im Kapitel ,,Erziehung nach Auschwitz“ – Eine Bestandsaufnahme – die Probleme die sich bei der Täterforschung ergeben können.

,,Schweigen und Verschweigen der Eltern bezüglich Ihrer Haltung zum Nationalsozial- ismus und zur Judenverfolgung, wobei für die Kinder häufig undeutlich blieb, was die

Eltern schweigen lässt.“ [6]

Weitere Probleme, die Heyl benennt, wären die Abwehrhaltung und das Vermeidungsverhalten der Eltern bei Konfrontation mit dem Geschehenen, Verleugnungs- und Umdeutungstendenzen in Gesprächen sowie die Hilflosigkeit, ,,(…)da man sich ja selbst nicht erklären könne, wie es dazu kommen konnte(…)“[7]. Die Schwierigkeiten, die die Täterforschung begleiten, sind neben den oben genannten, die des ständigen Abstreitens des Geschehenen, ob als Täter, Mitläufer oder Zuschauer, sowie Aussagen wie die, dass nicht die Deutschen die Konzentrationslager erfunden haben, dass Hitler nicht nur Schlechtes, sondern auch Gutes bewirkt hat oder die, dass auch die anderen Verbrechen begangen haben[8].

Eine sinnvolle und effektive Täterforschung konnte somit nicht direkt nach dem Krieg erfolgen, sondern erst Jahre oder Jahrzehnte später, als die Mauern des Schweigens, des Verdrängens und der Verleugnung aufgrund des Druckes und der Fragen der Nachfolge- generationen oder auch aus eigenen Überzeugungen bzw. Gewissensbissen durchbrochen worden waren.

Robert Ritters Weg zu einem der führenden Zigeuner- und Asozialenforscher der NS-Zeit

Im folgenden Abschnitt möchte ich kurz Robert Ritters Lebensweg bis zur Machtergreifung Hitlers 1933 skizzieren und beleuchten, um dann auf die Frage eingehen zu können: Was macht oder machte Robert Ritter zum Täter und welche Rolle spielte Eva Justin dabei?

Robert Ritter wurde am 14. Mai 1901 als erstes Kind von Martha und Max Ritter, einem Kapitänleutnant, Offizier zur See, in Aachen geboren. Es folgten zwei Schwestern. Das familiäre Denken war von kaisertreuem und deutsch-nationalem Geiste sowie einem strengen autoritären Erziehungsstil väterlicherseits geprägt[9]. Ritter besuchte nach eigenen Angaben verschiedene Schulen, wie das Gymnasium zu Berlin-Zehlendorf, das Katharinäum zu Lübeck und das Realgymnasium zu Nowawes[10]. Ab 1916 begann die militärische Ausbildung Ritters in der Hauptkadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde, die bis 1918 andauerte und ihm die Unterwerfung unter die Befehls- und Ordnungsstruktur mit militärischem Drill lehrte, für die der Vater mit seinem Erziehungsstil den Grundstein legte. Dadurch, so schrieb Tobias Joachim Schmidt-Degenhard, bekam Ritter:

,,(…) seine enorme Selbstdisziplin und der zähe Durchhaltewillen auf wissenschaft- lichem Feld – militärisch-preußische Sekundärtugenden, die ihm bei seinen späteren

erbforscherischen und erbbiologischen Großprojekten zupaß kamen(…)“[11] .

1919 schloss sich Ritter dem ,,Grenzschutz Ost“ Freikorps in Schlesien an, bevor er sich den nationalen Jugendbünden im besetzten Rheinland anschloss[12]. Er beschreibt selbst in seinen Lebenserinnerungen, dass er nach der 1920 angefangenen Lehre bei der Deutschen Bank in Koblenz seine sozialen Ideen und Ideale zur „Auswirkung“ bringen wollte. In dieser Zeit, so schrieb er, kam seine Energie eher einem „christlichen Hilfsbund“ als der Lehre zu gute, weshalb man ihn von der Lehre ausschloss und er dann 1921 sein Abitur ablegte[13]. Es folgten

in den Jahren 1921 bis 1929 Studien in verschiedenen Städten und in verschiedenen Studiengängen. Hauptsächlich lag der Focus Ritters auf dem Studium der Medizin. Ritter studierte aber ebenfalls Philosophie und Psychologie und hospitierte in den Semesterferien in Landeserziehungsheimen sowie Heilanstalten der Fürsorgeerziehung[14]. Ritter promivierte 1927 an der philosophischen Fakultät der Universität München über das Thema ,,Versuch einer Sexualpädagogik auf psychologischer Grundlage“, welches auch das Thema seiner Doktorarbeit 1927 war. Ziel sollte es sein, Grundlagen einer verstehenden Sexualpädagogik zu erstellen. Seine ärztliche Approbation erhielt er 1929, bevor er 1930 eine weitere Promotion erhielt, diesmal allerdings an der Universität Tübingen. Thema der Promotion war ,,Die Frage der Vererbung der allergischen Diathese“. Durch diese Promotion lässt sich erahnen, dass Ritter nicht nur medizinische, jugend- und heilpädagogische Interessen hatte, sondern sich auch für die Vererbungslehre interessierte. Später konnte ihm das bei der „Zigeuner- und Asozialenforschung“ natürlich weiterhelfen. Ritters Ansichten wandelten sich vom heilpädagogisch interessierten Kinder- und Jugendpsychiater, als er 1931 für ca. ein Jahr eine Assistenz-Arztstelle an der psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich-Burghölzli annahm, zum eugenischen Sympathisanten und zum späteren Mittäter der NS-Rassenhygiene[15]. Er schrieb selbst:

[...]

[1] Dieter Schenk, „Auf dem rechten Auge blind“, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001 auf http://de.wikipedia.org /wiki/Entnazifizierung#cite_ref-DS_0-1

[2] Manfred Görtemaker, ,,Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“, Fischer (Tb.) Frankfurt 2004, auf http://de.wikipedia.org/wiki/Entnazifizierung#cite_ref-DS_0-1

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Entnazifizierung#cite_ref-DS_0-1

[4] http://www.zeit.de/2001/06/200106_a-flensburg.xml, ,,Flensburger Kameraden“, Juni 2001

[5] Tobias Joachim Schmidt-Degenhard, Robert Ritter (1901-1951). Zu Leben und Werk des NS- ,,Zigeuner-

[6] Matthias Heyl, ,,Erziehung nach Auschwitz“ – Eine Bestandsaufnahme – In: ,,Familialer und intergenerationeller Umgang mit der Shoah in deutschen Familien“,( nach von Westernhagen 1987) Krämer Verlag, Deutschland, Niederlande, Israel, USA; Hamburg 1997, S. 127

[7] Ebenda. S. 127

[8] Ebenda. S. 128

[9] Tobias Joachim Schmidt-Degenhard, Robert Ritter (1901-1951). Zu Leben und Werk des NS- ,,Zigeuner- forschers“, Diss. Universität Tübingen, Online-Ausgabe, S. 30

[10] Ebenda. S. 31

[11] Ebenda. S. 32ff

[12] Ebenda. S. 38ff

[13] Brief, Ritters, 1945, S.4 in Tobias Joachim Schmidt-Degenhard, Robert Ritter (1901-1951). Zu Leben und Werk des NS- ,,Zigeunerforschers“, Diss. Universität Tübingen, Online-Ausgabe, S. 39

[14] Tobias Joachim Schmidt-Degenhard, Robert Ritter (1901-1951). Zu Leben und Werk des NS- ,,Zigeuner- forschers“, Diss. Universität Tübingen, Online-Ausgabe, S. 268

[15] Ebenda. S. 48ff

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
NS-Täterforschung
Untertitel
Am Beispiel Robert Ritters
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Seminar: Pädagogisch-politischer Umgang mit Minderheiten
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V147928
ISBN (eBook)
9783640599028
ISBN (Buch)
9783640598878
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
NS, Nazionalsozialismus, Täterforschung, Shoah, Holocaust, Juden, Judenverfolgung, Euthanasie, Eugenik, Verbrechen, Völkermord, Sinti und Roma, "Zigeuner", "Zigeunerverfolgung", Genozid
Arbeit zitieren
Daniel Rahn (Autor), 2010, NS-Täterforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147928

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