"Wahrnehmen heißt Ideen zu haben". Dieses leicht abgewandelte Diktum des britischen Empirikers John Locke soll am Anfang dieser Arbeit stehen. In ihm liegt, mehr oder weniger deutlich, Lockes Wahrnehmungsphilosophie verborgen. Und so soll er mir als Wegweiser und Richtschnur für diese Arbeit dienen. Über den in Lockes Philosophie so zentralen Begriff der "Idee" wollen wir zu seiner Wahrnehmungskonzeption gelangen. Auf diesem Weg sollen uns folgende Problemstellungen begleiten: Lockes Konzeption von Ideen und Qualitäten, seine hierbei vorgenommene Unterscheidung zwischen primären und sekundären Qualitäten. Meine Arbeit ist wie folgt gegliedert: In einem ersten Schritt werde ich diese Unterscheidung Qualitäten primärer und sekundärer Art erläutern. In einem weiteren Schritt werde ich dann anhand der Philosophie George Berkeleys zu zeigen versuchen, zu welch großen Kontroversen jene Lockesche Konzeption in der Philosophiegeschichte geführt hat. In diesem Zusammenhang werde ich den von Berkeley vorgetragenen Haupteinwand des "Immaterialismus", der sich u.a. als Gegenentwurf zu Lockes Ideenkonzeption verstehen lässt, erläutern. Das Einbeziehen Berkeleys Philosophie scheint mir insbesondere im Zusammenhang einer Arbeit über die Wahrnehmungsphilosophie außerordentlich lohnend, da Berkeley, wie wir in dieser Arbeit sehen werden, der Wahrnehmung einen ungemein hohen Stellenwert beimisst. In diesem Sinne hoffe ich ein halbwegs vollständiges Bild dieser, wie ich finde äußerst interessanten und elementaren Kontroverse zeichnen zu können. Dabei werde ich auch auf einige Gemeinsamkeiten dieser beiden philosophischen Konzeptionen zu sprechen kommen. Für dieses Vorhaben sollen mir hauptsächlich die zwei folgenden philosophischen Abhandlungen Lockes und Berkeleys als Primärquelle dienen: 1. John Locke: Ein Versuch über den menschlichen Verstand (1690), 2. George Berkeley: Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis (1710).
Da ich mich jedoch in meiner Hausarbeit nicht nur auf die bloße Darstellung dieser beiden Positionen beschränken möchte, werde ich auf deren Grundlage in einem letzten, etwas kürzer gehaltenen Abschnitt abschließend versuchen, in eigener Stellungnahme auf diese Kontroverse kommentierend einzugehen.
Inhaltsverzeichnis
1) Ideen und primäre (objektive) bzw. sekundäre (subjektive) Qualitäten
2) George Berkeleys Philosophie des Immaterialismus als Gegenentwurf zu John Lockes Ideenlehre
3) Stellungnahme
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der Wahrnehmungsphilosophie von John Locke und George Berkeley auseinander, um die Kontroverse um die Natur von Ideen und Qualitäten zu untersuchen. Ziel ist es, Lockes Differenzierung in primäre und sekundäre Qualitäten zu analysieren und Berkeleys Gegenentwurf des Immaterialismus gegenüberzustellen, um abschließend eine eigene philosophische Stellungnahme zu diesen Positionen zu beziehen.
- Lockes Wahrnehmungskonzeption (Sensation und Reflexion)
- Die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Qualitäten
- Berkeleys Kritik an abstrakten Ideen und Lockes Qualitätenlehre
- Der Immaterialismus: "esse est percipi"
- Philosophische Reflexion über die Bedeutung von Wahrnehmung und Existenz
Auszug aus dem Buch
1) Ideen und primäre (objektive) bzw. sekundäre (subjektive) Qualitäten
Welchen Stellenwert die Ideen in Lockes Philosophie für die Wahrnehmung haben, ist aus dem eingangs erwähnten Zitat sicherlich sehr deutlich geworden. Nach Locke verfügt der Mensch lediglich über zwei Quellen, aus denen er schöpfen kann um Ideen zu erlangen. Die eine bezeichnet er als "Sensation", die andere als "Reflexion". Die Sensation, ist die Sinneswahrnehmung, durch die wir der "Gegenstände der Außenwelt" gewahr werden. Reflexion hingegen steht für eine Art "inneren Sinn" und beschreibt den Vollzug von geistigen Tätigkeiten oder "Operationen des Geistes", wie Locke es formuliert.
Locke ist von dieser Einteilung äußerst überzeugt und verteidigt wiederholt ihre uneingeschränkte Gültigkeit. Alle Ideen, über die der Mensch verfügt, stammen entweder aus der Sensation oder Reflexion. Die Reflexion spielt auch bei Lockes Beschreibung des Wahrnehmungsbegriffs eine wesentliche Rolle, wenn er sagt: "Die Wahrnehmung ist einerseits die erste Fähigkeit des mit unseren Ideen beschäftigten Geistes und andererseits die erste und einfachste Idee, die wir durch Reflexion gewinnen." Auch verdeutlicht folgende Bemerkung von Locke erneut die enge Verknüpfung zwischen Ideen und Wahrnehmung: "Die äußeren Objekte versehen den Geist mit den Ideen der sinnlich wahrnehmbaren Qualitäten..., der Geist versieht den Verstand mit Ideen seiner eigenen Operationen."
Zusammenfassung der Kapitel
1) Ideen und primäre (objektive) bzw. sekundäre (subjektive) Qualitäten: Dieses Kapitel erläutert Lockes Theorie der Wahrnehmung durch Sensation und Reflexion sowie seine fundamentale Differenzierung zwischen primären und sekundären Qualitäten.
2) George Berkeleys Philosophie des Immaterialismus als Gegenentwurf zu John Lockes Ideenlehre: Hier wird Berkeleys Kritik an Lockes Qualitätenlehre und seinem Konzept abstrakter Ideen dargelegt, gipfelnd in der Lehre des Immaterialismus und dem Ausspruch "esse est percipi".
3) Stellungnahme: Der Autor bewertet die vorangegangene Kontroverse kritisch, würdigt den Nutzen von Lockes Unterscheidung, erkennt jedoch die Probleme bei der Abgrenzung und diskutiert die Übertragbarkeit von Berkeleys Gedanken auf soziale Kontexte.
Schlüsselwörter
Wahrnehmungsphilosophie, John Locke, George Berkeley, Ideenlehre, Primäre Qualitäten, Sekundäre Qualitäten, Sensation, Reflexion, Immaterialismus, Esse est percipi, Abstrakte Ideen, Wahrnehmung, Empirismus, Geist, Materielle Substanz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Wahrnehmungsphilosophie der englischsprachigen Empiristen John Locke und George Berkeley.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen Lockes Einteilung von Ideen in Sensation und Reflexion, seine Unterscheidung von Qualitäten sowie Berkeleys immaterialistische Kritik an diesen Lehren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Darstellung und kritische Auseinandersetzung mit der Kontroverse zwischen Lockes Repräsentationstheorie und Berkeleys subjektivem Idealismus.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine textanalytische Methode, indem er Primärquellen – Lockes "Versuch über den menschlichen Verstand" und Berkeleys "Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis" – gegenüberstellt und kommentiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung von Ideen bei Locke, die Problematik primärer und sekundärer Qualitäten sowie Berkeleys Einwände gegen eine von der Wahrnehmung unabhängige materielle Welt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie Empirismus, Qualitätenlehre, Immaterialismus und Wahrnehmung definieren.
Was bedeutet der in der Arbeit erwähnte Ausspruch "esse est percipi"?
Es ist ein zentraler Grundsatz Berkeleys, der besagt, dass "Sein" gleichbedeutend mit "Wahrgenommenwerden" ist; Dinge existieren also nur, weil sie von einem Geist wahrgenommen werden.
Inwiefern zieht der Autor eine Verbindung zur Soziologie?
Der Autor reflektiert Berkeleys Gedanken und überträgt das Konzept der Wahrnehmung auf soziale Anerkennung: Wenn ein Individuum wahrgenommen wird, erlangt es durch diese soziale Beachtung eine Form von Existenzbestätigung.
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- Nathaniel Mandal (Author), 2008, Qualitäten der Wahrnehmung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147945