Hochzeitsreisen im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Formen und Voraussetzungen


Hausarbeit, 2003

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Hochzeitsreise - Versuch einer Definition

3. Die Hochzeitsreise - Dimensionen einer Praxis

4. Schlußfolgerungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auch heute noch zählt die Hochzeitsreise, zumindest für manche Paare, zu den Besonderheiten der Hochzeit. Vielfach stand sie an der Schwelle zum Erwachsenendasein. Dies hatte sie ge- meinsam mit der Grand Tour junger Adeliger und den Wanderschaften der Handwerksgesel- len. Anders als diese wurde sie allerdings, das liegt in ihrer Natur, nicht nur von jungen Män- nern, sondern von einem frischvermählten Ehepaar unternommen. Sie gehört zu einem neueren Reiseverhalten. Darauf weist zumindest die Tatsache hin, daß die ersten Dokumente über Hochzeitsreisen aus dem 19. Jahrhundert stammen. Gerade zu dieser Zeit entstand ein großes Interesse an Reiseliteratur und Reiseberichten, was sich nicht zuletzt auch in den Lebenserinne- rungen und Autobiographien vieler Zeitgenossen niederschlug. Somit ist es nicht weiter ver- wunderlich, Hochzeitsreisen in zahlreichen literarischen und autobiographischen Quellen des 19. Jahrhunderts wiederzufinden.

Die Quellengrundlage dieser Arbeit bilden demgemäß Texte aus dem 19. und frühen 20. Jahr- hundert. Es handelt sich hierbei zum Teil um erzählende Texte, die das Thema zur Handlungs- grundlage haben oder aber ihm einen zentralen Platz im Geschehen einräumen. Zu einem an- deren Teil handelt es sich um Lebenserinnerungen und Autobiographien von Zeitgenossen, die über ihre Hochzeitsreisen berichten. Da dies sehr unterschiedliche Quellengattungen sind, die in der Geschichtswissenschaft oft eine unterschiedliche Wertigkeit erhalten, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß an den literarischen Quellen im Sinne von Dominik LaCapra1 sowohl die inhaltlichen als auch die narrativen Besonderheiten der Informationen von Interesse sind. Sie können wichtige Anhaltspunkte für die Praxis der Hochzeitsreise, aber auch für Sichtweisen der Zeitgenossen liefern, womit sie für diese Arbeit in doppelter Hinsicht bedeutsam sind. Ge- nauso wenig unproblematisch ist die Verwendung autobiographischer Quellen.2 Da die Erleb- nisse zumeist erst später niedergeschrieben werden, ist es durchaus denkbar, daß Verzerrun- gen, Auslassungen und Hinzufügungen nicht ausgeschlossen werden können. Andererseits erlaubt gerade dies die Vermutung, daß das Berichtete auch in der Erinnerung des Verfassers noch als besonders erwähnenswert empfunden wurde.

Im Gegensatz zur Literatur des ‚langen’ 19. Jahrhunderts scheint das 20. und 21. Jahrhundert das Interesse an dieser Art von Reise verloren zu haben. Dies hat sicherlich damit zu tun, daß das Reisen in den Alltag vieler Menschen von heute gehört. Zwar sind auch heute noch viele Hotels mit einer Hochzeitssuite ausgestattet, doch unterscheidet diese sich von den übrigen Hotelzimmern meist nur durch ein großes Doppelbett. Wenn noch immer Hochzeitsreisen un- ternommen werden, so sind es vermutlich ganz andere Gründe aus denen das Ehepaar nach der Hochzeit für einige Zeit dem Alltag entflieht und zusammen verreist, als im 19. Jahrhun- dert. Ein wichtiger Unterschied liegt etwa darin, daß viele Paare vor ihrer Heirat bereits zu- sammenleben und vielfach sicherlich auch zusammen verreist sind. Somit ist häufig das Be- dürfnis, auf Hochzeitsreise zu fahren, nicht mehr vorhanden. Noch im 19. Jahrhundert war es hingegen so, daß Mann und Frau vor der Ehe kaum intimeren Kontakt zueinander hatten und sich vielfach auch nur flüchtig kannten. Die Phase des Kennenlernens fand daher oft erst nach der Hochzeit statt, wenn das Paar in einen gemeinsamen Haushalt zog.

Obwohl kulturgeschichtliche Fragestellungen in den vergangenen Jahren großes Interesse ge- funden haben, ist es allerdings auffällig, daß die historische Forschung das Thema Hochzeits- reise bislang für sich nicht entdeckt zu haben scheint. Nicht einmal in dem neuen Medium In- ternet sind aktuelle Informationen hierzu zu bekommen. Aufgrund der schlechten Forschungs- lage ist es notwendig, grundlegende Fragestellungen das Thema betreffend zu stellen und - soweit im Rahmen dieser Hausarbeit möglich - zu beantworten. Wer ist auf Reisen? Welche Verkehrsmittel werden benutzt? Über welchen Zeitraum wird verreist? Wo ist das Hochzeits- paar während der Reise untergebracht? Gibt es ein Reisemotiv? Werden Normen für die Hoch- zeitsreise erwähnt?

2. Die Hochzeitsreise - Versuch einer Definition

Was genau ist gemeint, wenn von einer ‚Hochzeitsreise’ gesprochen wird? Der folgende Abschnitt wird den Versuch unternehmen, anhand von Lexikoneinträgen aus dem 19. Jahrhundert eine Definition für den Begriff zu liefern, um einen Anhaltspunkt für das zeitgenössische Verständnis dieses Reisephänomens zu gewinnen. In Meyers Konversations-Lexikon aus dem Jahre 1889 findet sich unter dem Eintrag ‚Hochzeit’ folgende Aussage:

In Deutschland, wie in den gebildeten Staaten Europas überhaupt, haben sich die Festlichkeiten sehr vereinfacht; das Brautpaar entzieht sich sogar oft noch vor Beendigung der Hochzeit den Gästen durch die Hochzeitsreise.3

Bemerkenswert ist hieran zweierlei: zum einen haben sich die Festlichkeiten vereinfacht. Zum anderen aber ‚entzieht’ sich ihnen das Ehepaar durch eine Hochzeitsreise, denn die Reise wird noch vor Beendigung der Feier angetreten, während die Gäste dann ohne das Brautpaar weiterfeiern müssen. Der Wandel der Hochzeitsriten ist hier offenkundig: Zuvor war es in vielen Gegenden Brauch, daß das Brautpaar oft noch bis zum Ehebett von den Gästen begleitet wurde, die sowohl die Aufgabe hatten die Ehe zu segnen, als auch den Vollzug der Ehe als Zeugen bestätigen zu können.4 Fast scheint es, als hätte das Brautpaar es vorgezogen, sich in eine intimere und ungestörtere Umgebung zurückzuziehen.

Aber nicht nur die Hochzeitsbräuche, auch das Reisen veränderte sich. Unter dem Stichwort ‚Reisen’ finden sich im gleichen Lexikon folgende wichtige Anhaltspunkte:

Das Reisen hat sich im Laufe der Zeit und mit dem Fortschreiten der Zivilisation in einer staunenswerten Weise entwickelt, namentlich im Anschluß an die Vervollkommnung der Verkehrsmittel und die durch verbesserte internationale Beziehungen gewährleistete Sicherheit der Reisenden.5

Offenkundig nahm im Verlauf des 19. Jahrhunderts der Komfort des Reisens erheblich zu, was nicht zuletzt an den verbesserten und sichereren Verkehrsmitteln gelegen hat. In den 1830er und 1840er Jahren erfuhr die Eisenbahn eine Art Revolution6 und wurde von einem Güter- transportmittel immer mehr zu einem Mittel für den Personenverkehr. Zudem wurde das Stre- ckennetz der Eisenbahn in erheblichem Umfang erweitert. Bereits 1866 gab es in Deutschland 14787 Eisenbahnkilometer.7 Dieser technische Fortschritt wurde auch von einer Zunahme inter- nationaler Integration begleitet, die Reisen ins Ausland vielfach erst ermöglichte, zumindest aber erheblich vereinfachte. Eine Zunahme der Sicherheit vor Kriminalität gehört ebenso in diesen Zusammenhang wie die weitgehende Herstellung von Rechtssicherheit auch im Aus- land. Dies jedenfalls mag mit dem Begriff ‚Zivilisation’ gemeint sein. Eine Rolle könnten hier aber auch Standardisierungen im Bereich von Hygiene und Komfort gespielt haben, auf die man selbst auf Reisen nicht verzichten wollte. Ebenso ist hier an gewisse Entwicklungen im Geldverkehr zu denken, die es den Zeitgenossen ermöglichten, auch ohne die Mitnahme höhe- rer Bargeldbeträge zu verreisen. Ohne diese Entwicklungen hätte das Reisen sicherlich nicht die Attraktivität gewonnen, die es bis heute auszeichnet.

Es liegt nahe, zwischen den Veränderungen der Reisemöglichkeiten und der verstärkten Nei- gung zu Hochzeitsreisen einen Zusammenhang zu vermuten. Neben den zwei Haupttypen der Ferienreise, namentlich des Kurortes und der Sommerfrische, bildete sie sich als Sonderform heraus. Thomas Nipperdey verweist auf die zunehmende Zahl von Bildungsreisen, „in Deutschland etwa als Hochzeitsreise nach Venedig und Florenz.“8 Zumindest wurde nicht län- ger nur dann gereist, wenn es nicht zu vermeiden war. Auch zum Vergnügen ließen sich mitun- ter ausgedehnte Reisen unternehmen. Meyers Lexikon stellt hierzu fest, daß „umgekehrt […] größerer Wohlstand zu Vergnügungsreisen [veranlaßt], die sich in neuster Zeit auf außeror- dentliche Entfernungen ausgedehnt haben, so daß selbst Reisen um die Erde unternommen werden.“9 Wesentlich ist aber nicht nur dies, sondern auch die Tatsache, daß zum Reisen noch immer Voraussetzungen erforderlich waren, die nicht jedem Zeitgenossen zugänglich waren. Außer der Bereitschaft hierzu, mußte nicht nur ein gewisser Wohlstand, sondern auch freie Zeit vorhanden sein. Immerhin wurde im späten 19. Jahrhundert der Grundstock für den heutigen Tourismus gelegt. Zugleich trug das Vorhandensein dieser Faktoren zu einem weiteren Ausbau der Verkehrssysteme entscheidend bei. Sicherere Verkehrsmittel, und vor allem auch Ver- kehrsmittel mit einer hohen Beförderungskapazität, wie das Dampfschiff oder die Eisenbahn erlebten ihre große Zeit. Es liegt nahe, daß sich im weiteren Verlauf der Entwicklung des Phä- nomens der Hochzeitsreise der Aspekt der reinen Freiwilligkeit abschwächte. Die Hochzeitsreise wurde, zumindest in bestimmten Personenkreisen, zu einem Ausdruck von Wohlstand und Kultiviertheit. Sie verlor somit den Charakter einer reinen Vergnügungsreise.

3. Die Hochzeitsreise - Dimensionen einer Praxis

Wer also fuhr auf Hochzeitsreise? Da hätten wir zunächst an historischen Persönlichkeiten den höheren Postbeamten Paul David Fischer mit seiner Gattin Helene Guttentag10, sodann den Künstler Alfred Rethel mit seiner Frau Maria11, den Forscher und Kriegskorrespondenten Ru- dolf Zabel mit seiner Frau12, den Diplomaten Joseph Maria von Radowitz mit seiner Frau Nadi- ne, geborene Ozerow13, das westfälische Landwirtsehepaar Brülle14, den damaligen Gutsbesit- zer und späteren ‚Reichsgründer’ Otto von Bismarck mit Johanna von Puttkamer15, den Stan- desherren, Großgrundbesitzer und späteren Reichskanzler Fürst Chlodwig zu Hohenlohe- Schillingsfürst mit der Prinzessin Marie zu Gann-Wittgenstein-Berleburg16, den Bankier Carl Fürstenberg mit seiner Frau, einer Tochter des Dr. Ludwig Natanson aus Warschau.17 Zudem gingen eine Reihe von ersonnenen Gestalten auf Hochzeitsreise. So etwa Hedwig Courths- Mahlers Kaufmann Frank Nordau mit der Kaufmannstochter Sidonie Jung,18 Carl Caros Asses- sor Fritz Hellwich mit seiner Frau Gertrud, nebst dem Gutsbesitzer Oscar Förster mit seiner Frau Mathilde19, Hans Hopfens Maler Rudolph Wächter mit Pamela, der Tochter eines Land- adeligen,20 Heinrich Manns Fabrikant und ‚Untertan’ Diederich Heßling mit der wohlhabenden Erbin Guste Daimchen,21 Friedrich Gerstäckers Baron Kuno von Rothenfels mit seiner Gattin Elfriede,22 Theodor Fontanes Studienrat Doktor Marcell Wedderkopp mit der Oberstudienrats- tochter Corinna Schmidt23, sowie - vom gleichen Verfasser - den Landrat Baron Geert von Inn- stetten mit Effi, geborener von Briest.24

[...]


1 Dominik LaCapra: Geschichte und Kritik. Frankfurt/Main 1987, S.104.

2 Dagmar Günther: „And now for something completely different“. Prolegomena zur Autobiographie als Quelle der Geschichtswissenschaft. In: Historische Zeitschrift. Bd. 272. 2001, S. 25-61.

3 Art.: Hochzeit, in: Meyers Konversations-Lexikon. Eine Enzyklopädie des allgemeinen Wissens.8.Bd. 4.Aufl. Leipzig 1889, S.600.

4 Vgl. : Das große Hochzeitsbuch. Eine Auswahl der schönsten Novellen, Kurzgeschichten, Balladen, Gedichte und Bilder der Brautwerbung, Hochzeit und Ehe. Hrsg. von Walter Hansen. München 1983.

5 Art.: Reisen, in: Meyers Konversations-Lexikon. Eine Enzyklopädie des allgemeinen Wissens. 13. Bd. 4.Aufl. Leipzig/Wien 1890, S.703.

6 Vgl. Wolfgang Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. Frankfurt/Main 2000, S. 25ff.

7 Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866-1918. 1.Bd.Arbeitswelt und Bürgergeist. München 1990, S. 260.

8 Ebd., S. 178.

9 Art.: Reisen, S. 705.

10 Paul David Fischer: Erinnerungen aus meinem Leben. Für meine Kinder, Enkel und Freunde. Berlin 1919, S.150.

11 Josef Ponten: Seine Hochzeitsreise. Eines Künstlers Ende. Berlin/Leipzig 1930, S. 4.

12 Rudolf Zabel: Meine Hochzeitsreise durch Korea während des Russisch-Japanischen Krieges. Altenburg 1906, S.1.

13 Aufzeichnungen und Erinnerungen aus dem Leben des Botschafters Joseph Maria von Radowitz. Erster Band 1839-1877. Hrsg. von Hajo Holborn. Stuttgart 1925, S. 169.

14 Wilhelm Linden: Hochzeitsreise im Jahre 1898. Heimatblätter. Lippstadt. 63, 1983, S. 103.

15Waltraut Engelberg: Das private Leben der Bismarcks. Berlin 1999, S. 39.

16 Denkwürdigkeiten des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Im Auftrag des Prinzen Alexander zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Hrsg. von Friedrich Curtius. 1. Bd. Stuttgart/Berlin 1914, S. 36.

17 Hans Fürstenberg: Carl Fürstenberg. Die Lebensgeschichte eines deutschen Bankiers. Wiesbaden 1961, S. 241.

18Hedwig Courths-Mahler: Siddys Hochzeitsreise. Bergisch Gladbach 1998, S. 12.

19Carl Caro: Die Hochzeitsreise nach Heidelberg. Lustspiel in einem Aufzuge. 2. Aufl. Wien 1894, S. 1.

20Hans Hopfen: Rezept für junge Frauen. Eine Kurzgeschichte. In: Das große Hochzeitsbuch. Eine Auswahl der schönsten Novellen, Kurzgeschichten, Balladen, Gedichte und Bilder der Brautwerbung, Hochzeit und Ehe. Hrsg. von Walter Hansen. München 1983, S.94.

21Heinrich Mann: Der Untertan. 10. Aufl. Frankfurt/Main 2001, S. 361.

22Friedrich Gerstäcker: Eine Hochzeitsreise. Eine Erzählung. 5. Aufl. Jena 1905, S. 2.

23Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel - oder „Wo sich Herz zum Herzen findt“. 2. Aufl. München 1994, S.183.

24Theodor Fontane: Effi Briest. 4. Aufl. Berlin und Weimar 2001, S. 25.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Hochzeitsreisen im 19. und frühen 20. Jahrhundert
Untertitel
Formen und Voraussetzungen
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie)
Veranstaltung
Geschichte des Reisens. 18. bis 20. Jahrhundert.
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V147991
ISBN (eBook)
9783640586967
ISBN (Buch)
9783640586462
Dateigröße
3789 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
1. Einleitung 1 2. Die Hochzeitsreise – Versuch einer Definition 2 3. Die Hochzeitsreise – Dimensionen einer Praxis 4 4. Schlußfolgerungen 11 5. Literaturverzeichnis 13
Schlagworte
Reisen, Hochzeit
Arbeit zitieren
Bettina Engster (Autor), 2003, Hochzeitsreisen im 19. und frühen 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147991

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