Max Frisch „Andorra“. Vorurteile und Identitätsfindung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

17 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung in die Thematik
1.1 Einleitung
1.2 Sprachliche und inhaltliche Gestaltung

2 Themenschwerpunkte und Rezeption
2.1 Vorurteile und Identitätsfindung – Ein Modell
2.2 Zeitgeschichtliche Bezüge
2.3 Reaktionen auf das Theaterstück

3 Abschließende Betrachtung

4 Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1 Einführung in die Thematik

1.1 Einleitung

Ich bin froh, dass ich [Andorra] geschrieben habe, ich bin froh, dass es sehr viel aufgeführt worden ist – ich habe nicht allzu viele Aufführungen gesehen [...] Es ist mir nicht geheimnisvoll genug für mich selber.“[1]

Das von Max Frisch verfasste Drama Andorra ist in seiner Grundkonzeption ein Stück über den oft lähmenden Einfluss von Vorurteilen, die es scheinbar jederzeit vermögen, einen Menschen in eine stereotypisierte Rolle hineinzuzwängen. Hierbei ist der fatale Endpunkt keineswegs festgelegt, sondern stellt vielmehr eine Art Kampf um das eigene Ich, die eigene verschüttete Identität dar. Die allgemein geläufige Annahme, ein Mensch ist, was er ist, müsste demnach allerdings dahingehend ergänzt werden, dass ein Mensch auch häufig schlichtweg ein Produkt dessen sein kann, was andere aus ihm machen oder besser, wozu sie ihn aufgrund ihrer eigenen fehlgeleiteten Überzeugungen treiben.

Die Suche nach der eigenen Identität ist eine Thematik, welche Frisch bereits 1931 in seinen ersten journalistischen Arbeiten eingehend beschäftigt hat. Späte Werke wie Montauk (1975) und Der Mensch erscheint Holozän sind ebenso von dieser Thematik geleitet.

Erste Beschäftigung mit der Materie rund um das Land Andorra findet der freie Journalist Frisch bei der Besprechung der Reiseerzählungen Andorranische Abenteuer von Marieluise Fleißer, welche ihm ein erstes Mal den Zugang zu dem offensichtlich winzigen Pyrenäenland mit seinem Reichtum an Drolligkeiten und der äußerst geringen Einwohnerzahl von gerade einmal 6000 ermöglicht. Darauf aufbauend findet sich später innerhalb seiner Prosasammlung Tagebuch 1946-49 mit dem Werk Marion und die Marionetten (1946) eine nähere Auseinandersetzung mit dem Ort Andorra. Darin charakterisierte Frisch Andorra mit samt seinen Einwohnern als ein von Angst erfülltes, provinzialisches Land, welches ein tiefgehendes Misstrauen gegenüber allem Fremden und Ungewohnten kennzeichne. Außerdem behandelt der Autor in dem Tagebuch 1946-49 bereits Themenschwerpunkte wie die Bildnisproblematik ebenso wie die fatale Wirkung von Selbst- und Fremdeinschätzungen, welche innerhalb dieser Arbeit noch eingehender thematisiert werden.[2] Aber auch der jüdische Protagonist Andri wurde unter dem Titel Der andorranische Jude bereits behandelt, obgleich damals dessen Name noch nicht spezifisiert war. Ausgehend von dem Titel dieses Prosatextes und der zeitlichen Nähe zum Holocaust erscheint ein möglicher Bezugspunkt hin zu einer antisemitischen Deutung nahe liegend.

Im Laufe der langwierigen und von Schwierigkeiten gezeichneten Entstehungsgeschichte von insgesamt fünf Anläufen wurde das Werk mehrfach abgeändert und den Vorstellungen Frischs, ebenso wie seiner Auftraggeber, angepasst.[3] Zu wichtig erschien ihm die gewählte Thematik. Diese Einstellung äußerte er in verschiedenen Briefen, Anmerkungen und Interviewaussagen. Im Besonderen finden sich solcherlei Gedanken in seinem Brief an Siegfried Unseld vom 27. August 1961. Aufgrund dieser Umstände war die einst geplante Züricher Uraufführung in der Saison 1958/59 zur Feier des zwanzigjährigen Bestehens des Schauspielhauses nicht mehr realisierbar und veranlasste Frisch, sein Bühnenstück Biedermann und die Brandstifter vorzuziehen. Die Vorfassungen zu Andorra selbst sind nicht erhalten.

Als dann im Jahre 1961 die Erstaufführung in Zürich die Zuschauer begeistern konnte, galt es, innerhalb der vielfach durchgeführten Proben zur Uraufführung das Drama vor Ort an den verschiedensten Stellen zu modifizieren. Dadurch entstand letztendlich eine eigene Züricher Fassung, welche sich in vielen Punkten und Dialogen vom Original vor allem dahingehend unterschied, dass manche Stellen an dramatischer Überzeigungskraft gewannen.[4] Innerhalb der Forschung sind mittlerweile eine Reihe an Aufsätzen verfasst worden, die sich dem Vergleich dieser beiden Fassungen gewidmet haben.[5]

Eingeleitet durch die Uraufführung in Zürich beschreitet Andorra in der nun folgenden Zeit einen Weg des Ruhmes und des Bühnenerfolges, welcher sich allerdings nicht in jedem Land gleicher Beliebtheit erfreuen konnte, wie in einen eigenen Kapitel noch zu zeigen sein wird. In der Weltwoche vom 10. November 1961 äußert sich der schweizerische Journalist Gody Suter mit den Worten:

„Ich kenne kein Stück [...], das größere Wirkung auf mich ausgeübt hätte, eine Wirkung in jedem Stockwerk meines Bewusstseins: Gefühl und Bildung, Erfahrung und Gewissen, Snobismus und Sentimentalität sind gleichermaßen in Mitleidenschaft gezogen. Und stimmen zu und wehren sich zugleich.“[6]

Thema der nun folgenden wissenschaftlichen Arbeit wird sein, auf der Grundlage einer problemfokussierten Werkanalyse herauszustellen, inwieweit man das Drama von Max Frisch als ein zeitloses Stück ansehen kann, dessen Brisanz und Aktualität sich auf verschiedenste Problemfelder und historische Entwicklungsprozesse unserer Gesellschaft anwenden lassen. Dabei soll nicht nur die inhaltliche Konzeption des Dramas untersucht werden, sondern gleichermaßen auch die Frage, weswegen in verschieden Teilen der Welt das Drama und dessen individuelle Realisation auf der Bühne ausgesprochen divergierende und vor allem teils negative Reaktionen hervorrief.

1.2 Sprachliche und inhaltliche Gestaltung

Betrachtet man die Konzeption und die Realisierung von Andorra, so lässt sich zunächst ein für die Entstehungszeit typischer Aufbau konstatieren, der sich bei Frischs Werk durch eine linear erzählte Parabel präsentiert, welche in zwölf chronologisch erzählten Bildern und neun Vordergrundszenen das Erkenntnisinteresse des Lesers begleiten.

Dabei stützt sich Frisch auf das Gedankengebäude des Epischen Theaters, bei dem nicht versucht wird, anders als bei einem antiken aristotelischen Theaterstück, den Zuschauer in das Gesehene derart zu involvieren, dass am Ende ein Moment der Katharsis evoziert wird. Bei der Frage hinsichtlich einer genauen Verortung der Geschehnisse verweist der Autor entschieden darauf, dass keinerlei Parallelen zu realen Entitäten intendiert gewesen wären und der gewählte Ort lediglich auf einer literarischen Landkarte zu finden wäre:

„Das Andorra dieses Stücks hat nichts zu tun mit dem wirklichen Kleinstaat; Andorra ist der Name für ein Modell. [...]“[7]

Im Vordergrund des Handlungsstranges steht die Entwicklung der Figur des Andri, welche es erlaubt, das Stück in ein dreigliedriges Etappenschema einzuordnen. Die ersten sechs Bilder lassen sich mit der Suche Andris nach seiner wahren Identität umschreiben. Dazu zählt selbstverständlich auch das Verhalten der Andorraner, die Andri in eine von Vorurteilen behaftete Rolle hineindrängen. Diese prekären Umstände erscheinen als ein omnipräsenter Begleitumstand, an dem schlussendlich auch solcherlei Äußerungen des Wirts nichts ändern, die den ins Abseits geschobenen Protagonisten als positive Ausnahme unter den Juden deklarieren:

„Hab ich nicht bei jeder Gelegenheit gesagt, Andri ist eine Ausnahme?“ (S.16)

[...]


[1] Schmitz/Wendt (1984), S.65.

[2] Bänziger (2002), S.22ff; Frisch (1986), Bd.1, S.32, Bd.2, S.352, 369f.

[3] Schmitz/Wendt (1978), S.180f.

[4] Schmitz/Wendt (1978), S.26-30; Bänziger (2002),S.30f.

[5] Frühwald/Schmitz (1977), S.18.

[6] Kutzmutz (2002), S.125.

[7] Mayer (1986), Bd.4, S.571.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Max Frisch „Andorra“. Vorurteile und Identitätsfindung
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V148056
ISBN (eBook)
9783640597697
ISBN (Buch)
9783640598151
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Max Frisch, Andorra, Thema Andorra
Arbeit zitieren
Florian Fromm (Autor), 2009, Max Frisch „Andorra“. Vorurteile und Identitätsfindung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148056

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