Auswirkungen der Börsenkrise auf die deutschen Lebensversicherer


Studienarbeit, 2002

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung – Die Bedeutung der Lebensversicherung in Deutschland

2 Die Entwicklung der Kapitalmärkte sowie der Aktienquote der deutschen Lebensversicherer
2.1 Boomphase und das Platzen der Spekulationsblase an den weltweiten Kapitalmärkten
2.2 Bedeutung hoher Kapitalerträge für die Assekuranz

3 Probleme für Versicherungsunternehmen auf Grund der Aktienquote und der Entwicklung der Kapitalmärkte
3.1 Hoher Abschreibungsbedarf durch §341b HGB und gesetzliche Rahmenbedingungen
3.2 Stress-Tests der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht

4 Reaktionen der Versicherungsunternehmen auf die Kapitalmarktschwäche
4.1 Kapitalmaßnahmen
4.2 Senkung der Gewinnbeteiligung
4.3 Umstrukturierung
4.4 Einführung professioneller Asset-Liability-Management-Systeme
4.5 Fusionen und Übernahmen
4.6 Protektor – Letzte Konsequenz für von der Insolvenz bedrohte Unternehmen

5 Konsequenzen für die Versicherungsnehmer
5.1 Haftungsansprüche auf Grund zu hoher Renditeversprechungen
5.2 Besondere Situation für Kunden eines Versicherungsverein im Insolvenzfall

6 Quellenverzeichnis

7 Diskussionspunkte

1 Einführung – Die Bedeutung der Lebensversicherung in Deutschland

Die Bedeutung der Lebensversicherung in Deutschland wird in Zahlen ausgedrückt schnell deutlich. Mit rund 88 Millionen Versicherungsverträgen stellt die Lebensversicherung neben dem Eigenheim den größten Vermögensposten deutscher Sparer dar. Mehr als 55% der deutschen Haushalte besitzen eine oder mehrere Lebens- und/oder Rentenversicherungspolicen. Im Jahr 2002 investierten die Versicherungsnehmer 65,1 Mrd. EUR an Beiträgen (Bruttobeitragseinnahmen) in Lebens-versicherungen. Gegenüber dem Jahr 2001 bedeutet dies ein Anstieg von 4,3% (2001: 62,36 Mrd. EUR). Nach gebuchten Beitragsvolumen ist die Lebensversicherung mit großem Abstand vor der privaten Krankenversicherung der größte Versicherungszweig in Deutschland. Die Versicherungs-leistungen, die im Jahr 2002 an Versicherungsnehmer und Hinterbliebene gezahlt wurden betrugen zusammen 55,1 Mrd. EUR. Dies bedeutet, dass im Durchschnitt arbeitstäglich 211,9 Mio. EUR aus-bezahlt wurden! Insgesamt erreichten die Auszahlungen der Lebensversicherer 2002 fast 30 Prozent der Rentenausgaben der Arbeiterrenten- und Angestelltenversicherung. Zehn Jahre zuvor sind es noch 18,5 Prozent gewesen.

Alle deutschen Lebensversicherer verwalten zusammen Kapitalanlagen in Höhe von knapp 600 Mrd. EUR und sind damit die wichtigsten institutionellen Investoren am deutschen und auch europäischen Kapitalmarkt. Betrachtet man die Gesamtheit der deutschen Versicherer, so beläuft sich das Anlage-volumen sogar auf mehr als 1.000 Mrd. EUR. Die Versicherungswirtschaft, und insbesondere der Lebensversicherungszweig, ist damit eine tragende Säule der Kapitalmärkte.

2 Die Entwicklung der Kapitalmärkte sowie der Aktienquote der deutschen Lebensversicherer

2.1 Boomphase und das Platzen der Spekulationsblase an den weltweiten Kapitalmärkten

Die deutsche Assekuranz befindet sich zweifelsohne in der schwersten Krise der Nachkriegszeit. Die Ursachen sind schnell ausgemacht. Investierte die Branche bis Anfang der 90er Jahre überwiegend in festverzinsliche Wertpapiere und Beteiligungen, so änderte sich spätestens 1995 das Anlageverhalten.

Das Börsengeschehen war im Zeitraum von 1995 bis März 2000 durch stetig steigende Aktienkurse und stark fallende Zinsen gekennzeichnet. In dieser Phase kam es zu einer deutlichen Belebung der deutschen Aktienkultur. An den Aktienmärkten machte sich in den 90er Jahren ein ausgeprägter Optimismus breit, gepaart mit einer hohen Risikobereitschaft. Auch unter den Analysten gewannen die Optimisten zunehmend die Oberhand und verloren den Blick für die Realität. Da die Aktienkurse mit den klassischen Bewertungsmodellen nicht mehr zu rechtfertigen waren, wurden neue Bewertungs-modelle erfunden. Obwohl in der New Economy keine bzw. kaum Gewinne erzielt wurde, wollte jeder diese Werte im Depot haben. Ausgelöst durch exorbitante Zeichnungsgewinne setzte eine Massen-euphorie ein und ließ gleichzeitig die Befürchtungen entstehen, etwas verpassen zu können. Als Folge davon kam es zu irrationalen Übertreibungen und Fehlbewertungen an den Märkten von der nicht nur Werte der New Economy betroffen waren, sondern auch Papiere sogenannter „Blue Chips“ aus der Old Economy.

Die Situation der Versicherungswirtschaft war zu diesem Zeitpunkt aufgrund der Rentenmarkt-entwicklung äußerst verzwickt. Einerseits sollen die Versicherer ihre Kunden gegen Risiken absichern und müssten die Beiträge deshalb eigentlich möglichst sicher anlegen. Andererseits erwarten die Klienten auch hohe Erträge, die alleine mit Immobilien und sicheren Anleihen nicht mehr zu erzielen sind. Verschärft wurde die Lage durch hausgemachte Probleme. Bei stark rückläufigen Zinserträgen auf dem Kapitalmarkt sind konstante Renditeversprechen problematisch. Vor dem Hintergrund der schon länger anhaltenden Niedrigzinsphase und dem zunehmenden Wettbewerbsdruck, sahen viele Versicherungsunternehmen ihr Heil in einem stärkeren Engagement am Aktienmarkt. Beispielsweise stockte die Allianz ihren Aktienanteil von 8,9% im Jahr 1995 bis zum Ende 2000 auf über 20% auf, Ende Juni 2002 waren es 23%. Innerhalb von nur fünf Jahren wuchs die durchschnittliche Aktienquote der Branche von 12,9% in 1995 auf 26,4% im Jahr 2000. Damit blieben die Lebensversicherer allerdings immer noch weit unter der gesetzlich zulässigen Marke von in Deutschland 35%. Heute werden die Kapitalanlagen in Aktien auf im Schnitt 15% bis 20% geschätzt.

Wie viele Privatanleger hatten die meisten Versicherer erst gegen Ende der Boomphase verstärkt in Aktien investiert. Allein in den Jahren 1999 und 2000 investierte die Branche ca. 45 Mrd. EUR an den internationalen Aktienbörsen – zu einem Zeitpunkt, als die Märkte Rekordstände erreichten. Un-mittelbar vor dem Einsetzen der Baisse am Aktienmarkt vereinte die Branche jeden dritten Anteils-schein eines deutschen börsennotierten Unternehmen in ihren Händen. Oliver Bäte vom Beratungs-unternehmen McKinsey formulierte das prozyklische Anlageverhalten der Versicherer folgendermaßen: „Die Versicherer sind wie ein Surfer auf der Aktienwelle geritten und haben nicht gemerkt, dass sie schon auf dem Strand sitzen“.

Ab Mitte des Jahres 2000 rächte sich die starke Ausrichtung auf Aktien. Die Kapitalmarktentwicklung führte zu massiven Wertberichtigungen in den Bilanzen und war mit einer deutlichen Reduktion der Gewinnbeteiligungen verbunden. Nachdem der DAX bis Ende Juli 2002 weitere 40% gegenüber den Jahresendkursen 2001 verloren hatte, kam es im August 2002 zu Panikreaktionen, verbunden mit einem massiven Abbau der Aktienpositionen. Die Versicherer befinden sich als größte institutionelle Investoren dabei in einem Teufelskreis. Je mehr sie unter Druck geraten ihre Aktienbestände abzubauen, desto tiefer fallen die Kurse. Der daraus ent-stehende ununterbrochene Abwärtstrend hielt bis März 2003 an. Der DAX erreichte im März 2003 sein 7-Jahres-Tief bei knapp über 2.200 Punkten und erholte sich seitdem zusehends. Im Vergleich zum Allzeithoch von 8.064 Punkten im März 2000 bedeutete dies ein Verlust von über 72 Prozent (siehe Grafik). Zuletzt stand der DAX im Jahr 1996 auf dem Niveau von 2.200 Punkten. Die immense Kapitalvernichtung zeigt sich auch deutlich wenn man sich die Marktkapitalisierung aller DAX Unternehmen vor Augen hält. Ende 1999 hatten alle DAX-Werte zusammen eine Marktkapitalisierung von knapp 1.040 Milliarden EUR, im März 2003 waren alle DAX-Werte zusammen gerade noch ca. 280 Milliarden EUR wert. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob die derzeitige Erholung an den Märkten nur kurzfristiger Natur ist, oder der lang ersehnte Aufwärtstrend in den kommenden Monaten weiter anhält.

Eine Krise dieses Ausmaßes am Kapitalmarkt konnte insbesondere an den Lebensversicherern, als größter institutioneller Akteur an den Kapitalmärkten, nicht spurlos vorbeigehen. Aus stillen Reserven sind inzwischen, durch Änderung der gesetzlichen Regelungen, bei vielen Lebensversicherern stille Lasten geworden, so dass zahlreiche Experten davon ausgehen, dass die deutschen Lebensversicherer in ihren Kapitalanlagen praktisch über keine Reserven mehr verfügen. Vor diesem Hintergrund über-rascht es nicht, dass Versicherungswerte im Jahr 2002 zu den Aktien gehörten die sich am schlechtesten entwickelten.

2.2 Bedeutung hoher Kapitalerträge für die Assekuranz

Betrachtet man die Gewinnzusammensetzung der deutschen Lebensversicherer stellt man fest, dass 80-90% der Gewinne aus den Kapitalanlagen stammen, und jeweils zwischen 5 bis 10% Risiko-, Kosten- und sonstige Gewinne darstellen. Damit ist klar, dass die Abhängigkeit der Lebensversicherer von der Entwicklung der Kapitalmärkte sehr gross ist.

Deutsche Anbieter von kapitalbildenden Lebensversicherungen sind gesetzlich dazu verpflichtet, die Spareinlagen ihrer Kunden mit dem so genannten Rechnungszins in Höhe von 3,25% (bei Vertrags-abschluss vor Juli 2000: 4%) zu verzinsen. Der Sparanteil ist der Teil der eingezahlten Beiträge der Kunden, der nach Abzug der Kosten des Versicherers verbleibt. Die Kosten variieren je nach Versicherer in einer Größenordnung zwischen ca. 5% bis 25% der Prämie. Um seinen Verpflichtungen gegenüber den Kunden nachkommen zu können, müssen Lebensversicherer folglich jedes Jahr mindestens zwischen 3,25% und 4% der Spareinlagen erwirtschaften. Naturgemäß werden die deutschen Lebensversicherer diesen Garantiezins zu einem großen Teil aus den Kapitalerträgen finanzieren. Darüber hinaus sind aber beispielsweise auch Kosten- und Risikogewinne wie Gewinne aus dem Rückversicherungsergebnis und sogar Stornogewinne denkbar und tragen unterschiedlich zum Gesamtergebnis bei. Die pauschale Aussage, dass Versicherer die weniger als 3,25% an Kapital-erträgen erwirtschaften nicht mehr in der Lage sind ihre garantierten Leistungen zu erbringen ist somit falsch.

Neben der garantierten Verzinsung der Sparanteile erhalten Kunden von Lebensversicherern eine Überschussbeteiligung. Deutsche Lebensversicherer sind per Gesetz dazu verpflichtet 90% ihrer Gewinne an die Kunden auszuschütten um die Versicherten angemessen an den Überschüssen zu beteiligen, die die Gesellschaften mit ihrer Prämie erwirtschaften. Diese Überschussbeteiligung hängt vom Geschäftsverlauf des Versicherers ab und korreliert somit stark mit den an den Kapitalmärkten erwirtschafteten Erträgen. Wenn diese Erträge nun zurück gehen, dann ist es zwangsläufig so, dass auch die Höhe der Überschussbeteiligung zurück gehen muss (Ausnahme: Aufdeckung stiller Reserven). Umgekehrt erhöht sich in Zeiten günstigerer Kapitalmärkte die Gewinndeklaration. Die Gewinnbeteiligung schwankt im Gegensatz zum gesetzlich garantierten Rechnungszins stark von Gesellschaft zu Gesellschaft und hat sich zu einem wesentlichen Wettbewerbskriterium entwickelt. Für Lebensversicherer ist es also von großer Bedeutung hohe Kapitalerträge zu erwirtschaften um eine möglichst hohe Überschussbeteiligung ausschütten zu können, da diese maßgeblichen Einfluss auf das Neugeschäft und die Kundenzufriedenheit hat.

3 Probleme für Versicherungsunternehmen auf Grund der Aktienquote und der Entwicklung der Kapitalmärkte

3.1 Hoher Abschreibungsbedarf durch §341b HGB und gesetzliche Rahmenbedingungen

Aufgrund der dramatischen Entwicklung an den Kapitalmärkten und der damit verbundenen Ab-wertung der Kapitalanlagen der deutschen Lebensversicherer hat der GDV die Regierung Mitte 2001 aufgefordert, die Bilanzierungsvorschriften für die Versicherungsbranche zu ändern. Die daraufhin von der Bundesregierung verabschiedete Neuregelung der Bewertungsvorschriften räumte den Versicherungsunternehmen erstmals die Möglichkeit ein, zum 31.12.2001 eine Bewertung ihrer Kapitalanlagen nach dem gemilderten Niederstwertprinzip vorzunehmen. Konkret ermöglichte die Neu-fassung des §341b HGB den Versicherungsunternehmen, im Rahmen der Bewertung von Wert-papieren, die dazu bestimmt sind dauerhaft dem Geschäftsbetrieb zu dienen und deren Zeitwert zum Abschlussstichtag niedriger ist als der Buchwert, auf eine außerplanmäßige Abschreibung zu verzichten, wenn die Wertminderung als voraussichtlich vorübergehend eingeschätzt wird. Die dadurch entstehenden stillen Lasten müssen allerdings innerhalb von ein bis drei Jahren wieder ab-gebaut werden. Bisher sahen die Abschreibungsregelungen vor, die Wertpapierbestände von Versicherungsunternehmen wie Umlaufvermögen und somit nach dem strengen Niederstwertprinzip zu bilanzieren. Durch die Änderung der Vorschriften kann nunmehr gewählt werden, ob die Wertpapiere als Umlaufvermögen oder als Anlagevermögen anzusetzen sind. Als Anlagevermögen gehaltene Wert-papiere müssen nur noch bei einer voraussichtlich dauerhaften Wertminderung zum Bilanzstichtag abgeschrieben werden. Das Umlaufvermögen muss weiterhin mit dem strengen Niederwertprinzip bewertet werden. Die Auswirkungen der Volatilitäten der Finanzmärkte können somit gemindert werden. Von dieser Möglichkeit zur Vermeidung von Abschreibungen machten 2001 ca. 50% der deutschen Versicherungsunternehmen Gebrauch.

Nachdem die Kurse an den Aktienmärkten im Jahr 2002 ihre Talfahrt fortsetzten, war es notwendig geworden, für die Jahresabschlüsse 2002 Bewertungskonsequenzen zu ziehen und zu definieren, in welchen Fällen die Dauerhaftigkeit einer Wertminderung festzustellen ist. Das Institut der Wirtschafts-prüfer in Deutschland e.V. (IDW) hat daraufhin zwei Aufgreifkriterien definiert, bei deren Erfüllung von einer dauerhaften Wertminderung auszugehen ist:

1.) Der Zeitwert der Wertpapiere liegt in den dem Bilanzstichtag vorangehenden sechs Monaten permanent um mehr als 20% unter dem Buchwert.

2.) Der Durchschnittskurs der letzten 12 Monate liegt am Bilanzstichtag um mehr als 10% unter dem Buchwert.

Die Versicherungsunternehmen haben sich für eines dieser Kriterien zu entscheiden und dieses systematisch anzuwenden. Für einen eindeutig abgegrenzten Wertpapierbestand darf allerdings auch das alternative Aufgreifkriterium angewendet werden, soweit dies sachlich gerechtfertig ist. Wenn nach den Aufgreifkriterien von einer dauerhaften Wertminderung auszugehen ist, hat dies allerdings nicht zwangsläufig zur Auswirkung, dass auf den Marktwert abgeschrieben werden muss. Kann das Versicherungsunternehmen stichhaltig nachweisen, dass der tatsächliche Wert eines Wertpapiers höher ist als der am Markt notierte Jahresschlusskurs (z.B. durch unabhängige Analystenmeinungen), darf auf diesen realistischen Wert abgeschrieben werden. Dieser Wert lässt den Versicherungs-unternehmen einen relativ hohen Interpretationsfreiraum. Damit allerdings nicht für dieselbe Aktie unterschiedliche Wertansätze bei verschiedenen Versicherern verwendet werden, einigten sich die Wirtschaftsprüfer informell auf eine Faustformell: Den Dax-Durchschnitt der letzten zwölf Monate plus zehn Prozent akzeptieren sie. Die Versicherer spekulieren, dass diese Richtlinie bei den Bilanzen für das Jahr 2003 weiter gemildert werden könnte.

Nach Hochrechnungen des GDV hatten die deutschen Lebensversicherer Ende 2002 „stille Lasten“ von 15 bis 20 Milliarden EUR in ihren Aktienbeständen. Das bedeutet, die Aktienanlagen stehen zwar mit rund 90 bis 120 Milliarden EUR in den Bilanzen, hatten aber am 31. Dezember 2002 nur einen Markt-wert von 75 bis 100 Milliarden EUR. Die Ratingagentur Fitch geht sogar von 45 bis 50 Milliarden EUR an stillen Lasten aus. Zur Erinnerung: Insgesamt hat die Branche Kapitalanlagen in Höhe von knapp 600 Milliarden EUR. Wenn der DAX bis Ende 2003 nicht deutlich über dem heutigen Niveau liegt, müssen Lebensversicherer den Großteil der stillen Lasten auf Grund der Regelung, dass stille Lasten innerhalb von ein bis drei Jahren wieder abgebaut werden müssen, mit der Bilanz 2003 aufdecken und würden entsprechend hohe Verluste einfahren. Um auf dramatisch hohe Abschreibungen für das Jahr 2003 verzichten zu können, wollen die Versicherer einen Weg finden, die Frist für die Aufdeckung der stillen Lasten zu verlängern und somit auf eine nachhaltige Erholung der Märkte hoffen zu können. Sie argumentieren damit, dass Lebensversicherer langfristige Verpflichtung oft über 30 Jahre und mehr eingehen und kurzfristige Reaktionen auf Börsenentwicklungen weder im Interesse der Kunden noch der Unternehmen sind.

Ein eng mit der Abschreibungsproblematik verwandet Punkt ist, dass in Deutschland die Steuer- und Handelsbilanz auseinander klaffen und das Finanzamt Aktienverluste nicht steuerlich bzw. als gewinn-mindernd anerkennt. Die Versicherer müssten deshalb nach den derzeitigen gesetzlichen Regelungen trotz hoher Defizite durch die Kapitalanlagen auch noch Steuern zahlen. Ursache des Steuerproblems ist die Körperschaftssteuerreform und das damit verbundene Halbeinkünfteverfahren, welches ab 2002 wirksam wurde. Dabei zahlen ausschüttende Gesellschaften 25% „Definitivsteuer“ auf Dividenden. Ist der Empfänger der Dividende eine Kapitalgesellschaft, sind alle Gewinne aus Aktien steuerfrei. Realisierte Gewinne beim Verkauf von Aktien sind von Kapitalgesellschaften ebenfalls nicht mehr zu versteuern. Das klingt zwar erfreulich, doch im Gegenzug mindern Verluste aus Abschreibungen auf Aktien auch nicht mehr die Steuerlast. Diese Regelung gilt für alle Kapital-gesellschaften, doch vor allem für die Versicherer führt sie zu enormen Problemen. Denn die Assekuranzbranche durfte Kapitalerträge, die für ihre Kunden bestimmt sind (Rückstellungen für Beitragsrückerstattungen – RfB) schon immer als Betriebsausgaben steuermindernd verbuchen. Da die Lebensversicherer per Gesetz verpflichtet sind, mindestens 90% ihrer Kapitalerträge den Kunden gutzuschreiben, heisst das, dass sie den Großteil der Kursgewinnen noch nie versteuern mussten und bis zur Körperschaftssteuerreform Abschreibungen auch steuermindern ansetzten konnten. Die Branche leidet somit unter den Nachteilen der Steuerreform, ohne von den Vorteilen zu profitieren.

Hierzu ein Beispiel:

Ein Lebensversicherer erwirtschaftet 400 Millionen EUR Einnahmen. Allerdings muss er seine Kapital-anlagen um 200 Millionen EUR wertberichtigen. Vom verbleibenden Überschuss in Höhe von 200 Millionen EUR stellt er 90% (180 Millionen EUR) für die Überschussbeteiligung seiner Kunden in der Bilanz zurück (RfB-Zuführung). In der Handelsbilanz bleibt ein vorläufiger Gewinn von 20 Millionen EUR.

In der Steuerbilanz sieht es allerdings so aus, dass die 200 Millionen EUR Abschreibungen auf den Aktienbestand nicht steuermindern anerkannt werden. Hierdurch erhöht sich das Ergebnis auf 220 Millionen EUR. Dieses Ergebnis muss voll versteuert werden und die erhöhte Steuerlast wiederum in der Handelsbilanz berücksichtigt werden (Maßgeblichkeitsprinzip). Die erhöhte Steuerlast mindert dann den Betrag, den der Versicherer den Kunden gutschreiben kann. Im Ergebnis trägt damit der Kunde den größten Teil der Steuerlast. Vor der Steuerreform hätte der Versicherer seinen Kunden 180 Millionen EUR Überschuss-beteiligung gutschreiben können. Jetzt ist dies nicht mehr möglich, da die Steuerlast gestiegen ist. Ralf Chalupnik, stellvertretender Leiter der Abteilung Steuern beim GDV ist der Meinung, dass die so entstehende Steuerlast etwa 70% der Verluste aus Aktien ausmacht. In obigem Beispiel, könnte der Versicherer seinen Kunden so nicht mehr 180 Millionen EUR als Gewinn-beteiligung zuweisen, sondern lediglich noch 40 Millionen EUR (180 – (70% x 200) = 40).

Der GDV sieht das Problem als so graffierend, dass es einige Lebensversicherer in ernsthafte Schwierigkeiten bringen könnte und hat deshalb einen Vorschlag vorgelegt, um das komplexe Problem zu lösen. Der GDV schlägt vor, dass bei Lebensversicherern sowohl Erträge als auch Verluste aus Aktienanlagen zu 90% in die Steuerbilanz eingehen und ist der Meinung, dass damit dem Problem die Spitze genommen wäre. Es wird betont, dass es sich nicht um ein Steuergeschenk handelt, da das was jetzt weniger gezahlt wird, bei Gewinnen aus Aktien wieder mehr gezahlt wird.

Unklar ist derzeit auch noch, ob Abschreibungen auf Aktienfonds die Steuerlast mindern. Für die Versicherer ist dieser Punkt enorm wichtig, denn den Großteil ihrer Aktien halten sie nicht direkt, sondern indirekt über Fonds.

Zusätzlich zur Änderung des §341b HGB und steuerlichen Behandlung von Aktienverlusten fordert der GDV-Präsident Bernd Michaels neue Vorschriften dafür, wie Lebensversicherer künftig Verpflichtungen gegenüber Kunden bedecken. Sollte es im Jahr 2003 zu massiven Abschreibungen bei Lebens-versicherern kommen, müssen diese die Wertverluste verdauen und gleichzeitig in vielen Fällen frisches Geld einschießen, um die gesetzlichen Vorschriften für die Bedeckung der künftigen Verpflichtungen gegenüber den Kunden zu erfüllen. Der GDV fordert die Regeln für die Bedeckung aufzuweichen. Gewinnreserven für künftige Gutschriften sollten in Zukunft nicht länger ähnlich strikt durch Kapitalanlagen zu bedecken sein, so z.B. der nicht gebundene Teil der Rückstellungen für Beitragsrückerstattung (freie RfB) und die Rückstellungen für Schlussüberschussanteile zur Reduzierung der Unterdeckung. Erstmals wird hier versucht über die Passivseite der Bilanz den Aus-wirkungen der Wertvernichtung der Kapitalanlagen entgegenzutreten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen der Börsenkrise auf die deutschen Lebensversicherer
Hochschule
Fachhochschule Kaiserslautern  (Betriebswirtschaftslehre)
Veranstaltung
Aktuelle Fragestellungen der Assekuranz
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V14808
ISBN (eBook)
9783638201155
Dateigröße
704 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Auswirkungen, Börsenkrise, Lebensversicherer, Aktuelle, Fragestellungen, Assekuranz
Arbeit zitieren
Andreas Dengler (Autor), 2002, Auswirkungen der Börsenkrise auf die deutschen Lebensversicherer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14808

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