Konflikte und Konfliktlösung im Islam

Das Sulh-Verfahren als außergerichtliche Methode der friedlichen Konfliktbeilegung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

22 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Rolle von Religion bei Konflikten und Konfliktlösung

3. Konflikte und Konfliktlösung im Islam
3.1 Das islamische Friedensverständnis
3.2 Das islamische Konfliktverständnis
3.3. Islamische Methoden der Konfliktlösung
3.3.1 Überblick
3.3.2. Das Ṣulḥ-Verfahren
3.3.2.1 Wesen und Ursprung
3.3.2.2 Vorteile gegenüber dem Gerichtsverfahren (arab. qaḍā ')
3.3.2.3 Anwendungsbereiche
3.3.2.4. Ablauf
3.3.2.4.1 Eröffnungsphase
3.3.2.4.2 Verhandlungsphase
3.3.2.4.3. Phase der Konfliktbeilegung (arab. muṣālaḥa)
3.3.2.4.3.1 Vorbemerkungen
3.3.2.4.3.2 Eröffnung der Konfliktbeilegung
3.3.2.4.3.3 Der Einigungsvollzug (arab. ṣulḥa)
3.3.2.4.3.4 Gemeinsames Essen und Trinken (arab.
mumala ḥa)
3.3.2.5. Das Ṣulḥ-Verfahren und westliche Mediation
3.3.2.5.1 wasāṭa
3.3.2.5.2 Freiwilligkeit und Eigenverantwortlichkeit
3.3.2.5.3 Die Rolle des Mediators (arab. wasīt)
3.3.2.5.4 Das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft
3.3.2.5.5 Die Rolle der Religion

4 Zusammenfassung

5. Quellen
5.1 Bibliographie
5.2 Zeitschriften
5.3 Internetquellen

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aussprache der lateinischen Umschrift der arabischen Wörter

Die Umschrift folgt den Regeln, die die Deutsche Morgenländische Gesellschaft beim 19. Internationalen Orientalistenkongress in Rom 1935, festgelegt hat.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Islam ist gleich Terrorismus; Islam ist gleich Dschihad im Sinne von Heiligem Krieg – so lautet mehrheitlich die medial verbreitete Assoziationskette, wenn es um die muslimische Weltreligion geht. Dabei leitet sich das Wort „Islam“ vom arabischen sal ām ab, was in seiner Grundbedeutung „Frieden“ heißt (vgl. http://www.helium.com/items/1316161-islamic-solution-to-conflict-management -at-home). salām suggeriert eine Bedingung von Frieden, Sicherheit und Ganz­heit, die man durch die Hingabe an Gott (arab. t aslīm bzw. islām) erreicht (vgl. Funk/ Kadayifci/ Said 2002: 7). Somit symbolisiert der Islam in seinen Grundfesten Frieden. Aus Koran und Sunna, seinen primären Rechtsquellen, geht ein breites, holistisches Friedensverständnis hervor (vgl. http://www2.gmu. edu /programs/icar/pcs/ASNC83PCS.htm). Allerdings ist das islamische Friedens­konzept in der Öffentlichkeit bisher oft unterrepräsentiert, missverstanden oder einfach ignoriert worden (vgl. Funk/ Kadayifci/ Said 2002: 2).

Mit der vorliegenden Arbeit soll zunächst allgemein die Rolle von Religion bei Konflikten und deren Lösung untersucht werden. Danach wird im Speziellen auf das islamische Konfliktverständnis eingegangen, sowie eine Methode der Konfliktlösung, das ṣulḥ -Verfahren, ausführlich dargestellt. Zum Abschluss erfolgt ein Vergleich zwischen dem ṣulḥ -Verfahren und der Mediation im west-lichen Sinne und eine Erläuterung seiner Kulturspezifik im islamisch-arabischen[1] Kontext.

2 Die Rolle von Religion bei Konflikten und Konfliktlösung

Religion ist ein zweischneidiges Schwert: Sie kann Konflikte verursachen oder verhindern (vgl. Johnston 1996: 53); sie ist ein beständiger und vielleicht unvermeidbarer Faktor für Konflikte und deren Lösung (vgl. http://www2.gmu.edu/ programs/icar/pcs/ASNC83PCS.htm). Diese Ambivalenz ergibt sich aus der individuell verschiedenen menschlichen Wahrnehmung und Interpretation des Heiligen. Dadurch kommen verschiedene Menschen zu genau gegensätzlichen Schlussfolgerungen über den Willen Gottes und den von ihnen selbst einzuschlagenden Weg (vgl. http://www.plowsharesproject.org/journal/php /article.php?issu _list_id=10&article_list_id=32). Die Heterogenität aller heute existierenden Religionen kann immer eine Quelle von Konflikten sein (vgl. ebd.), jedoch sollte man nicht Gefahr laufen, Konflikte ausschließlich als religiös verursacht anzusehen (vgl. http://www2.gmu.edu/programs/icar/pcs/ASNC83 PCS.htm).

Religion konstituiert kulturelle Werte und Normen einer Gesellschaft, da sie sich mit existenziellen Fragen des menschlichen Lebens, wie Freiheit, Sicherheit, Recht und Unrecht, auseinandersetzt. Somit repräsentiert sie einen beträchtlichen Teil der Gesellschaft und sollte daher in Konfliktlösungsprozesse eingebunden werden. Religiöse Netzwerke und Infrastrukturen erweisen sich oft als stabiler als politische Einrichtungen. So hangeln sich politische Amtsträger von Wahl zu Wahl, immer in Gefahr bei der nächsten abgewählt zu werden. Viele religiöse Oberhäupter hingegen, wie z. B. Bischöfe, haben ihren Posten ein Leben lang inne. Somit kann sich religiöse Friedensstiftung potenziell langfristiger orientieren als politisch motivierte (vgl. http://www.plowsharesproject.org /journal/php/article.php?issu_list_id=10 &article_ list_id=32).

Das Spirituelle kann außerdem nicht von Konfliktlösungspraktiken getrennt werden, denn oft geht es nicht (nur) darum materielle Interessenskonflikte beizulegen, sondern auch bestimmte Werte, wie soziale Reintegration und existenzielle Sicherheit, zu verteidigen (vgl. http://www2.gmu.edu/programs/ icar/pcs/ASNC83 PCS.htm).

Johnston führt drei Situationen an, in denen religiöse Vermittlung im Konfliktfall effektiv sein kann: Erstens trägt Religion dazu bei Frieden auf einem höheren Vertrauensniveau durchzusetzen, nämlich dann, wenn er z. B. bereits auf politischer, wirtschaftlicher oder sicherheitstechnischer Ebene erreicht wurde. Zweitens kann Religion den Konfliktparteien in einer festgefahrenen Pattsituation eine Möglichkeit bieten einen gesichtswahrenden Ausweg zu finden[2]. Drittens hilft eine spirituelle Komponente dann, wenn es gilt, einen Kreis von Rachetaten zu durchbrechen und an die moralische Verpflichtung der Konfliktparteien nach Vergebung und Aussöhnung zu appellieren (vgl. Johnston 1996: 59f.).

3. Konflikte und Konfliktlösung im Islam

3.1 Das islamische Friedensverständnis

Der Name „Islam“ (wörtlich: Hingabe (an Gott)) (Wehr 1985: 593) geht auf die arabische Wurzel s-l-m zurück, die u. a. Bedeutungen wie Frieden, Sicherheit und Geborgenheit umfasst (vgl. http://www2.gmu.edu/programs/icar/pcs/ASNC83PC S.htm). Frieden im Islam beginnt mit Gott: Gott ist Frieden, denn Frieden (arab. salām) ist einer der 99 schönsten Namen Gottes (Koran 59:23) und auch im Paradies herrscht salām (vgl. Funk/ Kadayifci/ Said 2002: 7). Frieden ist etwas Natürliches und Ordnungsgemäßes (vgl. Lang 2002: 65) und das Streben danach liegt in der tiefsten Natur des Menschen. Der Koran ruft die ganze muslimische Glaubensgemeinschaft (arab. 'umma) auf, Frieden anzustreben (vgl. http://www2. gmu.edu/programs/icar/pcs/ASNC83PCS.htm). Frieden wird als ein Gleichge-wicht bzw. als eine Harmonie verschiedener Teile aufgefasst (vgl. ebd.), welche Gewalt und Konflikt ab und zu durchbrechen (vgl. Lang 2002: 65). In einer solchen Konfliktsituation sind die Gläubigen dann verantwortlich die Harmonie im eigenen Interesse wiederherzustellen. Denn Frieden ist nicht einfach nur die Abwesenheit von Unterdrückung und Tumult (vgl. http://www2.gmu.edu/ programs/icar/pcs/ASNC83PCS.htm), sondern ist auch eng mit Gerechtigkeit, menschlichem Wohlstand bzw. Gedeihen und einer Umgebung verbunden, die Selbstverwirklichung unterstützt (vgl. Funk/ Kadayifci/ Said 2002: 6f.). Die wichtigsten Anliegen in der Scharia, dem Gesetz des Islams, sind es demnach die harmonische Beziehung innerhalb der Familie und der muslimischen Gemeinschaft, zwischen dem einzelnen Gläubigen und Gott, zwischen den Reli-gionen und zwischen dem Menschen und anderen Lebewesen aufrechtzuerhalten (vgl. ebd.: 8).

3.2 Das islamische Konfliktverständnis

Das islamische Konfliktverständnis ergibt sich aus den folgenden Quellen: Koran, Aussprüche des Propheten (arab. ḥadīṯ), sowie Konsens (arab. iǧmā') und Analogieschluss (arab. qiyās) der Gelehrten (vgl. http://www.islamische-zei- tung.de/?id=8196& print_ view =on).[3]

Konflikte werden im Islam als unnatürlich und chaotisch angesehen (vgl. Lang 2002: 65). Sie gelten als grundsätzlich negativ und gefährlich, da sie potenziell zerstörerisch wirken. Es gilt daher Konflikte möglichst zu vermeiden. Im west-lichen Konfliktverständnis hingegen sind Konflikte normale, an sich wertfreie Phänomene, die das Potenzial haben positiv und konstruktiv genutzt zu werden (vgl. Rohne 2004: 205).

Im islamischen, gemeinschaftsorientierten Verständnis sind Konflikte zwischen Individuen auch immer Konflikte zwischen Kollektiven wie Familie, Stamm, Dorfgemeinschaft, etc. Der wesentliche Konfliktgegenstand ist zumeist die durch den Konflikt beschädigte Ehre bzw. Würde der Opferseite. Diese gilt es bei der Konfliktlösung wiederzuerlangen und zu wahren (vgl. ebd.). Um die soziale Harmonie aufrechtzuerhalten und um konsensfähig zu sein, müssen daher manch-mal individuelle Opfer erbracht werden. Der Prozess der Konfliktbewältigung im Islam ist kontinuitätsorientiert, da man meist auf Präzedenzfälle der Vergan-genheit zurückgreift, um Konflikte zu lösen. Die Geschichte der Gemeinschaft wird in diesem Zusammenhang nämlich als Quelle von Stabilität und Lenkung angesehen, die ihre Zukunft formt (vgl. Funk/ Irani 2001: 180f.).

Konfliktbewältigung als soziales Phänomen ist ein integraler Bestandteil des gemeinschaftlichen und des individuellen Lebens im Islam. Sie ist gruppen- und autoritätsorientiert (vgl. Johnston 1996: 58). So soll zum Einen die Familie bzw. die Gemeinschaft geschützt und gestärkt werden, damit sie am Lösungsprozess teilnehmen kann. Zum anderen werden Konfliktlösungsmechanismen von kommunalen, traditionellerweise älteren Führern legitimiert, die helfen, den Versöhnungsprozess zwischen den Konfliktparteien zu vereinfachen (vgl. http:// www2.gmu.edu/programs/icar/pcs/ASNC83PCS.htm). Zur Konfliktlösung be- vorzugt der Koran Gewaltlosigkeit gegenüber Gewalt und Vergebung (arab. cafw) gegenüber Vergeltung[4]. Konfliktlösung im Islam basiert auf religiösen Werten, sozialen Netzwerken, Ritualen der Versöhnung und historischen Praktiken kommunaler und interkommunaler Koexistenz (vgl. http://www2.gmu.edu/ programs/icar/pcs/ASNC83PCS.htm). D. h. man kann zwei Aspekte islamischer Konfliktbewältigung unterscheiden: Erstens den direkten religiösen Rahmen, der von den bereits erwähnten primären Rechtsquellen Koran und Sunna, sowie den beiden sekundären Rechtsquellen Konsens und Analogieschluss der Gelehrten gebildet wird. Zweitens basiert islamische Konfliktbewältigung auf traditionellen Methoden, die sich aus tribalen, vorislamischen Normen und Werten (arab.c urf) ergeben (vgl. Abu-Nimer 2003: 85) und die bei der Konfliktlösung stets betont werden (vgl. Johnston 1996: 59). Dies sind beispielsweise Ehre (arab. šaraf), Ge-sichtwahren (arab. karāma), Weisheit (arab. hikma) und Vergebung (arab. cafw) (vgl. Abu-Nimer 2003: 98). Im Alltag ist keine genaue Abgrenzung zwischen beiden Aspekten möglich, da die religiösen und die kulturellen Normen stetig miteinander interagieren (vgl. ebd.: 85).

[...]


[1] Genau genommen kann „arabisch“ und „islamisch“ nicht gleichgesetzt werde, da es z. B. auch arabische Christen gibt bzw. Muslime, die nicht in einem arabischen Land leben. Hier soll die Wortkombination lediglich ausdrücken, dass die Mehrheit der Menschen, die in der arabischen Welt lebt, dem islamischen Glauben angehören.

[2] So spricht man z. B. bei einer islamischen Konfliktlösungsmethode von „schwebender Sulha“, also „schwebender Aussöhnung“, wenn der Konflikt schon seit Jahrzehnten nicht gelöst werden kann. Der Vermittler nämlich würde nie einräumen, dass ein Konflikt unlösbar ist (vgl. Lang 2002: 63).

[3] Die Scharia, das Gesetz des Islams, basiert auf den primären Rechtsquellen Koran und Sunna (darunter die Aussprüche (arab. ḥadīṯ) des Propheten und seine Lebensgewohnheiten) (vgl. Winterberg 1994: 171), sowie aus den sekundären Rechtsquellen Konsens (arab. iǧmā') und Analogieschluss (arab. qiyās) der Gelehrten. Konsens meint dabei die übereinstimmende Meinung der islamischen Gemeinde bzw. die Summe der Meinungen aller gegenwärtigen und vergangenen islamischen Schriftgelehrten (vgl. http://www.derprophet.info/inhalt/sharia.htm). Mit dem Analogieschluss werden klassische Regeln in Analogie auf die Gegenwart angewendet (vgl. Dülfer 2001: 341).

[4] Eine schlechte Tat soll mit etwas gleich Bösem vergolten werden. Wer aber verzeiht und Besserung schafft, dessen Lohn obliegt Gott. Er liebt ja die nicht, die Unrecht tun. (Koran 42:40) (http://de.knowquran.org/koran/42/)

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Konflikte und Konfliktlösung im Islam
Untertitel
Das Sulh-Verfahren als außergerichtliche Methode der friedlichen Konfliktbeilegung
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Fachgebiet Interkulturelle Wirtschaftskommunikation)
Veranstaltung
Konfliktmanagement in deutsch-französischen Beziehungen
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V148090
ISBN (eBook)
9783640580736
ISBN (Buch)
9783640580859
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konflikt, Konfliktlösung im Islam, Sulh, Sulha
Arbeit zitieren
Cornelia Steinigen (Autor), 2009, Konflikte und Konfliktlösung im Islam, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148090

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