Medien und Manipulation

Theodor W. Adornos Theorie der Kulturindustrie


Seminararbeit, 1996

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der Begriff der Kulturindustrie in der Dialektik der Aufklärung

III. Das Fernsehen als Teil des kulturindustriellen Medienverbunds

IV. Kritik und Würdigung

V. Literatur

I. Einleitung

Die Entwicklung der Massenkommunikationsforschung, einer wissenschaftlichen Disziplin, die sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen und Funktionen der modernen Massenkommunikationsmittel wie Radio, Presse, Film und Fernsehen befasst, wurde nachhaltig geprägt von den theoretischen und empirischen Arbeiten des Frankfurter Instituts für Sozialforschung in den vierziger Jahren. Die Mitarbeiter dieses Instituts mussten 1933 Deutschland verlassen und führten im amerikanischen Exil ihre Arbeit weiter. Die Erfahrung, dass im nationalsozialistischen Deutschland Massenkommunikationsmittel zur politischen Manipulation der Bevölkerung benutzt wurden und der enorme Einfluss, den diese Medien auch in den USA ausübten, wo die Verbreitung von Rundfunk und Film zu dieser Zeit bereits einen Höhepunkt erreicht hatte, motivierte die Mitarbeiter des Instituts, die Rolle der Massenmedien kritisch zu untersuchen.1 Als Resultat dieser kritischen Auseinandersetzung mit den Massenmedien entwickelten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in ihrer Schrift Dialektik der Aufklärung (1947) die Theorie der Kulturindustrie, die „ein klassisches Modell der Massenmedien als Instrumenten der Manipulation“ darstellt.2

Die vorliegende Seminararbeit versucht zunächst die zentralen Elemente des theoretischen Konzepts der Kulturindustrie, wie es in dem Kapitel „Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug“ der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer/Adorno entworfen wurde, herauszuarbeiten.3 Ergänzend wurde hierzu auch Adornos Aufsatz „Résumé über Kulturindustrie“ (1967) hinzugezogen.4 Hierbei ist u.a. zu klären, welche gesellschaftliche Bedeutung und Funktion Horkheimer/Adorno den Massenmedien zusprechen und welche Auswirkungen auf die Rezipienten der Massenmedien, gemäß der Kulturindustriethese, angenommen werden. In einem zweiten Schritt soll anhand eines Aufsatzes von Th. W. Adorno „Prolog zum Fernsehen“ untersucht werden, wie die These von der Kulturindustrie am Beispiel des Mediums Fernsehen konkretisiert wird.5 In diesem Zusammenhang soll auch Hans Magnus Enzensbergers Kritik an der Manipulationsthese von Adorno mitberücksichtigt werden.6 Abschließend soll die Theorie der Kulturindustrie, unter Berücksichtigung möglicher Kritikpunkte und Schwächen bewertet werden, wobei zu klären sein wird, wie tragfähig dieses Konzept zur Analyse massenmedialer Phänomene heute noch ist.

Neben den Schriften Adornos zur Kulturindustrie wurden für diese Hausarbeit Aufsätze aus dem Spektrum der Sekundärliteratur verwendet.

II. Der Begriff der Kulturindustrie in der Dialektik der Aufklärung

Die Theorie der Kulturindustrie ist als ein Kernstück der Argumentation in der Dialektik der Aufklärung anzusehen, worin Horkheimer/Adorno die Wurzeln und die Entwicklungsgeschichte jener technischen Rationalität beschreiben, die ihrer Auffassung nach der modernen spätkapitalistischen Gesellschaft zugrunde liegen. Die Dialektik der Aufklärung besteht kurz gesagt darin, dass mit der im Laufe der Jahrhunderte zunehmenden Fähigkeit des Menschen die Natur rational für sich zu nutzen und zu beherrschen, gleichzeitig die Techniken der Herrschaft des Menschen über den Menschen immer perfekter wurden.7 Horkheimer/Adorno drückten dies folgendermaßen aus: „Die Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität, die einerseits die Bedingungen für eine gerechtere Welt herstellt, verleiht andererseits dem technischen Apparat und den sozialen Gruppen, die über ihn verfügen, eine unmäßige Überlegenheit über den Rest der Bevölkerung. Der Einzelne wird gegenüber den ökonomischen Mächten vollends annulliert. (...) Während der Einzelne vor dem Apparat verschwindet, den er bedient, wird er von diesem besser als je versorgt.“8

Erste Ansätze zu einer Theorie der Kulturindustrie finden sich bereits in Aufsätzen von Adorno aus den dreißiger Jahren, in denen er sich mit dem Rundfunk und der populären Musik beschäftigte. Auch Max Horkheimer setzte sich in den dreißiger Jahren mit kulturellen Phänomenen der Moderne auseinander und verwendete dabei den Begriff der „Massenkultur“. So gesehen baut die Theorie der Kulturindustrie, wie sie in der Dialektik der Aufklärung entfaltet wurde auf früheren Arbeiten auf.9 Den Begriff der Massenkultur ließen Horkheimer/Adorno allerdings fallen, da er suggeriert, „daß es sich um etwas wie spontan aus den Massen selbst aufsteigende Kultur handle, um die gegenwärtige Gestalt von Volkskunst. Von einer solchen unterscheidet Kulturindustrie sich (jedoch) aufs äußerste.“10 Unter „Kulturindustrie“ versteht Adorno, der als eigentlicher Verfasser des gleichnamigen Kapitels der Dialektik der Aufklärung gilt11, ein System von Medien wie Film, Radio, Illustrierten und populärer Musik, quasi einen universellen Medienverbund, in dem jedes Medium Produkte identischen Inhalts produziert. Die technische Grundlage hierfür ist die Standardisierung und Serienproduktion von Waren, wie sie erst durch die monopolisierte Wirtschaftsstruktur des fortgeschrittenen Kapitalismus möglich wurde.12 Der Ausdruck „Industrie“ bezieht sich, Adorno zufolge, streng genommen nicht auf den eigentlichen Produktionsvorgang, sondern auf die „Rationalisierung der Verbreitungstechniken“ und die Standardisierung der Inhalte sowie der Darstellungsformen (z. B. Western, Gruselfilm, Science Fiction)13 Die Basis für die Entwicklung der Kulturindustrie, die Adorno als „objektive gesellschaftliche Tendenz in diesem Weltalter“ bezeichnet, besteht demzufolge in der ökonomischen Verflechtung von Medien und Industriezweigen, z. B. durch die „Abhängigkeit der mächtigsten Sendegesellschaft(en) von der Elektroindustrie.“14 Die Entwicklung der Kulturindustrie entspringt Adorno zufolge „den allgemeinen Gesetzen des Kapitals“15 Die massenhafte Verbreitung der medialen Waren und die sich daraus ergebenden technischen Sachzwänge sind jedoch nicht die Ursache für die Standardisierung der Produkte. Ebenso wenig lassen sich die Standards der kulturindustriellen Produkte aus den Bedürfnissen der Konsumenten herleiten. Vielmehr offenbart sich die Einheit des Systems der Kulturindustrie in dem „Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis“ der Konsumenten, d.h. dass erst die Manipulationstechniken der Kulturindustrie in den Konsumenten jene Bedürfnisse erzeugen, auf die die Kulturindustrie angeblich nur reagiert.16 Eine dieser Manipulationstechniken ist die Wiederholung des Immergleichen, die rational durchkalkulierte Produktion von Waren, bei der „die Typen von Schlagern, Stars, Seifenopern als starre Invarianten durchgehalten (werden).

[...]


1 Kellner, Douglas: Kulturindustrie und Massenkommunikation. Die Kritische Theorie und ihre Folgen, in: Bonß, Wolfgang / Honneth, Axel (Hg.): Sozialforschung als Kritik. Zum sozialwissenschaftlichen Potential der Kritischen Theorie, Frankfurt a. M. 1982, S. 482; S. 489 f. Die Fußnoten beziehen sich im Folgenden jeweils auf den gesamten vorhergehenden Textteil dieser Seminararbeit.

2 Ebda., S. 489

3 Horkheimer, Max / Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a. M. 1971, S. 108 - 150

4 Adorno, Theodor W.: Résumé über Kulturindustrie (1967), in: Prokop, Dieter (Hg.): Medienforschung, Bd. 1: Konzerne, Macher, Kontrolleure, Frankfurt a. M. 1985, S. 476 - 483

5 Adorno, Theodor W.: Prolog zum Fernsehen, in: Ders.: Eingriffe, Frankfurt a. M. 1963, S. 69 - 80.

6 Enzensberger, Hans Magnus: Baukasten zu einer Theorie der Medien, in: Kursbuch 20, 1970, S. 159 - 186

7 Kellner, Douglas: Kulturindustrie und Massenkommunikation, a.a.O., S. 485

8 Horkheimer / Adorno: Dialektik der Aufklärung, a.a.O., S. 4

9 Kellner, Douglas: Kulturindustrie und Massenkommunikation, a.a.O., S. 484

10 Adorno, Theodor W.: Résumé über Kulturindustrie, a.a.O., S. 476

11 Erd, Rainer: Kulturgesellschaft oder Kulturindustrie. Anmerkungen zu einer falsch formulierten Alternative, in: Kritische Theorie und Kultur, hrsg. von Rainer Erd, Dietrich Hoß u.a., Frankfurt a. M. 1989, S. 227

12 Horkheimer / Adorno: Dialektik der Aufklärung, a.a.O., S. 108 f.

13 Adorno, Theodor W.: Résumé über Kulturindustrie, a.a.O., S. 478

14 Horkheimer / Adorno: Dialektik der Aufklärung, a.a.O., S. 110

15 Ebda., S. 118 f. Ob Adorno damit eine „streng an Marx orientierte Theorie der Massenmedien und Massenkultur“ liefert, wie D. Kellner meint, ist umstritten, weil die Dialektik der Aufklärung aufgrund ihrer negativen Geschichtsphilosophie auch als Absage an den Marxismus gedeutet werden kann. (Kellner, Douglas: Kulturindustrie und Massenkommunikation, a.a.O., S. 485

16 Horkheimer / Adorno: Dialektik der Aufklärung, a.a.O., S. 109

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Medien und Manipulation
Untertitel
Theodor W. Adornos Theorie der Kulturindustrie
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto Suhr Institut)
Veranstaltung
Übung 15274: Vor dem Journalismus: Medientheorie
Note
2,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
22
Katalognummer
V148091
ISBN (eBook)
9783640588404
ISBN (Buch)
9783640588299
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kulurindustrie, Medientheorie, Kritische Theorie, Theodor W. Adorno, Fernsehen, Manipulation, Frankfurter Schule
Arbeit zitieren
Dipl. Pol. Jörg Klitscher (Autor), 1996, Medien und Manipulation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148091

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