Improvisation begegnet uns in allen Lebensbereichen. In der Musik jedoch hat sie eine oft unterschätzte Bedeutung. Jeder Musiker wird Situationen kennen, in denen er freiwillig oder aber auch von äußeren Umständen gezwungen improvisiert hat, je nachdem, wie eng der Begriff Improvisation gesteckt ist. Viele Abhandlungen gehen von einem strengen Improvisationsbegriff als Gegensatz zur Komposition aus. Es ist aber hilfreich, eine offene Haltung einzunehmen und sich nicht zu eng an eine Definition zu binden. Ein Untersuchungsgegenstand der folgenden Seiten soll die Komplexität dieses Themas sein und es soll die Problematik einer solchen antithetischen Sichtweise reflektiert werden.
In Anbetracht der Kürze dieser Arbeit kann diese aber nicht dem Kriterium der Vollständigkeit genügen. Es handelt sich hierbei um eine kursorische Beleuchtung des Improvisationsbegriffs in einer Vielzahl seiner Facetten - bei weitem können aber nicht alle relevanten Aspekte behandelt werden. Der Schwerpunkt soll bei dem Verhältnis von Improvisation und dem Kulturbegriff liegen. Sowohl das europäische Verständnis als auch Musikpraktiken in außereuropäischen schriftlosen Kulturen sollen Berücksichtigung finden und insbesondere soll die Schwierigkeit, mit dem Begriffspaar Improvisation – Komposition kulturübergreifend zu arbeiten in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt werden. Dabei wird im weiteren Verlauf der Forschung ständig die Frage ein Begleiter sein, welche Bedeutung Kultur für die Improvisation hat beziehungsweise ob Improvisation überhaupt frei von Kultur sein kann. Eine noch zentralere Bedeutung soll der hier aufgestellten These zukommen, Kompositionen seien Kultur prägend, Improvisation hingegen sei kulturgeprägt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kulturbegriff
3. Improvisation – Komposition
3.1 Kurzer geschichtlicher Abriss der Improvisation
3.2 Improvisation und Kultur
3.2.1 Kontextuelles Verständnis von Kultur und Improvisation
4. Fazit
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen dem Begriff der Improvisation und dem der Komposition unter Berücksichtigung kulturübergreifender Aspekte. Ziel ist es, die häufig antithetische Sichtweise dieser beiden Konzepte zu hinterfragen und zu reflektieren, inwiefern Improvisation eine kulturelle Prägung aufweist.
- Verhältnisbestimmung von Improvisation und Kulturbegriff
- Kritische Analyse der Dichotomie zwischen Komposition und Improvisation
- Interkultureller Vergleich schriftlicher und schriftloser Musikkulturen
- Bedeutung von Kontext und Situation für den musikalischen Ausdruck
- Rolle von Gedächtnis, Übung und Konvention in der Improvisationspraxis
Auszug aus dem Buch
3. Improvisation – Komposition
In der Musikwissenschaft werden die Begriffe Improvisation und Komposition in der Regel als Antonyme benutzt, so zum Beispiel bei Curt Sachs:
„Denn in ihrem Wesen nach steht die Komposition als das durchdacht, vorbereitet, ausgearbeitet Geschaffene und als solches Niedergeschriebene primär im Gegensatz zur Improvisation, der spontanen (künstlerischen) Hervorbringung aus dem Stegreif, d.h. ohne tatsächliche Vorfixierung, aber auch (bis zur Entwicklung exakterer Schallaufzeichnungstechniken ab 1877) ohne die Möglichkeit und Absicht genauer Reproduktion.“ (Sachs nach Lichtenhahn 2003:154)
Doch wie bereits in der Einleitung vermerkt ist diese Ansicht eine verkürzte Darstellung der Begriffe. Durch die antonyme Betrachtung der Begriffe entsteht der fälschliche Eindruck, es würde sich bei der Improvisation um eine minder ästhetisch wertvolle Form der Musik handeln (Vgl. Lichtenhahn 2003:162). Gleichwohl dient Sachs Definition einer ersten Annäherung, von der ausgehend weitere Aspekte ins Feld geführt werden sollen sowie die Dichotomie des Wortpaares aufgelockert werden soll.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die unterschätzte Bedeutung der Improvisation und stellt die zentrale These auf, dass Kompositionen kulturprägend seien, während Improvisation als kulturgeprägt zu verstehen ist.
2. Kulturbegriff: Dieses Kapitel erarbeitet Kriterien für einen operablen Kulturbegriff, wobei Wiederholung, Ordnung, Sinnstiftung sowie die automatische Aneignung durch den Menschen im Zentrum stehen.
3. Improvisation – Komposition: Hier wird die klassische Dichotomie hinterfragt und aufgezeigt, dass die Abgrenzung in vielen Kulturen, insbesondere in schriftlosen Kontexten, problematisch ist.
3.1 Kurzer geschichtlicher Abriss der Improvisation: Dieser Abschnitt zeichnet die historische Entwicklung der Improvisation vom Mittelalter über den Barock bis hin zur Moderne und dem Jazz nach.
3.2 Improvisation und Kultur: Es wird analysiert, wie Improvisation in schriftlosen Kulturen eingebettet ist und welche Rolle das Gruppenbewusstsein sowie soziale Traditionen dabei spielen.
3.2.1 Kontextuelles Verständnis von Kultur und Improvisation: Dieses Unterkapitel thematisiert die Abhängigkeit der Improvisation von situativen Kontexten und die Unterscheidung von High- und Low-Context-Kommunikation.
4. Fazit: Das Fazit resümiert, dass Improvisation und Komposition durch die Kultur eng miteinander verwoben sind und eine allgemeingültige Trennung, insbesondere anhand des Kriteriums der Schriftlichkeit, nicht haltbar ist.
5. Bibliographie: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie der herangezogenen Internetquellen.
Schlüsselwörter
Improvisation, Komposition, Musiksoziologie, Kulturbegriff, Schriftlosigkeit, Interkultureller Vergleich, Tradition, Musikpsychologie, Gedächtnisleistung, Reproduzierbarkeit, Kontext, Musikalische Spielpraxis, Free Jazz, Musikgeschichte, Kulturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen den Begriffen Improvisation und Komposition und analysiert, wie diese durch den soziokulturellen Kontext beeinflusst werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Definitionsversuche von Improvisation, die Rolle der Kultur für den musikalischen Ausdruck sowie der Vergleich zwischen schriftlichen und schriftlosen Musikkulturen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die oft als Gegensatzpaar verstandene Beziehung von Improvisation und Komposition zu hinterfragen und die These zu belegen, dass Improvisation kulturgeprägt ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Analyse musikwissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher Ansätze, um den Begriff der Improvisation differenziert zu betrachten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der geschichtlichen Einordnung der Improvisation, der Analyse des Kulturbegriffs und der Untersuchung von Musikpraktiken in außereuropäischen bzw. schriftlosen Kulturen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Improvisation, Komposition, Kultur, Musiksoziologie, Schriftlosigkeit und Kontextualität.
Inwieweit spielt die Schriftlichkeit eine Rolle für die Definition von Improvisation?
Die Arbeit zeigt auf, dass die schriftliche Fixierung kein ausreichendes Kriterium ist, um zwischen Komposition und Improvisation zu trennen, da auch schriftlose Kulturen hochgradig organisierte musikalische Strukturen aufweisen.
Was bedeutet der Begriff "High-Context-Kommunikation" in diesem Zusammenhang?
Er beschreibt Situationen, in denen ein Großteil der notwendigen Informationen in den beteiligten Personen und dem Umfeld vorhanden ist, was für das Zusammenspiel bei Improvisationen entscheidend ist.
Warum ist die These aufgestellt worden, dass Improvisation "kulturgeprägt" ist?
Diese These resultiert aus der Erkenntnis, dass kein Musiker voraussetzungslos improvisiert, sondern immer auf erlerntes Wissen, Fähigkeiten und soziale Konventionen zurückgreift.
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- Stephan Jung (Author), 2009, Kulturelle Aspekte musikalischer Improvisation , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148176