Polysemie oder Homonymie

Definition und Abgrenzung zweier Begriffe der Mehrdeutigkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Polysemie
2.1. Kontextabhangigkeit
2.2. Monosemierung
2.3. Historischer Exkurs

3. Synonymie
3.1. F ormen der Synonymie
3.2. Nichtsynonymien

4. Homonymie
4.1. Homophonie und Homographie auf Wortformebene
4.2. Voraussetzungen fur partielle Homonymie

5. Polysemie oder Homonymie?
5.1. Mogliche Unterscheidungen
5.2. Subkategorisierung zur besseren Abgrenzung

6. Fazit

7. Anhang
7.1. Literaturverzeichnis
7.1.1. Bucher
7.1.2. Aufsatze
7.1.3. Internetquellen
7.2. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Das Wort Polysemie ist gebildet aus dem griechischen Wort poly fur viel und sema fur Zeichen. Der Gegenbegriff ist die Monosemie[1]. Da Polysemie im Allgemeinen Mehrdeutigkeit eines sprachlichen Zeichens bedeuten kann, ist oft auch von Ambiguitat die Rede.

Das Problem, mit dem sich diese Arbeit beschaftigt, ist, dass auch Homonymie Mehrdeu­tigkeit bezeichnet und die Begriffe nicht immer eindeutig auseinander zuhalten sind. Darum mus- sen Charakteristika gefunden werden, die eine Unterscheidung zur Polysemie zulassen. Da diese Frage viele Linguisten beschaftigte, wird auch ein Blick auf die historische Entwicklung der Beg­riffe im Rahmen der Linguistik geworfen. AuBerdem werden auch die jeweils gegenteiligen Pha- nomene Monosemierung bzw. Disambiguierung und Synonymie untersucht.

2. Polysemie.

Im Allgemeinen ist der Terminus Polysemie definiert als Mehrdeutigkeit von Wortern und Sat- zen. Ein Ausdruck, der zwei oder mehr Bedeutungen aufweist, welche etwas miteinander gemein haben und sich unter Umstanden aus einer einzigen Grundbedeutung ableiten lassen, ist polysem. "Die Tatsache, daB ein Wort [...] mehrere miteinander verbundene/zusammenhangende Bedeu- tungen hat, wird gemeinhin als eine zentrale Eigenschaft lexikalischer Einheiten bezeichnet." (Schneider 1988: 101) Somit lassen sich unter Lexemen mit identischer Form verschiedene Inhal- te zusammenfassen. Vergleichbare inhaltliche Merkmale lassen es zu, dass ein Ausdruck zur Be- zeichnung mehrerer Sachverhalte verwendet werden kann. Ein Lexem ist also polysem, wenn es mehrere miteinander verbundene Bedeutungen beziehungsweise Bedeutungsvarianten hat.

Als Beispiel kann das Adjektiv alt dienen. Es weist drei Bedeutungsvarianten auf. Die erste ist das Gegenteil von neu. Der Bezug auf die Dauer des Gebrauchs oder des Bestehens eines Gegenstandes wie etwa eine alte Uhr ist gemeint. Die zweite ist das Gegenteil von jung. Es gibt die bisherige Lebenszeit von Dingen an, z.B. von altem Wein. Die dritte Moglichkeit schlieBlich bezeichnet etwas zeitlich zuruckliegendes, wie das Beispiel die alten Griechen.

Auch wenn die verwendete Bedeutung nicht immer klar ist, existieren doch einige klare Falle, wie der Gebrauch von rock in (1) und (2).

(1) He threw a rock in the lake.
(2) I am listening to rock.

Es gibt zwar keine eindeutige Beziehung zwischen (1) und (2), aber man kann auch nicht unbe- dingt annehmen, der Sprecher verstehe, dass der beiderseitige Gebrauch auf einer Verwandthei- ten der Bedeutungen beruht. (vgl. Nunberg 1979: 145) Polysemie bezeichnet also das Phanomen, dass eine Wortform, die intuitiv als ein Wort betrachtet wird, mehrere verschiedene Bedeutungen zulasst. Auch die Satze (3) und (4) zeigen, dass das Wort chicken sich auf den Vogel oder auf das Fleisch vom Huhn beziehen kann.

(3) The chicken pecked the ground.

(4) We ate chicken with beans.

Normalerweise wird Polysemie als eine Erscheinung verstanden, bei der verwandte Be­deutungen nebeneinander existieren. Jedoch ist sie im Rahmen des Sprachwandels als neuer Zeichenausdruck zu verstehen. (vgl. Schneider 1988:101) Im Laufe der Zeit haben sich naturlich sehr viele polyseme Lexeme entwickelt. Statt neue Ausdrucke zu erfinden, werden meist bereits bestehende Ausdrucke mit ahnlicher Bedeutung verwendet. Im Grunde wird durch Polysemie also die ubliche Bedeutung auf Referenzbereiche ubertragen. (vgl. Dietrich 1997: 229)

Das Prinzip der Polysemie betrifft nicht nur einzelne Lexeme, sondern ist auch auf kom- plexe Ausdrucke und auf Wortketten ubertragbar, wie Satz (5) zeigt.

(5) Gestern kam die Mannschaft aus England an.

Hier kann einerseits irgendeine Mannschaft gemeint sein, die aus England zuruckkommt. Ander- seits konnte auch angenommen werden, die Mannschaft stamme aus England.

2.1. Kontextabhangigkeit

Einzelne Worter konnen oft polysem sein. Aber sind sie in einen Kontext eingebunden, lasst sich normalerweise nur noch eine bestimmte Bedeutung zuordnen. Demnach beabsichtigt ein Spre- cher von einem mehrdeutigen Wort nur eine Bedeutung zu verwenden und setzt es in einen Kon- text. Der Horer kann dadurch polysemen Wortern automatisch die richtige Bedeutung zuordnen. (vgl. Nerlich/Clarke 2001: 4).

Aber auch mit Kontext konnen Worter, Phrasen oder Satze ambig sein. Nerlich und Clar­ke haben zu der Erscheinung, dass ein Sprecher absichtlich Mehrdeutigkeit mit dem Kontext her- stellt oder der Horer diese Mehrdeutigkeit nicht versteht, Folgendes festgestellt:

The hearer either 'gets' the multiplicity of meaning intended by the speaker or she doesn't - the 'polysemous' utterance, which can be a joke or not, falls flat. On the other hand, the hearer might 'hear' more meanings or read more meanings into a speaker's utterance than the speaker intended (on most occasions this will have a humorous effect). In the first case the semantic contents of the utterance is quite deep, has several 'layers', so to speak, but the hearer 's inferences stay on the shallow end, whereas in the second case, the hearer's in­ferences go deeper than the original semantic intention of the speaker. The inferential depth to which inter­locutors plunge depends on the multiplicity of meanings available, as well as on the situation and function of the interaction. (Nerlich/Clarke 2001: 5)

Der mehrdeutige Ausdruck kann also ein Scherz sein wie in (6); je nachdem, ob der Horer die vom Sprecher beabsichtigte Mehrdeutigkeit versteht oder nicht. Andererseits kann der Horer auch mehr Bedeutungen intendieren als der Sprecher wollte wie in (7). Im ersten Fall ist der se- mantische Gehalt entscheidend, der Horer lauft Gefahr, nur eine zu oberflachliche Folgerung aus der Aussage zu schlieBen.

(6) Treffen sich zwei Jager. Beide tot.

(7) The carpet people came to plane down Brigitte's door. They were just about to take the door off its hinges when she noticed that she had left her coat and bag on the hooks and said: 'Shall I take my clothes off?' Great hilarity all round.

Im zweiten Fall ist die Folgerung des Horers tiefgrundiger als vom Sprecher beabsichtigt. Die Moglichkeiten der Folgerungen aus einer Aussage hangen also sowohl von der Anzahl der denk- baren Bedeutungen als auch von der Situation und der Interaktionsfunktion ab.

Der Kontext ist in bestimmten Fallen aber auch deshalb immanent, weil es Begriffe wie night gibt, die vage sind, also eine eindeutige Bedeutung nicht zuzuordnen ist, da es Situationen gibt, die weder eindeutig als night zu bezeichnen noch eindeutig nicht mit dem Begriff verwend- bar sind. (vgl. Schneider 1988: 127)

2.2. Monosemierung

Monosemierung oder auch Disambiguierung kann durch den Kontext erfolgen und bezeichnet die Zuordnung eines Ausdrucks zu einem polysemen Lexem. Wenn die Disambiguierung nicht zu eindeutigen Lexemen fuhrt, kann der Kontext trotzdem noch die Zuweisung mehrerer Sememe erlauben. Entweder die Aussage war nicht prazise genug formuliert und das Gelingen der Kom- munikation scheitert oder ein Wortspiel liegt vor und die Aussage war absichtlich nicht monse- mierbar. (vgl. Schneider 1988:108) Die eigentliche Monosemierung ist aber eine eindeutige Auswahl aus der Zahl der Bedeutungsalternativen.

[...]


[1] Monosemie hat sich wie Polysemie aus dem griechischen Wort sema gebildet. Monos ist das Gegenteil von poly und bedeutet einzeln. ( vgl. Duden)

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Details

Titel
Polysemie oder Homonymie
Untertitel
Definition und Abgrenzung zweier Begriffe der Mehrdeutigkeit
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Polysemie
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V148205
ISBN (eBook)
9783640590131
ISBN (Buch)
9783640589906
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Polysemie, Homonymie, Linguistik, Mehrdeutigkeit, Ambiguität, theoretische Linguistik, Sprachuntersuchng
Arbeit zitieren
M.A. Florian Kaltenhäuser (Autor), 2008, Polysemie oder Homonymie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148205

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