Degeneration und Verfall in H. G. Wells 'The Island of Dr. Moreau'


Seminararbeit, 2005

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fin de siècle

3. Geschlechtliche Degeneration
3.1 Patriarchalische Strukturen
3.1.1 Latente Homosexualität
3.2 Die Insel als Metapher für den weiblichen Körper

4. Degeneration der Art
4.1 Darwinistische Relativierung des Menschen
4.2 Veränderte Wahrnehmung von Mensch und Tier

5. Moralischer Verfall
5.1 Zivilisation und Instinkthaftigkeit
5.1.1 Kannibalismus als Grenze zwischen Zivilisation und Instinkthaftigkeit
5.2 Relativierung von Religion

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

H.G. Wells’ “The Island of Dr. Moreau“ kann kultur- und literaturhistorisch dem fin de siècle zugeordnet werden. Eine ganze Reihe von Themen, die charakteristisch für diese Epoche waren, wurden im Roman verarbeitet. Diese lassen sich in die Kategorien Geschlechterrollen und Sexualität, Dekadenz und Degeneration und Imperialismus unterteilen.[1]

Die nachfolgende Hausarbeit wird sich wegen ihres begrenzten Umfangs auf die Aspekte Degeneration und Verfall konzentrieren, die sich jedoch mit den restlichen Themen teilweise überschneiden.

Um Degeneration und Verfall in einem Werk diagnostizieren zu können, ist es zunächst nötig, Richtgrößen dessen aufzustellen, was als degeneriert und was als gesund – sprich nicht degeneriert – anzusehen ist. Dazu ist zu erwähnen, dass die Vorstellung dessen, was gesund oder moralisch sei, am Ende des 19. Jahrhunderts eine andere war als heute. Da ein literaturhistorischer Ansatz gewählt wurde, wird sich die Analyse an damaligen Vorstellungen orientieren. Ich möchte mich ausdrücklich von einer Verurteilung von Homosexualität, Atheismus usw. distanzieren, falls bei der weiteren Lektüre dieser Eindruck erweckt werden sollte.

Das Gesunde erscheint nach damaligen Vorstellungen stets in Form von Dichotomien, deren Paare streng gegeneinander abgegrenzt sind. Jedes Paar lässt sich in einen rationalen und einen irrationalen Pol gliedern. Degeneration und Verfall liegen immer dann vor, wenn sich die Grenzen zwischen den Polen einer Dichotomie auflösen bzw. undeutlich werden.

Für die Analyse werden folgende drei Dichotomien eine Rolle spielen: Mann und Frau, Mensch und Tier sowie Zivilisation und Instinkthaftigkeit.

2. Fin de siècle

Mit dem Begriff fin de siècle wird eine literarische Strömung am Ende des 19. Jahrhunderts bezeichnet, die von Zukunftsängsten geprägt war. Die Furcht vor einer Überfremdung Groß­britanniens infolge des Kolonialismus, vor Massenkultur[2], vor sexueller Freiheit und vor Relativierung von Religion und Moral durch den aufkommenden Darwinismus waren prägend für die Literatur dieser Epoche.

Dieses ökonomische und politische Krisenbewusstsein führte am Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Degenerationstrauma.[3] Degeneration geriet zur großen organisierenden Idee[4], mit der gesellschaftliche Veränderungen in der zeitgenössischen Literatur beschrieben wurden.

Das fin de siècle war vom Stil der Dekadenz und des Ästhetizismus geprägt. Charakteristisch für die Dekadenz ist die „Feinheit der Analyse und die morbide Neugier an der Form“.[5] Ästhetizismus misst der Kunst einen absoluten Wert bei und lehnt eine Vereinnahmung für gesellschaftliche Ziele ab, was sich an ihrem Leitspruch l’art pour l’art erkennen lässt. Horstmann weist darauf hin, dass Ästhetizismus und Dekadenz dasselbe Phänomen bezeichneten, nur dass Ästhetizismus neutral konnotiert sei, während Dekadenz kulturpessimistisch aufgeladen sei.[6]

3. Geschlechtliche Degeneration

Mit geschlechtlicher Degeneration wird im folgenden Text die Auflösung von herkömm­lichen Geschlechterrollen und fehlgeleitete Sexualität bezeich­net.

3.1 Patriarchalische Strukturen

In “The Island of Dr. Moreau“ gibt es abgesehen von einigen beast people keine weiblichen Figuren. Es handelt sich um eine reine Männerwelt, in der Frauen außen vor gelassen werden. Frauen werden sogar vom Reproduktionsvorgang ausgeschlossen. Moreau hat eine Methode entwickelt, Sexualität von Reproduktion zu trennen.[7]

Dies stellt den patriarchali­schen Wunsch dar, die Idee, den absoluten Geist von dem Ekel der Geburt und des fleischlichen Werdens zu trennen.[8] Aus demselben Grund sticht sich Moreau mit einem Messer ins Bein. Er will Prendick beweisen, dass Schmerz eine atavistische Reaktion auf körperliche Verletzungen sei, die mittels Vernunft besiegt werden könne.

Then with men, the more intelligent they become the more intelligently they will see after their own welfare, and the less they will need the goad to keep them out of danger. I never yet heard of a useless thing that was not ground out of existence by evolution sooner or later […] and pain gets needless. (vgl. S. 77)

Moreau erklärt Prendick, dass Schmerz überflüssig sei für ein vernünftiges Wesen, das selbst auf seine körperliche Unversehrtheit achten könne. Erneut stellt er den Geist über den Körper, die Vernunft über die Materie. So sind die Tiere in seinen Augen auch keine Lebewesen mehr bei der Vivisektion, sondern Objekte von rein wissenschaftlichem und intellektuellem Interesse: „You cannot imagine the strange colourless delight of these intellectual desires. The thing before you is no longer an animal, a fellow-creature, but a problem.“ (vgl. S. 77)

Moreaus Begründung widerspricht allerdings, dass er Vergnügen dabei empfindet, Tiere zu quälen, was auf einen latent ausgelebten Sadismus hindeutet. So verkündet er zum Beispiel mit Freude, dass der beast man, der das Gesetz gebrochen habe, zurück ins house of pain müsse. (vgl. S.96)

Die Tatsache, dass es sich bei dem gequälten Tier um einen weiblichen Puma handelt, deutet auf fehlgeleitete Sexualität hin. Showalter weist darauf hin, dass der Puma die New Woman zu repräsentieren scheint.[9] So wird der von Moreau sezierte Puma ausdrücklich mit einer herrischen Frau verglichen: „It met its persecutor with a shriek almost exactly like that of an angry virago.“ (vgl. S.103) Des Weiteren zeigt Showalter einen Zusammenhang zwischen Vergewal­tigung und Vivisektion auf. Außerdem sei der Feminismus immer mit einer Anti-Vivisektions-Bewegung einhergegangen.[10]

3.1.1 Latente Homosexualität

Trotz, oder gerade wegen der rein patriarchalischen Männerwelt lassen sich in “The Island of Dr. Moreau“ Anspielungen auf Homosexualität erkennen. Zum einen wurde Homo­sexua­li­tät am Ende des 19. Jahrhunderts als Verbrechen betrachtet und mit Prostitution gleichgesetzt.[11] In einem Aufsehen erregenden Prozess wurde Oscar Wilde 1885 der Homosexualität angeklagt und verurteilt[12]. Zum anderen waren homosoziale Netzwerke die Basis führender Institutionen.[13]

[...]


[1] Pykett, S.4

[2] Pykett, S. 2

[3] Horstmann, S. 181

[4] Pykett, S. 13

[5] ebd. S. 2

[6] Horstmann, S. 197

[7] Showalter, S. 80

[8] Beauvoir, S.197

[9] Showalter, S.79

[10] ebd. S.80

[11] Dellamora 1996, S.89

[12] http://de.wikipedia.org/wiki/Oscar_Wilde.html (13.08.05)

[13] Dellamora 1996, S.87

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Degeneration und Verfall in H. G. Wells 'The Island of Dr. Moreau'
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Einführung in die Erzähltextanalyse am Beispiel von ausgewählten Science Fiction Romanen
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V148252
ISBN (eBook)
9783640590193
ISBN (Buch)
9783640590018
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
H. G. Wells, Fin de Siècle, Degeneration, Verfall, Dr. Moreau, Dekadenz
Arbeit zitieren
Günther Orend (Autor), 2005, Degeneration und Verfall in H. G. Wells 'The Island of Dr. Moreau', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148252

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