Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen, verschiedenen Geschlechts und Sozialstatus haben etwas gemein – sie wollen ein glückliches und erfülltes Leben erlangen. Sie alle, trotz ihres Alters oder Bildungsgrades, verfolgen das gleiche Ziel – das Glück. Das Glück jedes einzelnen Menschen ist sehr individuell und speziell: einige finden die Glückseligkeit durch die Selbstentfaltung, ob sportlicher, künstlerischer oder wissenschaftlicher Art, andere streben nach dem Familienglück und nach der Liebe, manche sind durch ein asketisches Leben glücklich. Es ist nicht zu bestreiten, dass jeder Mensch den Sinn seines Lebens im höchsten Gut für sich zu finden versucht. Jedoch steht eine Frage offen, ob die andere Personen und deren Interessen auch zählen, wenn der Mensch sein eigenes Glück anstrebt. Kann das Glück einer Person die Mittel dazu rechtfertigen, wenn die Gefühle der anderen dabei verletzt wurden? Das Dilemma der Moral und des Glücks nimmt seinen Anfang in der Antike, zieht sich durch die ganze Philosophiegeschichte und wird bis heute nicht gelöst. Im Versuch dieses Dilemma darzustellen, beschäftigt sich diese Arbeit mit dem Glücksstreben in Verknüpfung mit dem moralischen Handeln sowie deren moralische Rechtfertigung anhand des Aufsatzes von Bernard Williams „Moralischer Zufall“, in dem er die Lebensgeschichte des Malers Paul Gauguin und das Liebesleben des Romancharakters Anna Karenina als Beispiele für das kritische Verhältnis von Moral und Glück darstellt. Dazu werden im Folgenden die genannten Beispiele untersucht, die die menschlichen Entscheidungen und Handlungen auf dem Weg zum aufgestellten Ziel beschreiben. Das Verhalten dieser Personen wird betrachtet und kritisiert sowie eine alternative Lösung gegeben. Hauptaugenmerk des Problems von Glück und Moralität wird dabei der moralische Zufall sein. Die Arbeit konzentriert sich nicht nur darauf, wie der Mensch sein Ziel verfolgt und welche Konsequenzen daraus entstehen, sondern versucht auch eine mögliche moralische Rechtfertigung zu liefern. Außerdem werden in dieser Arbeit die Begriffe Glück und Moral definiert und deren Interpretationen aus verschiedenen Zeitepochen dargestellt. Im abschließenden Fazit wird versucht, eine mögliche Antwort auf die gestellte Frage, zum Verhältnis von Glück und Moralität herzuleiten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Begriffliche Definition von Glück und Moral
2. Verhältnis von Moralität und Glück
2.1. Das Streben nach Glück und Verletzung der Moralität: Gauguin und Karenina
2.2. Moralischer Zufall als Rechtfertigung menschlicher Handlungen
2.3. Das Täter-Bedauern und Zuschauer-Bedauern
3. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem individuellen Streben nach Glück und den moralischen Anforderungen an den Menschen. Ausgehend von Bernard Williams’ Konzept des „Moralischen Zufalls“ analysiert die Autorin, ob das Gelingen eines Lebensentwurfs moralische Grenzüberschreitungen rechtfertigen kann, wobei die Fallbeispiele Anna Karenina und Paul Gauguin als zentrale Bezugspunkte dienen.
- Die philosophische Definition von Glück und Moral im historischen Kontext.
- Die Analyse des „Moralischen Zufalls“ nach Bernard Williams.
- Gegenüberstellung des Strebens nach Selbstverwirklichung und moralischer Verantwortung.
- Differenzierung zwischen Täter-Bedauern und Zuschauer-Bedauern.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der Kantianischen Pflichtethik versus utilitaristische Ansätze.
Auszug aus dem Buch
2.1. Das Streben nach Glück und Verletzung der Moralität: Gauguin und Karenina
Williams beschreibt in seinem Werk einen Teil vom Leben Paul Gauguin und untersucht dabei seine Handlungen, um die Problemstellen der Auffassung zum Verhältnis von Moral und Glück darzustellen. Gauguin, Börsenmakler einer Pariser Bank, heiratet und hat fünf Kinder. Im Laufe der Jahre lässt er sich von der Kunst der zeitgenössischen Maler faszinieren und beeinflussen. Ende des 19. Jahrhunderts entscheidet Gauguin sich, sich der Malerei zu widmen, was für ihn heißt die Familie in Paris zu lassen und nach Tahiti zu ziehen. Seine Motivation und Rechtfertigung besteht am Anfang darin, dass er sich als ein Bankangestellter unglücklich fühlt und meint sich nur in der Kunst finden und verwirklichen zu können.
Sein Streben nach der Glückseligkeit und der Glaube an das gelingende Leben, das nur durch die Malerei erreicht werden kann, sind stärker als die Verantwortung, die er für seine Familie trägt. Paul Gauguin verlässt seine Familie und das Land, geht nach Tahiti und malt. Er bricht somit sein Eheversprechen, für seine Frau und Kinder bis zum Lebensende zu sorgen. Zusammengefasst: mit seiner Entscheidung schadet er seiner Familie, gleichwohl wissend, dass sein Glück nicht gesichert ist. Sein Erfolg hängt nicht nur von Gauguin selbst und seiner Begabung ab, sondern auch von äußeren Umständen. Denn trotz der Treue seiner Entscheidung und des Talents, trotz seines Fleißes und Willens, kann es bestimmte externe Bedingungen geben, wie Krankheit oder körperliche Behinderung, die ihn zum Scheitern bringen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in das fundamentale Dilemma zwischen dem universellen Streben nach persönlichem Glück und den moralischen Grenzen des Handelns ein und stellt die methodische Vorgehensweise anhand von Bernard Williams vor.
1. Begriffliche Definition von Glück und Moral: Dieses Kapitel erörtert die etymologischen und philosophischen Grundlagen der Begriffe Glück und Moral und beleuchtet deren Entwicklung von der Antike bis zu modernen Strömungen.
2. Verhältnis von Moralität und Glück: Das zentrale Kapitel analysiert, wie moralische Urteile durch Zufälle beeinflusst werden und ob Handlungen retrospektiv durch ihren Erfolg gerechtfertigt werden können.
2.1. Das Streben nach Glück und Verletzung der Moralität: Gauguin und Karenina: Hier werden die Biografien von Paul Gauguin und Anna Karenina genutzt, um zu illustrieren, wie das Streben nach individuellem Glück zu einem Bruch mit moralischen Verpflichtungen führt.
2.2. Moralischer Zufall als Rechtfertigung menschlicher Handlungen: Dieses Kapitel vertieft den Aspekt, dass Erfolg oder Scheitern oft von externen Umständen abhängen, die außerhalb der Kontrolle des Handelnden liegen, und diskutiert die moralische Relevanz dieses Zufalls.
2.3. Das Täter-Bedauern und Zuschauer-Bedauern: Der Autor differenziert zwischen dem Bedauern, das ein Handelnder selbst empfindet (Täter-Bedauern), und dem Bedauern, das von außenstehenden Betrachtern geäußert wird (Zuschauer-Bedauern).
3. Schlussbetrachtung: Das Fazit führt die Analysen zusammen und kommt zu dem Schluss, dass das Streben nach Glück ein legitimes, individuelles Recht ist, sofern der gewählte Weg nicht das Glück anderer Menschen zerstört.
Schlüsselwörter
Glück, Moral, Moralität, Bernard Williams, Moralischer Zufall, Paul Gauguin, Anna Karenina, Eudämonie, Utilitarismus, Pflichtethik, Selbstverwirklichung, Täter-Bedauern, Zuschauer-Bedauern, Aristoteles, Kant.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem klassischen philosophischen Konflikt zwischen dem individuellen Streben nach einem erfüllten Leben (Glück) und der Einhaltung moralischer Normen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Begriffe Glück und Moral, die Auswirkungen des „moralischen Zufalls“ auf das menschliche Handeln sowie die ethische Rechtfertigung von Entscheidungen, die das Wohlergehen anderer beeinträchtigen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, das Verhältnis von Glück und Moral zu beleuchten und zu untersuchen, ob der Erfolg oder das Streben nach einem Lebensentwurf moralische Fehltritte legitimieren kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine philosophische Literaturanalyse und wendet die Konzepte von Bernard Williams, speziell dessen Analyse des „Moralischen Zufalls“, auf konkrete literarische und biografische Beispiele an.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Begriffsdefinitionen geklärt, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Beispiele Gauguin und Karenina im Hinblick auf den moralischen Zufall und die Differenzierung verschiedener Formen des Bedauerns.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Moral, Glück, Moralischer Zufall, Täter-Bedauern, Eudämonie und Utilitarismus.
Warum spielt die Person Paul Gauguin eine so wichtige Rolle für das Argument?
Gauguin dient als Beispiel für einen Menschen, der durch den Bruch mit seinen sozialen Verpflichtungen (Familie verlassen) sein künstlerisches Glück suchte; sein Fall zeigt, wie gesellschaftliche Dankbarkeit für ein künstlerisches Werk nachträglich moralische Urteile beeinflussen kann.
Welche Rolle spielt das Scheitern von Anna Karenina im Argument der Autorin?
Ihr Scheitern dient als Kontrastpunkt zu Gauguin, um aufzuzeigen, dass der „moralische Zufall“ nicht immer in einem erfolgreichen, sondern auch in einem tragischen Ende münden kann, bei dem das Täter-Bedauern eine zentrale Rolle spielt.
- Quote paper
- Olena Stupakova (Author), 2010, Überlegung zur Frage nach Glück und Moral anhand der Beispiele von Anna Karenina und Paul Gauguin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148264