Mehr als ein Viertel aller Menschen lebt heute unter der Armutsgrenze. Für sie ist der Zugang zu Nahrung, gesundheitlicher Versorgung, Bildung und anderen lebenswichtigen Gütern nur bedingt bis gar nicht möglich. Wie viele Menschen weltweit an den Folgen von Unterernährung und mangelnder Hygiene sterben, wurde bisher noch nicht eindeutig erfasst, doch die Welthungerhilfe geht von 24.000 Opfern täglich aus. Neben starken wirtschaftlichen Problemen prägt diese Menschen die Problematik, dass sie in Staaten leben, in denen Menschenrechte sowie Menschenwürde für die meisten inhalts- und bedeutungslose Begriffe darstellen. Durch ihre schlechte wirtschaftliche Lage und der daraus resultierenden Aufgabe, sich tagtäglich um die Sicherung ihres Lebensunterhaltes zu kümmern, sind sie nicht in der Lage, für ihre Menschenrechte einzutreten.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwieweit die Entwicklungshilfeprojekte der Industrienationen ausreichend sind und effektiv dazu beitragen, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme in den betroffenen Ländern zu mildern. Auch stellt sich die Frage, ob Geld als Entwicklungshilfe alleine ausreichend ist, oder ob es grundlegenderer Hilfe bedarf. Im Jahr 2005 verpflichteten sich die Staats- und Regierungschefs der EU in einem gemeinsamen Stufenplan, die Entwicklungshilfe im EU-Durchschnitt bis zum Jahr 2010 auf 0,56 % und bis 2015 auf 0,7 % des Bruttonationaleinkommens zu erhöhen. Betrachtet man jedoch die Ausgabenstatistik der 22 Geberländer von 2007 wird deutlich, dass sie mit bisher 0,28 % Ausgaben für Entwicklungshilfe von ihren selbstgesetzten Zielen weit entfernt sind.2 Die von den Industrienationen geleistete Entwicklungshilfe in Form von einem Einsatz des eigenen nationalen Einkommens findet als freiwillige Entscheidung statt und unterliegt somit keinen auferlegten moralischen oder rechtlichen Verpflichtungen. Der politische Philosoph John Rawls hat sich in seinen Werken mit der Frage beschäftigt, ob nicht doch moralische Zwänge gegenüber der globalen Bevölkerung existieren, sich um das Wohlergehen aller Menschen, ungeachtet ihrer sozialen, ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit zu sorgen und zu kümmern. Dabei kommt der Gerechtigkeit, wie schon bei Platon und Aristoteles, die Bedeutung einer ersten Tugend sozialer Institutionen zu. Gerechtigkeit gilt bei Rawls als notwendige Bedingung mit absoluter Priorität.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Von der Theorie der Gerechtigkeit zum Recht der Völker
2.1. Eine Theorie der Gerechtigkeit und der Schleier des Nichtwissens
2.1.1. Die Grundsätze der Gerechtigkeit
2.1.2. Das Völkerrecht in der Theorie der Gerechtigkeit
2.2. Die Idee des politischen Liberalismus
2.3. Das Recht der Völker – John Rawls Entwurf eines Völkerrechts
2.3.1. Der erste Teil der idealen Theorie
2.3.2. Der zweite Teil der idealen Theorie
2.3.3. Die nichtideale Theorie
3. Das Recht der Völker in der Kritik
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die transnationale Gerechtigkeitskonzeption von John Rawls, wie sie in seinem Werk "Das Recht der Völker" dargelegt wird. Ziel ist es zu analysieren, ob Rawls globale Gerechtigkeitstheorie in der Lage ist, Verpflichtungen gegenüber der Weltbevölkerung theoretisch fundiert zu begründen und faktisch zu realisieren, sowie eine kritische Auseinandersetzung mit zentralen Einwänden zu führen.
- Grundlagen der Rawls'schen Gerechtigkeitstheorie und des politischen Liberalismus.
- Struktur und Zielsetzung des "Rechts der Völker" als globale Theorie.
- Unterscheidung zwischen idealer und nichtidealer Theorie sowie die Rolle der Menschenrechte.
- Kritische Analyse durch zeitgenössische Philosophen (z.B. Thomas Pogge, Charles Beitz).
- Diskussion über die Integration eines globalen Differenzprinzips versus einer bloßen Unterstützungspflicht.
Auszug aus dem Buch
2.3.3 Die nichtideale Theorie
In der Idealtheorie hat sich Rawls mit einer Theorie beschäftigt, in der ausgehend von einer liberalen Gerechtigkeitskonzeption eine Idealkonzeption eines Rechts der Völker für wohlgeordnete Gesellschaften entwickelt wurde. Mit seiner nichtidealen Theorie beschäftigt sich Rawls mit den Problemen, die sich aus den nichtidealen Bedingungen der Welt ergeben. Ausgehend von der Grundannahme, dass tatsächlich wohlgeordnete Gesellschaften existieren, beschäftigt er sich mit der Frage, wie sich diese Völker gegenüber nicht wohlgeordneten Gesellschaften verhalten sollten. Dabei betont er, dass es ein wesentliches Merkmal wohlgeordneter Völker ist, dass sie in einer Welt leben möchten, in der alle Völker das Völkerrecht anerkennen und befolgen.
Rawls unterscheidet innerhalb der nichtidealen Theorie zwischen zwei Arten der nichtidealen Theorie bzw. zwei Gesellschaftsformen. Die eine Art bezeichnet er als Schurkenstaaten. Sie weigern sich die Grundsätze des vernünftigen Völkerrechts anzuerkennen und sie sind der Überzeugung, dass Krieg das geeignete Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen ist. Die andere Art bezeichnet er als belastete Gesellschaften. Sie haben aufgrund ihrer historischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse schlechte oder gar keine Möglichkeit eine wohlgeordnete Gesellschaftsform zu bilden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung beleuchtet die globale Armutsproblematik und skizziert die Absicht der Arbeit, Rawls' Ansatz der globalen Gerechtigkeit auf seine theoretische Angemessenheit hin zu prüfen.
2. Von der Theorie der Gerechtigkeit zum Recht der Völker: Hier werden die Grundlagen von Rawls' ursprünglicher Gerechtigkeitstheorie, der Schleier des Nichtwissens sowie die Erweiterung seines Modells zum Völkerrecht erläutert.
2.1. Eine Theorie der Gerechtigkeit und der Schleier des Nichtwissens: Der Fokus liegt auf der Entwicklung von Grundsätzen der Gerechtigkeit in einem fiktiven Urzustand unter Ausblendung persönlicher Merkmale.
2.1.1. Die Grundsätze der Gerechtigkeit: Dieses Unterkapitel präzisiert Rawls' zwei Gerechtigkeitsgrundsätze sowie deren lexikalische Ordnung.
2.1.2. Das Völkerrecht in der Theorie der Gerechtigkeit: Es wird untersucht, wie Rawls bereits in frühen Werken den Bezug zu internationalen Beziehungen durch die Ausweitung seiner Theorie herstellt.
2.2. Die Idee des politischen Liberalismus: Dieses Kapitel behandelt die Modifikationen von Rawls' Theorie unter besonderer Berücksichtigung des Pluralismus.
2.3. Das Recht der Völker – John Rawls Entwurf eines Völkerrechts: Hier wird der systematische Ausbau des Rawls'schen Modells zur internationalen Gemeinschaft beschrieben.
2.3.1. Der erste Teil der idealen Theorie: Es wird die Grundlegung für liberale demokratische Völker als Vertragspartner im Völkerrecht erläutert.
2.3.2. Der zweite Teil der idealen Theorie: Hier wird die Toleranz gegenüber achtbaren hierarchischen Gesellschaften diskutiert.
2.3.3. Die nichtideale Theorie: Dieses Kapitel analysiert den Umgang mit Schurkenstaaten und belasteten Gesellschaften.
3. Das Recht der Völker in der Kritik: Eine umfassende Darstellung zentraler Kritikpunkte durch Philosophen wie Pogge, Beitz und Buchanan bezüglich Rawls' Ansatz der internationalen Gerechtigkeit.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Bewertung der Relevanz von Rawls' Modell trotz der identifizierten Schwächen im Hinblick auf reale globale Herausforderungen.
Schlüsselwörter
Globale Gerechtigkeit, John Rawls, Recht der Völker, Urzustand, Schleier des Nichtwissens, Differenzprinzip, Menschenrechte, Politische Philosophie, Ideale Theorie, Nichtideale Theorie, Völkerrecht, Unterstützungspflicht, Schurkenstaaten, Pluralismus, Weltordnung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch das Werk "Das Recht der Völker" von John Rawls und untersucht, ob dieser Entwurf globale Gerechtigkeit theoretisch und praktisch überzeugend begründen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit umfasst die Themenbereiche der politischen Philosophie, des Völkerrechts, der internationalen Ethik, der Theorie der Gerechtigkeit sowie Fragen der globalen Armutsbekämpfung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es festzustellen, ob Rawls' Konzeption globale Verpflichtungen gegenüber der Weltbevölkerung rechtfertigt und ob durch seinen Ansatz tatsächliche globale Gerechtigkeit erreicht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Text- und Theorieanalyse, die Rawls' Primärquellen mit der fachwissenschaftlichen Kritik (z. B. Pogge, Beitz) konfrontiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Grundlagen Rawls', die systematische Vorstellung seines Entwurfs für das Völkerrecht und eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Kritik an seiner Theorie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Globale Gerechtigkeit, Völkerrecht, Differenzprinzip, Menschenrechte, Ideale Theorie, Schurkenstaaten, John Rawls.
Warum kritisieren Philosophen wie Thomas Pogge den Verzicht auf das Differenzprinzip in Rawls' Völkerrecht?
Die Kritik besagt, dass Rawls durch den Verzicht auf ein globales Differenzprinzip seinen eigenen moralischen Ansprüchen aus der "Theorie der Gerechtigkeit" untreu wird und die soziale Lage der Ärmsten in der Welt nicht ausreichend adressiert.
Wie definiert Rawls in seiner nichtidealen Theorie den Begriff der "belasteten Gesellschaft"?
Belastete Gesellschaften sind solche, die aufgrund von historisch ungünstigen, sozialen oder ökonomischen Bedingungen nicht die Kapazität haben, eigenständig wohlgeordnete gesellschaftliche Strukturen zu etablieren, weshalb sie der Unterstützung durch wohlhabendere Völker bedürfen.
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- Anonym (Author), 2008, Das Recht der Völker - Globale Gerechtigkeit bei John Rawls, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148265