Einen großen Verdienst erzielte die Literaturwissenschaft mit der Wiederentdeckung des Aufklärungsschriftstellers Karl Philipp Moritz, nachdem dieser im 19. Jahrhundert nahezu ins Vergessen geraten war. Gerade seine enorme literarische Vielfältigkeit zeichnet ihn als einen von der Unruhe angetriebenen Suchenden, und damit als einen typischen Repräsentanten „seiner Epoche des Hochsubjektivismus“ aus. Der empfundenen Beklemmung seiner eigenen Situation entfliehend, reiste Moritz im Frühjahr 1782 nach England, für dessen Kultur und Fortschritt er eine Sympathie entwickelt hatte. Nach dem bunten Treiben in der Weltmetropole London, dessen Reize er neugierig aufgesaugt, aber auch ambivalent betrachtet hatte, setzte er seine weitere Reise durch ländlichere Regionen zu Fuß fort.
„Das Ziel meiner Reise, was ich mir nun gesetzt hatte“, so erklärt der Reisebeschreiber, „war die große Höhle bei [C]astleton, in dem hohen Peak, von Darbyshire“. Da dementsprechend der Besuch der Höhle für Moritz einen Höhepunkt kennzeichnet, stellt sich zunächst die Frage, ob und wie sich in dessen Beschreibung Erwartungen nachweisen lassen. In einem ersten Abschnitt wird hierfür Moritz‘ Wahrnehmung des Höhleneingangs betrachtet, die im Weiteren mit seinem Wiederaustritt verglichen wird. Neben Parallelen und Unterschieden ist aber auch von Interesse, wie beide Situationen in einen Zusammenhang gebracht werden können. Eine solche Betrachtung wird im Anschluss unter dem Gesichtspunkt ästhetischer Leitmotive in Moritz Naturwahrnehmung vorgenommen. Unter Außerachtlassung der Reise durch die Höhle selbst beabsichtigt diese Arbeit ihre These ausschließlich mit dem Vergleich des Ein- und Ausgangs in Verbindung mit dessen ästhetischen Rahmen zu prüfen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Ein- und Wiederaustritt aus der Höhle
2.1. Die Wahrnehmung des Höhleneingangs
2.2. Das Verlassen der Höhle
3. Ästhetische Motive in der Beschreibung
4. Schlussbetrachtungen
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Besuch der Höhle von Castleton in Karl Philipp Moritz’ Werk „Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782“ unter dem Aspekt der Erwartungshaltung des Autors. Ziel ist es, anhand des Vergleichs von Ein- und Ausgang der Höhle sowie unter Einbeziehung ästhetischer Leitmotive aufzuzeigen, inwieweit das in der Naturbeschreibung gesuchte „Ganze“ tatsächlich erreicht oder durch eine schmerzliche Enttäuschung der Erwartungen ersetzt wird.
- Analyse der Wahrnehmung des Höhleneingangs als Ausgangspunkt einer Erwartungshaltung.
- Untersuchung des Höhlenaustritts als Kontrastpunkt zur anfänglichen Erwartung.
- Betrachtung ästhetischer Motive, insbesondere des Kreises und des „Ganzen“, in der Naturwahrnehmung.
- Reflexion der subjektiven Empfindungen des Autors gegenüber der objektiven Realität.
- Bewertung des Höhlenbesuchs als eine ins Scheitern mündende Wunschvorstellung.
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Wahrnehmung des Höhleneingangs
Noch bevor Moritz in die eigentliche Höhle eintritt und das Tageslicht hinter sich lässt, hält er voller Faszination am Eingang inne. Seine optischen Eindrücke fasst er hier in Worte, die er mit gemischten Gefühlen betrachtet:
Hier stand ich eine Weile voller Bewunderung und Erstaunen über die entsetzliche Höhe des steilen Felsen, den ich vor mir erblickte, an beiden Seiten mit grünem Gebüsch umwachsen, oben die zerfallenen Mauern und Thürme eines alten Schlosses, das ehemals auf diesem Felsen stand, und unten an seinem Fuße die ungeheure Oefnung zum Eingange in die Höhle, wo alles stockfinster ist, wenn man auf einmal von der hellen Mittagssonne hinunter blickt.6
Moritz‘ Begeisterung drückt sich indirekt besonders in der umfangreichen Beschreibung aus. In einem einzigen Satz schildert Moritz seine Eindrücke und zeigt ein detailiertes, ganzheitliches Bild auf. Dabei beziehen sich die Richtungsangaben stets auf den Felsen als Mittelpunkt, der dem Höhleneingang einen imposanten Rahmen verleiht. Bei genauerer Betrachtung gibt Moritz nicht bloß eine Bestandsaufnahme, sondern geht dabei systematisch vor. Im ersten Blick erfasst er das grüne Gebüsch zu beiden Seiten des Felsens, bis sich sein Blick in die „entsetzliche Höhe“ zur Felsenspitze wendet. Er beschreibt damit den Rahmen, in den der eigentliche Höhleneingang eingebettet ist. Beide Blickrichtungen kontrastieren miteinander und können als eine Charakteristik des Betretens der Höhle angesehen werden. Nicht nur dass der Eingang zu „beiden“ Seiten von grünem Gebüsch flankiert ist, sondern der Felsen ist damit sogar „umwachsen“. Bildlich betrachtet wird so der Felsen vollkommen in das Erscheinungsbild der Natur integriert. Die Natur selbst ist es, in der Moritz sich sicher und geborgen fühlt, was sich in seiner Natursymbolik widerspiegelt.7
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Person Karl Philipp Moritz ein und umreißt die Forschungsfrage, ob und wie sich Erwartungen in der Beschreibung der Höhle von Castleton widerspiegeln.
2. Der Ein- und Wiederaustritt aus der Höhle: Hier werden die visuelle Wahrnehmung des Eingangs sowie der Moment des Verlassens detailliert verglichen, um den Umschwung von der anfänglichen Faszination zur Enttäuschung aufzuzeigen.
3. Ästhetische Motive in der Beschreibung: Das Kapitel beleuchtet das ästhetische Konzept des „Ganzen“ und das Motiv des Kreises in Moritz’ Naturbeschreibung als Rahmen für die Höhlenreise.
4. Schlussbetrachtungen: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass Moritz' Reiseerlebnis eine schmerzliche Enttäuschung darstellt und sein „Blick ins Elysium“ lediglich Wunschdenken war.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Karl Philipp Moritz, Reisen eines Deutschen in England, Höhle von Castleton, Naturwahrnehmung, Erwartungshaltung, Enttäuschung, Ästhetik, Hochsubjektivismus, Aufklärung, Symbolik, Landschaftsbeschreibung, Höhleneingang, Ganzheitlichkeit, Wunschdenken, Reflexion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Besuch der Höhle von Castleton durch Karl Philipp Moritz in seinem Werk „Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782“ und untersucht, wie Moritz seine Erwartungen in die Naturbeschreibung einfließen lässt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Naturwahrnehmung im Zeitalter der Aufklärung, die subjektive Ästhetik von Moritz sowie die Diskrepanz zwischen Erwartung und tatsächlicher Erfahrung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, zu ergründen, ob sich das von Moritz gesuchte „Ganze“ in der Höhlenbeschreibung manifestiert oder ob der Prozess der Besichtigung in einer Ernüchterung bzw. Enttäuschung endet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse des Textes unter Einbeziehung ästhetischer Motive und Sekundärliteratur zu Moritz' Naturverständnis.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert strukturiert die Wahrnehmung des Höhleneingangs, das Verlassen der Höhle und die ästhetischen Hintergründe dieser Eindrücke.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Naturwahrnehmung, Erwartungshaltung, Ästhetik des „Ganzen“, Enttäuschung und das Werk „Reisen eines Deutschen in England“.
Inwiefern spielt der Begriff „Elysium“ eine Rolle im Text?
Der Begriff dient als zentrale Metapher für den Moment kurz vor dem Wiederaustritt, in dem Moritz glaubt, eine paradiesische Erlösung zu finden, was sich später jedoch als Täuschung erweist.
Wie bewertet der Autor den Zustand des Reisebeschreibers nach dem Höhlenbesuch?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Moritz nach dem Verlassen der Höhle ernüchtert in den irdenen Alltag zurückkehrt, da die Realität seine hochgesteckten Erwartungen enttäuscht hat.
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- Kerstin Zimmermann (Author), 2008, Die Höhle von Castleton als Ziel in Karl Philipp Moritz‘ „Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148281