Die politischen Verhältnisse im frühen Mittelalter am Beispiel Tassilos III.


Essay, 2007

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Im späten fünften Jahrhundert und zu Beginn des sechsten Jahrhunderts etablierte sich ein Volksstamm in der Region zwischen Lech, Donau und dem Alpenrand. Bei dieser Bevölkerungsgruppe handelt es sich um die Baiern, die durch Verschmelzungen der romanisch-keltischen Bevölkerung des Alpenvorlandes und verschiedenen germanischen Bevölkerungsgruppen entstand. Unter fränkischem Einfluss entwickelte sich durch die Errichtung des Herzogtums ein Stammesbewusstsein und an der Spitze des Herzogtums stand das Geschlecht der Agilolfinger. Mit Tassilo III. wich dieses letzte dynastische Herzogshaus des Frankenreichs der neu errichteten inneren Ordnung des Reiches. Diese innerpolitische Vereinheitlichung sollte einige Jahrzehnte später grundlegend dazu beitragen, dass Karl der Große, Sohn Pippins des Jüngeren, die Ausdehnung seines Reiches auf einen Höhepunkt bringen konnte.

Herzog Tassilo hat als einer der letzten Herzöge im karolingischen Reich, kulturhistorisch viel erreicht bzw. bewirkt. Als Sohn Herzog Odilos und mit Zustimmung des Frankenkönigs Pippin wurde Tassilo III. im Jahr 748 schon im Kindesalter Herzog von Baiern. In dessen, und auch in die Amtzeit seines Vaters, fallen auffällig viele Klostergründungen. Die bedeutendsten darunter waren das Kremsmünster (777) und Mattsee (zwischen 777 und 783/784). Diese gehen auf ihn zurück und geben Zeugnis über seinen herrschaftlichen Einfluss. In Hinblick auf die Errichtung einer bairischen Herzogskirche unterstützte er ebenso die zahlreichen Klostergründungen durch den ortsansässigen Adel. Was Herzog Tassilo, trotz seiner nahen Verwandtschaft mit dem Karolingerkönig, zu einer politischen Zielscheibe machte, soll Anliegen dieses Essays sein. Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Vettern gipfelte in einem Prozess ohnegleichen; eine Art Exempel zur Warnung seiner Gegner?

Mit Herzog Tassilo III. wird eine frühmittelalterliche Figur dargestellt, die allerdings als Politiker zur Zeit Karls des Großen vielmehr zum Scheitern verurteilt war. Nur wenige Quellen geben Auskunft darüber, die der neuzeitlichen Forschung fast ausschließlich fränkische Nachrichten bieten. Über die außenpolitischen Beziehungen der Baiern, darunter hauptsächlich die zur karolingischen Königsfamilie, wird der Nachwelt nur eine Sichtweise offeriert. Der Prozess zu Ingelheim, der 788 zum Herrschaftsende Tassilos führte, wird als einer der ältesten des Mittelalters angesehen, von dem ausführliche Zeugnisse überliefert sind. Sie zu bewerten ist nach wie vor ein aktuelles Anliegen der Forschung und wird kontrovers diskutiert.

Ausgangspunkt der Betrachtungen sind zunächst die historischen Rahmenbedingungen. Die geschichtlichen Zeugnisse Baierns, als ein selbstständiger Stammesstaat, reichen bis in die Anfänge des 6. Jahrhunderts zurück. Erst im Jahr 526, mit dem Tod des ostgotischen Königs Theoderich, fiel dessen Herrschaftsgebiet, darunter auch Baiern, den Franken zu. Die merowingische Oberhoheit anerkennend, haben sie dennoch nahezu zwei Jahrhunderte eine verhältnismäßig unabhängige Existenz führen können. Dieses lässt sich mit der äußeren Lage im Reich erklären.

Mit der energischen Politik der Karolinger kamen die Baiern erstmals in Kontakt, als diese sich im Königtum der Merowinger zu emanzipieren versuchten. Diese, aus dem Maas-Moselgebiet stammende fränkische Adelsfamilie, beteiligte sich bereits im 7. Jahrhundert des Merowingerreichs aktiv am politischen Geschehen und gewann dadurch zunehmend an Einfluss. Um die fränkische Herrschaft im Reich wiederherzustellen, aber auch zu erweitern, zogen sie gegen die Stämme im Reich ins Feld. Schon als oberste Amtsträger des Königshofes, als Hausmeier, hatten sie die eigentliche Macht im Reich erlangt und verdrängten die merowingischen Könige. Allerdings fehlte ihnen eine Legitimation ihrer Machtansprüche. Dieser letzte Schritt gelang ihnen 751 mit der Königserhebung Pippins III. durch Papst Zacharias. An Macht waren die Karolinger den Agilolfingern somit ohne Zweifel überlegen, aber eine altadlige und vornehme Abstammung konnten sie nicht vorweisen.

Der Teil der Geschichte, der aufzeigt, wie es zu Tassilos Untergang kam, ist aus der heutigen Sicht ein Teil karolingischer Geschichte. Was aus der Literatur bekannt ist, stellt überwiegend die Geschichte Karls des Großen und seine Politik dar – dabei speziell seine Verfahrensweise mit politischen Gegnern. In den fränkischen Quellen, vor allem die Annales Regni Francorum, die Reichsannalen, wird Tassilo nur sehr vage dargestellt. Erst der Prozess zu Ingelheim 788 gibt einen detaillierten Eingang in die zur Verfügung stehenden Quellen, die sich allerdings auf die fränkische Perspektive berufen. Auffällig dabei ist die detailgenaue Schilderung, selbst bei drei Jahrzehnte zurückliegender Vergehen. Es zeigt ein anderes Bild des bayrischen Herzogs und klagt lang zurückliegende Verstöße Tassilos an, die zuvor in den Quellen nicht erwähnt wurden. Spätestens mit Peter Classens eingehenden Studien ist deutlich geworden, dass der Wert der Reichsannalen für die Ereignisgeschichte hierbei nicht zu überschätzen ist. Becher sieht allerdings in der fränkischen Darstellung die „Rechtfertigung der Eingliederung Baierns ins Frankenreich“ (Becher 1993, S. 74) und geht damit noch einen Schritt weiter. Dies wäre aus der Sicht des fränkischen Königs im politischen Kontext um 790 durchaus denkbar, ist aber an den Quellen nicht zu belegen. So bleiben nur die Argumente, die im logischen Rückschluss darauf hindeuten, dass das Verfahren von Ingelheim 788 als „Schauprozess“ (Fried 1994, S. 257) verstanden werden kann, und die Vorgeschichte gestaltet wurde (Kolmer 2005, S. 19).

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Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die politischen Verhältnisse im frühen Mittelalter am Beispiel Tassilos III.
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Seminar "Königsherrschaft im Mittelalter"
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
11
Katalognummer
V148282
ISBN (eBook)
9783640602476
ISBN (Buch)
9783640602209
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tassilo, Karl der Große, Bayern, Desiderius, Langobarden, Papst, Stephan III., Rom, dynastisch, Ingelheim, Agilolfinger, compaternitas, Heeresflucht, Reichsannalen
Arbeit zitieren
Kerstin Zimmermann (Autor), 2007, Die politischen Verhältnisse im frühen Mittelalter am Beispiel Tassilos III., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148282

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