Hartmann von Aue: ‚Gregorius, der gute Sünder‘

Eine Untersuchung der zweigeteilten Handlungsstruktur und deren Einfluss auf eine Gattungszugehörigkeit


Seminararbeit, 2009
15 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Deutungsproblematik und Entstehungsabsicht

3. Der Prolog und das Motiv der zwei Wege

4. Höfische Elemente und das ‚Doppelweg-Schema‘

5. Strukturelle Grundelemente der Erzählung

6. Schlussbetrachtungen

7. Literaturverzeichnis
Primärliteratur/Quellen
Sekundärliteratur

1. Einleitung

Einer nach wie vor tradierten Vorstellung vom Mittelalter als dem dunklen Zeitalter ist es zuzuschreiben, dass auch der mittelalterlichen Literatur vielfach nur wenig Beachtung geschenkt wird. Im Zuge der neuzeitlichen nationalistischen Verklärung haben sich die verschiedenen Ausrichtungen der Philologie weitestgehend eigenständig entwickelt und modernen Landesgrenzen untergeordnet. Das gilt auch für die moderne altgermanistische Forschung, die sich lange der Erfolge Karl Lachmanns bediente und sich nur langsam von einem selektiven Blick löst.

Erst seit jüngster Zeit gestaltet sich mit den ebenso fortschreitenden Geschichts-, Kultur- und Sozialwissenschaften eine interdisziplinäre Forschung aus, die den Kenntnisstand enorm zu bereichern vermag und ein breites Spektrum aufarbeiten will. In dieses Anliegen reiht sich auch die Hartmann-Forschung ein, die dessen dichterischen Verdienst längst erkannt, aber bislang unzureichend gewürdigt hat. Noch in den 1970ern ist für Hugo Kuhn ist Hartmann von Aue sogar „der am meisten vernachlässigte unter den Dichtern unserer mittelhochdeutschen Blüte um 1200“[1]. Obwohl von ihm als Dichter nur wenig bekannt ist, verdankt ihm die Altgermanistik die Übertragung der literarischen höfischen Welt Chrétien de Troyes‘ in die deutsche Sprache.

So dienten dessen altfranzösische Werke Hartmann nicht nur für seine arturischen Epen ‚Erec‘ und ‚Iwein‘ als Vorlage, sondern auch für die legendenhafte Erzählung ‚Gregorius‘.

Gerade der offensichtlich widersprüchliche Untertitel ‚der gute Sünder‘ deutet an, dass es sich dabei nicht alleinig um eine religiöse Charakteristik handelt. Stattdessen findet sich in dieser Erzählung Hartmanns eine bemerkenswerte Symbiose der weltlichen und geistlichen Daseinsform, die der Dichter nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell einzugehen versucht. Thema dieser Arbeit bildet die zweiteilige Handlungsstruktur des ‚Gregorius‘, die auf ihre Rolle in der Deutung des Werkes hin untersucht werden soll. Ein solches Anliegen macht es notwendig, noch im Vorfeld die Deutungsproblematik zu beleuchten und zwei Ansätze zu thematisieren, die für eine Deutung des Gregorius grundlegend sind. Beide Interpretationsblickwinkel, das biblische ‚Zwei-Wege‘-Motiv und das ‚Doppelweg‘-Schema, das an das Konzept des höfischen Romans angelehnt ist, finden im Anschluss eine nähere Betrachtung. In einem indirekten Vergleich sollen beide Modelle auf ihre Plausibilität und ihre Anwendbarkeit für eine Deutung geprüft werden.

2. Zur Deutungsproblematik und Entstehungsabsicht

Besonders in Hinblick auf eine Deutung von Hartmanns Gregorius-Erzählung ist es wichtig, der Frage nach der Gattungszugehörigkeit nachzugehen. Für das frühe Mittelalter scheint dies einfacher, für das es sich bei erzählenden Quellen um hagiografische oder historiografische Zeugnisse aus klerikalem Umfeld handelt. In der staufischen Zeit, in der Ende des 12. Jahrhunderts die vorliegende Erzählung entstand, vollzog sich ein Wandel in der Schriftkultur, in dem zunehmend auch Laien das Wort ergriffen. Neben der klösterlich tradierten lateinischen Sprache, entstand nun auch eine volkssprachliche Literatur, vorzugsweise für ein gebildetes, elitäres Publikum. Diese Tatsache darf nicht darüber hinweg täuschen, dass die heilsgeschichtliche Orientierung des Mittelalters nach wie vor darin Niederschlag fand.

Ungeachtet dessen lässt sich eine Ausdifferenzierung von Gattungen für diese Zeit nur in ihren Anfängen erkennen und gestaltet sich auch für den ‚Gregorius‘ schwierig. Diesbezüglich ist die Forschung bislang zu keinem klaren Ergebnis gelangt.[2] Anhand stilistischer Motive und Charakteristika eines modernen Gattungsverständnisses liegt zum einen eine Zuweisung zur Form der Legende nahe, andererseits weist Hartmanns Erzählung Elemente des höfischen Romans auf. Verbunden mit der Frage nach der Schreibintention, könnte nur die Kenntnis des Adressatenkreises die entsprechende Lesart erhellen.

Unter der Maßgabe, dass Hartmann von Aue „etwas im Grunde Ernstes, fast zu Ernstes: lehren, belehren und bessern“[3] wollte, wäre eine Verwandtschaft des ‚Gregorius‘ mit der Legende ein erster Ansatz. Ganz im Sinne hagiografischer Schilderungen, die das Leben von Heiligen darstellen, erinnert Hartmanns Erzählung inhaltlich an eine ‚Vita‘. In dieses stringente Muster der Hervorhebung der wunderlichen Taten des Heiligen als Stellvertreter Gottes in Form einer Lebensbeschreibung, fügen sich auch die christlichen Motive ein, die im ‚Gregorius‘ auffallen. So läuten die Glocken auf wundersame Weise, als Gregorius zum Papst berufen nach Rom Einzug[4] hält. Ebenso scheint er wie von Gotteshand genährt, als der Sündige zur Buße hat 17 Jahre lang auf einem kargen Felsen bei Wind und Wetter überleben können. Darüber hinaus lassen sich einige weitere hagiografische Spezifika finden, die die Handlungsstationen wie unter einer Prädestination miteinander verknüpfen. Durch den fehlenden historischen Bezug[5] jedoch ist von keinem bestimmten katholischen Heiligen die Rede, sodass es sich beim ‚Gregorius‘ lediglich auf Ähnlichkeiten mit einer ‚Vita‘ beschränkt.

Von diesem Standpunkt eines christlichen Deutungsschemas ausgehend, lässt sich die auffällige zweigeteilte Handlungsstruktur im ‚Gregorius‘ als ein biblisch motiviertes Zwei-Wege-Modell interpretieren. Grundlage dieser Annahme bildet ein von Hartmann im Prolog angebrachtes Wege-Gleichnis aus dem Neuen Testament. Insgesamt stützt sich diese theologisch motivierte Auslegung vordergründig auf den Prolog im ‚Gregorius‘, in dem desweiteren eine Entstehungsabsicht formuliert ist.

Ein ganz anderer Interpretationsansatz bietet sich mit dem Doppelweg-Schema. Hierbei wird von der Deutung der zwei Handlungszyklen ausgegangen, die ein eher untypisches Merkmal einer Legende darstellen. Dieses Konstrukt der Literaturwissenschaft lehnt sich an den Aufbau eines höfischen Romans an, zu dem der ‚Gregorius‘ motivliche Parallelen aufweist. Mit Außenvorlassen der theologischen Aspekte und des zweifachen Inzests zeichnet sich ein entsprechendes ‚âventiure‘-Schema ab: Bedrängnis einer Landesherrin, die geehelicht wird, nachdem sich der tapfere unbekannte Ritter im Duell gegen den Angreifer bewiesen hat. Wie Goebel[6] anmerkt, vernachlässigen beide starren Konzepte das dichterische Vermögen Hartmanns von Aue. Als grundlegende strukturelle Auffälligkeit lassen sich zunächst zwei linear verknüpfte Handlungsstränge konstatieren, in die Hartmann sowohl theologische Aspekte integriert, als auch höfische Elemente eingewoben hat. Diese Doppelung, die jeweils mit der Trennung von Mutter und Sohn beginnt und der Wiedervereinigung schließt, das Inzestmotiv jedoch abwandelt, verweist auf eine Schreibintention, die sich nicht ausschließlich am konkreten Inhalt orientiert. Aufgabe der Forschung ist es, zu einer Deutung zu gelangen, die sowohl die religiösen Motive, als auch die inhaltliche Anlehnung an den Artusroman mit dem strukturellen Aufbau zu vereinen vermag.

[...]


[1] Hugo Kuhn: Hartmann von Aue als Dichter. In: Hartmann von Aue. Hrsg. v. Hugo Kuhn u. Christoph Cormeau. Darmstadt 1973. S 68.

[2] Vgl. Christoph Cormeau u. Wilhelm Störmer: Hartmann von Aue. Epoche-Werk-Wirkung. München 2007. S. 126.

[3] H. Kuhn: Hartmann von Aue als Dichter. Darmstadt 1973. S. 72.

[4] „Von einen gnâden ich iu sage. / vor der kunft drîer tage / dô wart ze Rôme ein grôzer schal: / sich begunden über al / die glocken selbe liuten / und kunten den liuten / dáz ir rihtære / schiere künftic wære“. V. 3753-3760. Zitiert nach Hartmann von Aue: Gregorius, der gute Sünder. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Friedrich Neumann. Stuttgart 1963. S. 216-218.

[5] Vgl. Peter Wapnewski: Hartmann von Aue. Stuttgart 1972. S. 80.

[6] Vgl. Dieter Goebel: Untersuchungen zu Aufbau und Schulproblem in Hartmanns ‚Gregorius‘. Berlin 1974. S. 9.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Hartmann von Aue: ‚Gregorius, der gute Sünder‘
Untertitel
Eine Untersuchung der zweigeteilten Handlungsstruktur und deren Einfluss auf eine Gattungszugehörigkeit
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Ältere deutsche Literatur)
Veranstaltung
Seminar "Hartmann von Aue, ‚Gregorius‘"
Note
2,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V148283
ISBN (eBook)
9783640583447
ISBN (Buch)
9783640582686
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Doppelweg, aventiure, Hartmann, Gregorius, Sünde, Inzest, Bibel, Minne, Abenteuer
Arbeit zitieren
Kerstin Zimmermann (Autor), 2009, Hartmann von Aue: ‚Gregorius, der gute Sünder‘, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148283

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