Fürze, Fäkalien, Schweiß, Sekrete, Spucke, Ausscheidungsorgane ... vor diesen Dingen ekeln wir uns, und gleichzeitig sind es jene Substanzen und Körperzonen, für die wir uns besonders schämen. Auch wenn Scham und Ekel äußerst unangenehm sind, haben sie doch wichtige Funktionen: Sie schützen uns und sind wesentlich menschliche Gefühle, ohne die vernünftiges und moralisches Handeln unmöglich wären.
Menschen, die professionell mit Körpern arbeiten, machen es sich häufig zum Ziel, Scham- und Ekelgefühle loszuwerden. Dass dies unmöglich ist und auch sehr unvernünftig wäre, soll dieses Buch zeigen.
Auch wenn Scham und Ekel äußerst unangenehme Gefühle sind – sie haben eine wichtige Funktion: Sie zeigen uns Grenzbereiche an, die nicht überschritten werden dürfen, sie sind Schnittstellenphänomene: Scham zeigt die Schnittstelle zwischen „Vertraut“ und „Nicht-Vertraut“ zwischen „Ich“ und „Fremd“. Auch Ekel kann als Schnittstellenphänomen betrachtet werden: Substanzen, die sich in meinem Körper befinden, also zum Ich gehören, sind nicht Ekel erregend. Sobald sie den Körper verlassen haben, empfinden wir Ekel, weil sie nun zum „Anderen“ gehören. Ekel und Scham wirken auf uns wie Stopp-Schilder oder Wächter: Ekel schützt vor infektiösem Material, hindert uns aber auch daran, Intimzonen anderer Menschen zu berühren; damit werden die Grenzbereiche anderer Menschen geschützt. Scham hingegen schützt uns davor, unsere eigenen Intimbereiche zur Schau zu stellen, schützt uns vor Übergriffen und unsere Umwelt vor dem Ekel.
Weil Scham und Ekel sehr unangenehme Gefühle sind, ist in der Literatur meist das Negative an ihnen betrachtet und beschrieben worden. Vor allem in der psychoanalytischen Literatur gibt es die Tendenz, Schamphänomene primär als krankhaft zu werten, die positiven Schutzfunktionen werden dabei häufig übersehen. Diese Arbeit will besonders das Positive an den Emotionen Scham und Ekel hervorheben.
Inhaltsverzeichnis
Entschuldigungen (statt Vorwort)
Über Schwierigkeiten in der Rede und Analyse von Gefühlen
Über Schwierigkeiten im Wortgebrauch
Über Schwierigkeiten mit dem Mittelalter
Warum Sigmund Freud und Jean-Paul Sartre nebensächlich sind
Was mich an Freud freut: seine Verdrängung
Überblick
Körperscham und Ekel
Zwei Seiten einer Medaille
Distanzschaffende Manöver
SCHAM UND EKEL
1. PHÄNOMENOLOGISCHE BETRACHTUNGEN
1.1 Wofür wir uns schämen
1.2 Was ist Scham?
Scham und der notwendige Blick des anderen
Scham – ohne den Blick des anderen
Innenperspektive und Außenperspektive
1.3 Peinlichkeit, Scham und Verlegenheit
Das Empfinden von Scham und Peinlichkeit als ein Gefühl
Das Empfinden von Peinlichkeitsgefühlen ohne Schamgefühle
Sich für jemanden schämen
Verlegenheit
2. ZUR ENTWICKLUNG DER SCHAM
2.1 Scham und Ich-Identität
2.2 Scham, Gewissen und Selbstreflexion
2.3 Entwicklung der Körperscham und des Ekels
Wovor sich Säuglinge und Kleinkinder ekeln
Wie Ekel und Scham erlernt werden
Innenleben und Außenleben
Scham und Identitätsfindung in der Pubertät
Scham im Alter, Ekel vor dem Alter, vor Krankheit und Verstümmelung
Kranke Körper
3. GIBT ES SCHAMLOSIGKEIT?
3.1 Ist Scham angeboren?
3.2 Die Kyniker, die Hunde! Und die Nudisten
3.3 Die Duerr-Elias-Debatte über den Zivilisationsprozess
Das Genital der alten Griechen
Badhäuser und Bettkisten
Heimlichkeiten und Hosenlätze
Postman, die Zivilisierung durch Gutenberg; und Daguerre
Die Kackstühle des Königs
Scheiß Schlösser! Beschissenes Bolivien!
Notizen zu Jean-Claude Bologne
3.4 Elias' Irrtum
3.5 Körperwahrnehmungen
3.6 Psychische Hosen
4. UNBESCHÄMBARKEIT
4.1 Schamlosigkeit, fehlender Ekel und Krankheit
Phineas P. Gage
4.2 Schamabwehr
Anti-Schamtraining
Schamentwöhnung durch Gewöhnung
5. SCHAM ALS WESENTLICH MENSCHLICHES GEFÜHL
EKEL UND SCHAM
1. KANN MAN EKELGEFÜHLE VERLERNEN?
1.1 Die Nase ist angeboren
1.2 Philosophie und Nase
1.3 Ekelcodes
Warum wir Spinnen nicht verspeisen
Mumie als Medizin; und Menschenfresser
Parfum gegen Pestilenz
Moral, Müll und Muttersprache
WC, Wiederverwertung, Waschzwang und Wohlgeruch
2. PHÄNOMENOLOGISCHE BETRACHTUNGEN
2.1 Wovor wir uns ekeln
2.2 Ekel auslösende Merkmale
Übersättigung
Körpereigene oder fremde Ekelstimuli
Riech-Weite
Die Art der Substanz, ihre Konsistenz und Farbe
Das Alter der Substanz oder der Grad der Verwesung
Der Anschein der Gesundheit oder Normalität der Substanz
Der Ort, an dem sich die Substanz befindet
Geräusche
Wahrnehmbarkeit
Konstruktion des theoretisch ekelerregendsten Stimulus
3. TOTES, SEX UND LEBEN
3.1 Leiche und Verwesung
3.2 Verwesung am lebendigen Leib
3.3 Mutterliebe, Intimität, Sexualität
Trotz Spucke und Rotz
Die Begegnung zweier Speichel
4. EKEL UND MEDIZIN
4.1 Sex und Medizin
4.2 Menschen abwehren – Distanzierungsmethoden des Mediziners
Gefühlsarbeit
Schutz vor direktem Körperkontakt
Flucht und Verleugnung
Vergegenständlichung des Patienten und Bürokratie
Standardisierung und Wiederholung
Hierarchien
Sprachen
Scherze, Schwarzer Humor
4.3 Sisyphusarbeit Sauberkeit
5. GEMISCHTE GEFÜHLE
5.1 Ekel und Gewalt
5.2 Ekel und Lust
Frust mit Freud
Lust auf Ekel?
Ist Interesse Lust?
Was ist Ekel, wenn nicht verdrängte Lust?
6. FÜHLEN; UND GESUND PFLEGEN
6.1 Scham- und Ekelmanagement
6.2 Übungen für die Übelkeit. Stoizismus auf Station
Zielsetzung & Themen
Das Ziel der Arbeit ist die Untersuchung der sozialen und persönlichen Funktionen von Scham und Ekel im Kontext des menschlichen Körpers und medizinischer Pflegesituationen. Die zentrale Forschungsfrage beschäftigt sich damit, ob Scham und Ekel als wesentliche, notwendige Gefühle des Menschen zu betrachten sind, anstatt sie primär als Ergebnis neurotischer Verdrängungsprozesse im Sinne der klassischen Psychoanalyse zu interpretieren.
- Die phänomenologische Abgrenzung von Scham, Peinlichkeit und Verlegenheit.
- Die entwicklungspsychologische Perspektive auf die Entstehung von Scham- und Ekelgefühlen beim Kind.
- Die neurologischen und sozialen Voraussetzungen für Schamempfinden und die Folgen ihres Fehlens.
- Die Relevanz von Scham- und Ekelmanagement für das Pflegepersonal im klinischen Alltag.
- Die kritische Auseinandersetzung mit zivilisationstheoretischen Ansätzen, insbesondere der Debatte zwischen Duerr und Elias.
Auszug aus dem Buch
Körperscham und Ekel
Wir verwenden Toilettepapier, um mit unserem Stuhlgang möglichst nicht in Berührung zu kommen. Das Anfassen von eigenem Urin fällt normalerweise weniger schwer. Es gibt sogar den volksgebräuchlichen „Urinwickel“, eine Art der umstrittenen Eigenurintherapie. Die Vorstellung, Urin – auch wenn es sich um den eigenen handelt – zu trinken, lässt uns aber schaudern. In der Eigenurintherapie gibt es auch diese Methode, von diversen abnormen Sexualpraktiken ganz zu schweigen. Zwar ekelt uns im Normalfall unser eigener Anal- und Urogenitalbereich nicht, dennoch sind diese Bereiche, weil sie Öffnungen für Ausscheidungen sind, jene Körperzonen, die wir als „schmutzig“ empfinden und deshalb auch tunlichst verbergen.
Eigenes Sputum und Nasensekret ekeln uns nicht, wir haben es selbst in Mund, Nase und Rachen. Sobald Sputum oder Nasensekret aber außerhalb des Körpers gelangen, ekeln wir uns davor und zwar umso mehr, je länger sich diese Sekrete außerhalb unserer selbst befinden. Wenn wir in ein Glas spucken und unsere eigene Spucke wieder austrinken sollen, ekeln wir uns davor – und zwar sehr. Bei Kleinkindern ist das nicht so, es macht ihnen Spaß, Saft im Mund mit Spucke zu vermischen, wiederholte Male wieder ins Glas zu spucken, um das lauwarm-schaumige Gebräu schließlich zu trinken – aber nur bis zu einem gewissen Alter. Kinder essen auch sehr gerne Nasenpopel. Erwachsene tun das meist auch, sie geben es aber nicht zu. Macht man Kindern aber den Vorschlag ihre Nasenpopel in einer kleinen Schachtel zu sammeln – sozusagen einen Vorrat anzulegen, damit sie später verzehrt werden können –, reagieren Kinder mit Ekel darauf.
Zusammenfassung der Kapitel
1. PHÄNOMENOLOGISCHE BETRACHTUNGEN: Dieses Kapitel definiert Scham als universelles Gefühl und grenzt es von verwandten Emotionen wie Peinlichkeit und Verlegenheit ab, wobei der Blick des anderen als essenzielle Voraussetzung hervorgehoben wird.
2. ZUR ENTWICKLUNG DER SCHAM: Hier wird der entwicklungspsychologische Prozess der Ich-Bildung dargestellt, der eine notwendige Basis für das Schamempfinden bildet.
3. GIBT ES SCHAMLOSIGKEIT?: Anhand historischer und kulturvergleichender Beispiele wird die Frage nach der Universalität von Scham und Ekel diskutiert und die These Norbert Elias’ kritisch hinterfragt.
4. UNBESCHÄMBARKEIT: Dieses Kapitel thematisiert neurologische Grundlagen der Scham und zeigt, dass das Fehlen dieser Emotion mit schwerwiegenden sozialen und moralischen Defiziten einhergeht.
SCHAM ALS WESENTLICH MENSCHLICHES GEFÜHL: Hier wird zusammenfassend argumentiert, dass Scham kein rein erlerntes, sondern ein dem Menschen notwendiges Gefühl ist.
KANN MAN EKELGEFÜHLE VERLERNEN?: Dieses Kapitel untersucht die biologischen Wurzeln des Ekels und die Grenzen seiner kulturellen oder individuellen Überwindbarkeit.
EKEL UND MEDIZIN: Hier werden die spezifischen Herausforderungen im medizinischen Berufsalltag beleuchtet und Distanzierungstechniken des Personals analysiert.
GEMISCHTE GEFÜHLE: Der Zusammenhang zwischen Ekel, Gewalt und Lust wird kritisch diskutiert, wobei die psychoanalytische Deutung des Ekels als verdrängte Lust infrage gestellt wird.
FÜHLEN; UND GESUND PFLEGEN: Den Abschluss bildet eine praktisch-philosophische Betrachtung zur psychohygienischen Bewältigung von Ekel und Scham im Pflegeberuf.
Schlüsselwörter
Scham, Ekel, Körperscham, Zivilisationsprozess, Phänomenologie, Entwicklungspsychologie, Pflegeethik, Distanzierung, Tabu, Hygiene, Ekelcodes, Verdrängung, Psychoanalyse, Leiblichkeit, Moral.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die sozialen und persönlichen Funktionen von Scham und Ekel im Kontext des menschlichen Körpers, insbesondere in klinischen und pflegerischen Situationen, und hinterfragt dabei gängige zivilisationstheoretische und psychoanalytische Deutungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Phänomenologie von Scham und Ekel, ihre entwicklungspsychologischen Ursprünge, ihre Rolle als Schutzmechanismen und ihre Bedeutung für professionelles Pflegehandeln.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass Scham und Ekel wesentliche, dem Menschen notwendige Gefühle sind, die nicht primär als bloßes Ergebnis kultureller Erziehung oder neurotischer Verdrängung betrachtet werden sollten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein interdisziplinärer Ansatz gewählt, der philosophische, psychologische, entwicklungspsychologische und soziologische Perspektiven integriert und durch Erfahrungen aus der Pflegepraxis untermauert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine phänomenologische Untersuchung der Gefühle, eine Analyse ihrer Entwicklung bei Kindern, die Debatte zur Unbeschämbarkeit, medizinische Ekelphänomene und die Bewältigungsstrategien von Pflegekräften.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Scham, Ekel, Körperscham, Zivilisationsprozess, Pflegeethik, Distanzierung und Leiblichkeit.
Wie unterscheidet der Autor Scham von Peinlichkeit?
Der Autor versteht Peinlichkeit als ein eher situationsbezogenes Gefühl, während Scham personenbezogen ist und die Identität des Einzelnen im Blick des anderen stärker berührt.
Warum wird die Psychoanalyse kritisch betrachtet?
Der Autor kritisiert die Tendenz der Psychoanalyse, Ekel ausschließlich als verdrängte Libido zu interpretieren, da dies die positive Schutzfunktion dieser Gefühle vernachlässige und zu reduktionistisch sei.
Was ist die „Schnittstellenfunktion“ von Scham und Ekel?
Beide Gefühle wirken wie Stopp-Schilder oder Wächter an der Grenze zwischen dem "Ich" und der Außenwelt, indem sie sowohl den Körper vor Übergriffen schützen als auch die Integrität der Intimsphäre bewahren.
Was ist die zentrale Erkenntnis zum Pflegeberuf?
Die Pflegekraft darf Scham und Ekel nicht unterdrücken oder "wegtrainieren", sondern sollte lernen, diese Gefühle als wertvolle Signale für notwendige Distanz oder Schutzmaßnahmen im Umgang mit Patienten zu nutzen.
- Quote paper
- Christine Pernlochner-Kügler (Author), 2003, Körperscham und Ekel. Wesentlich menschliche Gefühle und ihre Schutzfunktion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148284