Bei Joachim Ringelnatz ist was komisch

Eine Untersuchung der Gedichte „Die Schnupftabakdose“ und „Die neuen Fernen“


Seminararbeit, 2008

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Theorie des Komischen

3. Komik in der Dichtung Joachim Ringelnatz‘
3.1. „Die Schnupftabakdose“
3.2. „Die neuen Fernen“

4. Schlussbetrachtungen

5. Literaturverzeichnis

Primärliteratur/Quellen

Sekundärliteratur

1. Einleitung

„Lachen ist gesund“ besagt ein altbekanntes Sprichwort, das den meisten aus eigener Erfahrung bereits vertraut ist. Lachen befreit nicht nur, sondern baut auch innere Anspannung ab.[1] Auch wenn das Lachen und die Komik trotz ihres positiven Effektes im Erwachsenenalter zunehmend an Stellenwert verlieren, so sind sie doch ein elementarer Bestandteil der Lebensrealität. Mehr oder weniger gelacht wird überall, unabhängig des Kulturkreises oder der sozialen Zugehörigkeit und zu den unterschiedlichsten Anlässen. Beispiele dafür sind der Witz oder das Kabarett, in denen komische Situationen geschaffen werden, die Lachen und Erheiterung auszulösen beabsichtigen.

Mit dieser signifikanten Wechselbeziehung, aber vor allem mit der Bedeutung und den Funktionsprinzipien von Lachen, Komik und Humor, beschäftigt sich interdisziplinär die Komiktheorie. Literaturwissenschaftlich ist dabei von Interesse, wie mittels Sprache komische Momente erzeugt werden können und wie sich in Texten die humoristische Haltung des Autors niederschlägt. Als die bedeutendsten Repräsentanten der komischen deutschen Dichtung sind hier Wilhelm Busch und Christian Morgenstern anzuführen, deren Auffassungen von Humor sich nachweislich unterscheiden.[2] Gerade von Morgensterns unbelastet heiterem Humor haben sich in der Folgezeit viele Autoren inspirieren lassen. Einer unter ihnen war Joachim Ringelnatz[3] (1883-1934), der nach wie vor von einem großen Publikum gelesen wird. Anlässlich seines 125. Geburtstages im Jahr 2008 verdient seine außergewöhnliche Dichtung eine besondere Aufmerksamkeit. Die vorliegende Arbeit widmet sich daher Ringelnatz‘ dichterischem Werk unter dem Gesichtspunkt der Komik.

Anhand von zwei seiner Gedichte soll untersucht werden, wie Ringelnatz komische Momente erzeugt und zu diesem Zweck mit Sprache experimentiert. Hierfür wird im Vorfeld ein Exkurs in die Komiktheorie unternommen, wobei besonders auf die Modelle eingegangen werden soll, die in den Ausführungen zu den Gedichten eine Anwendung finden. Auf dieser Grundlage wird im Weiteren das bekannte Gedicht „Die Schnupftabakdose“ besprochen. Als zweites Gedicht wurde „Die neuen Fernen“ gewählt, welches weniger bekannt ist. Durch den großen zeitlichen Abstand der Entstehung beider Gedichte wird die Untersuchung von „Die neuen Fernen“ im Kontrast zum anderen vorgenommen. Dieser indirekte Vergleich der Komik beider Gedichte wird unter der Fragestellung maßgeblich sein, ob und wie sich eine Entwicklung bzw. Veränderung der Komik Ringelnatz‘ nachweisen lässt.

2. Zur Theorie des Komischen

Mit dem Begriff der Komiktheorie wird heutzutage die interdisziplinäre Forschung erfasst, die sich mit dem Phänomen der Komik beschäftigt. Ausgehend vom Affekt des Lachens, der jedem Menschen angeboren ist, fragt die Medizin und die Anthropologie speziell nach der Herkunft und dem Zustandekommen dieser Ausdrucksform. Die Sozial- und Kulturwissenschaften hingegen interessieren sich für die verschiedenen Lachkulturen, die sich historisch bedingt regional und in ihrer Ausdrucksform unterscheiden. Die hier angesprochenen Disziplinen gehen weitestgehend vom lachenden Individuum als Subjekt aus. In der Kunst interessiert hierbei besonders das Produkt, das heißt, wie sich die Komik künstlerisch manifestiert. Über eine lange Tradition der Komiktheorie hinweg sind verschiedene Theorien und Ansätze gegeben, ohne dass bisher eine umfassende Definition des Komischen vorliegt. Gleiches gilt für den Humor und das Lachen.

Der folgende geschichtliche Abriss soll nicht nur Einblicke in die Auseinandersetzung mit dem Komischen geben, sondern auch die verschiedenen Modelle erläutern und im Kontext darstellen. In der anschließenden Analyse wird auf einige der Modelle rückverwiesen, die auf ihre Relevanz bzw. Anwendbarkeit geprüft werden sollen.

Bereits frühzeitig setzt im vierten Jahrhundert vor Christus mit den Schriften des Philosophen Aristoteles die Komiktheorie ein. So schreibt Aristoteles im 5. Kapitel seiner Poetik, die Komödie sei „Nachahmung von schlechteren Menschen […] insoweit, als das Lächerliche am Häßlichen teilhat“[4]. Das Erhabene sieht er einzig in der Tragödie, da sie zur gewünschten katharsis, der Reinigung, fähig ist. Bis über die Renaissance hinaus, in der die Antike wiedergeboren wurde, blieb das Komische hinter der Tragödie zurück. Mit der neuen Aufmerksamkeit für die deutsche Dichtung und der Aufklärung erlebte Aristoteles‘ Poetik eine Wiederbelebung. Seine Prinzipien wurden nun überspitzt sozial interpretiert und als Teil des Versuches einer Regelpoetik quasi zementiert. Das Prinzip der Fallhöhe und das der Ständeklausel waren geboren. Eine der einflussreichsten Regelpoetiken erschien bereits 1624 von Martin Opitz unter dem Titel Buch von der Deutschen Poeterey[5].

Anders als die bisherige deskriptive bzw. präskriptive Auseinandersetzung mit der Komödiendichtung, schließt sich eine Komiktheorie an, die zu verstehen versucht, was das Komische ist und wie es Lachen und Erheiterung auslösen könne. Historisch betrachtet finden sich zwei Modelle der Komik: Kontrasttheorien und Inkongruenztheorien. Kontrasttheorien gehen davon aus, dass ein komisches Moment durch einen markanten Kontrast erzeugt wird. Im Beispiel des Komikerpaares Stan Laurel und Oliver Hardy wären das die auffälligen Körperkontraste.[6] Eine entsprechende Anschauung der Komik findet sich bei Thomas Hobbes Mitte des 17. Jahrhunderts. Für ihn ist das Lachen ein Ausdruck von Überlegenheit, die subjektiv gegenüber dem Verlachten empfunden würde. Der Kontrast besteht hier in der Über- und Unterordnung zum Zweck der Selbstaffirmation.[7]

Die Inkongruenztheorie geht auf eine andere Art und Weise ebenso von einer Nichtentsprechung aus, worin „Begriff und Anschauung auseinanderfallen“[8]. Veranschaulichen lässt sich diese Kollision unterschiedlicher Anschauungen an einem Beispiel wie „nachts ist es kälter als draußen“. Im Zusammenhang mit dieser Theorie muss auf den Philosophen Arthur Schopenhauer verwiesen werden, der in seinem Werk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ eine maßgebliche Analyse des Komischen vorgenommen hat.[9] So sieht er im „Phänomen des Lachens […] die plötzliche Wahrnehmung einer Inkongruenz zwischen […] dem Abstrakten und dem Anschaulichen“[10]. Im Weiteren schlussfolgert Schopenhauer, dass je auffälliger und unerwarteter diese Inkongruenz sei, das Lachen umso heftiger ausfiele. Diese Idee einer Nicht -Erwartung, die mit dem Lachen bewältigt würde, lässt sich bereits bei Kant nachweisen. Weniger als ein halbes Jahrhundert zuvor schreibt Immanuel Kant 1790 „[d]as Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts“[11]. In mehrfacher Hinsicht hat Kant damit einige Grundelemente der Komik und des Lachens erfasst. So betrachtet er das Komische als eine enttäuschte Erwartung, deren Anspannung mit plötzlichem Lachen entladen würde, so dass sich eine Verwandlung vollführe.

[...]


[1] Vgl. Texte zur Theorie der Komik. Hrsg. v. Helmut Bachmaier. Stuttgart 2005. S. 132.

[2] Vgl. Nagel, Bert: Lachen, um nicht weinen zu müssen. Humor in deutscher Dichtung. In:

Universitas 44 (1989). Stuttgart 1989. S. 577.

[3] Vgl. Zekert, Rainer: „Der sinnende Spatenstich“. Zur Sprachgestalt von Ringelnatz-Gedichten.

In: Blätter aus dem Ringelnatzhaus. Wurzen 1983. S. 16f.

[4] Aristoteles: Poetik. Griechisch/Deutsch. Übers. und hrsg. v. Manfred Fuhrmann. Stuttgart

1994. S. 17.

[5] Hierzu: Opitz, Martin: Buch der Deutschen Poeterey (1624). Hrsg. von Cornelius Sommer.

Stuttgart 1986.

[6] Vgl. Texte zur Theorie der Komik. Stuttgart 2005. S. 124.

[7] Vgl. Ebenda. S.16.

[8] Ebenda. S.124.

[9] Vgl. Ebenda. S. 44.

[10] Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. In: Texte zur Theorie der Komik.

Hrsg. v. Helmut Bachmaier. Stuttgart 2005. S. 44.

[11] Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. In: Texte zur Theorie der Komik. Stuttgart 2005. S. 25.

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Details

Titel
Bei Joachim Ringelnatz ist was komisch
Untertitel
Eine Untersuchung der Gedichte „Die Schnupftabakdose“ und „Die neuen Fernen“
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Germanistische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: "Formen des Komischen"
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V148286
ISBN (eBook)
9783640590223
ISBN (Buch)
9783640590056
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lachen, Komik, Ringelnatz, Gedicht, Schnupftabakdose, Komiktheorie, Die neuen Fernen, Interpretation
Arbeit zitieren
Kerstin Zimmermann (Autor:in), 2008, Bei Joachim Ringelnatz ist was komisch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148286

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