Einführende Bemerkungen - Qualitäten eines Mediators im Konfliktlösungsprozess mit Fokus auf die Bedeutung von Vorurteilen
Mediation ist „ein Verfahren zur eigenverantwortlichen Lösung eines Konfliktes durch die Konfliktparteien (..), die von einem neutralen Dritten ohne Entscheidungsbefugnis unterstützt werden“ (Marcard 2004, 9). Schon in der Arbeitsdefinition wird deutlich, dass Mediation sich durch einen Vermittler auszeichnet. Dieser ist demnach maßgeblich für die Konfliktlösung von Nöten.
Für zwei Konfliktparteien ist die Mediation als außergerichtliche Form der Problemlösung meist die Wünschenswertere. Rechtliche Verfahren bergen „schwer kalkulierbare Risiken und nicht zuletzt auch explodierende Kosten“ (Falk/Heintel/Krainz 2005, 9). Die nachfolgende Abbildung bekräftigt diese Aussage: Je nach Streitwert können die Verfahrenskosten eine immense Höhe erreichen.
Die Mediation ist nach Falk/Heintel/Krainz (2005, 9) im „Idealfall (...) freiwillig, konstruktiv und (..) gewaltfrei“. Es geht um selbstbestimmte Problemlösungsfindung. Dies hat eine gesteigerte Identifikation mit den gefundenen Lösungen zur Folge, was sowohl mit einer größeren Akzeptanz der Ergebnisse, als auch mit einer besseren Umsetzung einhergeht (vgl. Falk/Heintel/Krainz 2005). Weitere Ziele der Mediation sind die „Berücksichtigung von Interessenlagen, die in einem Zivilprozess unbeachtet bleiben würden, (die) Reduzierung der Verfahrenskosten und der Konfliktfolgekosten, (die) Möglichkeit eines unbürokratischen und flexiblen Verfahrens, (die) Schonung personeller und betrieblicher Ressourcen, (sowie) keine Öffentlichkeit durch Berichte in den Massenmedien“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Mediation 2009).
Nachdem nun der Begriff Mediation eingegrenzt wurde, soll näher auf den Mediator und seine Rolle als Vermittler eingegangen werden. „Der Mediator ist kein Schlichter, der einen Vergleichsvorschlag macht, und dann alles daran setzt, die Parteien davon zu überzeugen“ (Haft/von Schlieffen 2002, 4). Viel mehr lässt sich sagen, dass ein „mediator attempts to help people negotiate more effectively and efficiently than they could on their own. The mediator helps the disputants to find solutions to their conflict that make more sense to them than continuing with their dispute. The mediator helps them search for common ground and find creative yet realistic ways to resolve their issues” (Stitt 2004, 1).
Inhaltsverzeichnis
1 Einführende Bemerkungen - Qualitäten eines Mediators im Konfliktlösungsprozess mit Fokus auf die Bedeutung von Vorurteilen
2 Wer darf mediieren - Die Aus- und Weiterbildung zum Mediator
2.1 Der mediative Spiegel - Kernkompetenzen und das ethische Selbstverständnis
2.2 Interkulturelle Mediation - mediative Konfliktlösung zwischen Streitparteien differierenden kulturellen Hintergrundes
2.3 Grenzen der Mediation - wann bietet eine konstruktive Gesprächsführung keine Möglichkeit mehr zur Konfliktlösung?
3. Eine Begriffseingrenzung - Vorurteile als allgegenwärtiges soziales Phänomen
3.1 Ursachen von Vorurteilen - Interkulturelle Konflikte bedürfen einem interkulturellen Verständnis
3.1.1 Der gesellschaftliche Ursprung - Soziale Ungleichheit als Nährboden für Vorurteile
3.1.2 Der kognitive Ursprung - Entstehung von Vorurteilen durch Denken in sozialen Schubladen
3.1.3 Andere theoretische Ansätze der Wissenschaft
3.2 Worin liegt der Nutzen - Funktionen und Werte von Kategorisierung und damit einhergehender Generalisierung
3.3 Stereotype Annahmen - Änderungsresistente, krankhafte Symptome oder korrigierbare, nützliche Produkte?
4 Das Vorurteil heute - „Moderner Rassismus“
5 Abschließende Gedanken - Ist es Menschen überhaupt möglich vorurteilsfrei zu sein?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die spezifischen Aufgaben und Verantwortlichkeiten eines Mediators im mediativen Diskurs, mit einem besonderen Fokus auf den Einfluss von Vorurteilen bei interkulturellen Konflikten. Dabei wird analysiert, welche Kompetenzen ein Mediator benötigt, um trotz eigener und fremder Vorurteile einen konstruktiven, fairen Konfliktlösungsprozess zu ermöglichen.
- Grundlagen und Anforderungen an Mediatoren in der Praxis
- Einfluss von Vorurteilen und Stereotypen in der interkulturellen Mediation
- Psychologische Ursachen und Entstehungsmechanismen von Vorurteilen
- Die Rolle der empathischen Kommunikation nach dem klientenzentrierten Ansatz
- Grenzen der Mediation bei Machtungleichgewichten und psychischen Belastungen
Auszug aus dem Buch
3. 1. 2 Der kognitive Ursprung - Entstehung von Vorurteilen durch Denken in sozialen Schubladen
Wie bereits angedeutet bedarf es aufgrund der Vielfalt von Umweltinformationen einer Kategorisierung. Die „Soziale Kategorisierung“ ermöglicht eine Vereinfachung der Welt, so Myers in „Psychologie“ (2005). Um jedoch Kategorien bilden zu können, ist es nötig auf Stereotype zu reduzieren. Diese Übergeneralisierung führt zu einer Verzerrung der Wahrnehmung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden und verleitet dazu, Personen wie in einem Schubladensystem zu sortieren. Kategorien werden auf Basis kultureller und gruppenspezifischer Normen und Werte, sowie individueller Werte im sozialen Kontext gelernt. Dabei wird innerhalb einer Kategorie entlang bestimmter Merkmale (Nationalität, Hautfarbe,...) unterschieden.
Der kulturelle Unterschied von Kategorien kann erheblich sein. So ist die Halslänge, anhand angelegter Ringe, in Kenia ein entscheidendes Attribut, aber in den USA gar nicht von Interesse. Im Alltag sind diese Einordnungen unerlässlich, da sie eine schnelle adäquate Reaktion auf verschiedene Interaktionspartner ermöglichen. Bezieht man diese Aspekte nun auf Vorurteile, ordnen diese nicht einfach Gruppen Attribute zu, sondern sagen aus, „was von einer Person zu halten ist“. Unser gedankliches Kategoriensystem führt zur Bildung von In- und Outgroups. Die Ingroup bezeichnet die Eigengruppe, also Menschen mit denen man die gleiche Identität teilt. Man entwickelt ein Zusammengehörigkeitsgefühl und ein Gefühl der Verbundenheit, was zu einer Abgrenzung zu anderen führt. Die Ingroup-Bias, die Bevorzugung der Eigengruppe, hilft den Selbstwert zu steigern (Myers 2005). Im Laufe der Evolution kristallisierte sich die Notwendigkeit heraus Freund von Feind zu unterscheiden und der eigenen Gruppe zu Dominanz zu verhelfen. Dieses Streben schürt Vorurteile gegenüber Fremden und lässt unter lebensbedrohlichen Umständen den Abscheu und die Aggression gegen `andere´ ansteigen. In der Ingroup wird auf Individualität gesetzt und Differenzen zu anderen Gruppen überschätzt (Aronson et al 2004). Die Outgroup ist die Fremdgruppe, die als verschieden und von der eigenen Gruppe getrennt wahrgenommen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführende Bemerkungen - Qualitäten eines Mediators im Konfliktlösungsprozess mit Fokus auf die Bedeutung von Vorurteilen: Definiert den Begriff der Mediation als außergerichtliches Konfliktlösungsverfahren und stellt die zentrale Rolle des allparteiischen Vermittlers heraus.
2 Wer darf mediieren - Die Aus- und Weiterbildung zum Mediator: Erörtert die Qualifikationsanforderungen, den aktuellen Stand der Ausbildung und die zunehmende Professionalisierung des Berufsbildes des Mediators.
2.1 Der mediative Spiegel - Kernkompetenzen und das ethische Selbstverständnis: Analysiert die notwendigen persönlichen Eigenschaften wie Neutralität, Empathie und Selbstkenntnis sowie die ethischen Richtlinien der Mediatorenschaft.
2.2 Interkulturelle Mediation - mediative Konfliktlösung zwischen Streitparteien differierenden kulturellen Hintergrundes: Beleuchtet die besonderen Herausforderungen der Mediation bei interkulturellen Konflikten und die Anforderungen an eine gesteigerte kulturelle Sensibilität.
2.3 Grenzen der Mediation - wann bietet eine konstruktive Gesprächsführung keine Möglichkeit mehr zur Konfliktlösung?: Zeigt Situationen auf, in denen Mediation aufgrund von Machtgefällen oder fehlender Freiwilligkeit kein geeignetes Mittel zur Konfliktbeilegung darstellt.
3. Eine Begriffseingrenzung - Vorurteile als allgegenwärtiges soziales Phänomen: Führt in die Relevanz von Vorurteilen und Stereotypen als allgegenwärtige soziale Phänomene ein, die den Mediationsprozess beeinflussen.
3.1 Ursachen von Vorurteilen - Interkulturelle Konflikte bedürfen einem interkulturellen Verständnis: Untersucht die Entstehungsursachen von Vorurteilen und betont die Notwendigkeit interkulturellen Verständnisses.
3.1.1 Der gesellschaftliche Ursprung - Soziale Ungleichheit als Nährboden für Vorurteile: Beschreibt, wie soziale Ungleichheit und Konkurrenz um Ressourcen zur Ausbildung von Vorurteilen beitragen.
3.1.2 Der kognitive Ursprung - Entstehung von Vorurteilen durch Denken in sozialen Schubladen: Erklärt die kognitive Kategorisierung als Mechanismus der Vereinfachung, der jedoch zur Bildung von In- und Outgroups und diskriminierenden Verzerrungen führt.
3.1.3 Andere theoretische Ansätze der Wissenschaft: Stellt ergänzende Theorien wie die Sündenbocktheorie vor, um den Ursprung feindseliger Haltungen zu erklären.
3.2 Worin liegt der Nutzen - Funktionen und Werte von Kategorisierung und damit einhergehender Generalisierung: Reflektiert den funktionalen Aspekt von Vorurteilen, die trotz ihrer Nachteile zur kognitiven Orientierung in einer komplexen Umwelt dienen.
3.3 Stereotype Annahmen - Änderungsresistente, krankhafte Symptome oder korrigierbare, nützliche Produkte?: Diskutiert wissenschaftliche Modelle zur Korrektur von Stereotypen und die Wirksamkeit der Kontakthypothese zum Abbau von Vorurteilen.
4 Das Vorurteil heute - „Moderner Rassismus“: Thematisiert die subtileren Ausdrucksformen von Vorurteilen in der heutigen Zeit.
5 Abschließende Gedanken - Ist es Menschen überhaupt möglich vorurteilsfrei zu sein?: Zieht ein Fazit über die Unvermeidbarkeit von Vorurteilen und appelliert an ein bewusstes Handeln der Mediatoren.
Schlüsselwörter
Mediation, Vorurteile, Konfliktlösung, Interkulturelle Kommunikation, Mediator, Stereotype, Kognitive Kategorisierung, Allparteilichkeit, Empathie, Sozialpsychologie, Gruppenkonflikte, Diskriminierung, Ethisches Selbstverständnis, Moderne Rassismus, Konfliktmanagement
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle des Mediators als allparteiischem Dritten und der Frage, wie Vorurteile und interkulturelle Unterschiede den Konfliktlösungsprozess beeinflussen und gegebenenfalls behindern können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentral sind die Begriffsbestimmung der Mediation, die notwendigen Kernkompetenzen von Mediatoren sowie eine fundierte Auseinandersetzung mit der psychologischen Entstehung und der Funktion von Vorurteilen und Stereotypen.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist die Analyse der Verantwortlichkeiten eines Mediators im Hinblick auf den Umgang mit Vorurteilen, um in festgefahrenen (insbesondere interkulturellen) Konfliktsituationen eine tragfähige Lösung für beide Parteien zu ermöglichen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse sozialpsychologischer Ansätze, wie etwa der Theorie des realistischen Gruppenkonflikts, der Kontakthypothese und klientenzentrierten Ansätzen nach Carl Rogers.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der mediative Praxis (Qualifikationen, Ethik, Grenzen) sowie eine tiefgehende Analyse der kognitiven und gesellschaftlichen Ursprünge von Vorurteilen inklusive Lösungsansätzen zu deren Abbau.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Mediation, Vorurteile, interkulturelle Kompetenz, Allparteilichkeit und soziale Kategorisierung geprägt.
Welchen Stellenwert nimmt die "fünf Freiheiten"-Theorie von Virginia Satir in der Arbeit ein?
Die Theorie wird als interessanter Ansatz diskutiert, der dazu beitragen kann, den Selbstwert der Konfliktparteien zu stärken und eine kongruente Kommunikation im mediativen Prozess zu fördern.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin zur Frage der Vorurteilsfreiheit?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass es kaum möglich ist, völlig vorurteilsfrei zu sein, betont jedoch, dass das Bewusstsein für die eigene Voreingenommenheit der entscheidende Schritt ist, um als Mediator professionell und fair agieren zu können.
- Arbeit zitieren
- Franziska Kersting (Autor:in), 2009, Die spezifischen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten eines allparteiischen Dritten im mediativen Diskurs , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148335