Identitätsbildung, soziale Netzwerke und professionelle psychosoziale Versorgung

Eine Auseinandersetzung


Seminararbeit, 2008

27 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bedeutung sozialer Netzwerke für die menschliche Entwicklung

3. Ausbildung der Identität
3.1. Ebene der situativen Selbstthematisierung
3.2. Ebene der Teilidentitäten
3.3. Ebene der Metaidentität

4. Anerkennung und soziale Netzwerke

5. Menschen in psychosozialen Notlagen und Prozesse der Identitätsbildung

6. Identitätsbildung, soziale Netzwerke und professionelle psychosoziale Versorgung

7. Schluss

1. Einleitung

„Man hilft den Menschen nicht

wenn man für sie tut,

was sie selbst tun können.“

Abraham Lincoln

Die postmoderne westliche Gesellschaft ist geprägt durch die voranschreitende Erosion lange gewachsener Bezugssysteme in denen Menschen leben und die ihnen helfen ihre Identität angemessen und mehr oder weniger selbstbestimmt auf- und auszubauen, die Unterstützung und Schutz bieten und weitgehend die Basis für ein Leben in der Gesellschaft darstellen. Gerade in den Metropolen westlicher Gesellschaften, aber nicht nur dort, zeichnet sich eine zunehmend stärkere Atomisierung und Individualisierung der Gesellschaft ab. Eine zweischneidige Entwicklung. Eröffnen sich dem Individuum auf der einen Seite Möglichkeiten die es vorher schlicht nicht hatte weil ihm beispielsweise der Zugang zu bestimmten Systemen fehlte oder vorenthalten wurde, so wird dem Einzelnen auf der anderen Seite mehr Eigenverantwortung für seine, häufig auf Mikroebene gar nicht allein lösbaren, Probleme überantwortet.

Insbesondere in der Sozialpolitik aber auch in der Öffentlichkeit selbst wird der Ruf nach mehr Eigenverantwortung der Bürger laut. Die Begrenztheit staatlicher Ressourcen wird gebetsmühlenartig skandiert und die Stimmung gegenüber (wirtschaftlich) Benachteiligten immer gereizter. Unterstrichen wird dieser Kreislauf durch die Forderung nach mehr Leistung des Einzelnen, immer im Sinne der stets zu optimierenden Konkurrenzfähigkeit im Zeitalter der Globalisierung. Die traditionell sozialstaatliche Unterstützung gerät unter Druck.

Im Bereich der Sozialpolitik tobt seit langem ein bizarrer Diskurs in dem versucht wird Verantwortung zunehmend an Systeme zurückzugeben die allenfalls noch nostalgischen Wert haben, als Lebensentwürfe einer Minderheit zu sehen sind und als tragender Pfeiler einer individualistisch dominierten Solidargemeinschaft sicher ungeeignet sind. So wird beispielsweise der Widerspruch und die missliche Lage der sog. „Keimzelle der Gesellschaft“[1], der Familie, bei genauerem hinsehen mehr als deutlich. Familien sollen auf der einen Seite zunehmend Verantwortung für ihre Mitglieder und deren soziale Notlagen übernehmen (Kinder, Jugendliche, Alte, Kranke etc.). Auf der anderen Seite stellt die klassische, jahrhundertelang gelebte und v.a. intergenerative Daseinsform der Familie seit Jahrzehnten ein Auslaufmodell dar. Hinzu kommt ein kontinuierlicher Rückgang der Geburten in westlichen Industrienationen sowie eine zunehmende Vergreisung der Gesellschaften. Das Verhältnis zwischen Leistungsfähigen und Bedürftigen in diesen Mikrosystemen steht auf dem Kopf. Obendrein sollen die Bürger der Maschinerie Arbeitsmarkt permanent zur Verfügung stehen, räumlich und zeitlich flexibel und mobil sein sowie sich laufend beruflich weiterentwickeln.

Den Frauen kommt die Rolle zu, erziehende Mutter, pflegende Tochter, unterstützende (Ehe)Frau und zugleich Berufstätige zu sein die sich selbst verwirklicht! Wie dies zu schaffen ist wird auf politischer Ebene nicht vermittelt und findet auch in der Abrufbarkeit sozialer Unterstützung durch staatliche Institutionen keine Übersetzung.

Der beschriebene gesellschaftliche Wandel der sicherlich nicht erst seit kurzer Zeit vollzogen wird stellt eine Herausforderung für eine ganze Gesellschaft dar. Ungleich härter werden aber Einzelne getroffen die sich bereits damit schwer tun ihren Platz in der Gesellschaft zu finden und an ihr teilzuhaben. Eine Gruppe dieser Betroffenen ist die Gruppe der (v.a. chronisch) psychisch erkrankten Menschen.

Diese Studienarbeit will sich auseinander setzen mit der Bedeutung sozialer Netzwerke. Zunächst soll die Bedeutung von Netzwerken für die menschliche Entwicklung an sich angesehen werden. Welche Rolle spielen vorhandene und nicht vorhandene Netzwerke für die Entwicklung der Identität von Menschen, welche für ihre psychosoziale Verfassung? Die Bedeutung sozialer Netzwerke für chronisch psychisch Erkrankte wird dabei verstärkt hervorgehoben.

Darüber hinaus soll diskutiert werden welche Folgen ein massives eingreifen professioneller Hilfe in die Struktur der Netzwerke Betroffener haben könnte. Insbesondere bei gleichzeitig schwach ausgeprägten Netzwerkstrukturen von sozial benachteiligten bzw. psychisch behinderten Menschen. Wo entstehen hier Abhängigkeiten und welche Folgen haben dominierende psychiatrisierte soziale Kontakte auf die Identität der Betroffenen?

2. Bedeutung sozialer Netzwerke für die menschliche Entwicklung

Soziale Netzwerke spielen für den Menschen an sich und insbesondere für den vergesellschafteten Menschen sowie die Sozialisierung der Bürger einer Gesellschaft eine maßgebliche Rolle. Sie sind, was häufig nicht automatisch deutlich wird unerlässlicher Bestandteil für das (Über-)Leben von Individuen.

Zwei Beispiele verdeutlichen wie überlebensnotwendig sie tatsächlich sind:

Kaspar Hauser[2], das im 19. Jahrhundert gefundene und in der Literatur vielfach mythenhaft verwendete Findelkind ist zum Namensgeber für Formen schwerster Deprivation und Hospitalisierung bei Kindern und Tieren geworden. Das sog. Kaspar­Hauser-Syndrom beschreibt Lebewesen die lange Zeit unter nahezu jeglichem Reizentzug, mangelnder persönlicher Zuwendung, Fürsorge und mitunter Misshandlung dahinvegetierten. Die Folgen für Körper und Psyche sind dabei massiv. Schwerste Verhaltensstörungen, unterentwickelte motorische und sensorische Fertigkeiten sowie Beeinträchtigungen des gesamten psychischen Apparates (der Seele).

Hauser wurde 1826 als 16 jähriger Jugendlicher in Nürnberg „gefunden“. Er zeigte sich geistig zurückgeblieben und insgesamt in seinem Verhalten als sehr zurückgezogen und gestört. Der Erzählung nach sei er der Nachfolge eines badischen Adelshauses der aufgrund politischer Entscheidungen bei seiner Geburt aus dem Weg geschafft wurde. Er starb im Dezember 1833 schließlich an den Folgen einer Stichwunde.

Das eigentlich interessante an der Person Hausers sind die Zeit die er seit seiner Geburt verbracht hat bis er schließlich entdeckt wurde und die Verhältnisse in denen er in dieser Zeit gelebt hat.

Hauser ist ein klassisches Beispiel dafür wie Menschen darin gehemmt werden sich adäquat zu entwickeln wenn ihnen der Zugang zu Mitmenschen, die Chance auf emotionale Wärme und Zuwendung genommen werden.

Nach eigenen Angaben verbrachte das Kind Hauser sein bisheriges Leben eingesperrt in einem dunklen Raum, lediglich versorgt mit Wasser und Brot das ihm täglich bereitgestellt wurde. In neuerer Zeit wurde und wird das Kaspar-Hauser-Syndrom[3] vor allem im Zusammenhang mit verwahrlosten Kleinkindern und v.a. mit den katastrophalen Zuständen in den Kinderheimen Rumäniens während der Diktatur von Ceausescu verwendet.

Ein weiteres Beispiel für die Notwendigkeit sozialer Netzwerke im weiteren Sinne und die Notwendigkeit sozialer Zuwendung im Engeren sind menschenverachtende Experimente die Kaiser Friedrich II. vor rund 1000 Jahren auf Sizilien durchführen ließ[4]. Dabei wollte Friedrich herausfinden welche Sprache Menschen sprechen würden ließe man sie ohne jegliche menschliche Ansprache aufwachsen. Hierfür wurden sizilianischen Frauen die Neugeborenen weggenommen und in eine Höhle in den Bergen gebracht. An Materiellem fehlte es den Kindern nicht. Auch standen Hebammen zur Verfügung die den Kindern regelmäßig Milch reichten. Lediglich jede emotionale Zuwendung sowie das Sprechen mit den Kindern war Verboten. Auf diesem Weg sollte erforscht werden ob die Kinder beginnen würden auf lateinisch, griechisch, arabisch, hebräisch etc. zu sprechen. Binnen kurzer Zeit verstarben alle Kinder.

Beide Beispiele belegen das der Mensch ein soziales Wesen ist, dass schon aufgrund seiner fehlenden körperlichen Ausstattung, den Kontakt und die Gemeinschaft mit und zu anderen Menschen zum Überleben braucht. Für das neugeborene und heranwachsende Kind ist ein, freilich noch grobmaschiges, Netz aus Bezugspersonen zum Überleben schier unerlässlich.

Aber nicht nur während der Zeit des Heranwachsens spielen tragfähige Netze eine wichtige Rolle. Auch für den erwachsenen Menschen in der modernen Zeit sind sie ein maßgeblicher Faktor für die psychische Stabilität. Das Handeln eines Individuums in einem gesellschaftlichen Kontext gestaltet sich als ein Wechselspiel zwischen den einzelnen Teilnehmern. Jedes Handeln ist insofern reflexiv als es wiederum als Reiz dient der anderes Handeln provoziert und hervorruft. Es entsteht ein interaktives Wechselspiel zwischen den Individuen. So gestaltet sich beispielsweise das jeweilig mehr oder weniger abgestimmte Verhalten in einer Gruppe deren Mitglieder ähnliche Werte und Normen vertreten. Das System ist in hohem Maß identitätsstiftend wenn man bedenkt das jeweils gewünschtes oder unerwünschtes Verhalten sozial belohnt bzw. sanktioniert wird. Besonders deutlich ist dieser Vorgang zu sehen bei jugendlichen Peer-groups die sich über ihr Äusseres, ihre Sprache oder diverse andere Verhaltensmuster und Wertvorstellungen identifizieren. Gesamtgesellschaftlich lassen sich identitätsstiftende Interaktionsprozesse zwischen Gruppen und sich zugehörig fühlenden Individuen vor allem im Bereich von Subkulturen finden. Letztlich lässt sich jede gesellschaftliche Lebensform als Subkultur in der Gesamtkultur bezeichnen. Sei sie auch noch so konservativ oder aufgrund ihrer schieren Größe dem mainstream entsprechend.

Betrachtet man beispielsweise das psychosziale Hilfesystem durch eine analytische Lupe lässt sich auch dieses System als eigene Subkultur mit eigenen Regeln und Verhaltenskodizes identifizieren. Vertreter einzelner Berufsgruppen und Nutzer ihrer Angebote interagieren auf spezifische Art und Weise miteinander. Hierbei spielt der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle. Je länger der Kontakt um so etablierter die Verhaltensmuster auf beiden Seiten. Ein Phänomen das in der Psychiatrie als Chronizität bekannt ist und das, zum Vergleich, in dieser Form in der somatischen Medizin kaum existiert: wenn eine Lungenentzündung kuriert ist gibt der Patient die Patientenrolle auf...

3. Ausbildung der Identität

Im Folgenden werden Prozesse und Strukturen dargestellt die von Individuen bei der Ausbildung ihrer Identität durchlaufen werden. Diese Identitätsarbeit lässt sich gliedern in drei wesentliche Ebenen[5]:

[...]


[1] Bundespräsident Horst Köhler bei einer Rede auf dem Jahresempfang der Evangelischen Akademie Tutzing am

[2] Vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Kaspar Hauser

[3] Vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Hospitalismus

[4] Straus, F. (2008). Soziale Netzwerke und Identität, [online], 17 Seiten. Verfügbar unter: http://www.ipp- muenchen.de/texte [13.08.2008]

[5] Straus F.: a.a.O.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Identitätsbildung, soziale Netzwerke und professionelle psychosoziale Versorgung
Untertitel
Eine Auseinandersetzung
Hochschule
Hochschule München  (Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
27
Katalognummer
V148367
ISBN (eBook)
9783640591251
ISBN (Buch)
9783640591084
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Netzwerke, Psychiatrie, Identität, Psychosoziale Versorgung
Arbeit zitieren
Thomas Meinhart (Autor), 2008, Identitätsbildung, soziale Netzwerke und professionelle psychosoziale Versorgung , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148367

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