Die Rolle der katholischen Kirche während der Demokratisierungsprozesse in Spanien und Polen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
26 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Verhältnis der katholischen Kirche zur Demokratie
2.1 Ausgangspunkt Französische Revolution
2.2 Die Entwicklung von 1800 bis 1950
2.3 Das 2. Vatikanische Konzil

3. Theoretische Erklärungen für die Rolle der Kirche in den Transformationsphasen
3.1 Huntington - Zweites Vatikanisches Konzil
3.2 Philpott – Kontingente Faktoren

4. Die Demokratisierungsprozesse in Spanien und Polen
4.1 Historischer Hintergrund und Demokratisierungsprozess in Spanien
4.2 Historischer Hintergrund und Demokratisierungsprozess in Polen

5. Vergleich in Bezug auf die vorgestellten Theorien
5.1 Huntington
5.2 Philpott

6. Fazit

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Übergängen zur Demokratie in Spanien und Polen in den Jahren 1975 beziehungsweise 1989. Dabei steht besonders die Rolle der katholischen Kirche im Mittelpunkt. Beide hier betrachteten Gesellschaften sind katholische Mehrheitsgesellschaften und sind durch den katholischen Glauben über Jahrhunderte geprägt worden.

Das Verhalten der katholischen Kirche gerade in diesen beiden Staaten in einem Vergleich zu betrachten bietet sich an, da das Verhältnis der Kirche zu dem jeweils vorher herrschenden Regime komplett unterschiedlich war. Während in Spanien unter der Herrschaft der Francisten die katholische Kirche eng mit dem Regime zusammenarbeitete und zuerst als Stütze der Regierung auftrat, stand sie im kommunistischen Polen nach dem zweiten Weltkrieg von Anfang an in Opposition zur herrschenden kommunistischen Partei.

Im Verlauf der Arbeit wird zunächst die grundsätzliche Position der katholischen Kirche zur Demokratie und den Menschenrechten historisch untersucht. Dabei wird die einschneidende Wende durch das Zweite Vatikanische Konzil 1962 – 1965 genau beschrieben.

Im Anschluss werden zwei Theorien vorgestellt, welche die Rolle der katholischen Kirche in den Demokratisierungsprozessen während der Demokratisierungswelle nach der portugiesischen Revolution 1974 erklären sollen. Hier werden die Ansätze von Samuel P. Huntington und Daniel Philpott dargestellt.

In einem weiteren Teil wird zunächst ein historischer Überblick über die Rolle der katholischen Kirche in den beiden Ländern gegeben, bevor das Verhalten der Kirche während des demokratischen Wechsels betrachtet wird.

Abschließend wird im Vergleich untersucht, inwieweit die im dritten Teil der Arbeit vorgestellten Theorien bei den gewählten Länderbeispielen zutreffen.

In dieser Arbeit steht „katholische Kirche“ jeweils für die katholische Amtskirche. Ohne weitere Zusätze wird im Zuge dieser Analyse das Verhalten der Amtskirche im Vordergrund stehen, auch wenn an einiger Stelle explizit auf Laienorganisationen eingegangen wird.

2. Das Verhältnis der katholischen Kirche zur Demokratie

Bei den Beratungen um die vorerst gescheiterte Verfassung der Europäischen Union in den 2000er Jahren stand unter anderem ein Thema im Mittelpunkt: Gibt es in der Präambel der neuen Verfassung einen christlichen Gottesbezug? Und was würde solch ein möglicher Gottesbezug für die Tagespolitik der Europäischen Union bedeuten, beispielweise in Bezug auf eine mögliche Aufnahme von muslimischen Mehrheitsgesellschaften, wie die der Türkei, oder aber auch in Hinblick einer europäischen Regel zur Abtreibung. Dieser Streit zwischen christlich orientierten Vertretern und laizistischen auf dem Verfassungskonvent ist auch Ausdruck eines 200-jährigen Prozesses einer politisch-religiösen Entwicklung in Europa, welcher seinen Ausgang von der Französischen Revolution und der ihr zugrundeliegenden Aufklärung nahm.

Die katholische Kirche machte von etwa 1800 bis zum zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren einen langsamen Wandel von „konservativ-traditionalistischen Vorstellungen hin zu liberal-demokratischen Ideen durch.“[1]

Dabei sollte man jeweils neben der Position der katholischen Kirche, wie sie in den offiziellen Dokumenten wiedergegeben wird, auch den Wandel im Laienkatholizismus betrachten, sowie das Handeln von bekennenden Katholiken in Gesellschaft und Politik.[2]

2.1 Ausgangspunkt Französische Revolution

Die französische Revolution und die ihr zugrundeliegenden Ideen der Aufklärung sind für den gesamten Kontinent von einschneidender Wirkung. Die erste entscheidende Stellungnahme der katholischen Kirche dazu ist das Quod aliquandum von Pius VI. aus dem Jahre 1791. In diesem verurteilt der Papst die Religionsfreiheit, die natürliche Freiheit und Gleichheit der Menschen, die Volkssouveränität und die Idee eines Gesellschaftsvertrages. Er betont außerdem, dass nur Gott unfehlbar sei und deshalb die Souveränität nur von ihm ausgehen könne und nicht von einem Volk, welches sich leicht irre.[3]

Nun muss man sich in diesem Zusammenhang fragen, warum eine so scharfe Ablehnung gegen die neuen Ideen bestand, welche ja zuerst nicht radikaldemokratischer Natur waren, sondern vor allem die Menschen- und Freiheitsrechte betrafen. So stand die Kirche in den folgenden 150 Jahren der Idee von Menschenrechten feindlich oder zumindest skeptisch gegenüber. Dies verwundert umso mehr, als die Idee der Menschenrechte schließlich im christlichen Kulturkreis Europas entstanden war. Karl Graf Ballestrem sieht hier zwei mögliche Gründe. Zum einen der konservative Blickwinkel, bei dem allgemeine Menschenrechte aus der Aufklärung, also einer in konservativer Sicht grundsätzliche anti-christlichen Idee, entspringen und daher abgelehnt werden. Die spätere Akzeptanz der Menschenrechte wird hier als eine Anpassung an die moderne Welt interpretiert.[4]

Aus liberal-katholischer Sicht, sind allgemeine Menschenrechte als solche eine sinnvolle, vernünftige Idee. Hier wird darauf verwiesen, dass die ablehnende Haltung der Kirche vor allem historische Gründe habe, wie etwa die Verfolgung des Klerus in der französischen Revolution.[5] Vermutlich liegt eine richtige Einschätzung zwischen diesen beiden Positionen.

Entscheidend für den weiteren Verlauf dieser Arbeit ist, dass die vor allem in den Erklärungen der amerikanischen Revolution und der französischen Revolution formulierten Menschenrechte zunächst von der Kirche scharf kritisiert worden sind, und erst nach einem langen Prozess im zweiten Vatikanischen Konzil anerkannt wurden.

2.2 Die Entwicklung von 1800 bis 1950

Nun stellt sich neben der Frage nach Menschenrechten auch die Frage nach der Stellung der Kirche insbesondere zur Demokratie oder auch zu republikanischen Staatsformen. Papst Gregor XVI. gibt, neben einer weiteren Verurteilung der modernen Grundrechte im „Mirari vos“ 1832, eine klare Antwort. Er verlangt „unerschütterliche Treue gegenüber den Fürsten.“[6] Eine individuelle Gewissensfreiheit lehnt er als Wahnsinn ab.[7] Nicht vergessen darf man dabei, dass der Papst zu diesem Zeitpunkt selber ein weltlicher Herrscher über den Kirchenstaat war.[8]

Demokratie als Option einer christlichen Haltung sieht als einer der Ersten Robert de Lamennais. Er geht sogar soweit zu hoffen, dass „ein Bündnis von christlich-liberalen Kräften und individualistisch-säkularem Liberalismus“[9] entstehe. Dagegen sieht Charles de Mantalembert Demokratie nicht als etwas, das man anstreben solle, sondern als etwas, dem man in der Zukunft nicht entkommen werde.[10]

Diese fortschrittlichen Gedanken wurden aber in jener Zeit von der Obrigkeit, insbesondere vom Papst noch deutlich ablehnt. Die bedeutendste Verurteilung von liberalen Ideen ist schließlich 1864 die Enzyklika Quanta cura und insbesondere ihr Anhang „Syllabus errorum“, welcher eine Ansammlung von sogenannten Irrtümern der Moderne enthält. Darunter fallen Trennung von Staat und Kirche, Religionsfreiheit und weitere liberale Freiheitsideen.[11]

Eine Zeit mit besonders kritisch zu würdigenden Haltungen der katholischen Kirche in die Phase nach dem ersten Weltkrieg bis zum Tode Pius XII. im Jahre 1958. Trotz aller positiven Aspekte wird der Widerstand gegen die sich ausbreitenden faschistischen Regime aus heutiger Sicht oftmals als unzureichend eingeschätzt. Insbesondere die verschieden Konkordate, darunter Italien 1929 und Deutschland 1933, wurden in den faschistischen Ländern für Propagandazwecke instrumentalisiert. Da sich aber in der katholischen Kirche der herrschende Anti-Liberalismus inzwischen in einen Anti-Autoritarismus verwandelte, muss man sich fragen, worin die Gründe für den zurückhaltenden Widerstand und die abgeschlossenen Konkordate lagen.[12] Die wichtigste Begründung liegt in der Suche eines sogenannten „modus vivendi“ für die in den faschistischen und später auch kommunistischen Diktaturen lebenden Christen, zu suchen. Dabei wurden die Konkordate neben dem späteren propagandistischen Ausnutzen, von den Regimen hauptsächlich eingegangen, um ihre Herrschaft damit zu unterstützen.[13]

Erst 1937 wurden atheistischer Kommunismus und nationalsozialistische Herrschaft in zwei Enzykliken verurteilt. Allerdings enthalten diese Enzykliken neben einer Verurteilung dieser Regime auch eine Verteidigung der Konkordatspolitik.[14]

Wirklich entschlossenen Widerstand findet man innerhalb der katholischen Kirche vor allem bei Einzelpersonen, beispielweise den Bischöfen von Münster, von Galen und Preysing in Berlin.[15] Dass sich die Konkordatspolitik Pius` XII. bis zu seinem Tode nicht wesentlich geändert hat, und das trotz der Erfahrungen des zweiten Weltkrieges, sieht man an dem Konkordat mit dem francistischen Spanien 1953. Hier wird nochmals deutlich, dass nicht eine Demokratie angestrebt wurde, sondern vor allem ein katholischer Staat.

Erst mit dem zweiten Vatikanischen Konzil folgt die entscheidende Wende hin zu einer offensiven Politik für Menschenrechte und Demokratie.

2.3 Das 2. Vatikanische Konzil

Nach dem zweiten Weltkrieg waren während des Pontifikats Pius` XII. bis 1958 von der offiziellen Seite des Vatikans noch keine großen Schritte weg von der Konkordatspolitik zu erkennen. Trotzdem gab es in Europa erste deutlichere Tendenzen, dass bekennende Katholiken in wichtigen Positionen Demokratie und Menschenrechte verteidigten oder, falls nicht vorhanden, einforderten. Als Beispiele dienen hier Politiker christdemokratischer Parteien, wie etwa Konrad Adenauer in Deutschland als Kanzler einer christdemokratisch geführten Regierung. Grundsätzlich wurden in Zentraleuropa christdemokratische Parteien zu Trägern der Demokratie.[16]

Entscheidend für eine gravierende Änderung der Politik des Vatikans wird die Wahl Johannes` XXIII., als Nachfolger von Pius XII. im Jahr 1958. Mit 77 Lebensjahren erwartete man von Johannes XXIII. eigentlich eine Rolle als Übergangspapst. Doch schon 1959 kündigte er ein großes ökumenisches Konzil an, mit dem Ziel der inneren Erneuerung der Kirche sowie eine Anpassung an die geänderte Welt. Schlagwort war dabei Aggiornamento.[17] Die folgenden drei Jahre standen im Zeichen der Vorbereitung, bis es 1962 – 1965 in vier großen Sitzungsperioden zum zweiten Vatikanischen Konzil kam.

[...]


[1] Uertz, R. (2006): Katholizismus und demokratischer Verfassungsstaat, In: Brocker, Manfred/ Stein, Tine (Hg.) Christentum und Demokratie, Darmstadt, S. 128 [Uertz 2006]

[2] Vgl. Ebd.: S. 128

[3] Vgl. Ballestrem, Karl Graf von (2006): Katholische Kirche und Menschenrechte, In: Brocker, Manfred und Tine Stein (Hg.), Christentum und Demokratie, Darmstadt [Ballestrem 2006], S. 156

[4] Vgl. Ballestrem 2006: S. 147

[5] Vgl. Ebd.: S. 147

[6] Vgl. Uertz 2006: S. 118

[7] Vgl. Ballestrem 2006: S. 157

[8] Vgl. Dtv-Atlas. Weltgeschichte, 2000, München

[9] Uertz 2006: S. 120

[10] Ebd.: S. 120

[11] Vgl. Ballestrem 2006: S. 157

[12] Vgl. Schatz, Klaus (2008): Kirchengeschichte der Neuzeit, Zweiter Teil, S. 135 f. [Schatz 2008]

[13] Vgl. Ebd.: S. 139

[14] Vgl. Schatz 2008, S. 140

[15] Vgl. Ebd.: S. 143 f.

[16] Vgl. Uertz 2005: S. 126 f.

[17] Vgl. Schatz 2008: S. 171

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der katholischen Kirche während der Demokratisierungsprozesse in Spanien und Polen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Demokratie und Religion
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V148369
ISBN (eBook)
9783640587186
ISBN (Buch)
9783640587308
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kirche, Spanien, Polen, katholisch, katholische Kirche, Demokratisierung, Tranformation
Arbeit zitieren
Gregor Roloff (Autor), 2008, Die Rolle der katholischen Kirche während der Demokratisierungsprozesse in Spanien und Polen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148369

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