Der Pflegeberater und Gewalt in der häuslichen Pflege

Sehen. Erkennen. Handeln


Seminararbeit, 2009

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der Gewaltbegriff

III. Grundformen der Gewalt
3.1 Das Gewaltdreieck nach Galtung
3.2 Personelle Gewalt
3.3 Strukturelle Gewalt
3.4 Kulturelle Gewalt

IV. Theorien zur Entwicklung von Gewalt
4.1 Pflegestress
4.2 Intergenerative Gewalt
4.3 Geschlechtsspezifische Gewalt

V. Entstehung von Gewalt in der häuslichen Pflege
5.1 Risikoquellen beim Pflegebedürftigen
5.2 Risikoquellen für die Pflegeperson
5.3 Risikoquellen der Pflegesituation

VI. Assessment
6.1 Begriffsbestimmung
6.2 Gewalt-Assessment nach R.D. Hirsch
6.2.1 Ebene 1 - Verdacht
6.2.2 Ebene 2 - Bestätigung
6.2.3 Ebene 3 - Differenzierte Abklärung

VII. Intervention
7.1 Prinzipien einer erfolgreichen Intervention
7.1.1 Selbstbestimmung des Betroffenen
7.1.2 Angemessene Maßnahme
7.1.3 Interfamiliärer Zusammenhalt
7.1.4 Ambulante vor stationärer Pflege
7.1.5 Vermeidung von Schuldgefühlen
7.2 Interventions- und Präventionsmaßnahmen
7.2.1 Beratung
7.2.2 Schulung
7.2.3 Leistungen der Pflegekasse
7.2.4 Weitere entlastende Leistungen

VIII. Zusammenfassung

IX. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

"Die Gewalt lebt davon, dass sie von anständigen Leuten nicht für möglich gehalten wird."[1]

Die Hoffnung, dass sich die Gewaltbereitschaft des Menschen als ein urtümliches Phänomen durch evolutionäre oder zivilisatorische Entwicklungen im Laufe der Zeit verflüchtigen würde, verbleibt ein Wunschgedanke. Zwar findet offene Gewalt im Alltag kaum mehr statt, dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gewalt immer noch vorhanden ist - subtiler und vor der Öffentlichkeit versteckt - insbesondere im häuslichen Umfeld.

Der öffentliche Aufschrei, wenn diese nunmehr verborgene Gewalt Kinder oder Frauen trifft, ist laut - die Motivation der Politik zum Handeln, wenn auch oftmals populistisch,[2] ist groß. Was aber, wenn ein älterer, vielleicht sogar pflegebedürftiger Mitmensch zum Opfer der Gewalt wird? In wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen der alte Mensch als Belastungs- und Kostenfaktor des sozialen und gesellschaftlichen Lebens verstanden wird, erscheint es zunehmend schwer auf die Viktimisierung dieser Bevölkerungsgruppe - also die Probleme die alte Menschen haben und weniger auf die, die sie (anscheinend) verursachen - hinzuweisen.[3] Als ein Problem muss dabei die Gewalt gegen ältere Menschen im Rahmen der häuslichen Pflege angesehen werden.

Auf Grund der bisherigen Außerachtlassung dieses gesellschaftlichen Problems ist das Daten- und Faktenmaterial spärlich und die Dunkelziffer entsprechend hoch[4]. Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen für das internationale öffentliche Gesundheitswesen, deuten darauf hin, dass zwischen 4% und 6% der alten Menschen in ihrem eigenen Zuhause Formen von Misshandlungen und damit Gewalt zu erleiden haben.[5] Überträgt man diese Zahlen auf die etwa 1,54[6]

Millionen Pflegebedürftigen, die derzeit zu Hause gepflegt werden, entspricht dies ca. 60.000 - 90.000 Menschen, die in ihrem Wohnumfeld Übergriffen, Vernachlässigung, Ausbeutung und in Einzelfällen sogar Tötung ausgesetzt sind - Zahlen, die sich durch die demographische Entwicklung zukünftig weiter erhöhen und damit zu einer Verschärfung der Situation beitragen werden.

Diese Arbeit soll sich jedoch weder mit vermeintlichen Schuldzuweisungen beschäftigen, nachdem die Rollen von Opfer und Täter stündlich wechseln können,[7] noch einen Generalverdacht gegenüber Pflegepersonen erheben. Vordergründig sollen im Rahmen dieser Arbeit die Ursachen und die Entwicklung von Gewalt in der häuslichen Pflege dargestellt werden, damit Anzeichen für drohende oder bereits geschehene Gewalthandlungen durch den Pflegeberater erkannt werden können und dieser geeignete Hilfemaßnahmen für Pflegeperson und Pflegebedürftigen einzuleiten vermag.

II. Der Gewaltbegriff

Eine wissenschaftliche Definition von Gewalt ist schwierig. Zum einen handelt es sich bei Gewalt um ein sehr komplexes Phänomen mit vielen subjektiven Facetten, zum anderen wandelt sich die grundlegende Auffassung einer Gesellschaft zur Gewalt im Laufe der Zeit stetig.[8] Im heutigen Sprachgebrauch ist der Begriff Gewalt überwiegend negativ behaftet (vgl. Gewalttat, Gewaltverbrechen, Gewaltverherrlichung oder auch Vergewaltigung) und wird als schädigende Einwirkung auf andere verstanden.

Verschiedene Berufsgruppen sind zu eigenen Definitionen des Gewaltbegriffes gelangt, was zu einem unüberschaubaren Sammelsurium an Gewaltdefinitionen führte.[9] Während zum Beispiel Juristen in strafrechtlichen Angelegenheiten unter dem Begriff Gewalt ausschließlich körperlichen Zwang verstehen,[10] dehnt die WHO, die Definition weiter aus, so dass auch nicht körperliche Schäden des Opfers miteinbezogen werden.[11]

Das internationale Netzwerk für die Prävention von physischer Gewalt gegenüber älteren Menschen (INPEA) strebte im Rahmen der sog. Toronto-Kundmachung 2002 eine weltweit einheitliche Definition für "elder abuse" (dt. Missbrauch von Älteren) an. Nach Auffassung des Autors beschreibt diese Begriffsbestimmung den Gewaltbegriff am treffendsten. Diese lautet wie folgt:

Der Missbrauch älterer Menschen ist eine einzelne oder wiederholte Handlung oder das Unterlassen einer angemessenen Handlung, die in jeder Beziehung vorkommen kann, wo erwartetes Vertrauen einer älteren Person verletzt oder tief enttäuscht wird. Dieser Missbrauch oder diese Misshandlung kann vielerlei Gestalt annehmen: sie kann physischer, psychologisch/emotionaler, sexueller, finanzieller Art sein oder einfach nur eine beabsichtigte oder unbeabsichtigte Vernachlässigung darstellen.[12]

III. Grundformen der Gewalt

3.1 Das Gewaltdreieck nach Galtung

Gewalt mit all seinen Facetten lässt sich am einfachsten anhand des Gewaltdreiecks von Johan Galtung, einem Friedensforscher und Soziologen aus Norwegen, begreiflich machen. Demnach gliedert sich das Phänomen Gewalt in drei Hauptebenen: personelle, strukturelle und kulturelle Gewalt. Die drei Formen der Gewalt sind dabei voneinander abhängig, stützen sich gegenseitig und treten regelmäßig gemeinsam auf. Grundsätzlich kann Gewalt in jeder der Hauptebenen ausbrechen und sich dann auf die anderen übertragen. Wenn allerdings kulturelle Gewalt tief in der Gesellschaft verankert ist und strukturelle Gewalt institutionalisiert wird, erhöht sich die Gefahr, dass sich die personelle Gewalt verfestigt.[13]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Gewaltdreieck nach Galtung

3.2 Personelle Gewalt

Unter personeller oder auch direkter Gewalt versteht man das vorsätzliche destruktive Handeln aber auch Unterlassen durch einen Täter oder eine Tätergruppe. Sie bildet als traditionelle Vorstellung von Gewalt eine Ecke des Gewaltdreiecks. Als konkrete Handlung ist die direkte Gewalt als Ereignis objektiv wahrnehmbar.

Beispiele für direkte Gewalt:

Anschreien, Androhen von Gewalt, Schlagen oder mangelhafte Ernährung/ Flüssigkeitszufuhr

3.3 Strukturelle Gewalt

Im Gegensatz zur direkten Gewalt gibt es bei der indirekten oder auch strukturellen Gewalt keinen Akteur, der die Folgen der Gewalt beabsichtigt.[14] Sie ist nach Galtung die "vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse". Als strukturelle Gewalt kann daher eine Vielzahl an Faktoren verstanden werden, die offene Gewalt erst ermöglichen oder zu deren Legitimation dienen[15]. Bezogen auf die Pflege ist damit also auf die Rahmenbedingungen abzustellen, die den persönlichen Lebensraum einschränken. Gerne wird deshalb in der Fachliteratur in diesem Zusammenhang das Bild des Schreibtischtäters bemüht, also eines "Täters hinter dem Täter". Der Betroffene struktureller Gewalt ist sich oftmals seiner Opferrolle nicht bewusst und ein einzelnes Individuum als Täter nicht auszumachen, nachdem diese Form der Gewalt in ein soziales, gesellschaftliches System eingebettet ist.[16]

Beispiele für strukturelle Gewalt:

Vorgegebene Tagestrukturierung ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse und Gewohnheiten des Pflegebedürftigen, unnötige Einrichtung einer Betreuung, Mangel an Privatsphäre für Pflegeperson und Pflegebedürftigem oder Festlegen eines Taschengeldes für den Pflegebedürftigen

3.4 Kulturelle Gewalt

Als Basis der Gewalt, die strukturelle und personelle Gewalt legitimiert, fungiert die kulturelle Gewalt. Sie ist symbolischer Natur und wirkt sich auf Religion, Ideologie, Sprache und Kunst, aber auch Wissenschaft, Recht, Medizin und Erziehung aus.[17] Kulturelle Gewalt zeigt sich unter anderem an allgemein negativen Vorurteilen gegenüber alten Menschen. Unwörter wie "Rentnerschwemme" oder "sozialverträgliches Frühableben" diskriminieren nicht nur ältere und alte Mitmenschen, sondern beeinflussen auch negativ das Handeln und Denken der Gesellschaft. Problematisch in diesem Zusammenhang ist, dass die Grundhaltung einer Gesellschaft nur schwerlich verändert werden kann. Aus diesem Grund stellt die kulturelle Gewalt einen invarianten, also unveränderlichen und grundsätzlich dauerhaften Faktor dar.

Beispiele für kulturelle Gewalt:

Akzeptanz von Gewalt, Vorurteile gegen das Alter, „Pflegepflicht" für Frauen oder starre Beziehungsmuster zwischen den Generationen

[...]


[1] Jean-Paul Sartre, französischer Schriftsteller und Philosoph

[2] Professor Dr. Dr. Michael Bock, Gutachten zum sog. Gewaltschutzgesetz

[3] Marc Coester, Bestandsaufnahme und Ergebnisse des Workshops, S. 32

[4] Rolf Dieter Hirsch, Gewalt gegen alte Menschen, S. 1

[5] Weltgesundheitsorganisation Europa, Weltbericht Gewalt und Gesundheit, S. 22

[6] Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik 2007, S. 4

[7] Ulrike Hempel, ärzteblatt.de, Häusliche Gewalt erkennen und verhindern: "Pflege heißt Krise"

[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Gewalt

[9] Rolf Dieter Hirsch, Gewalt in der Pflege, S. 3

[10] Urteil des Bundesverfassungsgericht vom 10.01.1995, AZ AZ 1 BvR 718/89

[11] Weltgesundheitsorganisation Europa, Weltbericht Gewalt und Gesundheit, S. 6

[12] http://www.inpea.net/images/TorontoDeclaration_English.pdf

[13] http://www.whywar.at/gewalt_dreieck

[14] Johan Galtung, Frieden mit friedlichen Mitteln, S. 17

[15] R.D. Hirsch, Gewalt in der Pflege, S. 10

[16] Carolin Weber, Soziologische Gewaltdefinitionen und -begriffe, S. 4

[17] Johan Galtung, Frieden mit friedlichen Mitteln, S. 18

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Pflegeberater und Gewalt in der häuslichen Pflege
Untertitel
Sehen. Erkennen. Handeln
Hochschule
Hochschule Deggendorf  (Fachhochschule Deggendorf in Kooperation mit dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung in Bayern)
Veranstaltung
Pflegeberater Weiterbildung
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
25
Katalognummer
V148445
ISBN (eBook)
9783640588442
ISBN (Buch)
9783640588275
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ausgezeichnet als herausragende Arbeit
Schlagworte
Gewalt, Pflege, häuslicher Bereich, Prävention, Handlungsmöglichkeiten, Gewaltdreieck, Entstehung von Gewalt, Der Gewaltbegriff, Personelle Gewalt, Strukturelle Gewalt, Kulturelle Gewalt, Theorien zur Entwicklung von Gewalt, Pflegestress, Intergenerative Gewalt, Geschlechtsspezifische Gewalt, Risikoquellen für Gewalt, Risikofaktoren für Gewalt, Assessment, Intervention, Pflegeberater, Galtung, Hirsch, MDK Bayern
Arbeit zitieren
Dipl. Verwaltungswirt Robert Hirsch (Autor), 2009, Der Pflegeberater und Gewalt in der häuslichen Pflege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148445

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