Das auf den 30. März 317 aus Rom datierte Constitutum Constantini ist ein Paradigma der mittelalterlichen Urkundenfälschung aus dem Grunde, da es demonstriert, um ein wie vieles größer der historische Einfluss eines Falsifikates gegenüber einem echten Diplom sein kann. Diese Schenkung Kaiser Konstantins, der dem Christentum zu Akzeptanz und Etablierung im Römischen Reich verholfen hatte, übertrug dem Papsttum den Primat über alle Kirchen, imperialen Rechte und Besitztitel sowie die Territorialdonation, die den Kirchenstaat begründete. Aufgrund dieser weitreichenden Privilegierung wurde das Constitutum Constantini „‚Bestandteil des mittelalterlichen Weltbildes‘“.
In der vorliegenden Arbeit soll nun dieses Zeugnis der Falsifikationen des Mittelalters in Bezug auf seine Entstehung, seine inhaltliche Konzeption, die Wirkungsgeschichte und die humanistische Echtheitskritik analysiert werden.
Zunächst wird in einem propädeutischen Teil die Thematik der Urkundenfälschung aufgezeigt, wobei anfangs der Terminus an sich definiert werden soll, um danach eine knappe Typologie gefälschter Diplome zu geben. Anschließend sollen einige Motive der Falsifikatoren zur Herstellung der unechten Rechtsdokumente inklusive einer Reflexion über den Wahrheitsbegriff im Mittelalter vorgestellt werden. Den letzten Part der Propädeutik bildet ein Überblick über die moderne Methodik der Urkundenkritik.
Nachdem summarisch die Überlieferungstypen des Constitutum Constantini dargestellt wurden, wird den Forschungskontroversen vor allem um die Entstehungszeit breiter Raum gewidmet werden, wobei zum einen ein allgemeines Resümee über die diversen Hypothesen gegeben werden soll – mit der temporalen und kontextuellen Genese haben sich zuletzt unter anderem Fuhrmann, Gericke, Hehl, Ohnsorge beschäftigt –, und zum anderen wird die Schichtentheorie Gerickes und die anschließende Diskussion zwischen ihm und Fuhrmann aufgezeigt werden. Im Punkt fünf soll der Inhalt der Schenkungsurkunde, der sich in die Confessio und in die Donatio gliedert, thematisiert werden, um nachfolgend die Wirkungsgeschichte, die erst explizit in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts einsetzte, analysieren zu können. Die Echtheitskritik am Constitutum Constantini wird im siebten Abschnitt Gegenstand der Untersuchung bezüglich der Ungläubigkeit an der Authentizität im Mittelalter und des formalen Nachweises der Falschheit der Urkunde durch Nikolaus von Kues und Lorenzo Valla sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Propädeutischer Teil zur Urkundenfälschung im Mittelalter
2.1. Begriffsdefinition
2.2. Typologie gefälschter Diplome
2.3. Motive zur Herstellung von Falsifikaten
2.4. Urkundenkritik
3. Zur Überlieferungsbasis des Constitutum Constantini
4. Entstehungsort und -zeit der Fälschung
4.1. Überblick der Forschungsthesen
4.2. Das Etappen-Genese-Modell
4.2.1. WOLFGANG GERICKES Vier-Stufen-These
4.2.2. Widerspruch HORST FUHRMANNS und die weitere Diskussion
5. Inhalt der Urkunde
5.1. Confessio
5.2. Donatio – die Rechtsbestimmungen des Constitutum Constantini
6. Wirkungsgeschichte und Interpretation des Falsifikates
7. Echtheitskritik
7.1. Zweifel an der Authentizität im Mittelalter
7.2. Der formale Fälschungsnachweis durch die Humanisten Nikolaus von Kues und Lorenzo Valla
8. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Konstantinische Schenkung (Constitutum Constantini) als ein zentrales Paradigma mittelalterlicher Urkundenfälschung und untersucht dabei ihre Entstehungsgeschichte, den Inhalt, ihre weitreichende politische Wirkungsgeschichte sowie die spätere humanistische Echtheitskritik.
- Grundlagen der Urkundenfälschung im Mittelalter
- Forschungskontroversen zur Entstehungszeit der Konstantinischen Schenkung
- Analyse des inhaltlichen Aufbaus in Confessio und Donatio
- Wirkung auf das mittelalterliche Papsttum und dessen Machtansprüche
- Humanistische Fälschungsnachweise durch Nikolaus von Kues und Lorenzo Valla
Auszug aus dem Buch
2.3. Motive zur Herstellung von Falsifikaten
Die Forschung hat diverse Motive bezüglich der mittelalterlichen Fälschungsaktivität, die die zeitgenössische Mentalität reflektieren, dargelegt. Entscheidend ist aber unter anderem die Auffassung, dass ein Recht im Mittelalter durch die ihm inhärente Gerechtigkeit Validität erlangte, anstatt durch den formalen Akt der Einsetzung, da Recht und Gerechtigkeit im Mittelalter eine Einheit bildeten. Dabei wurde die Berechtigung zur Anfertigung einer Fälschung subjektiv empfunden, wohingegen die Wahrheitsliebe schwach ausgebildet war. Mittels Fälschungen versuchte man die Wiederherstellung des Zustandes früherer Gerechtigkeit zu erreichen, um zur rechten, gottgewollten Ordnung zurückzukehren. Prägend war hierbei, dass altes Recht als gutes Recht betrachtet wurde und zudem eine höhere Qualität besaß, wodurch es jüngeres Recht brach. Hinzu kam das Streben nach der Suche und Realisierung von Vollkommenheit in der Vergangenheit.
Wichtig ist dabei zu konstatieren, dass der Wahrheitsbegriff des Mittelalters indifferent zu dessen moderner Auffassung ist. Daher war man der Meinung, das Recht für einen real existierenden Zustand mit einer falschen Urkunde statuieren zu können. Der Falsifikator war in diesem Fall überzeugt, auch objektiv richtig zu handeln, denn es stellte keinen Widerspruch dar, wenn eine Fälschung den tatsächlichen Verhältnissen entsprach. Gemäß FUHRMANN war der Wahrheitsbegriff an der von der Bibel her stammenden „göttlichen, idealen, systematischen und objektiven Ordnung“ orientiert. Die Wahrhaftigkeit einer Urkunde hing somit nicht von ihrer Echtheit ab, sondern von ihrem Beitrag zur immanenten Realisierung dieses transzendenten Konzeptes. Die Aufgabe der mittelalterlichen Falsifikatoren war daher, mittels falscher Diplome „die faktische Realität an diese ideale Ordnung anzupassen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der Konstantinischen Schenkung als bedeutendes Falsifikat ein und umreißt die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2. Propädeutischer Teil zur Urkundenfälschung im Mittelalter: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Urkundenfälschung, klassifiziert verschiedene Typen von Falsifikaten und erläutert die Beweggründe sowie die mittelalterliche Urkundenkritik.
3. Zur Überlieferungsbasis des Constitutum Constantini: Hier wird die textliche Verbreitung der Urkunde, insbesondere in den pseudoisidorischen Dekretalen und weiteren Versionen, analysiert.
4. Entstehungsort und -zeit der Fälschung: Dieses Kapitel widmet sich den zahlreichen Forschungsthesen zur Datierung und Herkunft, wobei das Etappen-Genese-Modell nach Wolfgang Gericke und die Gegenargumentation von Horst Fuhrmann im Mittelpunkt stehen.
5. Inhalt der Urkunde: Der Inhalt der Schenkungsurkunde wird in seine zwei wesentlichen Bestandteile, die Confessio (die legendarische Begründung) und die Donatio (die konkreten Rechtsbestimmungen), untergliedert.
6. Wirkungsgeschichte und Interpretation des Falsifikates: Das Kapitel beleuchtet, wie die Urkunde von päpstlichen Juristen als Instrument für den Machtanspruch und die Translatio Imperii genutzt wurde.
7. Echtheitskritik: Diese Sektion untersucht, wie man im Mittelalter mit dem Falsifikat umging und wie es schließlich durch die Humanisten Nikolaus von Kues und Lorenzo Valla formal als unecht entlarvt wurde.
8. Zusammenfassung: Abschließend werden die zentralen Erkenntnisse über die Entstehung, Funktion und die humanistische Entlarvung der Konstantinischen Schenkung rekapituliert.
Schlüsselwörter
Konstantinische Schenkung, Constitutum Constantini, Urkundenfälschung, Mittelalter, Papsttum, Donatio, Confessio, Translatio Imperii, Echtheitskritik, Lorenzo Valla, Nikolaus von Kues, Rechtsgeschichte, Kirchenstaat, Diplom, Quellenkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Konstantinischen Schenkung, einem der berühmtesten Falsifikate des Mittelalters, und dessen historischer Bedeutung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Typologie der Urkundenfälschung, die Forschungsgeschichte zur Entstehung des Textes, sein politischer Einfluss auf das Papsttum sowie die spätere wissenschaftliche Widerlegung seiner Echtheit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Analyse der Konstantinischen Schenkung hinsichtlich ihrer Entstehung, ihres Inhalts, ihrer langjährigen Wirkungsgeschichte und der schließlich erfolgten humanistischen Kritik.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer quellen- und forschungskritischen Methode, bei der verschiedene wissenschaftliche Thesen zur Genese und Interpretation der Schenkungsurkunde gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt neben theoretischen Grundlagen der Urkundenfälschung vor allem die detaillierte Debatte um die Entstehungszeit, den inhaltlichen Aufbau der Urkunde und die Rolle der Humanisten bei der Entlarvung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Konstantinische Schenkung, Urkundenfälschung, päpstliche Machtansprüche, Translatio Imperii und Humanismus charakterisiert.
Warum spielt der "Stratordienst" eine besondere Rolle für die Interpretation?
Der Stratordienst wird in der Urkunde als Zeichen der Unterordnung des Kaisers unter den Papst dargestellt, was von der Kurie als Beleg für die Lehnsabhängigkeit des Kaisers vom Papst interpretiert wurde.
Warum konnte das Falsifikat über Jahrhunderte hinweg als "echt" oder zumindest "wirksam" gelten?
Im Mittelalter stand oft nicht die philologische Echtheit im Vordergrund, sondern die Frage, ob die Urkunde eine gottgewollte Ordnung widerspiegelt. Zudem war die Kirche als Institution eine mächtige Akteurin, die das Dokument zur Legitimierung ihrer Macht nutzte.
Was unterscheidet den Ansatz von Nikolaus von Kues von dem des Lorenzo Valla?
Während beide die formale Unechtheit nachwiesen, zog Lorenzo Valla daraus konsequent die Forderung nach einem Verzicht auf die aus der Fälschung resultierenden Machtansprüche, während Nikolaus von Kues trotz der Erkenntnis an der geistlichen Autorität der Kirche festhielt.
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- Anja Großmann (Author), 2007, Das Constitutum Constantini als ein Paradigma mittelalterlicher Urkundenfälschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148458