Die Deutschlandpolitik Stalins 1945-1953


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
23 Seiten, Note: Sehr Gut

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Hintergrund

3. Hauptteil
3.1 Chronologie des Historikerstreits um die Stalin-Noten
3.2 Wilfried Loth
3.3 Hermann Graml
3.4 Gerhard Wettig

4. Fazit

5. Bibliographie

1. Einleitung

Die Teilung des deutschen Volkes gilt als eine der grössten Tragödien des 20. Jahrhunderts. Die diplomatischen Noten vom 10. März und vom 9. April 1952, in denen Stalin dem Westen ein vereinigtes aber blockfreies Deutschland vorschlug, wären möglicherweise eine einzigartige Chance gewesen, diese Teilung zu verhindern. Die Frage wird seit den 50er- Jahren vehement debattiert. Selbst nach der Öffnung der ostdeutschen und der sowjetischen Archive nach 1989 konnte die Debatte noch nicht endgültig entschieden werden. Zwar gehen die meisten Historiker heute davon aus, dass die Noten nur ein Propagandamanöver waren. Doch auch die Anhänger der These, dass die Noten ernstgemeint waren, glauben die Beweise für ihre Ansichten gefunden zu haben.

Diese Proseminararbeit soll die Kontroverse über die sowjetische Deutschlandpolitik nach dem II. Weltkrieg, insbesondere über die Stalin-Noten aufzeichnen. Dabei möchte ich zwei Forschungsfragen beantworten. Einerseits ob die Stalin-Noten ein ernstzunehmendes Angebot waren und falls dies nicht zutrifft, ob die Sowjetunion möglicherweise zu einem früheren Zeitpunkt bereitgewesen wäre, die deutsche Einheit zuzulassen.

Schwerpunktmässig werde ich mich mit der aktuellsten Debatte nach Beendigung des Kalten Krieges befassen, insbesondere mit den Thesen von Wilfried Loth, Gerhard Wettig und Hermann Graml, sowie mit meiner eigenen These, die eine Synthese zwischen Loth und Wettig darstellt. Zeitlich werde ich mich auf die Jahre 1945-1953 beschränken, die Zeit vom Kriegsende bis zu Stalins Tod. Auf die Bemühungen Berias, die Verhandlungen fortzuführen, werde ich nicht eingehen.

Wilfried Loth ist zurzeit der vehementeste Verteidiger der Ernsthaftigkeit der Stalin-Noten. Er ist überzeugt, dass Stalin ein auch nach westlichen Massstäben demokratisches Deutschland wollte. Hermann Graml hingegen hält die Noten für ein Propagandamanöver. Eine ähnliche Ansicht vertritt auch Wettig. Er glaubt aber, dass Stalin in den ersten Jahren nach dem Krieg durchaus auf das Ziel eines vereinigten Deutschlands hinarbeitete, allerdings schwebte Stalin dabei ein vollständig kommunistischer Staat vor.

Für mich persönlich sind sowohl die Argumente Loths als auch die Wettigs einleuchtend. Ich tendiere zu einer Mitteposition zwischen den beiden. Wettig hat wohl recht, wenn er die Noten für ein Propaganda- und Ablenkungsmanöver hält. Die BRD stand zum Zeitpunkt des Notenaustausches kurz vor Abschluss des Vertrages zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Meiner Ansicht nach ist es aber durchaus denkbar, dass die Sowjetunion zu einem früheren Zeitpunkt unter bestimmten Umständen bereit gewesen wäre, die DDR preiszugeben. Im Gegensatz zu Wettig halte ich es für möglich, dass Stalin auch ein demokratisches Deutschland akzeptiert hätte. Hinweise dazu sehe ich im Umstand, dass es in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bis 1948 sowohl innerhalb wie auch ausserhalb der Partei ein für kommunistische Verhältnisse beträchtliches Mass an Demokratie gab. Diese These möchte ich in meiner Proseminararbeit genauer erforschen.

Die Arbeit wird den folgenden Aufbau vorweisen. Nachdem ich den historischen Kontext des Themas erläutere, stelle ich die Geschichte der Debatte um die Noten vor. Anschliessend präsentiere ich die Thesen von Graml, Loth, und Wettig. Abschliessen werde ich diese Proseminararbeit mit meiner eigenen These, welche sowohl Argumente Loths als auch Wettigs aufgreift.

Mehrmals wird in dieser Arbeit von Dokumenten die Rede sein, die ich aus Platzgründen leider nicht beifügen kann. Dabei handelt es sich einerseits um die Note vom 10. März 1952. Des weiteren handelt es sich um 15 interne Dokumente des sowjetischen Aussenministeriums aus der Zeitspanne von 1951-1952, welche zumeist von Michail G. Gribanow verfasst wurden. Jürgen Zarusky veröffentlichte die Dokumente im Jahre 2002, versehen mit Kommentaren von Graml, Loth und Wettig.[1] Ebenfalls für das Verständnis dieser Arbeit wichtig sind die Protokolle der Treffen Stalins mit der SED-Führung am 1. und 7. April 1952.

Diese wurden im Jahre 2006 ebenfalls von Zarusky veröffentlicht.[2]

2. Geschichtlicher Hintergrund

Über die Frage, ob die Sowjetunion schon während des Krieges die Teilung Deutschlands anstrebte oder ein neutrales demilitarisiertes Deutschland bevorzugte, herrscht in Historikerkreisen Uneinigkeit. Fest steht, dass Stalin in Deutschland in erster Linie eine Bedrohung für die Sowjetunion sah und das Land so weit wie möglich schwächen wollte. Zudem wollte er einen Zugang zu den Rohstoffen des Ruhrgebiets.

Vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 trafen sich die drei Siegermächte Grossbritannien, USA und Sowjetunion in Potsdam, um im Anschluss an die Konferenzen von Teheran und Jalta die zukünftige Ordnung Europas zu besprechen. Dabei wurde beschlossen, Deutschland in vier Zonen aufzuteilen, je eine unter der Kontrolle Frankreichs, Grossbritanniens, der USA und der Sowjetunion. Die Hauptleitlinien, nach der sie sich richteten, wurden als die Fünf D’s bekannt:

- Demontage (Abbau militärischer Industrien).
- Demilitarisierung (Völlige Entwaffnung, inkl. Polizeikräfte und Privathaushalte).
- Denazifizierung (Entfernung ehemaliger Nationalsozialisten aus wichtigen gesellschaftlichen Positionen und Strafverfolgung von Kriegsverbrechern).
- Demokratisierung (Freie Wahlen).
- Dezentralisierung (Förderung des Föderalismus).

Die Teilung Deutschlands sollte ursprünglich nur eine vorübergehende administrative Massnahme sein bis zur Umsetzung der fünf Punkte. Aus dem Potsdamer Protokoll geht deutlich hervor, dass das Fortbestehen Deutschlands als ganzes beabsichtigt war. Weshalb der Versuch eines einheitlichen Deutschlands nach Potsdamer Richtlinien schliesslich scheiterte, ist umstritten. In Potsdam wurde zudem die Aushandlung eines Friedensvertrags mit Deutschland beschlossen. Dieser sollte u.a. die umstrittene deutsch-polnische Grenze endgültig regeln. Auch die Reparationsfrage wurde besprochen. Jede Besatzungsmacht konnte aus ihrer Zone nach Gutdünken Reparationen entnehmen.

Die sowjetische Zone wurde als SBZ (Sowjetische Besatzungszone bezeichnet). Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) hielt die politische Entwicklung ihrer Zone fest in ihrer Hand. Die SMAD steuerte das ganze gesellschaftliche und politische Leben und schuf die Bedingungen für eine kommunistische Entwicklung nach sowjetischem Modell. Primäres Ziel war allerdings nicht der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft, sondern die Entnahme von Reparationsgütern, vor allem in Form von Maschinen. Noch vor Kriegsende kehrten die deutschen Kommunisten um Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck nach Deutschland zurück. Sie übernahmen zahlreiche Schlüsselstellen in der Verwaltung. Im Juni 1945 wurde ein pluralistisches Parteiensystem zugelassen. Die SMAD privilegierte jedoch die KPD und strebte ihre Vormachtstellung in der SBZ an. Die Parteien schlossen sich in einem antifaschistischen Block zusammen. 1946 fusionierten die SPD und die KPD und gründeten die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED). Trotzdem gelang es ihnen in den Wahlen vom Oktober 1946 nicht, die absolute Mehrheit zu erreichen. Erst als 1948 neue kommunistisch dominierte Parteien und Massenorganisationen wie der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund in den Block aufgenommen wurden, konnte die SED ihre Machtübernahme abschliessen.

In der Landwirtschaft wurden Grossgrundbesitzer und ehemalige Nationalsozialisten entschädigungslos enteignet und ihr Land an mittellose Bauern verteilt. Eine Planwirtschaft und Kollektivisierung der Landwirtschaft nach sowjetischem Muster begann jedoch erst in den 50er Jahren.

Am 7. Oktober 1949 wurde die DDR gegründet. Der Staat stiess jedoch nicht auf Akzeptanz bei der Bevölkerung. Noch Anfang der 50er Jahre wurden die Lebensmittel rationiert. Der Lebensstandard war niedriger als im Westen. Tausende verliessen das Land. Als 1953 die Produktionsnormen erhöht wurden, kam es am 17. Juni zu einem Aufstand, der nur mit sowjetischer Unterstützung niedergeschlagen werden konnte.

Am 10. März 1952 richtete Stalin eine diplomatische Note an die Westmächte, in der er Verhandlungen über ein wiedervereinigtes und neutrales Deutschland anbot.[3]

Die wesentlichen Punkte dieser Note waren:

- Deutschland sollte ein einheitlicher, unabhängiger, demokratischer und friedliebender Staat sein. Redefreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit etc. wären gewährleistet.
- Alle Streitkräfte der Besatzungsmächte sollten abgezogen werden.
- Organisationen, die der Demokratie und der Erhaltung des Friedens feindlich gesinnt seien, dürften nicht bestehen.
- Das zukünftige neutrale Deutschland dürfte eine Armee zu Zwecken der Selbstverteidigung haben.
- Alle Nazis, die keine Kriegsverbrechen begangen hatten, erhielten volle Bürgerrechte.

[...]


[1] Zarusky, Jürgen (Hg), Die Stalin-Note vom 10. März 1952. Neue Quellen und Analysen. Mit Beiträgen von Wilfried Loth, Hermann Graml und Gerhard Wettig, München 2002.

[2] Zarusky, Jürgen (Hg), Stalin und die Deutschen. Neue Beiträge der Forschung, München 2006.

[3] Zarusky (Hg), Stalin-Note, S. 197-200.

19 von 23 Seiten

Details

Titel
Die Deutschlandpolitik Stalins 1945-1953
Hochschule
Universität Bern
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V148503
ISBN (Buch)
9783640591510
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutschlandpolitik, Stalins, Sehr
Arbeit zitieren
Gregory Brown (Autor), 2007, Die Deutschlandpolitik Stalins 1945-1953, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148503

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